08.01.1958

NACHLASSDas wandernde Veronal

Erst in diesem Herbst konnte im Hamburger Rowohlt Verlag ein Buch erscheinen, das Verleger Ernst Rowohlt bereits vor nahezu drei Jahrzehnten bestellt hatte: der Roman "Blanche oder Das Atelier im Garten"*. Sein Autor, der jüdische Dramatiker Paul Kornfeld, war 1932 aus Berlin vor den Nationalsozialisten in seine Heimatstadt Prag geflohen und dort sieben Jahre später, nach dem Einmarsch der deutschen Truppen, von der Gestapo verhaftet worden. 1942 starb er, 53jährig, im Vernichtungslager Lodz.
Paul Kornfeld galt während des ersten Weltkrieges und in den zwanziger Jahren als einer der bedeutendsten Vertreter des sogenannten expressionistischen Theaters. Seine Seelendramen und seine psychologischen Charakterkomödien ("Kilian oder Die gelbe Rose", "Palme oder Der Gekränkte") wurden auf vielen deutschen Bühnen gespielt. Das Ansehen, das der Expressionist Kornfeld bei Theaterleuten und Kritikern genoß, übertrug sich allerdings nicht auf das Publikum: Kornfelds Stücke blieben nie lange auf den Spielplänen und haben dem Autor auch keine nennenswerten Einkünfte verschafft.
Die finanzielle Misere, in der sich Kornfeld zumeist befand, war auch der Grund dafür, daß sein Verleger Rowohlt ihn eines Tages ermunterte, es doch einmal mit einem Roman zu versuchen. Kornfeld willigte nach anfänglichem Zögern ein und kassierte den ersten Vorschuß.
Auch nach seiner Flucht aus Berlin nahm Kornfeld in Prag noch weitere Vorschüsse in Empfang und berichtete seinem Verleger brieflich über das Fortschreiten des Romans. Das Manuskript oder Teile davon bekam Rowohlt allerdings nicht zu Gesicht; er wußte, als Kornfeld verhaftet wurde, auch nicht, ob der Roman überhaupt abgeschlossen war.
Erst zwölf Jahre nach Kriegsende, als Verleger Rowohlt das Projekt längst abgeschrieben hatte, erhielt er eine Nachricht über den Verbleib des Kornfeld-Romans. Der Mann der Schwester Kornfelds schrieb aus London, seine Tochter habe Prag nach dem Kriege verlassen und eine Kopie des Roman-Manuskripts durch den Eisernen Vorhang nach London gebracht. Der Schwager Kornfelds fragte an, ob man in Hamburg noch Interesse habe. Verleger Rowohlt ließ sich das Manuskript sofort schicken. Noch bevor er es zu Ende gelesen hatte, war er entschlossen, es in seine Verlagsproduktion aufzunehmen: Vor wenigen Wochen wurde "Blanche oder Das Atelier im Garten" an die Buchhandlungen ausgeliefert.
Kornfelds Buch, das Kritiker westdeutscher Zeitungen bald nach seinem Erscheinen als eine "literarische Sensation" und einen "bedeutenden epischen Wurf" feierten, ist nun nicht das, was man sich gemeinhin unter einem Roman vorstellt sondern vielmehr eine breit angelegte, weitschweifende Gesellschaftschronik der zwanziger Jahre. Allerdings kommt die Gesellschaft jener Zeit, die durch Manager, skurrile Intellektuelle und lebensmüde Frauen repräsentiert wird, bei Kornfeld recht schlecht weg.
Der umfängliche Personenkreis, der sich um die Heldin Blanche gruppiert, um eine dilettierende Malerin aus guter Familie, wird im Roman nur lose zusammengehalten: Verbindendes Element ist eine Anzahl Veronaltabletten, die einer dem anderen entwendet, um damit Selbstmord zu begehen. "Das Gift war ausgebrochen", schreibt Autor Kornfeld.
Die Veronaltabletten, die ein Arzt verloren hat, gelangen nacheinander in die Hände von Frauen, deren mehr oder minder ernstgemeinte Selbstmordversuche allerdings mißglücken. Schließlich bekommt die Malerin Blanche Riedinger das Gift: Ein Mädchen von riesenhaftem Wuchs, das nicht weniger lebensschwach, todessüchtig und empfindlich ist als die anderen Frauen des Romans.
Kornfeld beschreibt seine Heldin Blanche, indem er Empfindungen eines Herrn Schröder notiert, den Blanche irrtümlich für ihren künftigen Hauswirt hält: "Nach wenigen Minuten war Herr Schröder sich bewußt, daß er für diese Frau niemals irgendein Interesse würde aufbringen können. Er fand sie nicht häßlich, aber es mißfielen ihm ihre ein wenig vorstehenden Augäpfel und ihre Haare, deren Farbe eine bleiche Mischung aus einem fahlen Blond und einem sehr hellen Rostrot war. Er bevorzugte die herzigen Frauen, er liebte die neckische Liebe und setzte die Mädchen gern auf seinen Schoß. An diesem Fräulein Riedinger aber war alles recht schwer, alles solid und stark ...
"Innerhalb eines Geschlechts von Menschen, die im Durchschnitt nur um wenige Zentimeter größer wären und, diesen anderen Maßen entsprechend, kräftiger gebaut, hätte man sie nicht nur wegen ihrer Zierlichkeit bewundert, sondern auch wegen der vollendeten Proportionen ihres Körpers und des vollkommenen Zusammenklanges ihrer Glieder; wie die Größenverhältnisse auf der Erde aber nun einmal sind, und wie der Modegeschmack dieser Jahre nun einmal war, erschien alles an ihr zu massiv, ihr Gang zu schwer, ihre Glieder ungelenk, ihre Bewegungen manchmal ein wenig unbeholfen und ungeschickt."
Blanche Riedinger ist eine Romantikerin. Da sie kein passendes Atelier finden konnte, hat sie sich in ein baufälliges Kutscherhäuschen eingemietet und dort ein elegant eingerichtetes Asyl geschaffen, in dem sie ihren Träumen nachhängt und Bilder malt, die nie fertig werden.
Blanche ist - wie viele andere Personen des Romans - nicht tüchtig genug, um sich im Alltag zu behaupten. Sie sucht Schutz vor der Welt bei einem ausgedachten Geliebten und schreibt der Schattengestalt lange, leidenschaftliche Briefe, um in der unwirklich gewordenen Realität ihres Lebens neue Wirklichkeit zu beschwören: "Es sind nur die Einsamen, die alles von der Liebe wissen."
Als dann die Wirklichkeit bei Blanche einbricht und der Besitzer des Häuschens sie aus ihrem Atelier im Garten vertreiben will, fühlt sie sich außerstande, diese rauhen Tatsachen zu akzeptieren. Ihr gelingt, was den anderen Frauen - mit mehr oder weniger Absicht - mißriet: Sie tötet sich mit den Veronaltabletten. Autor Kornfeld läßt durchblicken, daß sie damit von ihren Gefährten noch das beste Los erwählt habe. Den Überlebenden bleibt, seiner Auffassung nach, nur ein Dasein, mit dem sie nichts anfangen können.
Der expressionistische Dramatiker Kornfeld ist dem Stil seiner Schauspiele in seinem Roman insofern treu geblieben, als er auf eine einheitliche Handlung verzichtet und statt dessen vor allem Seelenporträts zeichnet. Seine Personen und deren Umwelt beschreibt er allerdings mit realistischer Exaktheit: Einen großen Kreis von scheinbar biederen Zeitgenossen, die dem Phantom einer Lebenserfüllung nachjagen, das sie nicht genauer kennen und auch gar nicht genauer kennen wollen.
So entsteht das ziemlich bedrückende Bild einer mißratenen Welt, die nur zufällig das Kostüm der zwanziger Jahre trägt. Denn Kornfelds Thema ist zeitlos: Es geht ihm um die Sehnsucht der Leute, ihrem Leben so etwas wie einen Sinn zu geben, und um ihre Unfähigkeit, es zu tun. Wo es einer geschafft zu haben glaubt, erweist sich das Resultat als ein gefährlicher Irrtum.
"Nichts", so resümierte die "Frankfurter Allgemeine", "weder Thema noch Stil, deutet darauf hin, daß dieses Buch nicht heute geschrieben wurde. Es ist im weitesten Sinne modern, also nicht modern, wie der Expressionismus einmal eine Weile modern war, nicht repräsentativ für ein Jahrzehnt, sondern für Erfahrungen, Erlebnisweisen und Ausdruckstendenzen, die zu unserem Jahrhundert gehören."
* Paul Kornfeld: "Blanche oder Das Atelier im Garten"; Rowohlt Verlag, Hamburg; 639 Seiten; 16,80 Mark
Autor Kornfeld
Bild einer mißratenen Welt

DER SPIEGEL 2/1958
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