29.01.1958

BUNKERMENSCHEN

Die Legende von Babie DoIy

In den Ateliers von Hamburg-Wandsbek begann der aus Hollywood zurückgekehrte Regisseur Frank Wisbar ("Haie und kleine Fische") in der vorletzten Woche die Dreharbeiten zu einem Film, der in neuer Sicht eine der mysteriösesten Geschichten des zweiten Weltkrieges erzählen soll: die Geschichte der Bunkermenschen von Gdingen. Sie beschäftigte vor sieben Jahren deutsche Zeitungsleser und diente auch bald darauf Autoren verschiedensten Ranges als Vorlage für Tatsachenberichte, Balladen, Novellen und Bühnenstücke.

Am 13. Juni 1951 hatte die amerikanische Nachrichtenagentur "Associated Press" (AP) aus Warschau gemeldet: "Vor den Augen polnischer Arbeiter sind aus einem zertrümmerten Bunker in Gdingen zwei Männer aufgetaucht, die aus einer anderen Welt zu kommen schienen." AP berichtete, daß die deutschen Truppen vor der Räumung der Stadt im Jahre 1945 ein Lager in der Nähe des mit Lebensmitteln. Wein, Spirituosen und anderen Dingen gefüllten Vorratsbunkers gesprengt hätten. "Dabei hatten Trümmer den Eingang zum Bunker versperrt und hatten sechs Soldaten, die sich gerade einiges 'organisieren' wollten, eingeschlossen." Zwei der Männer hätten Selbstmord verübt, zwei seien während der langen Bunker-Gefangenschaft krank geworden und gestorben. Einer der beiden Überlebenden, die sich jahrelang von den Vorräten des Bunkers ernährten, sei kurz nach der Befreiung tot zusammengebrochen, der letzte Bunkermensch werde zur Zeit in einem Danziger Krankenhaus behandelt.

In Deutschland wie in anderen Ländern malten besonders die Familien- und Boulevardzeitungen das Bunkerdrama in epischer Breite aus. Da polnische Stellen sich nicht zu den Berichten äußerten - noch in der letzten Woche kommentierte die Pressestelle des Warschauer Innenministeriums: "Der Fall ist uns überhaupt nicht bekannt" -, wurde die publikumswirksame Story jahrelang von den Fabrikanten sogenannter Tatsachenberichte in mannigfacher Form kolportiert. Selbst die Literaten nahmen sich des Themas an, und als einer der ersten verfaßte der Dichter und Essayist Rudolf Hagelstange eine 70 Seiten lange "Ballade vom verschütteten Leben", in der er die Höllenqualen der inmitten von Lebensmittelkonserven und Sektflaschen eingeschlossenen Landser nacherzählt.

Ahnlich wie die Zeitungen und Zeitschriften schilderte auch Hagelstange, wie ein im Bunker Verstorbener von seinen Kameraden im Mehl des Vorratslagers beerdigt wird, da man ihn sonst nirgendwo in der betonierten Behausung bestatten kann. Dichtete Hagelstange:

Aber hier war keine Erde, Benjamin zu bestatten. Weder Sargtischler, Drucker noch Zeitung konnten an ihm verdienen. Er war so tot wie begraben, begraben wie tot. Sie konnten ihn nicht abholen lassen.

Er blieb auch als Toter. Was wollte es wiegen, daß sie am Morgen (auf den sie vergeblich harrten) ein Vaterunser, hilflos und stockend, heruntersprachen, vier Sack Mehl auf ihn rinnen ließen: staubendes weißes Mehl; aber Staub.

Die gereimte Fassung der Bunkermenschenstory gefiel besonders beim "Nordwestdeutschen Rundfunk"; sie wurde dort mehrmals in Hörspielform gesendet. Andere Rundfunkanstalten erwarben die Nachspielrechte, und im November 1952 erhielt der Dichter für sein Werk den "Preis der Berliner Kritiker".

Einen Monat später wurde eine andere Version der Bunkermenschengeschichte, das Theaterstück "Die Legende von Babie Doly"* der Münchener Studienassessorin Margarete Elisabeth Hohoff, mit literarischem Lorbeer bekränzt: Die Autorin erhielt für ihr im Bunker spielendes Drama, das Kritiker als "rührseligen Thriller" bezeichneten, einen "Zuckmayer-Preis für junge deutsche Autoren".

Im Dezember des vergangenen Jahres, als die Westberliner Filmfirma "Inter West" bereits daranging, ihren Bunkermenschenfilm vorzubereiten, erschien sogar eine ostzonale Variante der abgedroschenen Gruselgeschichte. "Neue Deutsche Literatur", eine "Monatsschrift für Schöne Literatur und Kritik", veröffentlichte die erste Bunkermenschen-Novelle östlicher Prägung, die ein Oberschullehrer namens Hans Pfeiffer aus Grimma in Sachsen ersonnen hatte. Die Pfeiffer-Story könnte ebensogut in einer westlichen Illustrierten gestanden haben, zumal der Autor die Dramatik noch dadurch zu steigern suchte, daß er seinen Höhlenbewohnern ein zwölfjähriges Flüchtlingsmädchen beigab.

Der Film "Nasser Asphalt", den die "Inter West Film" zur Zeit in Hamburg dreht, soll dagegen das Bunkermenschendrama nicht etwa filmisch nacherzählen. Obwohl die Produktionsgesellschaft in einem Vorspruch versichert, daß "jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, lebenden oder toten Personen völlig unbeabsichtigt" sei, will "Inter-West"-Produzent Wenzel Lüdecke in seinem Film ausmalen, wie die nie dementierte, nie bestätigte Geschichte von den Bunkermenschen tatsächlich entstanden sein könnte. "Unser Film wird schildern", erklärte er, "wie ein obskurer Zeitungsmann in den ersten Nachkriegsjahren die Bunkermenschenstory erfindet. Der Film attackiert bestimmte Formen des Asphalt-Journalismus und zeigt auf, wie es in der angespannten Ost-West-Atmosphäre möglich war, falsche Nachrichten in Umlauf zu setzen."

Das Drehbuch hat Lüdeckes Hausautor verfaßt, der 31jährige Will Tremper, ein ehemaliger Polizeireporter aus Berlin, der für die "Inter West" bereits zwei Filmstoffe ("Die Halbstarken", "Endstation Liebe") geschrieben hat. Drehbuchautor Tremper skizziert den Inhalt des Bunkermenschenfilms so: "Der junge Greg Bachmann (Horst Buchholz) ist die rechte Hand des internationalen Erfolgsjournalisten Cesar Boyd (Martin Held). Um die Verpflichtung zur wöchentlichen Lieferung einer Sensationsmeldung an ein Pariser Boulevardblatt einhalten zu können, erfindet Boyd die Geschichte von den Bunkermenschen von Gdingen..."

"Der Sensations-Journalist", erläutert Tremper, "läßt seinen Vertrauten im Glauben, diese Meldung, die in der Weltpresse Furore macht, beruhe auf Wahrheit. Bachmann verfolgt die Ereignisse, die durch die Meldung heraufbeschworen werden: eine einzige Kette menschlich und politisch unheilvoller Folgen. Er wird mißtrauisch und geht den Quellen seines Chefs auf den Grund ... bis er den Beweis dafür hat, daß die ganze Bunkermenschengeschichte nichts anderes als Schwindel war ..."

Tremper hat der Figur des jungen Journalisten Bachmann, den Horst Buchholz spielt, stark autobiographische Züge verliehen: Bachmann wird beispielsweise gleich zu Beginn des Films aus dem Gefängnis entlassen, in dem er - laut Drehbuch - wegen Differenzen mit einer Besatzungsmacht eingesessen hat. Der Drehbuchautor kann eine ähnliche Episode aus seiner Vergangenheit nachweisen.

Auch die Atmosphäre im Hause eines Erfolgsjournalisten, die für die Milieutreue des Films entscheidend ist, glaubt Tremper in seinem Drehbuch glaubwürdig beschrieben zu haben. Er selbst war mehrere Jahre lang als anonymer Rechercheur und Schreiber (Branchenausdruck: Neger) für einen der schreibfleißigsten Verfasser von Tatsachenberichten tätig: für Curt Riess.

* Einigen Berichten aus dem Jahre 1951 zufolge soll sich die Bunkermenschentragödie in der Nähe der Ortschaft Babie Doly zugetragen haben.

Drehbuch-Autor Tremper Rieselte das Mehl ...

... auf die Toten? - Satansreporter Buchholz, Held in "Nasser Asphalt"


DER SPIEGEL 5/1958
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