15.01.1958

ISRAEL / RELIGIONDer Knabe im Weizenfeld

Der kleine Aharon Steinberg war der Sohn eines Juden und einer Christin, die in Pardess Chanah, einer Einwanderersiedlung nahe der israelischen Hauptstadt Tel Aviv, eine neue, von rassischer und religiöser Diskriminierung verschonte Heimat zu finden hofften. Es zeigte sich jedoch, daß auch in dem am meisten geschundenen Volk der Weltgeschichte die Toleranz ein Ideal bleibt, das nur sehr schwer zu verwirklichen ist.
Als der fünfjährige Aharon im vergangenen Monat starb, weigerte sich der Ortsrabbiner, den Leichnam des Jungen in geweihter Erde zu bestatten. Er gebot, daß Aharon nur "in einer beträchtlichen Entfernung" von den Gräbern ruhen dürfe.
Der Priester von Pardess Chanah rechtfertigte seine Weisung mit der Thora, dem uralten Gesetz des Moses. Der Thora zufolge war der Junge das Produkt einer "Mischehe". Söhne nichtjüdischer Mütter gelten danach als Nichtjuden, sie werden der mütterlichen Religion zugerechnet, zumal wenn sie, wie der kleine Aharon, nicht beschnitten worden sind. So geschah es, daß der Knabe in einem dem Friedhof benachbarten Weizenfeld begraben wurde.
Der Spruch des Rabbiners und die postmortale Verstoßung des kleinen Aharon Steinberg blieben in dem neuen Staat der Juden nicht unangefochten. Fast einhellig erhob die Presse Protest. In der Knesset, dem israelischen Parlament, kam es zu erregten Auseinandersetzungen zwischen den Freisinnigen und Orthodoxen.
Niemand erwartet, 'daß der Streit bald wieder verebben wird; denn der Fall Steinberg hat so deutlich wie bisher kein ähnlicher Vorfall den inneren Widerspruch des Staates Israel aufgezeigt: den tiefen Gegensatz zwischen orthodoxer Priesterherrschaft und den Prinzipien eines aufgeklärten demokratischen Staatswesens. Bis heute hat Israel keine Verfassung und wird in absehbarer Zeit keine besitzen, weil seine Bürger sich nicht einigen können, welche Grundsätze in ihrem Land gelten sollen.
Logik und Realität des 20. Jahrhunderts scheinen einen weltlichen Nationalstaat zu verlangen, zu dem sich die westlich geprägten, liberalen Juden auch bekennen. Doch es waren nicht die Thesen von Freiheit und Gleichheit, die das jüdische Volk über die Jahrhunderte der Verstreuung hinweg zusammengehalten haben, sondern die Gebote seiner großen und strengen Religion: Das ist der profunde, auch für die Liberalen schwer zu leugnende Grund für die Forderung der rechtgläubigen, meist orientalischen Juden, den neuen Staat wie seinen alttestamentlichen Vorgänger als reine mosaische Theokratie dem unverfälschten Gottesrecht zu unterwerfen.
Ein alter Kompromiß, aus der Diaspora überkommen, sollte die Kluft im israelischen Volk notdürftig überbrücken. So führt der Staat Israel seine Geschäfte weltlich-demokratisch. Alle Fragen des Familienrechts jedoch, alle Probleme, die mit Geburt und Tod, Eheschließung und Ehescheidung eines jeden israelischen Bürgers zusammenhängen, fallen unter die letztinstanzliche Befugnis des Rabbinats.
Kein Jude in Israel kann heute eine Nichtjüdin heiraten. Kein Jude namens Cohen oder Cohn darf eine Witwe heiraten, und sei sie jüdisch und noch so tugendhaft. Die Rabbiner würden sich weigern, ein solches Paar zu trauen, denn nach der alten Lehre gelten alle Cohens und Cohns als "Kohanim", als Abkömmlinge des priesterlichen Klans des Moses-Bruders Aaron. Um ihrer Reinerhaltung willen verbietet das biblische Gesetz ihnen, Witwen oder gar geschiedene Frauen zu heiraten.
Droht ein "Kulturkampf"?
Noch ärger sind kinderlose Witwen benachteiligt. Das fünfte Buch des mosaischen Pentateuch fordert von dem überlebenden und unverheirateten Bruder eines kinderlos verstorbenen Ehemannes, daß er seine Schwägerin heirate, um dem Toten einen Erben seines Namens zu sichern. Nur wenn der Bruder sie verschmäht und ausdrücklich freigibt, darf die Witwe einen anderen Mann nehmen. Israels Rabbiner erlauben keiner Witwe die Ehe, solange sie nicht die Verzichterklärung überlebender Brüder vorweisen kann.
Nicht minder streng werden die Regeln der Religionszugehörigkeit gehandhabt. Ihnen ist der kleine Aharon Steinberg zum Opfer gefallen, und sie machen die zahlreichen Einwanderer, die in Europa Mischehen geschlossen haben, oft zu Verfemten. Die Rabbinate bestehen darauf, daß die Kinder aus Mischehen, die sie ihrer Religionsgemeinschaft zurechnen, auch ausnahmlos beschnitten werden. Seit dem Mai 1957 sind ungefähr 750 Kinder von Einwanderern dem Ritus unterzogen worden.
Bisher haben die Freisinnigen unter den Israelis dem Vordringen der Rechtgläubigkeit nur hinhaltenden Widerstand geleistet.
Zum anderen will kein Israeli zum gegenwärtigen Zeitpunkt einen "Kulturkampf" provozieren, wie ihn die westlichen Völker und das Christentum beim Übergang von der mittelalterlichen Religiosität zur aufgeklärten Weltlichkeit durchmachen mußten. So wie das Getto in Europa eine Reformation des jüdischen Glaubens verhinderte, scheint jetzt die Umklammerung der Araber die Reformation zu vereiteln.
Der Fall Aharon Steinberg hat in Israel erregte Diskussionen ausgelöst. Als ein rechtgläubiger Abgeordneter, der die rabbinische Weigerung unterstützte, das Kind einer christlichen Mutter auf einem jüdischen Friedhof zu bestatten, im Parlament erklärte, es sei notwendig, "die Reinheit der Rasse zu bewahren", gab es einen wilden und spontanen Protestschrei in allen nichtorthodoxen Kreisen und viel Beschämung bei den Orthodoxen. Dieser Knesset-Verfechter rassischer Reinheit hat seine Bemerkungen mittlerweile allerdings zurücknehmen und behaupten müssen, er habe lediglich die "Reinheit der Familie" gemeint.

DER SPIEGEL 3/1958
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