26.03.1958

SCHRIFTSTELLER / FRANÇOISE SAGANGuten Tag, Langeweile!

Im Bürgermeisteramt des 17. Pariser Arrondissements verheiratete sich jüngstens eine junge Dame, die neben der Chansonsängerin Edith Piaf, dem Camembert und dem Parfüm "Chanel No. 5", als Frankreichs erfolgreichstes Export-Produkt gilt: Françoise Sagan, die inzwischen 22 Jahre alt gewordene Verfasserin des Romans "Bonjour tristesse". Die Hochzeit, die zunächst im Geburtsort der Sagan, Cajarc, vonstatten gehen sollte, - wo auch das Aufgebot bestellt worden war, mußte nach Paris verlegt werden. Der Pfarrer von Cajarc, der die Braut einst getauft hatte, weigerte sich beharrlich, der Françoise Sagan wegen der in ihren Büchern verbreiteten "Unmoral" für ihre Ehe den Segen der Kirche zu erteilen
Die in wenigen Jahren als frühes Formtalent und zugleich als romantisch-verworfenes Idol ihrer Generation zu Weltruhm und mythischem Glamour emporgestiegene Französin hatte sich zu einer Ehe entschlossen, an der ihre Sittenrichter nicht weniger Anstoß nahmen, als an dem Zynismus, mit dem sie in ihren Romanen über die Liebe urteilte. Ihr Ehemann ist der 43jährige Pariser Verlagskaufmann Guy Schoeller, ein Elegant mit exotischen Neigungen, der häufig zur Löwenjagd nach Afrika fliegt, in literarischen Salons verkehrt, aus erster Ehe eine 12jährige Tochter besitzt und auf amouröse Erfolge in den Kreisen der Pariser Mannequins pochen kann. Dem satirischen Pariser Gesellschafts -Chronisten der "New York Herald Tribune", Art Buchwald, verriet Françoise Sagan mit ironischer Betrübnis, daß Schoeller einen indischen Jagdleoparden in die Ehe einbringen wolle. In der Buchwald-Story äußerte die Schriftstellerin dazu: "Meine Mutter sagt, wer heiratet, muß Zugeständnisse machen."
Da der zuweilen witzige Columnist Buchwald sich oft die Antworten der von ihm Interviewten, auch sogar die Interviewten selbst an seinem Hotel-Schreibtisch ausdenkt, ist die Authentizität dieser Antwort zweifelhaft. Tatsächlich ist aber den Lesern der Sagan die Figur des Frauenhelden Schoeller bereits bekannt gemacht worden, wenn auch mehr als Sittenbild aus dem Roman-Milieu der Autorin, in dem episodische Liebschaften für bedeutsamer gehalten werden als sentimentale Neigungen, die zum Eheschluß führen.
So ist in "Bonjour tristesse", dem 1954 erschienenen, ersten Roman der damals Achtzehnjährigen, der reife Liebhaber Schoeller gleichsam als Vater der Erzählerin vorgebildet, als ein Witwer mit mondänen Interessen, von dem seine aus der Klosterschule entlassene Tochter lernt: "Die Liebe muß stürmisch, rastlos und vergeßlich sein." Im Zweitwerk der Autorin, "Un certain sourire" - in Deutschland: "Ein gewisses Lächeln"-, ist der Held ein mehr als vierzigjähriger Lebemann, der eine Liebesbeziehung zu einer jungen Studentin unterhält. Eingeweihte erkannten auch in jenem Lebemann Züge des Guy Schoeller wieder. "Er hatte graue Augen", heißt es von dem Helden, "ein müdes, fast trauriges Aussehen. Auf seine Weise war er schön."
Eine moralisch gefällige Lesart besagt, daß die Verworfenheit ihrer Helden mit den privaten Erfahrungen Françoise Sagans wenig zu tun habe. In wieder einer anderen Version soll Françoises Entschluß zur Ehe einer Art Läuterungsprozeß zuzuschreiben sein, den die als frivol geltende Verfasserin von "Bonjour tristesse" auf ihrem Krankenlager durchgemacht habe, nachdem sie im April vergangenen Jahres bei einer 150 -Stunden-Kilometer-Fahrt mit ihrem Sportwagen fast ums Leben gekommen war. Nach ihrer Genesung dementierte nämlich Françoise Sagan ihre abwertenden Sentenzen über die Liebe durch ein überraschendes Lob der ehelichen Treue: Sie bekannte sich neckisch zum Ideal von Philemon und Baucis, jenen beiden Uralten, die in der griechischen Mythologie als Muster eines Ehepaars gelten.
Anläßlich dieses Unfalls, der die Sagan -Gemeinde in eine kultische Trauer-Ekstase versetzte, schrieb die satirische Zeitung "Le Canard Enchainé" an die Genesende einen Brief. Das Blatt glossierte, Françoise Sagan habe ihre Gemeinde bitter enttäuscht; sie habe gleichsam ihren idealen Tod verfehlt: den mystischen Abgang einer Frühvollendeten.
In der spöttischen Bemerkung der Zeitung schwang ein Unterton der Bewunderung für das Talent der Schriftstellerin mit. Frankreichs Kritiker sind sich nämlich heute darüber einig, daß Françoise Sagan wenn auch keine "Frühvollendete", so doch eine frühgereifte und stilsichere Romanautorin ist. Drei Literaturgreise der Académie Française, die Schriftsteller und Kritiker Andre Maurois, Emile Henriot und Robert Kemp, verbürgten sich dafür, daß die Kunst der Sagan über ästhetische Zweifel erhaben sei. So versicherte Maurois, die Schriftstellerin habe das Getto der Frühreifen verlassen, sie sei zu den "Großen der Literatur" aufgerückt. Henriot sprach von der "grausamen Sagan" und ihrer "trübsinnigen, aber klarsehenden Philosophie": "Sie sagt in zwei Zeilen, was andere verschwommener und umschweifiger in fünf ausdrücken." Kemp schrieb in den "Nouvelles Litteraires": "Sie besitzt jetzt mit 22 Jahren die Erfahrung, die man bei ihren Lehrmeistern bewundert, bei Stendhal und bei Benjamin Constant, manchmal bei (Prosper) Merimee."
Als Stilistin, so bestätigte ein anderer Pariser Kritiker Kemps Hinweis auf die großen französischen Autoren des psychologischen Romans im vorigen Jahrhundert, habe die Sagan das "mittlere Alter eines klassischen Schriftstellers" erreicht. Eine Pariser Wochenzeitung stellte kürzlich in Aussicht, daß zukünftige Handbücher der Literatur die Autorin von "Bonjour tristesse" als die "große Dame der Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts" zitieren werden. Sogar der konservative "Figaro Litteraire" sann ernsthaft darüber nach, ob man in Françoise Sagan vielleicht die "Colette der neuen Generation" zu erkennen habe.
In einem Zeitraum von vier Jahren haben drei Romane, die ihrem Umfang nach eigentlich nur Novellen sind, einige Chanson-Texte und rund hundert Worte, mit denen Françoise Sagan die Idee zu ihrem Ballett "Das verfehlte Rendezvous" ausschmückte, der Autorin ein Massen-Renommee verschafft, für das es in dieser Form in der Literaturgeschichte kein Vorbild gibt. Die eben der Schulbank entwachsene Françoise Sagan - von ihren Freunden "Kiki" genannt - wurde vielfache Franc -Millionärin. Ihre Romane wurden in 21 Sprachen übersetzt, die Auflage dieser Bücher erreichte Ziffern, die sogar im literaturhungrigen Frankreich ungewöhnlich sind.
Die französische Gesamtauflage von "Bonjour tristesse" liegt heute bei knapp einer Million Exemplaren; "Un certain sourire" ("Ein gewisses Lächeln"), das zweite Buch der Autorin, erreichte eine halbe Million. Der dritte, erst vor wenigen Monaten erschienene Sagan-Roman "In einem Monat, in einem Jahr" wurde mit 400 000 Exemplaren der stärkste französische Bucherfolg des Vorjahres. In Amerika wurden die drei Romane der Sagan Bestseller, vor allem das Buch "Bonjour tristesse", das schon kurz nach dem Erscheinen der amerikanischen Übersetzung die erste Auflagen-Million überschritt. Auch die Gesamtauflage ihrer Bücher in Deutschland* beläuft sich in die Hunderttausende.
Trotz der unbestreitbaren formalen Begabung der Sagan - "Die Literatur ist das einzige moralische Maß, das ich anerkenne" - ist der globale Publizitätserfolg dieser schriftstellernden Mondänen ein Phänomen, das nur noch bedingt mit Kunst und Literatur etwas zu tun hat. "Die Franzosen lesen die Sagan mit geschlossenen Augen", witzelte ein Kritiker, und das Academie-Mitglied Henriot verglich die Romane der Autorin mit dem "Mach mal Pause"-Getränk Coca-Cola: "Man liebt es oder man liebt es nicht; aber es kommt niemand auf die Idee, sich für die Bestandteile zu interessieren." Die Sagan ist - wie es der französische Literaturhistoriker Maurice Nadeau kürzlich formulierte - "gleich den Filmstars und den Staatsmännern eine Erscheinung aus dem Reich der Massenmythen".
Die Romane der Sagan trafen auf eine Zeit, in der sich das Interesse der Massen spürbar zu den Darbietungen der Teenager hin verschoben hatte - eine Entwicklung, die sich auf vielen Gebieten erkennen ließ. Der Kinogeschmack löste sich von den Filmdiven vom Typ der Marlene Dietrich und Katharine Hepburn, die weibliche Erfahrung in diesem oder jenem Sinn repräsentierten, und neigte sich zu Halbweltjungfern
wie Cecile Aubry und Brigitte Bardot. Das Interesse der Boulevardpresse verlagerte sich, von dem jovial hausväterlichen Staatsmann Churchill, dessen Siegesgewißheit für Geborgenheit gebürgt hatte, zu den süßen Noten des Empire-Springinsfelds Prinzessin Margaret, die das mütterliche Mitgefühl einer Welt von Illustrierten -Lesern und Fernsehern provozierten. Die Mode, bei der bis dahin Backfische als schlaksige Ungelenkigkeit im Schatten der eleganten Mütter blieben, kam zu jugendlichen Kleideridealen, die zum Teil überhaupt nur noch von den frischen Konturen der Teenager mit Anstand praktiziert werden können und fülligere Frauenerfahrung oft hoffnungslos deklassieren. Mondäne Tanzbewegungen bleiben heute den sogenannten "Bällen der reiferen Herzen" vorbehalten; die Tanzschritte wurden zu akrobatischen Geschwindsprüngen, denen sich ein früheres Modejournal-Idol, der Silberschläfen-Weltmann, nicht mehr ohne die Gefahr unterziehen könnte, einem Herzanfall zu erliegen.
Bei solchen Erscheinungen der Massenpsyche sind Ursache und Wirkung nur noch schlecht auseinanderzuhalten - insofern nämlich, als jede Wirkung ihrerseits zu einer Ursache werden kann, die dem Strom der Massenstimmung neue Geschwindigkeit gibt. In diesem Sinn war der erste Roman der damals 18jährigen Sagan von einem bereits vorhandenen Strom wohlwollenden Interesses für Teenager -Konfessionen aufgenommen worden, der nun allerdings reißend anschwoll, sorgfaltig gelenkt zudem von dem französischen Verleger Rene Julliard, der für die kommerzielle Verwertung literarischer Moden ungewöhnlich begabt ist.
Die Sekretärin des Verlegers Rene Julliard erinnert sich noch heute mit einer Präzision, die einem historischen Ereignis angemessen ist, daß am 6. Januar 1954 in ihrem Büro in der Rue de l'Universite eine kindhafte Person mit Stirnfransen erschien, die ein Manuskript in malvenfarbenem Einband abgab: "Die Kleine war eine komische Mischung aus frechem Gör und stotterndem Seelchen ..."
Auf dem Einband standen Name, Anschrift und das Geburtsdatum der Verfasserin: 21. Juni 1935. Von unwiderstehlicher Neugierde verführt, überflog die Sekretärin die ersten Seiten des ihr anvertrauten Oeuvres. Dann schob sie es dem Cheflektor Julliards als Metro-Lektüre in die Aktentasche. Die Vorzimmer-Chronik des Verlagshauses berichtet, daß der Verleger, nachdem er am folgenden Tag das Urteil des Lektors gelesen hatte, ein Diner mit dem Präsidenten des französischen Wirtschaftsrates vorzeitig verließ, um sich in das Manuskript jener Achtzehnjährigen zu vertiefen.
Um fünf Uhr morgens, so heißt es in der von Julliard verbreiteten Legende, habe er die Telegrammaufnahme verlangt und die Verfasserin für 11 Uhr in sein Büro bestellt. Diese für einen Geschäftsmann vom Schlage Julliards ungewöhnliche Eile wird damit begründet, daß der Verleger Durchschläge des Manuskripts bei der Konkurrenz vermutete. Tatsächlich hatte die junge Françoise ein Duplikat des Romans bei dem Verlag Plon abgeliefert. Als der sich drei Tage später bei ihr meldete, gab die Autorin mit Bedauern bekannt, daß sie über ihr Werk nicht mehr verfügen konnte.
Die Szene bei Julliard soll mit der hintergründigen Frage begonnen haben: "Sie besitzen noch ihre Eltern?" Der Verleger nahm an, daß der Inhalt von "Bonjour tristesse" die Konfession einer Familien-Biographie sei. Julliard glaubte, eine ungewöhnlich stilbegabte, aber moralisch defekte Person vor sich zu haben, die in jugendlichem Zynismus die Abenteuer und das Sittenleben ihrer Angehörigen analysiert hatte.
Julliard war der erste inquisitorische Interviewer, der zur Kenntnis nahm, daß die kaum dem Backfisch-Alter entwachsene junge Dame ihren Roman innerhalb von vier Wochen in der Wohnung ihrer Eltern auf dem Boulevard Malesherbes in die Maschine geschrieben hatte. Françoise berief sich auf Marcel Proust ("Auf der Suche
nach der verlorenen Zeit"), aus dessen Werk Françoise Sagan - sie heißt mit ihrem wirklichen Namen Françoise Quoirez - ihr Pseudonym entlehnte: nach einer Princesse de Sagan, der Proust den Namen der schlesischen Stadt gegeben hatte.
Als ihr stilistisches Vorbild nannte die 18jährige den Nobelpreisträger Andre Gide, einen nicht geringen Stilisten und Lehrmeister des "Immoralismus", der mit seinem Roman "Nourritures terrestres" das glühende Poem der Sinnenliebe geschrieben hat. Literarische Neigungen, so erfuhr der Verleger von seiner Autorin, waren im Elternhaus der Quoirez nicht geschätzt. Françoises Vater ist ein erfolgreicher Industrieller, der das luxuriöse Wohlsein seiner Familie durch ein tyrannisches Hausreglement vor romantischen Kapriolen zu schützen wußte. So wurde die ältere Schwester der Autorin, Suzanne Quoirez, bis zu ihrer Heirat am Familientisch immer wieder verhöhnt, als bekanntgeworden war, daß sie als Fünfzehnjährige heimlich einen Roman geschrieben hatte. Im Gegensatz zu Françoise hatte allerdings die ältere Suzanne in ihrem niemals veröffentlichten Roman gute Sitten nicht etwa verurteilt, sondern als nützlich und vorteilhaft gerühmt.
Françoise galt als sehr unberechenbar und wurde von ihren Eltern in ein Klosterinternat gegeben, das wegen seiner Strenge gefürchtet war. Da es dem aufsässigen Mädchen aber nicht gelingen wollte, sich dem Geist dieser Bildungsstätte, dem Pariser "Couvent des Oiseaux", anzupassen, wurde die Klosterschülerin wegen "mangelnden sittlichen Ernstes" entlassen. Die Eltern schickten sie daraufhin in den "Cours Hattmer", eine fortschrittliche Schule in der Nähe des Gare St. Lazare.
In diesem dunstigen Viertel, wo gefällige Mädchen, Handelsreisende und Touristen ihre Abenteuer suchen, machte Françoise ihre ersten Milieustudien. Sie beobachtete den Betrieb mit einem trägen Blick, über den ihre Schulkameradinnen damals ulkten, er gleiche dem eines "geprügelten Hundes".
In den Jazz-Klubs von St.-Germain-des -Pres tanzte die Sechzehnjährige Be-bop, diskutierte über Sartre und rezitierte Gedichte von Jacques Prevert. In der Familie ließ man ihr diese Freiheit bis zu dem Tag, an dem sie ihr Baccalaureat - eine Art Abiturienten-Examen - nicht bestand. Der Durchfall provozierte eine strenge Maßnahme. Man steckte Françoise in eine Examenspresse, aus der sie nach vierteljähriger Bildungsfolter geläutert hervorging: Beim traditionellen Nachzüglertreffen im Oktober bestand sie die Prüfung mit der rühmlichen Note "Sehr gut". Einige Monate später setzte sich Françoise hinter die Schreibmaschine und tippte "Bonjour tristesse"
Zum Genie-Mythos der Françoise Sagan gehört die Fabel, daß der Verleger Julliard "Bonjour tristesse" nach dem befriedigend
verlaufenen Verhör in einer Auflage herausgebracht habe, die etwa das Zehnfache der für unbekannte Autoren üblichen Stückzahl - die Anfänger-Auflage umfaßt im allgemeinen 3000 Exemplare - betrug. Tatsächlich hat Julliard zwar an den Erfolg des Buches geglaubt, aber viel vorsichtiger kalkuliert. "Bonjour tristesse" wurde mit einer Erstauflage von 4200 Exemplaren gedruckt, die in den ersten Wochen nach dem Erscheinen des Buches nur zögernd gekauft wurden. Nur wenige Pariser Kritiker äußerten sich zu Françoise Sagan - in einem Tonfall, der erkennen ließ, daß man auf der Hut sein müsse, da die französische Literatur nach dem Lyriker Rimbaud und dem Wunderkind Radiguet ("Le Diable au Corps"), den beiden Klassikern unter den frühreifen Genies, mit genialischen Pubertätsbeichten nur Enttäuschungen erlebt habe.
Zwei Monate nach der Veröffentlichung von "Bonjour tristesse" aber trat die Jury des "Preises der Kritiker" zu ihrer jährlichen Sitzung zusammen. Ihr gehören die maßgebenden Pariser Literaturkritiker an; der Preis, den sie zu vergeben haben, gilt auf der Pariser Autorenbörse als die "kleine" Ausgabe des prominenten Prix Goncourt. Stundenlang diskutierten 17 Kritiker, unter ihnen auch der christliche Philosoph Gabriel Marcel, über "Mademoiselle Radiguet", dann stimmten sie ab. Mit ausreichender Mehrheit war dem Roman der achtzehnjährigen Sagan der Kritiker-Preis zugesprochen worden.
Ganz wohl war den Kritikern dabei freilich nicht zumute. Am Tag nach der Preisverleihung an Françoise Sagan gab das Jurymitglied Emile Henriot in "Le Monde" eine gewundene Erklärung ab. "Indem sie Françoise Sagan für 'Bonjour tristesse' den Preis zuerkannten", schrieb Henriot, "sind sich die Kritiker über das Talent der Autorin einig geworden. Es liegt ihnen jedoch fern, ihr unmoralisches Buch der Öffentlichkeit zu empfehlen." Der Philosoph Gabriel Marcel drückte sich in einem Interview lakonischer aus. Er sagte: "Die junge Dame wird uns Ärger machen."
Genau ein halbes Jahr nach der Abgabe des Roman-Manuskripts bei Julliard widmete der katholische Dichter und Literatur -Nobelpreisträger Francois Mauriac dem Fall Sagan im "Figaro" einen grimmigen Leitartikel. Er urteilte über "Bonjour tristesse": "Die Schamlosigkeit der weiblichen Jugend, diese Schwäre einer Epoche, in der die Wundmale nicht mehr zählen, ist sicher nicht das einzige Merkmal dieses winzigen Romanbändchens, aus dem wir eine Lehre ziehen können - falls uns danach zumute ist."
Auf diesen Tadel antwortete Françoise Sagan mit einer Widerrede, die ihr damals in den Kreisen würdiger Akademie-Mitglieder sehr verübelt wurde. Sie meinte, Mauriac sei alt genug, den Pharisäer zu spielen. "Ihn ärgert mein Buch", stichelte die Autorin, "weil der Begriff Sünde darin nicht vorkommt."
Anstößig an "Bonjour tristesse" war nach Meinung Mauriacs die Art der Autorin, dem Leser ein verderbtes Milieu als sympathisch hinzustellen. Der Roman spielt in St. Tropez an der Cote d'Azur, wo Françoise Sagan mit ihrer Familie die Sommerferien zu verbringen pflegte. Hier leben in einer gemieteten Villa der Witwer Raymond, seine 17jährige Tochter Cecile - die Ich -Erzählerin -, und zwei Frauen, die sich um die Gunst des Raymond streiten. "Wir hatten alle Elemente eines Dramas beisammen", erläutert Raymonds Tochter Cecile, "einen Verführer, eine Halbweltdame und eine Frau mit Verstand."
Tatsächlich gelingt es der Frau mit Verstand dank ihrer überlegenen Intelligenz, Ceciles Vater Raymond von der Halbweltdame abzulenken und für eine Heirat mit sich, der Älteren, zu interessieren. Eine solche Heirat mit der prinzipienstrengen Frau, so fühlt die Erzählerin Cecile, würde indes den bisherigen Lebensstil des Vaters, vor allem aber die erotische Ungeniertheit der Tochter stören.
Cecile ersinnt daher, gleichsam zu ihrer aller Rettung vor der Prinzipien-Dame, eine Intrige. Um ihren Vater auf die von ihm verlassene Halbweltdame eifersüchtig zu machen, verkuppelt Cecile die Halbweltdame scheinbar an einen jungen Mann, der ihr eigener Liebhaber ist. Sie nennt das ihre "petite machination", ihre kleine Intrige.
Der in seinem Stolz gekränkte Witwer kehrt zu der Halbweltdame zurück, die um ihr Liebesglück gebrachte Rivalin findet bei einem Autounfall, der nicht unbeabsichtigt war, den Tod. Françoise Sagan läßt Ceile, "das kleine Ungeheuer", über diesen Tod, an dem sie mitschuldig ist, einige "angenehme Tränen" weinen. Dann heißt es: "Wir nahmen unser früheres Leben wieder auf, als wäre es so bestimmt gewesen." Zum Vorwurf, sie habe in "Bonjour tristesse" die Unmoral verherrlicht, äußerte sich Françoise Sagan später: "Mein Roman ist weder zynisch noch verworfen. Ich habe eine Geschichte erfunden, wie sie heute und morgen passieren kann; eine simple Intrige, die nur bedingt biographische Züge hat. Ich wollte ursprünglich den Fall eines jungen Mädchens erzählen, das einen glücklichen Feriensommer an der Cote d'Azur erlebt. Aber man schreibt keinen Roman mit einem glücklichen jungen Mädchen als Hauptperson."
Der Roman mit dem intriganten Mädchen als Hauptperson, den die Sagan statt dessen schrieb, erzielte jedenfalls einen Massenerfolg, der alle optimistischen Voraussagen in kurzer Zeit lächerlich machte. Weihnachten 1954 hatte der Verleger Julliard 250 000 Exemplare des Buches verkauft; ein Jahr
später war die Zahl bereits verdoppelt. Heute beträgt die Gesamtauflage des Buches in der Welt mehrere Millionen. In Japan druckte ein Verlag einen Auszug von 67 Seiten, der vom Unterrichtsminister als Schullektüre empfohlen wurde: Mit Hilfe von "Bonjour tristesse" lernen heute inpanische Schüler Französisch.
Der französische Produzent Ray Ventura kaufte 1954 die Filmrechte von "Bonjour tristesse" für 3 1/2 Millionen Francs (35 000 Mark). Im selben Jahr konnte er sie an Hollywood für 60 Millionen Francs (600 000 Mark) weiterverkaufen. Als Regisseur wurde Otto Preminger verpflichtet.
Die Suche nach einer Darstellerin für das "petit monstre" beschäftigte die Drahtzieher der Sagan-Publicity ein volles Jahr. Die Pariser Frauenzeitung "Elle", ein Massenblatt des Lazareff-Trusts*, veranstaltete einen Wettbewerb, bei dem die Kandidatinnen für die Rolle der Cecile außer ihrer Photographie auch ihren Lebenslauf einsenden mußten.
Aus 15 000 Bewerberinnen wurde ein Dutzend ausgewählt - nachdem Audrey Hepburn, die einzige erprobte Schauspielerin, die für die Rolle in Frage kam, das Thema des Films abgelehnt hatte, weil es ihrem "moralischen Empfinden" zuwiderlaufe. Ende Juli vorigen Jahres hatte "Elle" die Favoritinnen auf der blumengeschmückten Dachterrasse des Lazareff -Verlagshauses versammelt, um sie einem eleganten Publikum, aber auch der Sagan und dem Regisseur vorzustellen.
Preminger akzeptierte nicht eine der Kandidatinnen, die Sagan war erst gar nicht erschienen. Die Verfasserin von "Bonjour tristesse" saß um diese Zeit am Steuer ihres ersten "Jaguars" und unternahm eine Spazierfahrt nach Cannes. Zu ihrer Entschuldigung gab sie später an, sie habe "die Show" vergessen.
Preminger wählte sich später für die Rolle der Cecile Jean Seberg, ein puritanisch erzogenes College-Girl aus einer amerikanischen Kleinstadt, dem er bereits in seinem Jeanne d'Arc-Film die Hauptrolle anvertraut hatte. Die Premiere des Films "Bonjour tristesse" fand Anfang dieses Jahres in New York statt, erntete aber bei der Kritik keinen besonderen Erfolg. Deutsche Kinogänger müssen sich noch bis zum Sommer gedulden. Erst dann, heißt es, soll der Film auch ihren Lichtspielhäusern offeriert werden.
Die von den "schlagenden Wettern" des Ruhms verfolgte Sagan führte unterdes ein Leben, das aus Autogramm-Glamour und Bildungsreisen bestand, die "Elle" für sie organisierte. Das Vermögen der Schriftstellerin schwoll kräftig: Bereits im ersten Jahr, das dem Erscheinen von "Bonjour tristesse" folgte, hatte der Verleger Julliard seiner Erfolgs-Autorin rund 50 Millionen Francs (500 000 Mark) auszahlen lassen; heute wird das Vermögen, das der Françoise Sagan in dreieinhalb Jahren zufloß, auf mindestens das Zehnfache dieser Summe geschätzt.
Seit dem Erwerb eines Leopardenmantels, den sie von ihrem ersten Honorarvorschuß bezahlte, hat "Miss Tristesse" - wie amerikanische Zeitungen die Literatur-Millionärin nannten - noch einige andere Prestige-Einkäufe getätigt, die von den Illustrierten gewissenhaft verzeichnet wurden: Zwei Sportwagen der Marke "Jaguar", einen "Gordini", einen "Aston-Martin", eine Jacht, ein Haus in St.-Germain-des-Pres und zwei luxuriöse Villen an der Cote d'Azur.
Die Honorare und die Publicity, die Françoise Sagan erwarb, hatten offenkundig gemacht, mit wie großem Interesse die Leser heute den pikanten Konfessionen eines Teenager begegnen - ein Interesse, das nun auch andere kommerziell zu nutzen hofften. Die Sagan fand in aller Welt Nachahmungen; der "Saganismus" - die literarische' Mode, Backfische ihre frühreifen Liebesabenteuer schildern zu lassen - wurde zu einer Manie, die mit mediokren Mitteln einem Erfolg nacheiferte, den sich die Französin Françoise Sagan durch ihre drei Romane nicht ganz zu Unrecht verdient hatte.
Als "amerikanische Françoise Sagan" wurde die 18jährige Studentin Pamela Moore vorgestellt. Sie schrieb den Bekenntnisroman "Chocolates for breakfast" - deutscher Titel "Cocktails zum Frühstück" -, Sittenbild verderbter College-Mädchen, die dem Alkohol-Genuß ergeben sind und frühe Liebesabenteuer suchen. Zum Liebhaber wählt ihre Heldin einen Schauspieler, der Gewohnheitstrinker geworden ist. Sie selbst betrachtet den Alkohol als einziges Element der Beständigkeit in ihrem Leben: "Er erinnerte sie an ihre Kindheit."
Der Roman der Pamela Moore - Junge Mädchen reden wie Soldaten", postulierte die Autorin - wurde in Amerika im Zeichen des "Saganismus" zum Bestseller; die französische Presse allerdings hielt der originalen Sagan die Treue. Als die Autorin von "Chocolates for breakfast" auf ihrer ersten Europareise in Paris erschien, stellten ihr die französischen Reporter die stereotype Frage, ob sie die Moral ihrer Heldin teile. Die Amerikanerin dementierte, und die boshaften französischen Journalisten versicherten ihren Lesern, man glaube der Moore dieses Dementi aufs Wort.
Der Gesellschaftschronist der Zeitung "Paris-presse" lieferte seinen Lesern zur Begründung ein Porträt der Autorin, in dem es hieß, sie gleiche einer Klassenaufseherin in einem Mädchenpensionat. "Wenn man sie in ihrem blau-grünen Schottenrock sieht", schrieb der Chronist, "mit ihrem Claudine-Kragen unter einem abgetragenen Regenmantel, hat man große Lust, sie in ein heißes Bad zu stecken ..."
Als die "englische Antwort" auf Françoise Sagan wurde derweil die 15jährige Jane Gaskell ausgegeben, Verfasserin einer "Phantasie für Erwachsene", die den Titel "Seltsames Übel" trägt. Das Werk behandelt die Liebesromanze eines Mädchens, von dem gesagt wird, es habe Zugang zu einer überwirklichen Welt, in der es die Blöße unter seinen Kleidern spüre.
In Deutschland erschienen als Sagan -Variante unter dem Titel "Meine schöne Mama" frivole Backfisch-Bekenntnisse, deren Verleger dem Erfolg dieses Buches sicher nicht im Wege stehen wollte, als er bekanntgab, die wahre Verfasserin sei ihm unbekannt, und daher Zeitungsredaktionen, Rundfunkstationen und das Publikum aufforderte, ihm bei der Suche nach der Autorin zu helfen. Auch ihm gelang es, seinen Umsatz durch den Verkauf der Filmrechte an diesem Buch zu steigern.
Im Heimatland der Sagan, in Frankreich, tauchten zwei weitere schreibende Teenager auf, diesmal aus rustikalem Milieu: Sonja Fournier, die mit 17 Jahren im Stile der Courths-Mahler zwei exotische Romane schrieb, und die heute 17jährige Ziegenhirtin Berthe Grimault, Verfasserin von "Beau Clown" (SPIEGEL 30/1957). Der auf die Genie-, Kinder- und Backfischkonfektion spezialisierte Pariser Verleger Julliard - er verlegte nach Françoise Sagan auch die Abc-Schützen-Lyrikerin Minou Drouet (SPIEGEL 7/1956) - ließ sich das Naturtalent Berthe Grimault nicht entgehen. Sie wurde als genialische Primitive in die Literatur eingeführt, da sie ihre beim Ziegenhüten erfundenen Geschichten abends einem Postboten in die Feder diktiert haben soll.
Die Aktivität der Verleger, die Hausse des "Saganismus" auszunützen, um mit der Literatur dubioser Wunderkinder Geld zu verdienen, ist freilich nur die Antwort auf den materiellen Erfolg, den Françoise Sagan mit ihren Büchern erzielte. Die Anziehungskraft des Sagan-Mythos aber hat noch andere Ursachen. Die seriöse französische Zeitung "Le Monde" widmete Françoise Sagan nach deren Autounfall im vergangenen Jahr - sie verlor bei einer Fahrt mit ihrem "Aston-Martin" die Gewalt über den Wagen und wurde schwer verletzt - einen Leitartikel.
Mit bloßen Füßen am Gaspedal
Die Zeitung verglich den Sagan-Mythos mit dem Fall des künstlerisch kaum nennenswerten Filmschauspielers James Dean, der im Alter von 24 Jahren bei einer Fahrt in seinem Porsche ums Leben kam. Beide, so meinte das Blatt, hätten ihre Langeweile im Rausch der Schnelligkeit vergessen wollen. "Das Leiden am Leben verwandelt sich in das fast sinnliche Begehren nach der Schnelligkeit", schrieb "Le Monde". "Françoise Sagan chauffierte mit nackten Füßen, um - wie sie sagte - 'dem Wagen körperlich näher zu sein'; James Dean umarmte die Scheinwerfer seines Porsche."
Die Zeitung glaubte, an diesen Symptomen die romantische Krankheit einer Generation zu erkennen, für die James Dean - "der Rimbaud für Verstandesschwache"- und Françoise Sagan Symbole geworden seien.
Die heute 22jährige Françoise Sagan ist freilich zu intelligent, um nicht zu bemerken, daß ihr Mythos sie in ein Klischee zu pressen droht - ein Klischee, dem sie unbedingt entkommen möchte. In einem Interview, das sie der in englischer Sprache erscheinenden, sehr exklusiven Pariser Literaturzeitschrift "Paris Review" gab, protestierte sie gegen eine allzu wörtliche Leben ist formlos", erklärte sie, "die Kunst ist Form."
Vor der skeptischen französischen Literaturkritik rehabilitierte sie den Erfolg ihres ersten Buches "Bonjour tristesse" durch die nachfolgenden zwei Romane - "Ein gewisses Lächeln", "In einem Monat, in einem Jahr" -, die ihre schriftstellerische Begabung auch über den Erstlingserfolg hinaus erwiesen. Das Fragment eines weiteren Romans vernichtete sie, weil ihr dieses Buch nach ihrer Ansicht zu mißlingen schien, ebenso stellte sie die Arbeit an einem begonnenen Theaterstück wieder ein, weil sie fand, daß sie die Formgesetze der Dramatik nicht beherrsche.
Allen drei veröffentlichten Sagan-Romanen sind Thema und Milieu gemeinsam - das Thema der episodischen Liebe aus Zeitvertreib, das Milieu der Pariser Hotelzimmer, Bars und Salons, in denen man aus Langeweile oder Verzweiflung Whisky trinkt, Liebschaften knüpft oder die revoltierenden Nerven am Billard-Automaten entspannt. Hier sind die Figuranten des "großen Zirkus des Daseins" beheimatet - wie Françoise Sagan ihre Welt mit schnoddrigem Sarkasmus nennt: Eine mondäne Gesellschaft von Leuten, die ohne besondere Anstrengung viel Geld verdienen.
Im Formalen und spürbar auch in der Tendenz unterscheidet sich aber der letzte der Romane - sein sonderbarer Titel "Dans un mois, dans un an" ("In einem Monat, in einem Jahr") ist ein Halbvers aus dem Drama "Berenice" des klassischen französischen Bühnenautors Racine - von "Bonjour tristesse" und "Un certain sourire". Die beiden ersten Romane sind in Ich-Form erzählt: "Bonjour tristesse" von der verderbten 17jährigen Cecile, "Ein gewisses Lächeln" von der resignierenden Studentin Dominique, die stellvertretend für die Verfasserin sprechen und daher stets im Zentrum des Roman-Geschehens bleiben.
Diese seit dem Erzromantiker Jean -Jacques Rousseau in Frankreich beliebte Schablone des Bekenntnisromans ersetzte die Autorin nun bei ihrem dritten Versuch durch einen Kunstgriff, der ihr, der Erzählerin, eine größere Distanz zu den berichteten Vorgängen ermöglichte. Ihren Roman "In einem Monat, in einem Jahr" hat die Sagan auf eine mehr objektive Weise dargeboten; im Stile jenes unsichtbaren, allwissenden und allgegenwärtigen Zeugen, in dessen Haut sich der Romancier für den Leser versteckt.
Vor allem in der Bewertung dessen, was sie tun, sind die Figuren des neuesten Romans einige Schritte weiter als ihre Vorgänger. Zwar stammen sie aus der gleichen Gesellschaftsschicht wie die früheren, und auch dieser Roman schildert ein Kreuz - und Querverhältnis von erotischer Anziehung, körperlicher Liebe und blasiertem Überdruß. Aber den beteiligten Personen wird am Ende auch jenes "Glück der Stunde" verdächtig, das in "Bonjour tristesse" als Ersatz für die kompromittierten Ideale früherer Generationen empfohlen worden war.
In ihrem Roman "In einem Monat, in einem Jahr" spürt die Sagan dem "Glück der Stunde" mit bitterer Verstandesschärfe nach, die ihr den Ruf verschafft hat, daß sie trotz ihrer vordergründigen Frivolität eine Moralistin sei. Am Schluß ihres Buches läßt Françoise Sagan den Literaten Bernard die Frage stellen: "Was haben wir getan? Was ist mit uns geschehen? Welchen Sinn hat das alles?" Die sehr verworfene Josée nimmt ihn bei der Hand und antwortet sanft mit einem Zitat aus Shakespeares "Macbeth": "Man darf nicht anfangen, so zu denken, weil sonst der Wahnsinn über einen kommt."
Die Romanfiguren, die von der Sagan vorgestellt werden, sind allerdings nach dem Zeugnis der Autorin nicht als Nachzeichnungen der Wirklichkeit zu werten. Ihren Gesten, dem melancholischen Pathos ihrer Begegnungen haftet stets etwas Sinnbildliches an. Françoise Sagan entlehnte für ihre Romane von Anfang an gewisse Stilelemente der Poesie des Tanzes und der Pantomime. Die Idee zu einem, wie sie es nennt, "getanzten Roman" - die Idee zu ihrem Ballett-Libretto "Das verfehlte Rendezvous" - war also in gewisser Weise nur eine konsequente Weiterentwicklung ihres Erzählstils.
Dieses Ballett, das vor einigen Monaten unter den Augen der Fürstin Gracia Patricia in Monto Carlo uraufgeführt und danach zunächst in Paris und London gezeigt wurde, reist unter dem prominenten Namen der Sagan. Tatsächlich ist es eine Gemeinschaftsarbeit einer Gruppe von Künstlern, die allerdings zumeist der Sagan-Generation angehören.
Die Bühnenbilder stammen von dem heute 29jährigen Elendsmaler Bernard Buffet (SPIEGEL 28/1956), die künstlerische Oberleitung übernahm der 30jährige Filmregisseur Roger Vadim ("Und Gott erschuf die Frau"). Die Ballett-Musik schrieb der 28jährige Komponist Michel Magne, die Choreographie verantworten gemeinsam die ebenfalls jungen John Taras und Don Lurio.
Françoise Sagans Beitrag zu diesem Ballett umfaßt kaum mehr als hundert Worte, die allerdings die Handlung skizzieren. Mit langgezogener, spinnwebiger Schrift hatte der erfolgreiche Elendsmaler Buffet auf einem Vorhang die von Françoise Sagan ersonnene Fabel aufgezeichnet: die Romanze eines Pariser Studenten namens Bertrand.
Der Student hat sich in eine Dame aus der internationalen Gesellschaft verliebt, in eine schöne Frau, die ein anderer - nämlich ihr Ehemann - in New York zurückerwartet. Der Student, dem sie versprochen hat, für immer bei ihm zu bleiben, erwartet sie hoffend und zweifelnd in seinem Zimmer, vor der Uhr, deren langsam kreisende Zeiger - stilisiert durch Tänzer und Tänzerin - auf die Stunde der Entscheidung zurücken. "Wird sie kommen?" heißt es in dem erklärenden Text - oder wird sie doch das Flugzeug nehmen und nach New York zurückkehren, in die Langeweile ihrer Ehe? "Sie kommt zu spät", lautet die ironisch-wehmütige Antwort der Sagan an die Zuschauer, "sie kommt erst, nachdem er (der Student) eine Überdosis Schlaftabletten eingenommen hat."
Die Stimmungswandlungen, denen der wartende Liebhaber unterworfen ist, werden durch Gesten übersetzt, die das Ballett tänzerisch symbolisiert. So verwandeln sich die an einem Holzscheit emporzüngelnden Flammen im Kaminfeuer in fünf rotgekleidete Tänzerinnen. Die Blumen für die Geliebte werden zu zwölf Ballett -Rosen mit karierten Trikots, die den Blumentanz vorführen.
Im zweiten Akt überfällt den Jüngling Bertrand im Nebenzimmer eine lärmende Bande junger Leute, die eine Surprise -Party mit Jazzmusik veranstalten. Ein Ballett-Vamp will Bertrand verführen: Die Szene spielt sich, pantomimisch verdeutlicht, in dem von Buffet in strengen Umrissen entworfenen hygienischen Badezimmer ab. Der Ballett-Held widersteht jedoch, entgegen der in Sagan-Romanen sonst vertretenen Lebensphilosophie, der Versuchung und verjagt die Ruhestörer, um sich in eine Träumerei zu versenken,
die das Bild der Geliebten - als getanzte Erscheinung - vor ihm erstehen läßt. Die Stunde des Stelldicheins rinnt vorüber, und der Jüngling Bertrand nimmt, von Enttäuschung und Liebesweh überwältigt, die Überdosis Schlaftabletten. Seine Geliebte erscheint, als es zu spät ist; sie tanzt, ohne die Tragödie zu ahnen, da sie den Studenten schlafend glaubt, den Solotanz ihres Glücks.
Der Kritiker des Pariser "Monde" stellte nach der Aufführung die unsachliche Frage, warum der unglückliche Held des "Verfehlten Rendezvous" nicht in den Armen des charmanten Vamp verblieben sei, statt sich für eine "hundertprozentige Bourgeoise, die sich im Leben langweilt", zu vergiften. Die Darstellerin des Vamp, Noell Adam, eine Nachtklub-Tänzerin aus der Dunham-Schule, hatte sogar das blasierte Pariser Premieren-Publikum elektrisiert - sie war, wie nicht nur der
"Monde"-Kritiker versicherte, "die einzig wahre Entdeckung" der Aufführung.
Die "New York Herald Tribune" behauptete, das Ballett habe "Chic und Stil, einen Tupfen poetische Magie und reichliche Stütze durch Sex". Die Meinung der französischen Kritiker war geteilt. Böse Worte hörte der Komponist Magne, ein junger Mann aus dem Freundeskreis der Sagan, dem nachgesagt wird, er habe hintereinander die Musik Gershwins und Rachmaninoffs kopiert. Zwischen seiner angenehmen, wenn auch wenig originellen Musik und den düsteren, streng- linearen Bühnenbildern Buffets klaffte augenscheinlich ein Widerspruch, den die Kritiker in geringerem Maße auch zwischen der Sagan und Buffet entdeckten.
"Le Monde" lobte, daß sich die jungen Talente Frankreichs zu einer "Equipe" zusammengefunden hätten, die unter "königlicher Mißachtung" der Experten des Balletts einen Erfolg zustande brachte - wenn auch nicht gerade einen Triumph. Diese Meinung teilte indes nicht der Unterrichtsminister. Unter dem Vorwand, daß die Aufführung von dem ihm eingereichten Sagan-Libretto erheblich abweiche, bestand er auf Rückzahlung der bereits ausgehändigten Summe von zweieinhalb Millionen Francs (25 000 Mark) staatlicher Unterstützungsgelder.
Das Schöpferteam des Balletts belustigte sich allerdings in öffentlichen Verlautbarungen über den uneleganten Rückzieher des Ministers und über den Pressekrieg, der diesem Eklat folgte. Bedeutende europäische und amerikanische Bühnen schlossen inzwischen mit dem Veranstalter des Sagan-Balletts, Theaterdirektor Sarfati, vorteilhafte Gastspielverträge ab. Allein der Name der Sagan und ihrer Helfer Buffet und Vadim verbürgen einen Kassenerfolg, der über jeden Zweifel erhaben ist.
Die Kontroverse mit dem französischen Minister hat den Kurswert der Sagan nur erhöht. Was immer geschieht: Autounfall und Heirat, Streit um Subventionen und die Anschaffung eines neuen Rennwagens - jede, von der Massenpresse regelmäßig verbreitete Regung kann dem Mythos und dem Kredit der begabten 22jährigen Schriftstellerin Françoise Sagan nur dienlich sein.
Unterdes ist in den Vereinigten Staaten - in die das Sagan-Ballett nach dem Londoner Gastspiel einreisen wird - ein Buch erschienen, dessen einziger Zweck es ist, den erfolgreichsten Roman der Sagan zu parodieren. Allein dieses Ziel reichte - aus, um dem Buch seinen geschäftlichen Erfolg zu garantieren.
Diese Sagan-Parodie trägt den Titel "Bonjour ennui" - zu deutsch: Guten Tag Langeweile. Am Ende des parodistischen Romans erklärt der ältere Liebhaber seiner Geliebten, einem jungen Mädchen: "Wir haben uns zusammen gelangweilt. Niemand kann uns diese Erinnerung nehmen."
* Françoise Sagan: "Bonjour tristesse"; Verlag Ullstein, Berlin; 191 Seiten; 9,80 Mark.
Françoise Sagan: "... ein gewisses Lächeln"; Verlag Ullstein, Berlin; 184 Seiten; 9,80 Mark.
Françoise Sagan: "In einem Monat, in einem Jahr"; Verlag Ullstein. Berlin; 160 Seiten; 8,50 Mark
* Pierre Lazareff ist Generaldirektor zahlreicher französischer Zeitungen und Zeitschriften, darunter bei "France Soir", "France Dimanche" und bei der Frauenzeitschrift "Elle".
Eheleute Françoise Sagan, Guy Schoeller: "Wer heiratet ...
... muß Zugeständnisse machen": Sagan-Ballett "Das verfehlte Rendezvous"**
Dreijährige Françoise: Aus Gör und Seelchen ...
Mutter Sagan
... eine, komische Mischung
Literatur-Teenager Moore, Grimault, Gaskell: Junge Mädchen reden wie Soldaten
The New York Times Book Review
Ich muß endlich Schreibmaschine lernen. Mein zweiter Roman kommt sonst zu langsam voran.
"Bonjour tristesse"-Hauptdarstellerin Jean Seberg, Freundin: Backfisch-Abenteuer ...
Sagan-Verleger Julliard
... als literarische Gattung
Romanautorin Sagan: "Wir haben uns zusammen gelangweilt"
** Noelle Adam, Wladimir Skouratow

DER SPIEGEL 13/1958
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SCHRIFTSTELLER / FRANÇOISE SAGAN:
Guten Tag, Langeweile!

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