19.02.1958

USA / MONOPOLE

Der zerbrochene Knüppel

Bis zum zweiten Weltkrieg galt in den Vereinigten Staaten für den Verkehr mit lateinamerikanischen Ländern eine Faustregel, die Theodore Roosevelt um die Jahrhundertwende verkündet hatte: "Sprich leise und nimm einen dicken Knüppel!"

Dickster Knüppel der Hegemonie in Lateinamerika war der Bostoner Obstkonzern United Fruit Company, von Südamerikanern wie sowjetischen Propagandisten gern als die Inkarnation des Wallstreet-Imperialismus bezeichnet. Jahrzehntelang hatte der Konzern das wirtschaftliche Leben Südamerikas bestimmt, Regierungen aufs Schild gehoben und Revolutionen manipuliert.

In der vorletzten Woche jedoch zerbrach die Regierung der USA den dicken Knüppel ihrer Lateinamerika-Politik: Sie setzte vor dem Bundesgericht in New Orleans einen Beschluß durch, der die United Fruit Company zwingt, ihr Fruchtmonopol auf dem amerikanischen Markt aufzugeben, und dadurch zugleich ihr Wirtschaftsmonopol in den lateinamerikanischen Staaten zertrümmert.

Die Geschichte der United Fruit Company begann im Jahre 1870, als im Hafen von, Boston ein Kapitän namens Lorenz Bäker mit einer Schaluppen-Ladung mittelamerikanischer Bananen aufkreuzte. Die Bananen-Fahrten des Kapitäns erregten bei den zurückhaltenden Kaufherren der Stadt Aufsehen, denn Segelschiffs-Frachten galten damals als ein großes Wagnis; nicht selten verdarb die Ladung auf hoher See.

Die Geschäfte des Lorenz Bäker waren offensichtlich so erfolgreich, daß einige Bostoner mit ihm zusammen eine Obstimport-Firma gründeten. Bald begnügte sich die Firma nicht mehr mit dem Transport von Bananen, sondern kaufte ganze Plantagen in den mittelamerikanischen Staaten auf. Zur entscheidenden Expansion verhalf ihr jedoch der nordamerikanische Eisenbahnunternehmer Cooper Keith.

Keith war von der Republik Costa Rica mit dem Bau einer Eisenbahnlinie beauftragt worden und mit den Bananenpflanzern des Landes in Kontakt gekommen. Er kaufte selber Ländereien, verband sich mit anderen Bananenfirmen und koppelte sein Imperium mit dem Unternehmen des Bäker zu einem gewaltigen Fruchthandels- und Plantagenkonzern zusammen, den er United Fruit Company nannte.

Die neue Mammut-Gesellschaft kontrollierte zunächst den Fruchthandel in den mittelamerikanischen Ländern Jamaika, Panama und Costa Rica. Bereits um 1900 verfügte sie über ein Kapital von 50 Millionen Mark, über 100 000 Hektar Plantagenland, 160 Kilometer Eisenbahnlinien, zehn Dampfer und 14 000 Stück Vieh. Da der Fruchthandel das wichtigste wirtschaftliche Aktivum Mittelamerikas ist, beherrschte die Gesellschaft praktisch das gesamte politische und wirtschaftliche Leben der drei zentralamerikanischen Länder.

Zu einer derartigen Machtstellung in Mittelamerika wäre die United Fruit Company allerdings nie aufgestiegen, wenn Washington die nordamerikanischen Bananen-Monopolisten nicht unterstützt hätte. Gerade damals beherrschte der Dollar-Imperialismus das Denken der amerikanischen Politiker, und für Theodore ("Teddy") Roosevelt war es eine ganz natürliche Sache, daß Regierung und. Big Business identisch seien.

Das beruhigende Gefühl, die Regierung in Washington werde notfalls bereit sein, für das Big Business der United Fruit Kriegsschiffe auslaufen zu lassen und Revolutionen anzuzetteln, bewog die nordamerikanischen Bananen-Imperialisten, ihr Reich am Rande des Karibischen Meeres auszubauen. Der Bostoner Konzern dehnte seinen Einflußbereich auf Guatemala, Honduras, Nicaragua, aber auch auf Kolumbien und Ecuador aus.

"In der guten alten Zeit hätte die United Fruit keine südamerikanische Regierung geduldet, die ihr unfreundlich gesinnt gewesen wäre; sie hätte sie einfach beseitigt", erinnerte sich später die "New York Times". "Die United Fruit hatte immer die nötigen Mittel, sich Politiker zu kaufen, um langfristige Verträge zu ihren Gunsten zu erwirken, das soziale und gewerkschaftliche Leben in ihrem Sinne zu leiten und die notwendigen Sprecher in den einzelnen Parlamenten auszuhalten."

Allmählich aber entstanden in Mittelamerika sozial-revolutionäre Bewegungen, die eine demokratisch-nationalistische Kontrolle der einheimischen Wirtschaft forderten. Auch in Washington hatte man begriffen, daß die Zeit des Dollar-Imperialismus zu Ende ging. Die "Knüppel"-Diplomatie Theodore Roosevelts wich der "Politik guter Nachbarschaft" seines demokratischen Vetters* Franklin Delano Roosevelt. Allmählich wurden die imperialistischen Positionen Nordamerikas im Süden der Neuen Welt abgebaut.

Nur die Direktoren der United Fruit Company agierten weiter, als sei ihr Konzern noch immer die vorgeschobene Bastion der nordamerikanischen Diplomatie. Das plumpe Auftreten der United Fruit in Guatemala wurde dem Konzern schließlich zum Verhängnis.

Im zweiten Weltkrieg schloß die Gesellschaft mit dem Diktator Guatemalas, General Ubico, einen Vertrag ab, an dem sich der Widerstand linksdemokratischer und nationalistischer Gruppen entzündete. Dieser Vertrag befreite die United Fruit Company von allen Einfuhrzöllen und kommunalen Abgaben; als Gegenleistung versprach der Konzern, den Diktator mit allen Mitteln zu unterstützen.

Der Handel mit Ubico sollte sich bitter rächen, als in Guatemala nach dem Weltkrieg unter der Führung des ehrgeizigen Armeeoffiziers Jacobo Arbenz Guzman eine Linksregierung ans Ruder kam. Die neuen Herren des Zwergstaates deklarierten von Anfang an die United Fruit zum Sündenbock für alle sozialen und wirtschaftlichen Übel Guatemalas. Im Februar 1953 enteignete das Arbenz-Regime das gesamte Plantagenland des Konzerns (100 000 Hektar) und bezahlte dafür ganze 600 000 Dollar.

Als indes das Arbenz-Regime immer weiter nach links rutschte, witterten die Direktoren der United Fruit eine neue Chance. Sie wußten, daß sich in Mittelamerika eine Armee antikommunistischer Emigranten unter dem Oberst Castillo Armas zum Einfall in die Republik rüstete. Flugs entsandten die Bostoner Abgesandte in das Hauptquartier des Obersten und boten ihm finanzielle Hilfe an, falls er sich verpflichte, die Enteignung der Plantagen rückgängig zu machen. Der Oberst sagte zu.

Tatsächlich beseitigte die Privatarmee des Castillo Armas das linksextremistische Regime in einem operettenhaften Feldzug. Am selben 3. Juli 1954 aber, an dem Castillo in die Metropole Guatemalas einzog, erhielten die Direktoren der United Fruit eine peinliche Botschaft: Das Justizministerium in Washington gab bekannt, daß es beim Bundesgericht in New Orleans gegen den Bostoner Konzern eine Klage wegen Verletzung der Antitrust-Gesetze eingereicht habe.

"Die United Fruit", begründete Justizminister Brownell seinen Antrag, "hat sich durch den Erwerb allen Bodens, auf dem in Südamerika Bananen gedeihen, eine Monopolstellung auf dem US-Markt geschaffen. Sie eroberte die Kontrolle über alle Hafenanlagen und Verbindungswege, die für den Bananentransport in Frage kommen. Sie schaltete mit legalen und illegalen Mitteln wie Preisunterbietungen jegliche Konkurrenz aus, und sie machte ihre Kundschaft (in den USA) durch die Drohung von sich abhängig, sie werde nicht liefern, falls man ihre Bedingungen nicht akzeptiere."

Außenminister Dulles hatte dem Antrag seines damaligen Kollegen Brownell, die Macht der United Fruit Company endlich zu brechen, nicht ungern zugestimmt. Das internationale Echo auf die allzu durchsichtigen Kontakte der Firma zu Castillo Armas hatte ihm gezeigt, daß die United Fruit zu einer Belastung der Washingtoner Lateinamerika-Politik geworden war. Die Regierung konnte kein Interesse haben, durch Kontroversen um die United Fruit die Erinnerungen an den Dollar-Imperialismus zu wecken.

Fast vier Jahre lang wehrten sich die Vertreter des Konzerns vor den Schranken des Bundesgerichts in New Orleans gegen die Zumutung, ihren Trust aufzubrechen. In der vorletzten Woche gaben sie nach: Die United Fruit Company erklärte sich bereit, 35 Prozent ihres Bananen-Imperiums an eine unabhängige Gesellschaft abzutreten.

Die Beamten des Justizministeriums konnten dem dicksten Knüppel Theodore Roosevelts ihre Sympathie freilich nicht vorenthalten: Pietätvoll gestand Washington zu, daß der Abbau des Bananen-Monopols erst in etwa zehn Jahren abgeschlossen sein muß.

* Franklin Delano Roosevelt war ein Vetter fünften Grades und zugleich durch seine Ehe mit Eleanor Roosevelt, einer Nichte Theodores, der angeheiratete Neffe des "Knüppel"-Präsidenten.

Ehemaliger US-Justizminister Brownell

Ausgerechnet Bananen

Judge, USA, 1905

Weltpolizist Teddy Roosevelt


DER SPIEGEL 8/1958
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