23.04.1958

VERSICHERUNGEN / GERLING-KONZERNDer Bruderkrieg

Um Erfolg zu haben, braucht man Kopf, Genie und Ellenbogen. Robert Gerling sen. gest. 25. 1. 1935
Das größte Familienunternehmen der europäischen Versicherungsbranche, der Gerling-Konzern in Köln, hält sich viel darauf zugute, daß es seine Kundschaft stets schnell und ausführlich über seine Geschäftslage informiert. Beispielsweise veröffentlichte der Konzern vor kurzem eine Finanzanzeige im modernen Public-Relations-Stil, in der die Konzernleitung die wichtigsten Geschäftsvorgänge des vergangenen Jahres aufzählt.
Als Beweis seiner Finanzkraft rühmte der Konzern seine beträchtlichen Kapitalerhöhungen und den Anstieg der Versicherungsleistungen auf 150 Millionen Mark sowie der Prämieneinnahmen auf 303 Millionen Mark.
In dieser Aufzählung fehlt jedoch ein sehr gewichtiger Bilanzposten von nahezu 30 Millionen Mark, der nicht minder überzeugend beweist, zu welchen imponierenden finanziellen Leistungen der Gerling-Konzern fähig ist. Das Kölner Unternehmen hat sich nämlich verpflichtet, rund 30 Millionen Mark von seinen flüssigen Mitteln abzuzweigen und in die Schweiz zu transferieren. Gleichzeitig verpflichteten sich die beteiligten Kontrahenten - bei Meldung schwerwiegender juristischer Folgen - die Angelegenheit streng vertraulich zu behandeln.
So steht es in dem Vergleichsabkommen, das der Vorstandsvorsitzende des Kölner Konzerns, Dr. Hans Gerling, 42, und sein Bruder Walter, 39, mit ihrem in der Schweiz lebenden' älteren Bruder Robert, 44, abschlossen. Mit diesem Vergleich hat Robert Gerling nach jahrelangen unfruchtbaren Prozessen seinen beiden jüngeren Brüdern sein Erstgeburtsrecht - die Herrschaft über den gesamten Konzern - verkauft.
Zehn Jahre lang tobte im Hause Gerling der Bruderkrieg. Die Nachkommen- des Konzerngründers Robert Gerling sen. befehdeten sich in zahlreichen Prozessen (Streitwert in einem Fall 40 Millionen Mark) mit alttestamentarischer Strenge, bis sie endlich einer Empfehlung folgten, die schon 1956 vom Landgericht Köln ausgesprochen worden war.
Darin hieß es: "Nachdem es entgegen den Wünschen und Absichten des Konzerngründers zu einem so erbittert geführten Bruderkampf um die Macht und die Beteiligungsverhältnisse im Gerling-Konzern gekommen ist, ist die Grundlage des gegenseitigen Vertrauens und der einträchtigen Zusammenarbeit unter den Brüdern Gerling offenbar weitgehend erschüttert und ein auf die Dauer so unhaltbarer Zustand eingetreten, daß ... insbesondere im Hinblick auf die unabsehbaren Folgen und Auswirkungen auf die Gesellschafts- und Konzernverhältnisse einschließlich der Konzernleitung nur noch eine vernünftige Verständigung aus den Schwierigkeiten und dem Zustand des gegenseitigen Mißtrauens herausführen kann."
Anlaß zu diesem Bruderkrieg war ein Versäumnis des Konzerngründers Robert Gerling sen.: Er starb 1935 56jährig, ohne ein ordentliches Testament zu hinterlassen.
"Schwerlich wird man jemanden finden, über den so unterschiedliche Meinungen, so lautere und scheinbar so unlautere Dinge kolportiert werden, schwerlich einen so kraß auseinanderfallenden Charakter, der den einen zart, den anderen grob dünkt und doch ein Ganzes gewesen sein muß", so beschreibt Gerlings Biograph, der Schriftsteller Wolf von Niebelschütz, die letzten Jahre des schwerkranken Versicherungs-Millionärs. "Alle diese Geschichten vom 'cholerischen Biest' bis zur 'ganz besonderen, bezaubernden Natürlichkeit', von den Direktoren, denen 'er größte Freiheit ließ', bis zu den Direktoren, die 'mit Tränen aus seinem Zimmer' gingen, . . . stammen aus den Jahren, da er nicht mehr kämpfte, und, wie er es selbst nannte, ,auf ein anderes Gleis geriet'."
Wenige Tage vor seinem Tod wurde Gerling von einem Geschäftsfreund in St. Moritz als letzter Gast in einer Bar getroffen, deren Personal mit dem Schlaf kämpfte. Doch Gerling wich und wankte nicht. Er winkte den Geschäftsfreund zu sich heran, "und er erzählte" - schreibt Biograph Niebelschütz - "bis die Sonne über dem Engadin aufging".
Erst sechs Monate vor dieser makabren Abschiedsszene, am 12. Juli 1934, hatte sich Gerling zu einer schriftlichen "Abmachung" aufgerafft, in der er seinem- damals zwanzigjährigen - ältesten Sohn, Robert Gerling jun., den Aktienbesitz der "Gerling-Konzern Rheinische Versicherungsgruppe AG" übertrug, die als Dachgesellschaft alle anderen Konzernfirmen beherrschte und im Firmenjargon kurz als G. K.-Rheingruppe bezeichnet wurde. Die Ausübung der Aktienrechte behielt sich der Senior jedoch vor; erst bei seinem freiwilligen Rücktritt oder bei seinem Tode sollte die Machtbefugnis auf den erstgeborenen Sohn übergehen.
In dieser sogenannten Abmachung bedachte der Senior auch die anderen Mitglieder der Familie: "Der Ertrag aus der Gesamtheit der, Rheingruppe-Aktien soll nicht im vollen Umfang" dem ältesten Sohn zufließen; es sollten darüber noch nähere Vereinbarungen mit der Mutter Auguste ("Gustel") und den beiden anderen damals noch minderjährigen Söhnen getroffen werden. "Sinn und Zweck dieser Abmachung ist es", so kommentierte der Senior seinen Beschluß, "die Aktien der Rheingruppe, solange sie das Rückgrat des Konzerns bilden, in einer Hand zu halten, wodurch die zweckmäßige Leitung unseres Gerling-Konzerns möglich gemacht wird".
Schon wenige Jahre später, als die benachteiligten Brüder flügge geworden waren, nörgelten sie über das ungleiche Erbe, aber sie respektierten dennoch den Wunsch ihres Vaters und erkannten 1939 schließlich in einer Familienvereinbarung Roberts Eigentum an den Aktien der Rheingruppe an.
Die Brüder überließen die Konzernführung den bewährten Fachleuten, die der alte Gerling in den Direktorenstab berufen hatte. Auch Robert kümmerte sich wenig um die Geschäftsleitung. Er fühlte sich mehr zur heiteren Muse hingezogen und betätigte sich gern als Jazzmusikant. Preußische Marschmusik hingegen schätzte er wenig, was ihn bewogen haben mag, seiner Vaterstadt 1939 den Rücken zu kehren, als sich bereits eine Gefahr ankündigte, für die kein Versicherungskonzern eintritt: der zweite Weltkrieg. Frivol behaupteten später seine Brüder, Robert sei nach den USA retiriert, um sich vor dem Wehrdienst zu drücken.
Schon in den ersten Kriegstagen teilte Bruder Hans dem enteilten Robert in einem Alarm-Brief mit, es sei zu befürchten, daß die Gestapo sich bald seines Vermögens in Köln bemächtigen werde; gleichzeitig erbot sich Hans, dem Bruder gefällig zu sein und vorübergehend das Vatererbe zu übernehmen.
Der jüngere Bruder veranlaßte Robert, ihm eine Generalvollmacht auszustellen, die ihn berechtigte, über die Aktien der Rheingruppe in Europa zu verfügen und für Robert zu handeln. Ahnungsvoll grenzte Robert aber die Befugnisse in einem Brief vom 23. Oktober 1939 genau ab: "Wenn Dir auch nach außen hin diese Generalvollmacht das Recht gibt, Aktien zu verkaufen, Verträge abzuschließen und so weiter, so ist davon nur im Notfalle ... Gebrauch zu machen. Sollte aus irgendeinem Grunde die Übertragung meiner Aktien auf Dich erforderlich werden, mache ich es zur Bedingung, daß Du Dich in einer notariellen Urkunde verpflichtest, die Aktien nicht weiter zu verkaufen und jederzeit auf Verlangen auf mich zurückzuübertragen . . ."
Schon nach wenigen Monaten kostete der damals 24 Jahre alte Hans Gerling das prickelnde Gefühl wirtschaftlicher Macht: Er übertrug die Aktien des Bruders auf sich selbst, ohne daß ein erkennbarer Notfall eingetreten war. Anschließend ging er bei einem Aufsichtsratsmitglied, dem Pastor Oskar Eilemann, in die Lehre, der ihm die Grundbegriffe der Konzernführung beibrachte. Später wurde Hans Gerling zur Kölner Heimatflak eingezogen, während Bruder Robert in Amerika Sicherheit genoß und der Wiener Tänzerin Erna Kaiser, Avancen machte, die er im Krieg zur (ersten) Ehefrau erkor.
Robert jun. bewies, daß er der Sohn des alten Gerling war: Er gründete in den USA zwei Firmen, die Gerling International Insurance Company in Wilmington und die Maklerfirma Robert Gerling & Co. Inc. in New York, mit denen er einträgliche Geschäfte machte, bis 1945 der Tag nahte, an dem sich Robert nach dem Ergehen seiner Rheingruppen-Aktien in Köln erkundigen konnte.
Was er nach mehrmaligen Anfragen erfuhr, stimmte ihn so mißtrauisch, daß er seinen Bruder Hans kategorisch aufforderte: "Du hast... das mir gehörige Aktienpaket der Rheingruppe meiner Verfügungsgewalt entzogen... Nachdem jetzt wieder normale Verhältnisse herrschen, bitte ich Dich, die Aktien zurückzugeben."
Hans unterschrieb im Dezember 1947 einen Vertrag, in dem er "das Eigentum des Herrn Robert Gerling an dem gesamten Aktienkapital" der Rheingruppe Versicherungs AG erneut bestätigte, ohne mit einem Wort zu erwähnen, daß er die Rheingruppe zuvor ausgehöhlt hatte.
Gestützt auf die alte Generalvollmacht von 1939 hatte Hans durch einen notariellen Vertrag drei Viertel aller Beteiligungen, die Roberts Rheingruppe an den übrigen Gerling-Firmen besaß, auf eine Gesellschaft übertragen, die Hans Gerling inzwischen gegründet hatte: auf die "Bureau für Versicherungswesen Robert Gerling & Co GmbH" in Köln.
Als Robert von dieser Enteignung erfuhr, schiffte er sich schleunigst in Hoboken ein; kurz vorher hatte er die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben, die ihm eine günstige Position in dem Erbfolgestreit sicherte. Robert wandte sich an die alliierten Militärbehörden; sie erklärten die von Hans Gerling vorgenommenen Aktien-Manipulationen für illegal und setzten die notariellen Verträge unter Berufung auf ein Militärgesetz außer Kraft.
Bald hatte es sich in Köln herumgesprochen, daß im Hause Gerling ein erbitterter Machtkampf geführt wurde. So beschwerte sich Robert Gerling vor Gericht, daß sein Bruder Hans 1949 vor einem Geschäftsgebäude des Konzerns in der Kölner Von-Werth-Straße Rollkommandos habe aufmarschieren lassen. Sie sollten den unerwünschten "Amerikaner" am Betreten der Geschäftsräume hindern und ihm so den Zugang zu einem Geldschrank verwehren, in dem Hans - so behauptete Robert - Aktien der Rheingruppe vermutete, die er dem Heimkehrer habe abjagen wollen. Nach Roberts Darstellung hat Hans "den Streit zwischen den Brüdern zum öffentlichen Tagesgespräch gemacht, indem er in aufsehenerregender Weise den Geldschrank wegtransportieren ließ".
Nachdem sich die Brüder vier Jahre lang in spektakulärer Weise befehdet hatten, beschwor sie der Industrielle Dr. Günther Quandt, Aufsichtsratsmitglied und Freund des verstorbenen Konzerngründers, endlich Rücksicht auf das Ansehen des Hauses zu nehmen. Robert lenkte ein und machte den Brüdern Hans und Walter Zugeständnisse, die ihnen mehr Einfluß im Konzern verschafften. Sie wurden als gleichberechtigte Vorstandsmitglieder in den Vorstand der Rheingruppe aufgenommen und erhielten auch Vorstands- und Aufsichtsratsposten in den meisten anderen Gerling-Versicherungsgesellschaften.
Um die Brüder am Gewinn des Versicherungsgeschäfts zu beteiligen, wurde die alte Konzernkonstruktion revidiert: Zwischen die Dachgesellschaft Rheingruppe und die einzelnen Schadens- und Lebensversicherungsgesellschaften hatte der alte Gerling die Rückversicherungs AG (siehe Graphik S. 30) geschaltet, deren Aktien hundertprozentig der Rheingruppe gehörten. Robert verkaufte nun 74 Prozent der Gerling-Rück-Aktien an seine Brüder und behielt selbst nur 26 Prozent.
Mit dieser konzilianten Vereinbarung glaubte Robert die Brüder endlich versöhnt zu haben; selbdritt unterzeichneten sie einen Friedensvertrag, in dem sie feierlich gelobten, fortan "eine gemeinsame Geschäftspolitik zu verfolgen".
Aber der Frieden im Gerlingschen Erbfolgekrieg dauerte nur zwei Jahre; inzwischen hatte sich im Hause Gerling neuer Konfliktstoff angesammelt, der sich im Juni 1953 explosiv entlud. Hans und Walter erhoben gegen ihren Bruder Robert so schwere Anschuldigungen, daß der Präsident des Bundesaufsichtsamtes für das Versicherungs- und Bausparwesen - der oberste Kontrolleur der deutschen Versicherungswirtschaft - und die Zoll-Fahndung Untersuchungen gegen den Amerikaner einleiteten. Die Brüder behaupteten nämlich, Robert verschiebe heimlich Millionenbeträge ins Ausland.
In der Tat hatte Robert bereits im Januar 1952 1,4 Millionen zu seiner New-Yorker Gesellschaft transferiert. Als er im Juni 1953 abermals fast eine Million Mark nach Amerika überweisen wollte, alarmierten die Brüder das Bundesaufsichtsamt, das zunächst keine Ahnung hatte, daß es sich bei dem Geldtransfer um ein reguläres Versicherungsgeschäft handelte.
Zwischen der Konzernspitze und Roberts amerikanischer Gesellschaft bestand nämlich ein sogenannter Rückversicherungsvertrag. Solche Risikoverträge sind branchenüblich. Schadenversicherungen nehmen gegen entsprechende Prämienzahlungen die Hilfe von sogenannten Rückversicherungsgesellschaften in Anspruch, die ihnen die Schadenersatzleistungen tragen helfen.
Nach diesen Usancen hatte Robert Gerling seine amerikanische Gesellschaft bei der Gerling-Rück risikoversichert. Die Brüder verhinderten nun mit ihrer Anschuldigung, die sich erst nach Jahren vor Gericht als haltlos erwies, die Geldüberweisung an Roberts amerikanische Gesellschaft.
Dieser Transferstopp war der erste Akt einer neuen Offensive im Gerlingschen Erbfolgekrieg. Um den als Devisenschieber und Betrüger angeschwärzten Robert völlig mattzusetzen, leiteten Hans und Walter Gerling selbst Kapital-Manipulationen großen Stils ein.
So verfügten sie zum Beispiel als gleichberechtigte Vorstandsmitglieder der Rheingruppe (deren Aktien zu 100 Prozent Robert gehörten) rigoros über die Bankguthaben und Wertpapierdepots dieser Robert Gerling-Gesellschaft und veranlaßten, daß die Guthaben und Depots (im Werte von 3.5 Millionen Mark) der Gerling-Rückversicherung übertragen wurden, also auf die Gesellschaft, die von ihnen beherrscht wird.
Robert schlug zurück. Er machte von seinem Recht als Alleinaktionär der Rheingruppe Gebrauch, löste den Aufsichtsrat auf und bestellte einen neuen, der Hans und Walter Gerling als Vorstandsmitglieder abberief.
Hans und Walter antworteten auf den Hinauswurf mit neuen Prozessen. Zwei Jahre benötigte das Kölner Landgericht als erste Instanz, um sich durch die Einstweiligen Verfügungen und Klageschriften hindurchzuarbeiten, die beide Seiten an das Gericht herantrugen.
Während dieser Zeit wurden zwei bemerkenswerte Urteile gefällt: Das Gericht verurteilte Hans und Walter, die abgezogenen Bankguthaben und Wertpapiere auf Roberts Rheingruppe zurückzuübertragen. Mit ihrer eigenen Klage wurden sie jedoch abgewiesen: Sie hatten die gerichtliche Feststellung verlangt, daß ihre Abberufung aus dem Vorstand der Rheingruppe nichtig sei; das Gericht sollte vielmehr Robert die Vorstandseignung absprechen.
Da Robert zum Ausdruck gebracht habe, daß alle Vorstandsmitglieder außer ihm selbst kein Vertrauen mehr verdienen sollten, sei er darauf ausgegangen, den Werbeslogan des Konzerns "Gerling verdient Vertrauen" durch die Diskriminierung zweier Träger des Namens Gerling Lügen zu strafen.
Mit besonderer Verbissenheit und recht ungewöhnlichen Behauptungen rangen die Brüder auch um die Frage, ob Roberts Devisentransfer nach den USA zulässig gewesen sei. Während Robert behauptete, dem Transfer habe ein Rückversicherungsvertrag vom Januar 1951 zugrunde gelegen, den Hans und ein Direktor Koepe durch ihre Unterschriften gebilligt hätten, ereiferte sich Hans: Seine Unterschrift und die des Direktors seien ebenso wie der Vertragstext grobe Fälschungen.
Als Robert darauf verwies, daß der erste Transfer jedenfalls ausdrücklich unter Mitwirkung der Direktoren Koepe und Oswald zustande gekommen sei, die das Vertrauen von Hans besaßen, entgegnete Hans: Das dem Gericht von Robert als Beweis vorgelegte Dokument sei von Direktor Oswald mit der Hand verbessert worden. Es sei deshalb anzunehmen, daß es sich hier "um einen zu Lehrzwecken verbesserten Entwurf, also um ein Übungsmodell" gehandelt habe.
Das Landgericht Köln ließ indessen deutlich durchblicken, daß es weniger an die Lehrmethoden leitender Konzerndirektoren glaube, sondern mehr an Roberts Darstellung. Zwar legten beide Parteien widersprechende Schriftgutachten vor, aber Direktor Koepe bestätigte seine Unterschrift, während Hans in der Vernehmung über die Echtheit seines Namenszuges nicht erschien.
Als die Brüder mit ihren Klagen keinen Erfolg hatten, gingen sie auf andere Weise gegen den lästigen Amerikaner vor. "Die Kläger haben sich", so sagte das Kölner Landgericht, "gewissermaßen selbst die Justiz angemaßt, indem sie ihre Stellung als Vorstandsmitglieder der Konzerngesellschaften dazu benutzten, um nicht nur als Sachwalter beider Parteien aufzutreten, sondern- auch in eigener Sache selbst Entscheidungen zu treffen und selbst Maßnahmen durchzuführen, die in ihren Wirkungen Vollstreckungsmaßnahmen, ähnlich Arresten und einstweiligen Verfügungen, nahekamen."
Sie löschten beispielsweise Roberts Beteiligung an der Gerling-Rück (26 Prozent des Aktienkapitals) im Aktienbuch der Gesellschaft und übertrugen die Beteiligungssumme einfach auf eine andere bedeutungslose Nebengesellschaft. Erst zweieinhalb Jahre später erfuhr Robert so beklagte sich sein Anwalt vor Gericht-, "wo sie die 26 Prozent Beteiligungen an der GK-Rück versteckt hatten, und sie ließen im Zuge ihrer schikanösen Behinderung ihres alleinberechtigten Bruders diesen sogar einen Prozeß führen, um sich daran zu weiden, welche Schwierigkeiten es bereitet, im Wege des Faustrechts auf die Seite geschaffte Werte im Prozeßwege zurückzugewinnen".
Während der jahrelangen Prozesse berief sich Hans Gerling häufig auf einen Brief des damaligen Präsidenten des Bundesaufsichtsamtes für das Versicherungswesen in Berlin, Dr. Schmid, durch den er sich zu seinem Vorgehen gegen den Ältesten offenbar legitimiert fühlte. Auf die Richter machte das Präsidenten-Schreiben jedoch keinen tiefen Eindruck. "Es wäre eine durch nichts begründete Unterstellung", so urteilten die Richter, "wenn man annehmen wollte, daß der Präsident des Bundesaufsichtsamtes (den Hans Gerling) zu eigenmächtigen und ungesetzlichen Maßnahmen hätte veranlassen wollen."
Immerhin machte die Intervention des Versicherungsaufsichtsamtes deutlich, daß es Hans Gerlings persönlichem Charme gelungen war, sich die Sympathien der behördlichen Weichensteller des Assekuranzgeschäftes zu sichern. So lud er beispielsweise zum 50jährigen Konzernjubiläum außer hohen politischen Würdenträgern auch den Bonner Ministerialrat Dr. Kurt Daniel nebst Frau in sein gastliches Haus. Dr. Daniel, inzwischen zum Ministerialdirigenten avanciert, bearbeitete damals Fragen des Versicherungswesens im Bundeswirtschaftsministerium.
Jedoch nicht immer gereichte es den hohen Beamten zum Segen, von den Managern des Konzerns bewirtet zu werden. Ein Beamter des Bundesaufsichtsamtes, der Oberregierungsrat Dr. Sondermann, bezahlte seinen Besuch in Gerlings Lebensversicherungszentrale mit dem Leben: Rosenmontag 1954 labte er sich an den geistigen Getränken, die ihm freigiebig serviert wurden, und stürzte dann von einem Fenster der Herrentoilette auf die Straße.
Robert Gering hatte sich schon damals eine Auffangstellung in Zürich eingerichtet, wo er sich mit seiner zweiten Ehefrau im Hotel St. Peter niederließ, in dem er später sein Hauptquartier aufschlug.
Hans und Walter booteten den mittlerweile resignierenden Robert auf raffinierte Weise aus. Sie bauten den Gerling-Konzern durch eine Kette von Fusionen und Umschichtungen so geschickt um, daß der Amerikaner mit seiner Rheingruppe von den einträglichen Geschäften der Lebens-, Sach- und Rückversicherung isoliert wurde.
Das' erreichten die Brüder durch die Gründung einer neuen Holdinggesellschaft: der Gerling-Konzern-Versicherungs-Zentrale AG, unter deren Dach Walter und Hans vier alte und zwei neue - Versicherungsgesellschaften placierten (siehe Graphik S. 30).
In einer Public-Relations-Anzeige rühmten die Brüder 1955 ihr strategisches Meisterwerk: "Unter Mitwirkung seines Bruders, des geschäftsführenden stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Walter Gerling, meisterte Dr. Hans Gerling die Aufgaben mit einer Zähigkeit, die von seinem ganzen Personal bewundert wird. Diese Zähigkeit 'scheint ein Erbgut der Familie Gerling zu sein, ähnlich wie das Interesse für Musik und Kunst. Sogar für diese Liebhabereien findet Dr. Hans Gerling Zeit, ohne seine Familie zu vernachlässigen."
Mittlerweile konnte auch das Kölner Landgericht die Bruderkriegs-Prozeßakten endlich schließen. Was die Richter in zehn Jahren nicht zustande brachten; haben prominente Bankiers und Industrielle erreicht, die mit dem Versicherungsgewerbe liiert sind: Sie drängten die Brüder, sich endlich auszusöhnen Schließlich betätigte sich auch noch Bundeswirtschaftsminister Erhard als Parlamentär zwischen dem Kölner und dem Zürcher Gerling -Hauptquartier.
Diese Friedensoffensive trieb die Brüder an den Verhandlungstisch. Vor nicht allzulanger Zeit schlossen sie einen Vergleich, in dessen Schlußparagraphen vermerkt wurde, daß alle Unterzeichneten sich verpflichten, strengstes Stillschweigen über die Details des Vergleichs zu bewahren. Indes, soviel sickerte doch durch die Isolierwände des Gerling-Konzerns: Robert erklärte sich bereit, auf die angestammten Rechte der Erstgeburt zu verzichten, wenn man ihn angemessen abfände
Die Brüder hatten ihm schon vor geraumer Weile zehn Millionen Mark Abfindung und die Abtretung des Auslandsversicherungsgeschäfts angeboten; diese Offerte war aber für Robert undiskutabel. Erst als die Brüder, sich bereit erklärten, rund 30 Millionen Mark zu zahlen, wurde der Vergleich perfekt. Den größten Teil des Geldes hat Robert Gerling bereits einkassiert, die Restschuld soll in acht Jahresraten getilgt werden
Die sieben deutschen Gesellschaften des Gerling-Konzerns gehören jetzt den beiden nachgeborenen Söhnen des Gründers: dem Dr. Hans Gerling, der den Vorsitz des Vorstandes übernahm, und dem jüngsten Bruder Walter, dem Stellvertreter des Vorsitzenden Robert Gerling hingegen beschränkt sich auf das Auslandsgeschäft, die Universale-Rückversicherungs-AG in Zürich und auf die beiden amerikanischen Gesellschaften
Kommentierte das Stammhaus kürzlich die Siegerstimmung der Herren Hans und Walter Gerling. "Der Robert betritt Deutschland nicht mehr."

DER SPIEGEL 17/1958
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