07.05.1958

DICHTER / POUND

Verse im Käfig

(siehe Titelbild)

"Das Kapital und die Banken habe ich niemals gutgeheißen", erläutert - in einem Gedicht von Ezra Pound - John Adams (1735-1826), der Nachfolger George Washingtons und zweite Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. "Ich mißbillige das gesamte Banksystem. Aber der Versuch, es im derzeitigen Weltzustand abzuschaffen, wäre nicht weniger romantisch als irgendein Abenteuer aus Oberon oder Don Quixote. Jede Diskontbank ist glatter Betrug, Besteuerung der Öffentlichkeit zum privaten Nutzen einzelner. Und wenn ich sagte: dies ist mein Vermächtnis, so würde das amerikanische Volk verkünden, ich sei geistesgestört gestorben."

Die Vorsicht, die der jetzt 72jährige amerikanische Lyriker Pound in seinem Gedicht dem Präsidenten immerhin konzediert, wünschte er für die eigene Person nicht in Anspruch zu nehmen. Sein Zorn auf die Struktur der Geldwirtschaft in den Vereinigten Staaten und seine Überzeugung, die Banken seien schuld an nahezu allem Elend dieser Welt, trieben ihn dazu, als ein Don Quixote in einen aussichtslosen Kampf zu ziehen.

Dieser Kampf schlug - wie bei dem berühmten Romanhelden von Cervantes - allzubald vom Lächerlichen ins Tragische um: Im zweiten Weltkrieg unterstützte Pound von seinem Riviera-Domizil Rapallo aus in Rundfunkansprachen propagandistisch den Kampf der Achsenmächte gegen sein Vaterland - hauptsächlich deswegen, weil die Staatsbanken des Duce eine andere Finanzpolitik trieben als die amerikanischen. Und was in Pounds Gedicht der amerikanische Präsident Adams für sich befürchtet hatte, geschah nun an Ezra Pound: das amerikanische Volk hielt ihn für geistesgestört.

Da nach amerikanischem Recht - wie in den meisten anderen Rechtsstaaten auch - kein Mann einer Gerichtsverhandlung unterworfen werden darf, der nicht in der Lage ist, der Anklage geistig zu folgen und mit Unterstützung seines Anwalts seine Verteidigung zu führen, hat die Überzeugung der Amerikaner, einer ihrer prominentesten Dichter sei verrückt, dem nach Kriegsende gefangenen Ezra Pound möglicherweise das Leben gerettet. Das Verfahren wegen Landesverrats, das vom Bundesgericht in Washington bereits 1943 gegen Pound eingeleitet worden war, konnte niemals stattfinden.

Nach zwölf Jahren, die er im St. Elizabeth's Hospital zubringen mußte, einer am Rande Washingtons liegenden Anstalt für nervenkranke Sträflinge, ist Pound vor wenigen Tagen wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Die Ärzte kamen zu dem Schluß, es sei nicht nachzuweisen, daß Pound während der Zeit uneingeschränkt zurechnungsfähig gewesen sei, zu der er über den italienischen Rundfunk etwa amerikanische Soldaten aufforderte, den Kampf einzustellen.

Auf dieses Gutachten hin konnte das Bundesgericht in Washington endlich die Akten über Pound schließen. Ezra Pound - der englische Literatur-Nobelpreisträger Thomas Stearns Eliot urteilt über ihn: "Keiner der Lebenden kann so schreiben wie er, und wie viele vermag man wohl zu nennen, die halb so gut schreiben können?" - will wieder nach Italien zurückkehren, von wo aus vor zwei Jahren einer der kräftigsten Versuche gemacht worden war, seine Freilassung herbeizuführen: Der katholische Publizist Giovanni Papini hatte im Mailänder "Corriere della Sera" einen Offenen Brief an die amerikanische Botschafterin in Rom, Claire Boothe Luce, veröffentlicht, der mit den Worten schloß: "Im Namen der Dichter und aller Menschen mit Herz in Italien wende ich mich an die Gentlelady, die in Rom die große amerikanische Union vertritt. Claire Luce ist, durch die Gnade Gottes, eine Christin, eine Künstlerin und eine Dichterin, und daher wird sie in der Lage sein, angemessenere und ergreifendere Worte zu finden, um unsere Gefühle und unser Bitten in Washington verstanden werden zu lassen."

Weniger pathetisch, aber sicher nicht weniger wirkungsvoll hatte auch ein Träger des Nobelpreises für Literatur, der Schriftsteller Ernest Hemingway, für Pound plädiert. Der militante Antifaschist Hemingway, hochgeschätzter Kraftprotz unter den amerikanischen Autoren, schrieb aus Anlaß von Pounds 71. Geburtstag: "Was ich für Pound tun möchte, ist: ihn aus dem verdammten St. Elizabeth's (Hospital) herauszukriegen. Ich möchte ihm einen Paß verschafft sehen und die Erlaubnis, nach Italien zurückzufahren, wo er als Dichter gerecht eingeschätzt wird."

"Ich glaube", bekannte Hemingway, "daß er im Krieg böse Fehler gemacht hat, als er weiter für diesen Schuft Mussolini Rundfunkansprachen hielt, nachdem wir gegen den Mann angetreten waren. Aber ich glaube auch, daß er für diese Fehler voll bezahlt hat ... durch seine grausame und unübliche Bestrafung."

Hemingway findet: "Ein Dichter, der in diesem Jahrhundert oder in den zehn Jahren vorher geboren wurde und von sich behaupten kann, daß er vom Werk Ezra Pounds nicht beeinflußt wurde, verdient eher unser Mitleid als unseren Tadel." Tatsächlich zählt Pound zu den wichtigsten Schlüsselfiguren für die Entwicklung der modernen Literatur in der gesamten Welt. Er hat eine Generation von Schriftstellern nicht nur stilistisch beeinflußt, sondern auch deren prominenteste Vertreter praktisch unterstützt.

Pound hat etwa dem Iren James Joyce (SPIEGEL 17/1958), dessen Werk die Technik des Romans revolutionierte, dazu verholfen, daß dessen autobiographische Studie "Porträt des Künstlers als eines jungen Mannes" verlegt werden konnte; er hat den ersten Gedichtband des späteren Literatur-Nobelpreisträgers Eliot veröffentlichen lassen und dessen zweiten Band redigiert - und dabei mehr als die Hälfte des Textes herausgestrichen. Er hat dem indischen Dichter Rabindranath Tagore, der 1913 den Literatur-Nobelpreis erhielt, zur Drucklegung von dessen Werk verholfen, und er hat die ersten Manuskripte von Hemingway - Nobelpreisträger des Jahres 1954 - durch dicke Striche mit grüner Tinte druckbar gemacht. Der Einfluß, den Pound auf die englische Literatur dieses Jahrhunderts nahm, übertrifft nach Ansicht einiger Experten den jedes anderen lebenden Autors.

Seinem Geburtsdatum nach führt Pound eine Generation an, aus der die am meisten geschätzten Lyriker der Gegenwart stammen. Es wurden geboren:

▶ 1885 Ezra Loomis Pound;

▶ 1886 Gottfried Benn;

▶ 1887 der unter dem Pseudonym Saint-John Perse schreibende französische Diplomat Alexis Léger (SPIEGEL 37/1957);

▶ 1888 Thomas Stearns Eliot;

▶ 1889 die chilenische Lyrikerin Gabriela Mistral (Pseudonym für Lucila Godoy Aleayaga), Nobelpreis 1945.

Unter ihnen ist Pound der einzige, der sich - gemäß seiner programmatischen Forderung, daß Dichten ein Hauptberuf sein müsse - keinem Broterwerb im bürgerlichen Sinne zuwandte: Benn war Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Berlin-Schöneberg, Saint-John Perse stand im diplomatischen Dienst, Eliot ist Mitinhaber eines florierenden Londoner Verlagshauses, die Mistral war Lehrerin.

Pound dagegen hat niemals einen Vorgesetzten gehabt, keine Dienstvorschriften befolgen müssen, sich von niemandem in seine Angelegenheiten hineinreden lassen.

Möglicherweise sind sein entschiedener Sinn für zumindest seine eigene persönliche Freiheit, aber auch sein Urhaß auf die Bankwirtschaft darauf zurückzuführen, daß Pound zur letzten Generation der Amerikaner gehört, die den Pionierdrang nach Westen zwar nicht mehr selber verspürt, aber doch noch miterlebt haben: Pound ist in Hailey zur Welt gekommen, in einem Gebirgsstädtchen des in der Nordwestecke der USA liegenden Staates Idaho, der erst 1890 - fünf Jahre nach Ezras Geburt - als Bundesstaat in den Verband der Vereinigten Staaten aufgenommen wurde.

In diesem Staat aber war einer der Hauptstützpunkte jener dem alten Pioniergeist verschworenen "People's Party" (Partei des Volkes), in der sich religiöse, rustikale und antikapitalistische Strömungen zu einer Art von Sozialprogramm formulierten. Die Partei, mit der auch die Nachfahren der im 17. Jahrhundert aus England eingewanderten Pounds sympathisierten, forderte eine Verkürzung der Arbeitszeit, Verstaatlichung der Eisenbahnen und strikte Reformen des Geldwesens. "Noch die Goldgräbertage von 1860 vor Augen", so charakterisierte der Chefredakteur der "Deutschen Rundschau", Harry Pross, die Anhänger dieser Bewegung, "sahen besonders die von der permanenten Krise der Landwirtschaft betroffenen Westler im Geld den leibhaftigen Gottseibeiuns," Nach einigen Jahren zogen die Eltern Pounds allerdings in den östlich gelegenen Staat Pennsylvania um, und Ezra bezog als Fünfzehnjähriger - also drei Jahre früher als üblich - die Pennsylvania-Universität und später das Hamilton College: ein Jüngling mit wilden, roten Haaren und katzengrünen Augen, der es sich leisten konnte, den akademischen Lehrbetrieb zu verachten, weil ihn seine außerordentliche Begabung für Sprachen vor den meisten seiner Kommilitonen hinlänglich auszeichnete.

Bereits als Zwanzigjähriger erhielt Pound einen Lehrauftrag für romanische Sprachen, ein Jahr später erwarb er den Titel eines "Master of Arts", der in Deutschland etwa dem Dr. phil. entspricht, also dem von den Philosophischen Fakultäten der Universitäten verliehenen Doktortitel. Pound unternahm eine kurze Studienreise nach Europa; nach der Rückkehr wurde, er - nun 22jährig - Dozent an einem College im Staate Indiana.

Ein amerikanischer Redakteur, dem der junge Dozent seine ersten poetischen Arbeitsproben vorlegte, erinnert sich daran, daß Pound in ungewöhnlichem Aufzug erschien: Er trug ungleiche Schuhe in den Farben hellbraun und blau, dazu einen Strohhut mit rot gepunktetem Band, und einen Anzug aus gelbem und purpurrotem Stoff. Der Eindruck, den Pound hinterließ, war dennoch derart positiv, daß sich der Redakteur notierte: "Ich mochte beide gern, den Dichter und seine Verse."

Nicht so günstig wurde Pounds Auftreten von seinen Fachkollegen am Wabash College, Indiana, beurteilt, die ihn nach vier Monaten Lehrtätigkeit an die Luft setzten, weil er ein Mädchen aufgelesen hatte und in seinem College-eigenen Zimmer wohnen ließ. Mit seinem Lebensstil, eröffneten sie ihm, passe er eher in das Pariser Universitätsviertel Quartier Latin als an ihr ehrwürdiges Institut. So fand die Universitätslaufbahn des Zweiundzwanzigjährigen ihr frühes Ende. Pound revanchierte sich für seine Entlassung, indem er die amerikanischen Universitäten, die er für dringend reformbedürftig hielt, "Einrichtungen zur Verhinderung des Wissens" nannte.

Er reiste nach Europa, zunächst mit dem erklärten Ziel, Material für eine wissenschaftliche Arbeit über den spanischen Dichter Lope de Vega zu sammeln, wahrscheinlich aber mit jener Sehnsucht nach der kulturgeschwängerten Vergangenheit Europas im Herzen, die später noch so viele begabte Amerikaner nach Europa getrieben hat: etwa die Schriftsteller Thomas Wolfe ("Schau heimwärts, Engel"), Francis Scott Fitzgerald ("Zärtlich ist die Nacht"), Ernest Hemingway und den im amerikanischen St. Louis geborenen Eliot, der später die englische Staatsangehörigkeit erwarb.

Pound war bei seinem Aufbruch nach Europa im Jahre 1908 ziemlich mittellos; er benutzte für seine Überfahrt nach Gibraltar einen Viehtransporter und schlug sich von dort aus - über weite Strecken zu Fuß - bis nach Venedig durch. In Venedig veröffentlichte er drei Monate nach seiner Ankunft einen ersten Gedichtband als Privatdruck. Sein Freund Hayden Carruth kommentiert heute: "Hätte er sich als junger amerikanischer Dichter einen weniger geeigneten Ort aussuchen wollen, um mit einem Erstling an die Öffentlichkeit zu treten, so hätte seine Wahl nur noch auf Timbuktu fallen können."

1909 ging Pound nach London, veröffentlichte im gleichen Jahr drei weitere Gedichtbände und sah sich mit seiner Sehnsucht nach europäischer Tradition plötzlich einer allgemeinen Bewegung in der europäischen Literatur konfrontiert, der die eigene - zumindest jüngste - Literatur-Tradition suspekt geworden war.

In Paris entwarf Guillaume Apollinaire (1880-1918) - sein bürgerlicher Name war Wilhelm Apollinaris de Kostrowitzky - das Revolutionsprogramm einer neuen Lyrik und proklamierte die Forderung nach dem "synthetischen Gedicht", das poetischer Treffpunkt aller Erscheinungsformen der Wirklichkeit werden sollte. In einem seiner seitenlangen Gedichte findet sich etwa der Vers: "Hirte, o Eiffelturm, die Herde der Brücken blökt heute morgen." Der Eiffelturm, der sich breitbeinig über Paris erhebt, wird hier als Hirte gesehen, der die Seinebrücken, seine Schafe, durch den Dunst des Morgens vor sich hintreibt. Die Geräusche der Stadt setzt der Dichter kühn mit jenen gleich, die bei Schafen zu hören sind. Apollinaire erzielt mit solchen Manipulationen mehr als nur einen Überraschungseffekt: Die ins lyrische Bild verzauberte Realität gewinnt den Reiz einer unmittelbaren Anschaulichkeit.

In Deutschland, auf einem Balkon über den Dächern von Berlin, schrieb der 1887 geborene Lyriker Georg Heym seine Gedichte, mit denen er gegen die Tradition und den herrschenden Geschmack zu protestieren wünschte. Heym, der 1912 im Alter von 25 Jahren ertrank, als er einem im Eis eingebrochenen Freund zu Hilfe kommen wollte, hat in einer Tagebuchnotiz seine lyrischen Versuche gegen das Werk seiner Vorgänger mit der Bemerkung abgegrenzt: "Zu einer Zeit, wo der schwache Kadaver eines Stefan George und das überschminkte Frauenzimmer Maria Rilke auf dem nächtlichen Parnaß vor erstauntem Monde grünliches Marionettenspiel aufführen..., wage ich mich mit einem kleinen Buch hervor."

Die Verse, mit denen er sich hervorwagte, klangen in der Tat nicht weniger kühn als die Apollinaires. Heym dichtete etwa die Zeile: "Des Tages roter Rost bedeckt den Westen." Dieser Vers entwirft ein Bild der Abendröte, ohne die Worte "Abend", "Sonnenuntergang" oder "Dämmerung" zu Hilfe zu nehmen. Stattdessen wird das Produkt eines chemischen Prozesses (Rost) zur Veranschaulichung einer bestimmten Phase eines physikalischen Vorgangs (Abendrot) benutzt.

In London hatte sich um den jungen Philosophen und Kritiker Thomas Ernest Hulme eine Gruppe von Literaten gebildet, deren Ziel es war, die englische Literatur von den Süßlichkeiten aus Viktorianischer Zeit zu befreien. Hulme, der später im ersten Weltkrieg fiel - auch Apollinaire starb 1918 indirekt an den Folgen einer schweren Kriegsverletzung - verlangte von der Lyrik Präzision und Schärfe. "Der spezielle Vers, den wir anstreben", formulierte er, "wird heiter sein, trocken und anspruchsvoll."

Mit Hulme, Richard Aldington - er machte 1955 von sich reden, als er in einer Veröffentlichung den Mythos des englischen Idols Thomas Edward Lawrence zerstörte -, mit Hilda Doolittle, der ehemaligen Frau Aldingtons, die nur unter den Buchstaben "H. D." veröffentlicht, und mit anderen jungen Literaten gemeinsam machte sich Ezra Pound vor dem ersten Weltkrieg daran, den überkommenen Seelenton in der Lyrik zu demolieren und - wie Pound es nannte - "notwendige Wirbelstürme" zu verursachen. Pound beteiligte sich nacheinander an zwei literarischen Richtungen, dem "Imagismus" (abgeleitet aus dem lateinischen Wort imago = Bild) und dem Vortizismus" (abgeleitet von dem lateinischen Wort "vortex" = Wirbel). Ziel dieser Bestrebungen war, in der Kunst Platz für eine freiere, kräftigere und genauere Sprache zu schaffen.

1912 wurde Pound redaktioneller Mitarbeiter der im selben Jahr in Chikago gegründeten Zeitschrift "Poetry" und sah sich endlich in die Lage versetzt, die Talente, die er in seiner Umgebung entdeckt hatte, mit aller Kraft zu fördern. Eliot, den Pound 1915 kennenlernte und dem er sofort zur Veröffentlichung der Gedichte verhalf, für die der spätere Nobelpreisträger seit Jahren vergebens einen Verleger gesucht hatte, beschreibt seinen Mäzen, den zu dieser Zeit 30jährigen Pound, dessen "Tatkraft schwer von Zappelei zu unterscheiden" gewesen sei:

"Ezra Pound wohnte damals in einer kleinen Wohnung in Kensington. Im größeren Zimmer kochte er bei künstlicher Beleuchtung; in dem hellsten, aber auch kleinsten Raum, der lästigerweise dreieckig war, arbeitete er und empfing seine Gäste...

"Er spielte gern den Impresario für jüngere Männer und die treibende Kraft des künstlerischen Lebens jeder Umgebung, in der er sich gerade befand. In dieser Eigenschaft kannten seine Güte und sein Großmut keine Grenzen, angefangen von ständigen Dinner-Einladungen an mittellose Autoren, die er im Verdacht hatte, unterernährt zu sein, oder dem Verschenken seiner Kleider - wenn auch seine Schuhe und seine Unterwäsche fast die einzigen Kleidungsstücke waren, die den Kleidern anderer Leute genug ähnlich sahen, um tragbar zu sein - bis zu dem Bemühen, Stellungen zu finden, Subventionen aufzutreiben, Werke erst veröffentlichen, dann kritisieren oder loben zu lassen. Ja, er war bereit, jemandem, dessen Arbeiten ihn interessierten, das ganze Leben zu planen - ein Maß der Anleitung, das nicht alle Begünstigten verdienten und das manchmal in Verlegenheit setzte..." Eliot findet: "Pound war nämlich ein herrischer Unterweiser. Er hatte von jeher eine Leidenschaft zu lehren."

Die Ratschläge, die Pound den von ihm geförderten Autoren erteilte, hatten allerdings keinerlei Ähnlichkeit mit dem l'art pour-l'art-Standpunkt, der anderen modischen Kunstrichtungen zuweilen anhaftete. Pound plädierte zum Beispiel dafür, das Handwerkliche ernst zu nehmen, er verlangte, "daß die Werkzeuge sauber gehalten werden... Ohne das Wort kann der Einzelne nicht denken und seine Gedanken mitteilen und kann der Herrscher oder Gesetzgeber nicht wirkungsvoll handeln oder seine Gesetze entwerfen, und die Festigkeit und Gültigkeit dieses Wortes liegt in der Hand der verdammten und verachteten litterati (Schriftsteller). Wenn ihr Werk verfällt, das heißt, weich und ungenau wird oder übertrieben und aufgeblasen, kommt die ganze Maschinerie des gesellschaftlichen und individuellen Denkens und Zusammenlebens auf den Hund."

Bei anderer Gelegenheit empfahl Pound den jüngeren Autoren: "Laß dich von so vielen großen Künstlern beeinflussen, wie immer du magst, aber sei so anständig, den Einfluß zuzugeben, oder versuche, ihn nicht offen hervortreten zu lassen." Bei seiner eigenen Produktion hat Pound denn auch nie verleugnet, auf welchen Einfluß sie etwa zurückzuführen sei: Pound schätzte und studierte die mittelalterlichen Troubadoure und Vagantendichter. Wie später Bertolt Brecht in seiner Gedichtsammlung "Hauspostille" imitierte Pound in seinen frühen Versen die deftigen und verwegenen Balladenstrophen dieser Sänger:

Seh ich die Banner blau, gold, purpurn widerstreiten,
und färbt sich dann die Walstatt drunter blutrot,
dann heult hellauf mein Herz in wildem Jubel

Einige Zeit später hat sich Pound allerdings von menschlichen Hochgefühlen solcher Art mit einiger Entschiedenheit wieder distanziert und sich eine mehr philosophische Distanz zum Ewig-Menschlichen zu eigen gemacht. Ein Gedicht, das er "Meditatio" - zu deutsch: Betrachtung - nannte, lautet:

Betrachte ich die Umgangsform des Hundes,
Komm ich zwangsläufig zu dem Schluß,
daß der Mensch das höh're Tier ist
Betrachte ich die Umgangsform des Menschen,
gesteh ich, Freund, ich werde ganz konfus.

Noch später dichtete Pound*:

Bah! Ich besang die Weiber dreier Städte,
doch es ist einerlei,
und nun besing ich die Sonne

William Butler Yeats, der irische Lyriker und Nobelpreisträger des Jahres 1923, notierte in den Londoner Jahren über seinen Kollegen: "Er ist voll von Mittelalter." Die Vergangenheits-Bezogenheit des literarischen Avantgardisten Pound mag Anlaß dazu gegeben haben, daß ihm noch in London eine besonders heikle Aufgabe angetragen wurde. Die Witwe des Ostasienforschers, Ernest Francisco Fenollosa, der von 1853 bis 1908 lebte und ein Standardwerk über die Kunst der Chinesen und Japaner geschrieben hat, vertraute Pound 1913 die Herausgabe des Nachlasses ihres Mannes an, obwohl Pound sich bis dahin nicht mit fernöstlichen Fragen beschäftigt hatte. Pound aber, der ohnehin die Weltliteratur auf Anregungen und Vorbilder hin durchforschte, machte auf diese Weise Bekanntschaft mit chinesischer Lyrik, die von nun an deutlich auf seine eigene Produktion abfärbte.

Zwei Jahre nach der Übernahme der Papiere des verstorbenen Wissenschaftlers veröffentlichte Pound unter eigenem Namen ein Buch mit Nachdichtungen chinesischer Lyrik, dem er den Titel "Cathay" (eine altertümelnde Bezeichnung für China) gab. Erst im Vorspruch heißt es: "Aus den Notizen des verstorbenen Ernest Fenollosa".

Falsch übersetzt, richtig gedichtet

Als eigenständige Dichtung wirkten Pounds Produkte aufsehenerregend; Kenner der chinesischen Literatur fanden jedoch schnell heraus, daß Pounds Leistung als Übersetzer recht kläglich war.

Vier Jahre später edierte Pound aus Fenollosas Nachlaß einen Essay über chinesische Schriftzeichen, der den diesmal als Autor genannten Forscher bei einigen seiner Kollegen um den Ruf brachte, die Sprache der Chinesen gekannt zu haben. Denn der Aufsatz entwickelt eine Theorie, deren Anwendung es unmöglich macht, chinesische Texte richtig zu übersetzen. Alle Übertragungen chinesischer Texte, an die Pound sich in den letzten Jahrzehnten auf eigene Faust wagte - sie ergeben zusammen mehrere Bände - sind nach dem Rezept dieser Theorie angefertigt.

Als englische Gedichte wurden Pounds Übertragungen fremdsprachlicher Lyrik von manchen Kritikern allerdings über Pounds eigene Versgebilde gestellt. Ein Freund des Dichters begründet dieses Urteil mit den Worten: "Auf sich selbst gestellt, scheint er (Pound) weder Überzeugungen noch Augen im Kopf zu haben..., kann er aber in die Haut eines anderen schlüpfen, eines Mächtigen und Berühmten, so wird er auf der Stelle ein Löwe oder ein Luchs."

Pounds Verteidiger können gegenüber den nörgelnden Sinologen allerdings geltend machen, daß Pound eine spezielle Meinung zur Frage der Übersetzung von Dichtungen hat. "Pound ist der Ansicht", so formulierte es ein früherer "Poetry"-Redakteur, Hayden Carruth, "daß des Dichters Pflicht nicht in der wörtlichen Wiedergabe des Originals besteht - eine Aufgabe, die jeder Übersetzer auszuführen vermag -, sondern in der Neuschöpfung eines Gedichts in moderner Form, die dem poetischen Gegenstand des Originals gerecht wird."

Nach dieser Methode hat Pound allerdings mit verbissenem Fleiß gearbeitet. Er übertrug - unter anderem - Werke der antiken Dichter Homer, Sophokles, Catull und Properz, Verse des Troubadours Bertrande Born und des Landstreichers François Villon, außerdem Werke von Heinrich Heine, Leopardi und Konfuzius.

Pounds Interesse an fremden Literaturprodukten, das sich aus solcherart breiter Übersetzeraktivität ablesen läßt, hatte offenbar bald an einer Nation seine Grenze gefunden. "Das einzige, was man mit einem Engländer tun kann", formulierte Pound nach elfjährigem Aufenthalt auf den britischen Inseln, "ist: ihm in die Fresse schlagen." Bei dieser Einstellung gegenüber den Engländern, die Pounds extravagante Aufmachung stets mit kühlem Befremden beobachtet hatten, war es nur folgerichtig, daß der Dichter, nachdem er die englische Literatur in Bewegung gebracht hatte, in ein anderes Land übersiedelte. Im Jahre 1920 zog er nach Paris um.

Der englische Schriftsteller Wyndham Lewis, ein Kampfgefährte aus der Zeit des "Vortizismus", schilderte einen Besuch bei seinem Freund Pound in dessen Pariser Wohnung, Rue Notre Dame des Champs: "Ich klingelte. Eine Menge Lärm war zu hören, doch niemand reagierte. So stieß ich die Tür auf, die direkt ins Studio führte. Ein blendend gebauter junger Mann, bis auf die Hüften entblößt und mit einem schimmernd weißen Körper, stand nicht weit von mir. Er war hoch, ansehnlich und ruhig und wehrte mit seinen Boxhandschuhen einen heftigen Angriff Ezras ab."

Der "blendend gebaute" junge Mann, den Ezra Pound energisch, aber ohne jeden Erfolg mit Boxhandschuhen attackierte, war Ernest Hemingway. Er hatte es übernommen, dem wißbegierigen Lyriker die Technik des Boxkampfes beizubringen. Außer in dieser Sportart ließ sich Pound während seiner Pariser Jahre in der Kunst der Bildhauerei und des Fagottspiels unterweisen.

Vor allem aber schrieb er neue Gedichte und Kritiken, komponierte eine Oper und war weiterhin bemüht, jungen Schriftsteller-Talenten auf den rechten Weg zu helfen. Er befreundete sich mit dem Allerwelts-Künstler Jean Cocteau und erreichte es, für den stets unter Geldnot leidenden irischen Romancier James Joyce eine private Geldquelle aufzutun. Die wichtigsten seiner literarischen Kumpane kommen unter Decknamen in seinen Versen vor: der Lyriker Yeats als "Onkel William", James Joyce unter dem Namen "Jim", Thomas Stearns Eliot figuriert in Pounds Gedichten als "Possum" - nach dem Titel von Eliots Dichtung "Old Possum's Book of Practical Cats" ("Old Possums Katzenbuch") -, Jean Cocteau heißt bei Pound schlicht "Monsieur Jean".

In seinen Pariser Jahren sicherte sich Pound endgültig seine Rolle als Zentralfigur moderner Lyrik: "Seine fremdländisch gekleidete, große Gestalt und sein rötlicher Bart", berichtet Carruth, "waren buchstäblich Hunderten von Schriftstellern und Künstlern des linken Seine-Ufers vertraut."

1924 siedelte Pound von Paris nach Rapallo über, an die Riviera, möglicherweise, weil er vor lauter Mäzenatenpflicht gegenüber den zahllosen Pariser Literaten, die sich von ihm Förderung erbaten, nicht mehr genügend Zeit für eigene Arbeiten fand.

Nach seinem Umzug stellte Pound seine eigene Produktion endgültig in den Dienst einer Idee, über deren Wert sich die Literaturkritiker bis heute nicht einig geworden sind. Er wollte von nun an nicht mehr einzelne Gedichte schreiben, sondern nur eine einzige, große Dichtung, die aus fortlaufenden "Gesängen", vergleichbar etwa den "Gesängen" der "Göttlichen Komödie" von Dante, wie, aus Quadern gefügt sein sollte. Den Grundstock zu diesem Werk hatte Pound bereits 1917 mit der Veröffentlichung der ersten drei "Gesänge" gelegt, die er nun allerdings radikal umarbeitete. In Rapallo veröffentlichte er die endgültige Fassung von sechzehn "Gesängen" - weitere folgten in Abständen. Bis heute sind insgesamt 97 solcher "Gesänge" erschienen, die Pound "Cantos" nennt; die letzten schrieb Pound im Washingtoner Hospital. Freunden gegenüber gab Pound an, daß er sein Werk insgesamt auf etwa 112 "Cantos" anlegen wolle.

Die "Gesänge" dieser Dichtung, die nach allgemeinem Urteil als Pounds Hauptwerk gilt, bestehen aus vielen Bruchstücken, aus kleinsten lyrischen Bildern, die bunt aneinandergereiht und oft nur eine Zeile lang sind. Der Berliner Kritiker Günter Blöcker interpretiert dieses Unternehmen so: "Pound gibt in einer Kette von lyrischen Einzelzündungen eine poetische Illuminierung nahezu des gesamten Weltstoffes. Er durchstreift in weiträumigen Rezitativen (Sprechgesängen) alle Bereiche menschlicher Kultur, menschlichen Wissens, menschlicher Geschichte, dichterische Funken ebenso aus dem Urgestein der Mythen und den Goldbeständen der Weltdichtung schlagend, wie aus dem dürren Sand der Wirtschaftstheorien und der Tagespolitik."

Weniger enthusiastisch äußerte sich der Lektor des Insel-Verlags, Fritz Arnold: "Fast jede Zeile, fast jedes Wort enthält Anspielungen auf Fakten, die nur dem Dichter bekannt sind oder denen er allein Bedeutung zumißt. Pounds Phantasie ist dabei nicht schöpferisch, sondern gleicht einem abstrusen Zettelkasten ... Die Figuren, die von Pound gepriesen oder geschmäht werden, vermögen allenfalls an unsere Gelehrsamkeit zu appellieren - vergebens zumeist." Arnold zitiert den Oxforder Literaturhistoriker Sir Maurice Bowra, der bekannte: "Pound verbreitet sich ohne Ziel und Plan über eine Anzahl langweiliger Gegenstände - den schlimmen Einfluß der Bankiers, uninteressanten Klatsch von Schriftstellern und Künstlern, ausgefallene Lesefrüchte..."

Inhalt vor allem der ersten der "Cantos" ist ein Bericht von der guten Gesellschaft, die es gegeben haben soll - nach Pounds Ansicht etwa zu jener Zeit, als Nordamerika seine Unabhängigkeit von England erkämpfte -, und von bösen Kräften, die jene gute Gesellschaft zerstören. Als Waffe im Kampf diente den Bösen das Geld: In seinen "Cantos" hat Pound ausführlich entwickelt, warum er die Zinsen, die eine Bank am Ausleihen von Geld verdient, für die Wurzel aller Schlechtigkeit in der heutigen Welt hält.

So beruft sich Pound in seinen mit Zitaten gespickten Versen etwa auf den chinesischen Weisen Konfuzius, der erklärte: "Scheffle das Geld, und du verstreust das Volk in alle Winde; teile das Geld, und das Volk wird sich einfinden", oder er beruft sich auf den mittelalterlichen englischen Rechtsphilosophen Francis Bacon, der sagte: "Geld ist wie Mist, es taugt zu nichts, wenn es nicht ausgebreitet wird."

Protest gegen die Zinsen

Als einen idealen Fall der Geldpolitik nennt Pound die Praxis der italienischen Bank "Monte dei Paschi" in Siena: "Das Grundkapital wurde mit 5 Prozent Zinsen aufgenommen und zu 5 1/2 Prozent ausgeliehen. Die Unkosten wurden auf ein Mindestmaß beschränkt, ebenso die Gehälter. Der überschüssige Gewinn kam den Krankenhäusern der Stadt oder Arbeiten zum Wohle der Bevölkerung von Siena zugute. Das war in den ersten Jahren des siebzehnten Jahrhunderts, und die Bank besteht heute noch."

Negative Gegenbeispiele scheinen Pound in seinem Don-Quixote-Kampf gegen die moderne Finanzstruktur alle Banken, die den Geldbedarf ihrer Kunden ausnutzen, um hohe Zinssätze zu kassieren, aus denen sie ihre Vermögen bilden. Diese Vermögen aber können, nach Pound, nur den finstersten Zwecken dienen und das Wohl der Völker bedrohen. So hätten amerikanische und westeuropäische Banken Aktien der japanischen "Mitsui-Bank" erworben, die wiederum mit dem Erlös fünfzig Divisionen der japanischen Armee für den Kampf gegen die Vereinigten Staaten ausgerüstet habe.

Pound erinnert seine Leser an einen Artikel der amerikanischen Verfassung, demzufolge nur der Kongreß das Recht hat, Kredit- und Geldwesen in den Vereinigten Staaten zu regulieren. Durch ihren Kreditbedarf aber habe die amerikanische Regierung bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihre Unabhängigkeit an die Banken verloren. Im 37. Canto heißt es:

Vom Aufsichtsrat der Bank
wurden Regierungsmitglieder ausgeschlossen.
Bankdirektoren überwachen Regierungsgelder
und betrügen das Volk
Regierungsgelder verhindern die Arbeit der Regierung

Die Gesellschaftsordnung, die auf diese Weise entstanden sein soll, hält Pound - im Sinne seiner Interpretation durchaus folgerichtig - für undemokratisch und verfassungswidrig. Er sieht die Vereinigten Staaten beherrscht von einer "Usurokratie" - der Begriff ist gebildet aus dem lateinischen Wort "usura" = Wucher und dem griechischen Wort "kratein" = herrschen.

"Usura" - Pound schreibt das Wort stets mit großen Buchstaben - ist der Zentralbegriff der Gesänge. Im 45. Canto beklagt Pound, seiner deutschen Übersetzerin Eva Hesse zufolge:

Bei usura, der Sünde wider die Natur,
bleibet dein Brot altbacken immerdar wie Lumpen,
bleibet dein Brot dürr wie Papier;
der Meißel rostet ein durch usura,
es rosten das Handwerk und der Handwerker.

Formal richtete Pound seine "Cantos" in jener Art ein, die er von moderner Lyrik erwartete: trocken und anspruchsvoll. Pound verwendete Anspielungen auf die klassische Mythologie, auf alte chinesische Weisheiten und geschichtliche Ereignisse der Neuzeit, er sprengte deutsche, französische, italienische, und chinesische Wörter und Sätze ein, auch lateinische und griechische, gab aber fast immer - etwa in der nächsten Zeile oder an einer anderen Stelle des Gedichts - eine Übersetzung der fremden Wörter.

Seine Schreibweise, die er "ideogrammatisch" nennt, ist nach seinen Angaben an der chinesischen Bilderschrift orientiert. Pound erläutert: "Wenn man in Europa jemanden bittet, etwas zu definieren, entfernt sich seine Definition immer weiter von den einfachen, wohlbekannten Dingen, sie entweicht in Regionen abgelegener und immer weiter abgelegener Abstraktionen.

"Fragt man ihn (den Europäer) demnach, was 'Rot' ist, so sagt er, es ist eine 'Farbe'. Fragt man ihn, was eine Farbe ist, so sagt er, es ist eine Schwingung oder eine Brechung des Lichtes oder eine Aufspaltung des Spektrums.

"Und fragt man ihn, was eine Schwingung ist, sagt er, es ist eine Erscheinungsform der Energie oder etwas Derartiges, bis man schließlich zu irgendeiner Modalität des Seins oder Nicht-Seins gelangt, aber auf jeden Fall den Boden unter den Füßen verliert...

"Fragt man dagegen einen Chinesen, was 'Rot' ist, so stellt er (beziehungsweise sein Vorfahre) die folgenden Bilder zusammen: Rose, Rost, Kirsche, Flamingo." Die Bildhaftigkeit solcher Begriffe, die eine unmittelbare Anschauung ermöglichen, findet Pound, müsse sich der Dichter für seine Sprache zu eigen machen.

Außer in seinen "Cantos" entwickelte Pound seine Ansichten über die Zusammenhänge von Geldwirtschaft und Demokratie in jenen Jahren auch in theoretischen Schriften - etwa in der 1937 veröffentlichten Studie über "Jefferson oder Mussolini". Pound, im Herzen ein besonders puristischer Demokrat, glaubte im Ernst, die Verfassung der Vereinigten Staaten gegen die amerikanische Regierung verteidigen zu müssen. In seiner grotesken Verbohrtheit schienen ihm die in der amerikanischen Verfassung garantierten Grundrechte des Menschen in Mussolinis Italien höher geachtet zu sein als in den Vereinigten Staaten. Pound hielt das faschistische Italien für den "freiesten Staat des Abendlandes".

Im Frühjahr 1939 fuhr Pound in die Vereinigten Staaten, wo ihm von einer Hochschule, an der er einige Semester studiert hatte, die Würde eines Ehrendoktors verliehen wurde. Dann eröffnete er den erstaunten Amerikanern, daß an der unruhigen Lage in Europa nur die Rüstungsinteressen der Banken schuld wären. Am Vorabend des zweiten Weltkriegs reiste er nach Rapallo zurück.

Mit dem Erliegen des internationalen Zahlungsverkehrs versiegten für Pound die Honorare aus seinen zumeist in Englisch erscheinenden Veröffentlichungen. Da der Dichter plötzlich für sich und seine Frau Dorothy aufkommen mußte - ein begütertes Mädchen aus der Familie Shakespear (nicht nachweislich verwandt mit dem Dramatiker William Shakespeare), das er 1914 ohne viel Aufhebens in London geheiratet hatte -, war er froh, daß ihm der italienische Rundfunk anbot, in der "Stunde Amerikas" des Senders Rom zu sprechen.

Als die Vereinigten Staaten in den Krieg eintraten, bemühte sich Pound allerdings sofort um eine Gelegenheit zur Rückkehr; es ist bis heute ungeklärt, welche bürokratische Schwierigkeit im amerikanischen Konsulat in Genua verhinderte, daß Pound eine Passage für das letzte ungehindert nach Amerika auslaufende Schiff bekam.

So setzte er seine Vorträge über den Rundfunk fort, obendrein in verschärftem Ton. Den Präsidenten Roosevelt nannte er nun einen "geistig verkrüppelten Verbrecher, der Amerika illegal in den Krieg gestürzt hat". Seinen Hörern erläuterte er: "Die Vereinigten Staaten sind seit Monaten schon ungesetzlich im Kriege, dank Handlungen eines Präsidenten, die ich für kriminell halte und dessen Geisteszustand, soweit ich sehen kann, nicht von einer Art ist, wie man ihn bei einem Manne in so verantwortungsvollem Amt für wünschenswert halten müßte oder sollte."

Wegen solcher und ähnlicher Reden über den italienischen Staatsrundfunk wurde in den USA am 26. Juli 1943 gegen den abwesenden Ezra Pound Anklage wegen Landesverrats erhoben. Die Anklageschrift, die dreizehn Punkte umfaßte, wurde im Herbst 1945 durch eine auf neunzehn Punkte erweiterte Anklageschrift ersetzt. Nachdem alliierte Truppen in Italien gelandet waren, faßte Pound aber den Entschluß, sich den anrückenden Amerikanern zu stellen. "Er meldete sich", berichtet sein Londoner Verleger Peter Russell, "bei Einheiten der Vorhut der amerikanischen Armee und wurde später in Genua verhört. Nach einer Weile wurde er nach Pisa gebracht, wo er in einem Stacheldrahtkäfig allein gefangengesetzt wurde, dem Wetter und physischer Gewalt ausgesetzt, die gemeinsam den geistigen Zusammenbruch hervorriefen, den er in den folgenden Monaten erlitt. Nach sechs Wochen dieser barbarischen Behandlung mußte er aus Gesundheitsgründen in ein Zelt gebracht werden."

Für Amerikaner und Engländer, die ihre Stimme dem Rundfunk der Achsenmächte zur Verfügung gestellt hatten, gab es zu jener Zeit nicht viel zu hoffen:

▶ Zwei amerikanische Journalisten, der Korrespondent Robert Best und ein Mitarbeiter des "National Geographic Magazine", Douglas Chandler, die in Propagandasendungen des Berliner Rundfunks mitgewirkt hatten, wurden in den USA zu lebenslänglich Gefängnis verurteilt.

▶ Der unter dem Spitznamen "Lord Haw-Haw" bekannt gewordene amerikanische Ire William Joyce hatte sich im Radio der Deutschen gegen sein Wahlvaterland Großbritannien gewandt, da er (wie Pound) dort die falschen Männer an der Regierung glaubte. Er wurde nach London gebracht und starb am Galgen.

Pound wurde noch im November 1945 nach Washington transportiert, wo ein Pflichtverteidiger die Interessen des Dichters in dem gegen Pound eingeleiteten Landesverratsverfahrens wahren sollte. Die Verständigung zwischen dem korrekten Juristen und dem exzentrischen Poeten fiel aber so schlecht aus, daß der Verteidiger eine Untersuchung des Geisteszustands von Ezra Pound beantragte. Das Gericht gab dem Antrag möglicherweise mit einer gewissen Erleichterung statt; Pound wurde in eine Klinik übergeführt.

Die Ärztekommission, die ihn beobachtete, führte in ihrem Gutachten vom 14. Dezember 1945 aus: "Der Angeklagte, jetzt 60 Jahre alt und in physisch gutem Allgemeinzustand, spezialisierte sich als frühreifer Student auf die Literatur... Durch das Schreiben von Dichtungen und Kritik bestritt er einen ungesicherten Lebensunterhalt. Seine Dichtung und Literaturkritik haben viel Anerkennung gefunden, aber in den letzten Jahren hat seine Voreingenommenheit für Geldtheorien und Volkswirtschaft seine literarische Leistungsfähigkeit offensichtlich beeinträchtigt."

Über seinen Geisteszustand gaben die Ärzte, denen gewiß ebensowenig an einer Verurteilung des prominenten Dichters lag wie den meisten literarisch interessierten Amerikanern, das folgende Urteil ab: "Im Augenblick zeigt er äußerst wenig Einsicht in seine Lage, in den Ernst der Situation und den Umfang, in dem Klage gegen ihn erhoben werden soll. Er besteht darauf, daß seine Radiosendungen nicht verräterisch gewesen seien, sondern daß seine Tätigkeit für den Rundfunk sich aus dem selbsterteilten Auftrag erkläre, 'die Verfassung zu retten'.

"Er gibt sich ungewöhnlich großspurig, ist explosiv und überschwenglich im Auftreten, erweist sich als redselig, abschweifend und zerstreut. Nach unserer Ansicht hat seine schon seit Jahren anomale Geistesverfassung mit zunehmendem Alter weitere Deformationen von solchem Ausmaß erlitten, daß er jetzt an einem Zustand von Paranoia leidet, der ihn geistig außerstande setzt, sich mit einem Anwalt zu beraten oder vernünftig und verständig zu seiner Verteidigung beizutragen. Er ist, mit anderen Worten, wahnsinnig und geistig verhandlungsunfähig und benötigt Pflege in einer Nervenklinik."

Das Gericht, das sich in jener Zeit der Kriegsverbrecher-Prozesse gegenüber den radikalen Strömungen in der Öffentlichkeit zu besonderer Exaktheit getrieben sah, nahm die Gutachter-Ärzte in ein scharfes Kreuzverhör, schloß sich aber dann dem Urteil der Ärztekommission an und ordnete die Unterbringung Pounds im Washingtoner St. Elizabeth's Hospital an. Auch der Leiter dieser Anstalt, Dr. Winfred Overholser, kam zu dem in dieser Situation menschenfreundlichen Resultat: "Pound ist permanent unheilbar verrückt. Er wird niemals in der Lage sein, einem Verratsprozeß mit Verstand zu folgen, da er irrsinnig ist. Ja, es besteht sogar die hohe Wahrscheinlichkeit, daß die ihm zur Last gelegten Verbrechen, nämlich die landesverräterischen Ansprachen gegen Amerika, die direkte Folge seines Irrsinns gewesen sind, und es ist daher zweifelhaft, ob ihm in diesem Punkte je eine Verantwortung im strafrechtlichen Sinne zugeschoben werden kann."

Das Trauma

Im Hospital bekam Pound einen kleinen Schlafraum, in den ein Schreibtisch gestellt wurde. Er durfte täglich im Anstaltsgelände Spaziergänge machen und auch ziemlich unbehindert Besucher empfangen. Der deutsche Lyriker Rudolf Hagelstange, Verfasser einer "Ballade vom verschütteten Leben", berichtete von einem Besuch bei Pound:. "Was ich vermutet hatte, schien sich zu bestätigen: Die Politik (wie er sie verstanden und praktiziert hatte) war sein Trauma."

Hagelstange erinnert sich: "Es mochte von neuer Musik, vom Problem der Übersetzung, von amerikanischer Kultur, von moderner oder klassischer Literatur die Rede sein - er antwortete und fragte, aber an alles schloß sich... sein Trauma. Er klagte an und beharrte auf dem Recht seiner Anklage. Dabei ließ er die eigene Person ganz aus dem Spiel. Er klagte nicht an, weil man ihn ungerecht behandelt habe, sondern beschuldigte die Lebenden und Toten des Irrtums, der Fälschung, des Betruges, der Bestechlichkeit und der Unfähigkeit Er ruckte dabei an den Stuhllehnen, verschob immer wieder seine Reisemütze, schlug das eine über das andere, das andere über das eine Bein, ordnete den bunten Schal. Ständig in körperlicher Bewegung, beharrte er auf dem einen Punkt oder kehrte nach kurzen Ausflügen zu ihm zurück."

In der Zelle setzte Pound seine literarische Aktivität fort. Er veröffentlichte einen Band mit Übersetzungen von mehr als dreihundert chinesischen Gedichten, vor allem aber weitere Bände seines Hauptwerkes. 1948 erschienen elf Gesänge unter dem Titel "Pisan Cantos" - im deutschen Buchtitel "Pisaner Gesänge" -, ein poetisches Resultat von Pounds Aufenthalt im Militär-Straflager von Pisa, danach erschien noch einmal eine Folge von elf Gesängen, in denen Pound zehn Sprachen durcheinander benutzt: Altägyptisch, Chinesisch, Griechisch, Latein, Provenzalisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Deutsch, Englisch.

In den "Pisaner Gesängen" schildert Pound seine Eindrücke als Häftling, der Tag und Nacht unter einem Käfiggitter im Freien verbringen muß - eine für den damals 60jährigen harte Tortur. Doch Pounds Verse sind vornehmlich der Natur zugewendet:

Und war ein Duft nach Minze unter den Zeltplanen,
besonders noch dem Regen,
und ein weißer Ochse auf der Straße nach Pisa
wie dem Turm zugewandt,
dunkle Schafe auf dem Drillfeld
und an feuchten Tagen Wolken...
Eine Eidechse gab mir Beistand...

Auch von den Vögeln spricht Pound gern, die sich auf dem Stacheldraht niederlassen, von den kleinen Pflanzen, die der Häftling wachsen sieht, und einige Verse sind an eine Katze gerichtet:

Lungernde Nachtkatz,
laß meine harten Vierecke in Ruhe,
sie sind keinesfalls Katzenkost
Wenn du gescheit wärst,
kämst du zur Essenszeit,
wenn es Fleisch gibt in rauhen Mengen.
Du kannst weder Manuskripte noch Konfuzius essen,
schon gar nicht die hebräische Schrift
Geh raus aus der Speck-Kiste,
die jetzt als Schrank dient!

Seine eigene Lage und die Politik betrachtet Pound mit ungewohnt milder Resignation:

Niemand, der einen Monat in Todeszellen verbrachte,
glaubt an die große Bestrafung.
Niemand, der einen Monat in Todeszellen verbrachte,
glaubt an Käfige für wilde Tiere.

Oder, im 74. Canto:

Der Militarismus schreitet nach Westen fort.
Im Westen nichts Neues,
und die Verfassung steht in Gefahr,
und auch dies nichts sonderlich Neues.

Eine Jury, die den prominenten "Bollingen-Preis" für das beste Lyrikbuch des Jahres zu vergeben hat - ein Preis, der dem Träger tausend Dollar einbringt -, honorierte im Jahre 1949 Pounds Verse der "Pisaner Gesänge". Die Verleihung des "Bollingen-Preises" an einen Dichter, der noch immer unter der Anklage des Landesverrats stand, verursachte damals in der amerikanischen Öffentlichkeit eine so scharfe Diskussion, daß die Kongreß-Bibliothek in Washington, bis dahin Geldgeber des Preises, die Auszeichnung niemals wieder verlieh. Von ihr übernahm die Yale-Universität später die Verwaltung des Preises. Die Proteste kamen erst zur Ruhe, als der populäre Thornton Wilder öffentlich erklärte: "Das (die 'Pisaner Gesänge') ist wohl die größte Dichtung, die unser Jahrhundert hervorgebracht hat."

Im Jahre 1954 wurden Ezra Pound und Ernest Hemingway für den Nobelpreis vorgeschlagen. Die Stockholmer Kommission entschied sich für Hemingway, der freilich sofort die Gelegenheit benutzte, für Pound zu plädieren: "Ich glaube, dies wäre ein gutes Jahr, um Dichter auf freien Fuß zu setzen ... Ebensogut hätte Dante, durch einen Justizirrtum oder aus Stolz, sein Leben im St. Elizabeth's Hospital zubringen können."

Die unentwegten Petitionen, Aufrufe und Plädoyers der Autoren aus aller Welt, die Pound zu einem ihrer größten erklärten, brachten die amerikanischen Gerichtsbehörden schließlich in Verlegenheit. Die Bestrafung eines 72jährigen Dichters wegen Landesverrats, mehr als ein Dutzend Jahre nach Kriegsende, hätte nur noch peinlich wirken können, der Zwangsaufenthalt Pounds in einer Anstalt für Geisteskranke wiederum konnte der amerikanischen Kulturfassade auch kaum zur Zierde dienen. Da so lange nach Kriegsende nicht mehr mit öffentlichem Protest zu rechnen war, entschloß sich das Washingtoner Justizministerium in diesem Frühjahr, den Fall Pound endlich aus der Aktenwelt zu schaffen. Am 18. April kam es zu einer kurzen Gerichtsverhandlung im Bundes-Distriktsgericht von Washington, in deren Verlauf der Leiter des St. Elizabeth's Hospitals versicherte, Pound würde "aller Wahrscheinlichkeit nach" bis zu seinem Lebensende geistesgestört bleiben.

In Gegenwart seines Mandanten Pound, dem die Hemdenzipfel aus der abgetragenen blauen Hose hingen, berief sich der Anwalt Thurman Arnold auf das medizinische Gutachten und forderte: "Es liegt im Interesse der Gerechtigkeit, daß die Anklage fallengelassen wird."

Staatsanwalt Oliver Gasch antwortete: "Ich widerspreche der Erklärung von Mr. Arnold nicht, tatsächlich stimme ich ihr zu. Ich glaube, es liegt im Interesse der Gerechtigkeit, daß die Anklage fallengelassen wird."

Mit einem Wollschal um den Hals, einen Schäferhut auf dem Kopf und einen blaugestreiften, alten Mantel um die Schultern verließ Pound mit seiner Frau Dorothy lachend als freier Mann den Gerichtssaal.

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* In deutscher Sprache sind erschienen. Ezra Pound: "Dichtung und Prosa", 156 Seiten, 9,50 Mark; "Fisch und Schatten", 64 Seiten, 3,80 Mark; "Pisaner Gesänge", 248 Seiten, 12,80 Mark; "Motz el Son", Didaktische Essays, 140 Seiten. 6,90 Mark; sämtlich im Verlag der Arche, Zürich: "Dichtung und Prosa", Ullstein-Verlag, Berlin, 168 Seiten, 1,90 Mark; "ABC des Lesens". Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main, 135 Seiten, 4.80 Mark.


DER SPIEGEL 19/1958
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DICHTER / POUND:
Verse im Käfig