05.02.1958

STROMVERSORGUNGBlitz contra Wattfraß

Die Laborantin Waltrud Peter war gerade dabei, sich an ihrem Arbeitsplatz im Buna-Werk Schkopau bei Merseburg einen Kaffee zu kochen, als sie unerwarteten Besuch bekam. Im Labor erschien eine sogenannte Sondergruppe der "Freien Deutschen Jugend" (FDJ) und schaltete Waltrauds Elektrokocher kurzerhand ab.
Unter der Überschrift: "Junge Buna -Blitze stöberten viele Stromsünder auf" berichtete zwei Tage später die in Halle erscheinende SED-Zeitung "Freiheit", an jenem Nachmittag seien in den Konstruktionsbüros der Buna-Werke sogar insgesamt sieben Kocher und drei Tauchsieder abgestellt worden.
Die Aktion gegen Kocher und Tauchsieder war auch nicht etwa auf das Merseburger Buna-Werk beschränkt. Überall in der "Deutschen Demokratischen Republik" machte die FDJ unter dem Schlachtruf "Blitz contra Wattfraß" drei Tage lang Jagd auf Stromsünder. "Wattfraß", eine Neuauflage des ehemaligen "Kohlenklau", wurde in den Druck-Erzeugnissen der Sowjetzone als ein Teufelchen mit Sicherungen als Hörnern und einem Gerätestecker als Schwanz dargestellt.
Am 8. Januar hatte der Vorsitzende der Staatlichen Plankommission, Bruno Leuschner, vor den Abgeordneten der Volkskammer bedauert, daß "uns die Energieerzeugung trotz ihres relativ schnellen Wachstums noch immer große Sorge bereitet, weil ständig neue Betriebe entstehen und auch der Energieverbrauch in den Haushaltungen ständig zunimmt".
Freimütig gestand das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland": "Jeder weiß, daß in den Spitzenbelastungszeiten unser Stromnetz nicht in der Lage ist, den gesamten, ständig steigenden Bedarf in der Industrie und der Bevölkerung zu decken. Leider allzuoft muß deshalb in Betrieben zeitweilig die Stromzufuhr gestoppt und damit die Produktion gedrosselt werden."
Angesichts dieser Lage kam der Zentralrat der FDJ auf den Gedanken, mit der Aktion "Blitz contra Wattfraß" einen "wichtigen Beitrag der Jugend zum Beginn des Planjahres" zu leisten.
"Am 15. Januar", so ordnete der Zentralrat an, "Punkt 16.30 Uhr bis 18.00 Uhr, und ebenso am 16. und 17. Januar spart jedes Mitglied der FDJ und jeder Junge Pionier Strom und schaltet in seiner Wohnung, in seinem Betrieb, in seiner Schule und überall dort, wo er sich aufhält, alle Stromfresser - mindestens jedoch 40 Watt - zusätzlich aus."
Sekundierte das "Neue Deutschland": "In unserer Republik gibt es über drei Millionen junge Menschen. Wenn jeder von ihnen nur eine 40-Watt-Birne in der Spitzenzeit ausschaltet, ganz zu schweigen von solchen stromfressenden Geräten wie Bügeleisen oder Heizsonne, so werden große Mengen Energie eingespart, die sehr wohl in der Volkswirtschaft ins Gewicht fallen."
Ehe der 15. Januar anbrach, kam es zu einer bedauerlichen Panne. Die "Junge Welt", das Organ des Zentralrats der "Freien Deutschen Jugend", brachte eine Karikatur zur Aktion "Blitz contra Wattfraß", die einen Mann zeigte, der den "Wattfraß" sucht und vor einem Fragezeichen steht. Das Bild stand ohne erläuternden Text auf der Titelseite des Blattes unter der Schlagzeile: "Volkskammer öffnet Blick ins Jahr 1960."
Diese mißverständliche Zusammenstellung von Text und Karikatur führte sogleich zu hochpolitischen Stellungnahmen des FDJ-Zentralrats und der Chefredaktion der "Jungen Welt". Der Zentralrat kritisierte den "ernsten politischen Fehler", und das Redaktionskollegium teilte mit, Chefredakteur Herrmann und Jugendfreund Zwanzig, die für den Lapsus verantwortlich seien, hätten es an der nötigen Sorgfalt mangeln lassen. Es seien aber Maßnahmen getroffen worden, "die zur Hebung der politischen Verbesserung der ideologischen und organisatorischen Tätigkeit der Redaktion führen".
Am Nachmittag des 15. Januar stellte sich ein FDJ-Sprecher vor das Mikrophon von "Radio DDR" und zählte: "Noch 45 Sekunden, noch dreißig Sekunden... Achtung! Aktion Blitz contra Wattfraß beginnt!" Im nächsten Augenblick schalteten Kinder ihren Eltern das Licht ab, und die Schüler der Kadettenanstalt Naumburg der "Nationalen Volksarmee" drängten sich in ein, paar matt erleuchteten Räumen, während in den anderen Zimmern das Licht erlosch.
Junge Pioniere der Klasse 5B der 32. Mittelschule in Dresden liefen "durch fünf Straßenzüge und sprachen bei rund 800 Familien vor". Zu Ehren der Aktion wurden im Bezirk Cottbus Fanfaren geblasen, und in Sangerhausen schalteten
- laut "Neues Deutschland" - 24 Schlachtermeister ihre Heizgeräte aus.
Die Agitations- und Propaganda-Brigade "Espenhainer Schwefelbande" verfaßte sogar einen Song, dessen erste Strophe lautete:
Strom, der ist zum Leuchten da,
Valerie und Valera,
und nicht zu verwenden,
um ihn zu verschwenden.
Bemerkenswert war auch der Einfall, den zwei FDJ-Freunde in Falkenau, Bezirk Karl-Marx-Stadt, hatten. Sie verkleideten sich als Wattfraße und ließen sich von den Einwohnern aus dem Ort treiben.
Über den Rundfunk wurden fortwährend Selbstverpflichtungen verlesen, so etwa die Mitteilung, ein Jugendfreund habe sich eine Leselampe gebastelt, mit der er zahlreiche Watt spare. "Daraus lassen sich zwölf Ziegelsteine zusätzlich herstellen", versicherte der Sprecher.
Angeblich sind an den drei "Blitz"-Tagen in der Sowjetzone 48 000, 65 000 und 72 000 Kilowattstunden gespart worden. "Sieger" wurde der Bezirk Gera; die schlechtesten Stromsparer wurden im Bezirk Dresden ermittelt. Dichtete die "Junge Welt":
"Wattfraß muß der Blitz erschlagen,
morgen und an allen Tagen."
Den volkswirtschaftlichen Effekt der Aktion rechnete der "DDR"-Minister für Kohle und Energie, Richard Goschütz, vor Mit 10 000 Kilowattstunden Strom könnten "beispielsweise 0,9 Tonnen Reinstickstoff, 2,9 Tonnen Karbid oder 0,46 Tonnen Aluminium" hergestellt werden, ganz zu schweigen von den 60 000 Oberhemden, die mit den in Ostberlin an einem einzigen "Wattfraß"-Nachmittag eingesparten 6000 Kilowattstunden hätten genäht werden können.
Das FDJ-Zentralorgan Junge Welt" deutete inzwischen an, daß es bei der einen "Wattfraß"-Aktion nicht bleiben wird: "Dieser Erfolg ist ein Grund zur Freude. Er ist aber noch mehr Grund, um Wattfraß nun nicht mehr zur Ruhe kommen zu lassen."
Plankommissar Leuschner
Strom, der ist zum Leuchten da

DER SPIEGEL 6/1958
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