30.04.1958

DIPLOMATENDer Bonner Ton

Unmittelbar vor ihrer Pensionierung griff die "Etikette"-Autorin und Vortragende Legationsrätin im Auswärtigen Amt, Erica Pappritz, 64, noch einmal in Sachen des guten Tons zur Feder und konstatierte - unter dem Briefkopf "Stellvertretender Chef des Protokolls" - als letzte Amtshandlung, daß sich ein deutscher Staatsbürger tunlichst brav zu verhalten habe, wenn er von dem akkreditierten Vertreter eines befreundeten Staates in Westdeutschland auf den Leim geführt wird.
Wenn es nach der Pappritz und nach Heinrich von Brentanos Außenamt geht, dann wird jeder Deutsche, der einem fremden Diplomaten ein Haus vermietet, ohne auf Sicherheitsleistung wegen Beschädigung zu bestehen, sich künftig fragen müssen, ob er damit nicht ein allzu großes Risiko eingeht.
Das Auswärtige Amt hat jedenfalls zu verstehen gegeben, daß es in einem solchen Fall nicht unbedingt bereit ist, dem deutschen Bürger beizustehen und ihn in seinem Streit mit den ausländischen Vertretern zu unterstützen.
Es war im Jahre 1954, als die Regierung der Republik (Süd-) Korea beschloß, diplomatische Fühler nach der Bundesrepublik auszustrecken und den damals 55jährigen Dr. Hanho Rhi zum Generalkonsul zu bestellen. Der Koreaner, der sich rühmt, dem koreanischen Staatspräsidenten Syngman Rhee verwandtschaftlich verbunden zu sein, hatte bis dahin im schweizerischen Appenzell Parfüms und Fleckenwasser mit wohlklingenden morgenländischen Namen produziert. Besser noch als in der Riechstoff-Branche war der athletisch gebaute Rhi jedoch unter den Anhängern des Judo-Sports bekannt: Er hatte es in dieser ostasiatischen Leibesübung schlechthin zur Vollendung gebracht und trug zum Zeichen dessen den Ehrengürtel des siebenten Dan, der höchsten Judo-Meisterwürde.
Dieser Judo-Meister und Dekan des sogenannten Dan-Kollegiums in der Schweiz erschien mit seiner Schweizer Frau Margrit, geborene Mökli, einem klapprigen Citroen und dem für Diplomatenwohnungen zuständigen Vertreter des Bundesministers für Wohnungsbau, dem ehemaligen Gendarmerie-Obersten Oehmler, auf Empfehlung des Auswärtigen Amtes in Remagen bei Bonn, um für die koreanische Vertretung eine Residenz zu mieten. Von Anfang an hatte es ihm die idyllisch gelegene Zehn-Zimmer-Villa "Haus auf Leims" angetan, die der Godesberger Ehefrau Lore Kollbach, geborene Felsch, 51, gehört.
Der alte Judo-Kämpe mit dem druckfeuchten Diplomatenpaß mietete denn auch diese Villa, die nach dem Kriege für den Flügeladjutanten des französischen Hohen Kommissars requiriert gewesen war, für monatlich tausend Mark teilmöbliert als Domizil des südkoreanischen Generalkonsulats.
Hanho Rhi schloß den Mietvertrag auf die Dauer von zehn Jahren ab. Hinzugefügt war eine, sogenannte Diplomatenklausel, wonach der Mieter vorzeitig kündigen dürfe, falls die Bundesregierung ihren Sitz verlegt.
Der koreanische Generalkonsul brachte es alsbald zustande, das Generalkonsulat ohne Wissen seiner Regierung von der Bundesrepublik als "Handelsvertretung der Republik Korea" bestätigen zu lassen, und der offiziöse Bonner "Diplomatische Kurier" feierte den koreanischen Repräsentanten in einem umfangreichen Interview. Als Autor des Interviews mit Hanho Rhiwar in dem exklusiven Blatt der Bonner Hautevolee "H. Davids" angegeben, Rhis Sekretärin und enge Vertraute Hannelore Davids, 29, die später einen dänischen Handelsattaché in Bonn heiratete.
Nach zwei Jahren endete die diplomatische Karriere des Koreaners ebenso unvermittelt, wie sie begonnen hatte: Die koreanische Regierung beanstandete die Geschäftsführung ihres Bonner Repräsentanten, der es inzwischen zu einem fabrikneuen BMW gebracht hatte. Hanho Rhi zog es im Juli 1956 vor, in die Schweiz zurückzukehren.
Er kündigte den auf zehn Jahre abgeschlossenen Mietvertrag für sein Generalkonsulat mit der Begründung, die koreanische Regierung habe die Verlegung der Vertretung nach Hamburg angeordnet, was freilich nicht zutraf.
Rhis Amtsnachfolger, Vizekonsul Dai Young Park, amtierte noch einige Wochen in dem Remagener Klein-Korea, dann wurde die Dienststelle verlegt, aber nicht nach Hamburg, sondern nach Köln. Von dieser Verlegung erfuhr die Hauseigentümerin durch den Anruf einer Sekretärin der koreanischen Vertretung. Zwei Monate danach wurde das unbeaufsichtigte Grundstück der Besitzerin zurückgegeben.
Drei Monate lang, bis zum 1. Januar 1957, stand das Haus leer. Dann gelang es der Besitzerin, gegen eine Maklerprovision von 1200 Mark einen neuen Mieter für ein Jahr zu finden. Zuvor hatte sie erhebliche Mittel aufwenden müssen, um das Haus zu renovieren und von den Spuren der koreanischen Tätigkeit zu befreien. Seit Anfang 1958 ist die Villa wieder unbewohnt.
Von der koreanischen Regierung, mit deren Bonner Repräsentanten Rhi sie den Vertrag abgeschlossen hatte, erhielt die Besitzerin Kollbach weder den Mietausfall für die drei Monate bis Januar 1957 noch die Maklerprovision, noch die Kosten der Instandsetzungsarbeiten" geschweige denn eine Abfindung für den Mietausfall der ausstehenden sieben Jahre.
Dabei war die Rechtslage eindeutig: Der Mietvertrag für das Generalkonsulat war auf zehn Jahre abgeschlossen worden, ohne daß der vereinbarte Kündigungsgrund - Sitzverlegung der Bundesregierung - eingetreten war. So erkannte denn auch Hanho Rhis Nachfolger, Vizekonsul Dai Young Park, zunächst die Forderungen der Hauseigentümerin im Grunde an und fand sich zu Verhandlungen bereit.
Sehr viel reservierter jedoch verhielt sich das Bonner Außenamt, dem die Hauseigentümerin den Fall unterbreitet hatte. Das Amt erklärte schlicht, die koreanischie Regierung sei aus dem Vertrage ihres Repräsentanten Rhi in keiner Weise verpflichtet, weil es sich um einen rein privaten Vertrag zwischen den Eheleuten Kollbach und dem Ehepaar Rhi gehandelt habe. Die Hauseigentümerin, so riet das Auswärtige Amt, möge sich deshalb an den - aus dem koreanischen Staatsdienst entlassenen - Judomeister Hanho Rhi in der Schweiz wenden.
Das Auswärtige Amt entzog sich der Mühe, bei den Koreanern zu intervenieren, obwohl es dazu durchaus berechtigt gewesen, wäre. Nach internationalem Brauch werden diplomatische Missetäter zunächst zu einer persönlichen Vorsprache ins Auswärtige Amt gebeten. Bleibt dieser Schritt ohne Erfolg, dann richtet das Amt in der Rekel eine Verbalnote an die Botschaft. Als weiterer Weg bleibt für den Chef des Bonner Protokolls die Möglichkeit, den ausländischen Botschafter um seinen Besuch zu bitten. Schließlich kann das Auswärtige Amt seine Vertretung im Ausland beauftragen, im Außenministerium des betreffenden Staates zu intervenieren.
Statt dessen schob das Auswärtige Amt die Akte Hanho Rhi mit der Feststellung ab, die Hausbesitzerin Kollbach habe mit koreanischen Privatleuten kontrahiert und möge deshalb diese Privatleute im Ausland verklagen. Die Schriftgelehrten des Auswärtigen Amtes degradierten die Abmachungen mit dem Generalkonsul Hanho Rhi zu einem privaten Mietvertrag, obwohl
- das Auswärtige Amt und das Bundesministerium für Wohnungsbau den Hanho Rhi als Generalkonsul der Republik Korea in die Kollbach-Villa eingewiesen hatten,
- Hanho Rhi mit einem Diplomatenpaß ausgestattet war,
- sieben von den zehn Zimmern der Kollbach-Villa von Hanho Rhi und seinem-Personal als Diensträume der koreanischen Vertretung benutzt wurden und
- auch Hanho Rhis Nachfolger noch einige
Zeit nach dem Verschwinden des Judo-Matadors dienstlich in der Villa residiert hatte.
Die im Umgang mit ostasiatischen Diplomaten zunächst unerfahrene Hausbesitzerin hatte allerdings den Mietkontrakt nach dem Muster des deutschen Einheits-Mietvertrages auch von Rhis Ehefrau unterzeichnen lassen, was das Auswärtige Amt in Bonn so auslegte, als sei das koreanische Generalkonsulat lediglich ein Flitterwöchnerheim gewesen.
In welchem Maße das Außenamt mit seiner Meinung allein steht, hat die Kreissparkasse Bonn dargetan, an die Frau Kollbach die Mieteinnahmen aus der koreanischen Residenz als Sicherung abgetreten hatte.
Schrieb die Kreissparkasse noch Mitte vorigen Jahres, als das Auswärtige Amt den Mietvertrag schon als private Abmachung deklassiert hatte: "Wir ... bestätigen, daß wir selbst an der Zahlungsverpflichtung der Handelsvertretung der Republik Korea, Bonn, Ihnen als Vermieter gegenüber nie gezweifelt haben... Hätten wir Zweifel an der Rechtmäßigkeit Ihrer Forderung gehabt, so hätten wir eine Hereinnahme dieser Zession von vornherein abgelehnt."
Möglicherweise wäre zwischen Frau Kollbach und den Koreanern ein Vergleich zustandegekommen, wenn das Auswärtige Amt seine absonderliche Rechtsansicht wenigstens für sich behalten hätte. Statt dessen teilte es diese Ansicht den Koreanern mit und empfahl ihnen, den Rechtsanwalt Dr. Leinen zu Rate zu ziehen.
Zwar ist es unstatthaft, daß eine Behörde einen Rechtsanwalt namentlich empfiehlt, aber Dr. Leinen, der am Kölner Oberlandesgericht arbeitet, ist ein Duzfreund des Brentano-Referenten Peter Limbourg.
Wie vorherzusehen war, machte Rechtsanwalt Dr. Leinen sich die Auffassung des Außenamtes zu eigen, und der bis dahin zahlungswillige koreanische, Konsul Park lehnte nunmehr jede weitere Verhandlung mit Frau Kollbach ab.
Frau Kollbach ist dadurch an den Rand des finanziellen Ruins gebracht: Die Kreissparkasse Bonn hat nach langem Warten auf einen Vergleich mit den Koreanern das ehemalige koreanische Generalkonsulat wegen des Ausbleibens der Miete unter Zwangsverwaltung gestellt.
Statt für die Hausbesitzerin bei den Koreanern zu intervenieren, erklärte das Auswärtige Amt Ende März durch die Feder der Erica Pappritz: "Im Rechtsstreit Kollbach gegen Dr. Rhi (handelt es sich) um eine privatrechtliche Angelegenheit, bei dem das Auswärtige Amt keinerlei Zwangsmittel gegen die beteiligten Parteien besitzt. Aus diesem Grunde sind leider auch die vielfachen Bemühungen des- Auswärtigen Amtes, die es in (Ihrem) Interesse unternommen hat, ohne Erfolg geblieben."
Koreanischer Diplomat Rhi
Flitterwöchner oder Generalkonsul?

DER SPIEGEL 18/1958
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