16.04.1958

ATOM-RÜSTUNGVon deutscher Schöpferkraft

Spätestens seit der letzten außenpolitischen Bundestagsdebatte argwöhnen Atomgegner in und außerhalb der Bundesrepublik, Westdeutschlands Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß gehe mit dem Plan um, die Bundeswehr eines Tages mit Atomwaffen europäischer Produktion zu bewaffnen. Inzwischen hat dieser Argwohn neue Nahrung erhalten.
Anfang letzter Woche traf Strauß in Rom mit den Verteidigungsministern Italiens und Frankreichs, Taviani und Chaban -Delmas, zusammen, um zu erörtern, wie sich die Rüstungsindustrie der drei bedeutendsten kontinentalen Nato - Mächte koordinieren lasse. Diesen ziemlich harmlos klingenden Plan betreiben die drei Verteidigungsminister schon seit längerer Zeit mit so viel Geheimnistuerei, daß mancherorts der Verdacht aufgekommen ist, es handele sich keineswegs nur um die Vereinheitlichung einiger Gewehr- und Flugzeugtypen, sondern vielmehr darum, eine gemeinsame deutsch-französisch-italienische Atomwaffenproduktion aufzubauen. Am Dienstagvormittag hielten die drei sogar ein Kolloquium unter sechs Augen in französischer Sprache ab. Dolmetscher und Sekretäre wurden hinausgeschickt.
Dem Sinn dieser und anderer Psst-psst -Vorkehrungen widersprach allerdings ein Aufsatz, den ein einstiger Kollege der drei, der ehemalige italienische Verteidigungsminister Pacciardi, aus Anlaß der Anwesenheit des Strauß und des Chaban -Delmas in Rom veröffentlichte.
Pacciardi stimmte in seinem Aufsatz einen Hymnus auf den wissenschaftlichen Genius der Deutschen an und gab seiner Zuversicht Ausdruck, daß die "Schöpferkraft Deutschlands noch nicht ausgestorben" sei oder "nur noch in den Emigranten in den Vereinigten Staaten und Rußland" fortlebe.
Die fatale Bedeutung dieser Elogen ergab sich aus dem Zusammenhang. "Es ist zum Weinen", polemisierte Pacciardi gegen die Tatsache, daß Festland-Europa noch keine eigene Atomwaffen-Produktion hat,
"daß das alte Europa, das einst das Gehirn der Welt war, heute in einem Zustand erschreckender Rückständigkeit steckengeblieben ist. Es ist noch schmerzlicher und noch unbegreiflicher, daß fortschrittliche Bewegungen wie die Labour Party und die (deutsche) Sozialdemokratie danach trachten, die Überlegenheit der Supermächte (Amerika und Sowjetrußland) für dauernd zu zementieren ... Aber es ist evident, daß sich Europa nicht damit abfinden kann, Objekt der Weltpolitik zu bleiben. Es hat jetzt auch den Anschein, daß Frankreich an der Schwelle des Atom-Zeitalters steht."
Die letzte Bemerkung Pacciardis bezog sich offenkundig auf von Pariser Stellen verbreitete Informationen, daß Frankreich in Kürze seine erste Atom-Bombe erproben will. Unter diesem Blickwinkel war dem Sinnzusammenhang zwischen dem Hymnus auf deutsche "Schöpferkraft" und dem Hinweis auf die französische Experimentier-Bombe in Pacciardis Artikel besondere Bedeutung nicht abzusprechen. Offenbar glaubte der in Wehrfragen immer noch gut unterrichtete einstige Verteidigungsminister Pacciardi Gründe zu der Annahme zu haben, daß eine enge deutsch-französisch-italienische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Atomwaffenproduktion bevorstehe. Pacciardi schloß denn auch seinen Aufsatz mit einem Glückwunsch, der in diese Richtung deutet:
"Wir begrüßen daher das Treffen von Taviani, Strauß und Chaban-Delmas in Rom und wünschen nutzbringendes Wirken."
Gründe für dieses Vertrauen in das "nutzbringende Wirken" des Deutschen Strauß und seiner zwei Kollegen auf dem Gebiet der Atomwaffen-Produktion dürfte Pacciardi auch einem in England erschienenen Bericht entnommen haben. Das war ein Aufsatz in der Londoner Massenzeitung "Daily Mirror", in dem der Labour -Abgeordnete Richard Crossman ein vorösterliches Gespräch mit Strauß referierte.
In diesem Gespräch soll Strauß - so behauptete Crossman in seinem "Mirror" -Aufsatz - die unverblümte Drohung ausgesprochen haben, die Bundesrepublik werde in einigen Jahren selbst atomar rüsten. "Ich kann garantieren", so zitierte Crossman die Äußerungen des deutschen Verteidigungsministers, "daß es drei, vier oder sogar fünf Jahre keine deutschen Kernwaffen geben wird. Danach aber, wenn andere Staaten, insbesondere Frankreich, ihre eigenen H-Bomben herstellen, könnte auch Deutschland hineingesogen werden."
Es gibt nun freilich Gründe zu der Annahme, daß Crossman dieses Zitat mehr seinem allgemeinen Eindruck von der ausladenden Persönlichkeit seines Gesprächspartners Strauß als den tatsächlichen Äußerungen des Verteidigungsministers verdankt. In der letzten Woche veröffentlichte Crossman den vollständigen Text des Interviews in der Zeitschrift "New Statesman". Darin fehlen die beiden ominösen Sätze, die Strauß laut Crossmans "Mirror"-Aufsatz gesagt haben soll.
Die Erklärung, die Crossman für diesen Verzicht abgab, tut britischer Höflichkeit alle Ehre. Crossman bezieht sich darin auf die Tatsache, daß das Bonner Verteidigungsministerium die beiden Sätze nicht direkt als erfunden, sondern als "sprachliche Mißverständnisse" bezeichnete. "Ich fühle mich verpflichtet", schrieb Crossman, "ebenso höflich zu sein und habe deswegen die beiden Sätze gestrichen."
Ein halbes Dementi dieser Streichung verbarg Crossman allerdings in einer höchst Zweideutig lobenden Schilderung des Verteidigungsministers. Strauß, so schrieb er, sei "ein deutscher Politiker neuen Stils mit erfrischender Bereitschaft, Informationen zu geben, und mit der Fähigkeit, seine Sache konziliant darzustellen". Strauß sei "ein zäher Bayer mit prononciertem Geschmack für die Macht und nicht sehr prononcierten politischen Grundsätzen".
Dieses Strauß-Porträt vervollständigte Crossman mit der boshaften Bemerkung:
"Er hat das Glück, zu jung zu sein, um eine Nazi-Vergangenheit zu besitzen."
Verteidigungsminister Strauß, Taviani, Chaban-Delmas: Unbegreifliches Europa
Strauß-Interviewer Crossman
Nach Verständigungsschwierigkeiten...

DER SPIEGEL 16/1958
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