04.06.1958

KRUPPDie Bremse

Als Anastas Mikojan, stellvertretender Ministerpräsident der Sowjet-Union und langjähriger Außenhandelsexperte des Kremls, Ende April Bonn besuchte, machte er auch Bekanntschaft mit dem Vertreter einer Firma, die in westlich-demokratischen Vorstellungen ebenso wie in der sowjetisch-kommunistischen Propaganda als Symbol der Kriegslüsternheit deutscher Schlotbarone figuriert: mit dem Generalbevollmächtigten der Firma Krupp, Berthold Beitz.
Erstaunlicherweise jedoch verlief das Gespräch des roten Armeniers mit dem Muster-Kapitalisten im besten Einvernehmen, und Dienstag letzter Woche reiste Beitz auf Mikojans Einladung nach Moskau.
Der Firma Krupp kam der Empfang ihres Chefmanagers am Hof der renommiertesten Konzern-Bekämpfer in diesem Augenblick besonders gelegen. Eben jetzt ist im Westen eine Anti-Krupp-Kampagne im Gange, und eben jetzt stehen im Parlament der Montan-Union Beratungen bevor, die für die Weiterentwicklung des Krupp-Konzerns von ausschlaggebender Bedeutung sind.
Der Lärm um Krupp hatte Anfang März dieses Jahres begonnen. Bis zum 3. März nämlich sollte Alfried Krupp von Bohlen und Halbach eine Anordnung befolgen, die ihm am 4. März 1953 aufgezwungen worden war, nachdem ihn die Amerikaner aus dem alliierten Kriegsverbrechergewahrsam in Landsberg entlassen hatten. Krupp hatte sich verpflichten müssen, binnen fünf Jahren seine sämtlichen Kohlenzechen und das Hüttenwerk Rheinhausen AG bei Duisburg zu veräußern, überdies künftig weder mittelbar, noch unmittelbar ein Werk der deutschen Kohle-, Eisen- und Stahlindustrie zu erwerben.
Gegen die beiden hauptsächlichen Bestimmungen dieser Erklärung hat Krupp inzwischen verstoßen:
- Er hat das Stahlwerk Rheinhausen
nicht veräußert, sondern im Gegenteil zu einem der modernsten Unternehmen seiner Art (Ausstoß pro Jahr: 2,2 Millionen Tonnen Stahl) entwickelt;
- er erwarb - vornehmlich durch Vermittlung seines schwedischen Millionär -Freundes Axel Wenner-Gren, also "mittelbar" - das Vorkaufsrecht auf 76 Prozent der "Bochumer Verein für Gußstahlfabrikation AG".
Sollte es Krupp gelingen, seinen Anspruch auf die Stahlwerke des Bochumer Vereins zu verwirklichen, so wäre er Herr über eine Stahlproduktion von jährlich rund vier Millionen Tonnen. Er würde 17 Prozent der gesamten westdeutschen Stahlproduktion kontrollieren. Seine Werke würden fast doppelt soviel Stahl produzieren wie die Firma Krupp jemals zuvor. Vor dem Kriege stellte Krupp jährlich rund 2,3 Millionen Tonnen Stahl her.
Diese Zusammenballung industrieller Kapazität in der Hand eines Mannes - sie ist in der Welt einzigartig - hat insbesondere die britische Industrie alarmiert, und zwar um so nachhaltiger, als Krupp sich heute mehr als früher auf die Herstellung von Verbrauchsgütern konzentriert hat.
Seine rund 150 Betriebe (Gesamtumsatz 1957: 3,4 Milliarden Mark) gehören zum größten Teil der weiterverarbeitenden Industrie an. Seine Stahlwerke - früher Basisbetriebe der Kruppschen Kanonenfabriken - geben heute die Grundlage für weiterverarbeitende Unternehmen ab, die in England als Konkurrenten mit größerem Unbehagen betrachtet werden als jemals die Rüstungsproduktion früherer Krupp-Generationen.
Daraus erklärt sich, warum insbesondere England und Frankreich hartnäckig auf dem Schein bestehen, den Alfried Krupp 1953 unterschreiben müßte. Man will die Stahlbasis der Kruppschen weiterverarbeitenden Industrie erschüttern.
Inzwischen hat Krupp mit seinem Plan, den Bochumer Verein zu erwerben, solchen britischen und französischen Bestrebungen einen weiteren und erfolgversprechenden Ansatzpunkt geliefert. Nach dem Vertrag über die Montan-Union müssen einschneidende Veränderungen der Besitzverhältnisse in der Kohle-, Eisen- und Stahlindustrie der Hohen Behörde in Luxemburg gemeldet werden. Mit den Paragraphen der Montan-Union soll nun Krupps Stahl-Ehrgeiz gebremst werden.
Mikojan, Krupp-Manager Beitz: Trost aus Moskau

DER SPIEGEL 23/1958
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