18.06.1958

ITALIEN / SOZIALREFORMERDer Gandhi von Sizilien

Im Morgengrauen setzte sich der Zug der zweihundert Arbeitslosen in Bewegung. An ihrer Spitze marschierte ein untersetzter Mann mit dicker, randloser Brille: der 33jährige Sozialreformer und Pamphletist Danilo Dolci.
Ziel der zweihundert Männer aus dem sizilianischen Städtchen Partinico und ihres intellektuellen Anführers war die "Trazzera Vecchia", eine verkommene Landstraße im Inneren der Insel, für deren Instandhaltung der italienische Staat kein Geld hat. Mit Hacken und Schaufeln machten sie sich daran, die Schlaglöcher auszubessern.
Zwei Stunden später jedoch erschien ein Trupp bewaffneter Karabinieri, deren Leutnant die sofortige Einstellung der von keiner Behörde autorisierten Arbeiten verlangte und den Männern kurzerhand Hacken und Schaufeln abnehmen ließ. Als er Danilo Dolci, den Organisator des Unternehmens, festnehmen wollte, setzte sich der auf den Boden und spielte scheintot. Fünf Polizisten waren nötig, um ihn fortzuschleifen.
Als man Dolci in das bereitstehende Auto stieß, sprach er jenen Satz, der bald darauf Thema eines leidenschaftlichen Disputs in der italienischen Öffentlichkeit wurde: "Wer nicht die Arbeit garantieren kann, auf die jeder Staatsbürger nach Artikel vier der Verfassung Anspruch hat, macht sich des Mordes schuldig."
Wegen jenes "umgekehrten Streiks", den er im Februar 1956 inszenierte, wird der inzwischen zum Leninpreisträger avancierte Danilo Dolci in den nächsten Wochen zum zweitenmal vor den Richtern von Palermo stehen. Nachdem das vor zwei Jahren verfügte Strafmaß - 50 Tage Gefängnis, die durch die Untersuchungshaft verbüßt waren - von Dolci angefochten worden war, hat auch der italienische Innenminister Tambroni Berufung eingelegt: Er hält das Strafmaß für zu gering und möchte vor allem aus dem Urteil jenen Satz gestrichen sehen, in dem Dolci für seine Handlungsweise "höchst moralische Motive" zugebilligt worden waren, und der ihn ermutigt hatte, seinen "Feldzug gegen die Gleichgültigkeit der Behörden" mit Pamphleten und Vorträgen fortzusetzen.
Dolcis Ein-Mann-Feldzug gegen das soziale Elend in Süditalien begann vor sechs Jahren. Damals gab der aus Triest stammende Architekt seinen Beruf auf, um nicht - wie er heute sagt - "dauernd Häuser für reiche Leute bauen zu müssen". Er wollte in Zukunft "für die Ärmsten und Niedrigsten" etwas tun.
Sein Betätigungsfeld als Menschheitsbeglücker fand Dolci in den Elendsgebieten Siziliens. "Wenn ich mir gerade Sizilien für meine Arbeit aussuchte", erklärt er heute, "so tat ich es aus dem Geist der Empörung heraus. Empörung gegen alle jene, die das sizilianische Elend sehen und nichts dagegen tun."
Mit 30 Lire in der Tasche traf er in dem Fischerdorf Trappeto ein, das 50 Kilometer von Palermo entfernt liegt. Trappeto gehört zusammen mit den beiden Banditennestern Partinico und Montelepre zu der sogenannten "Zone der Verdammnis", in der Italiens Regierung seit Kriegsende viereinhalb Milliarden Lire zur Bekämpfung des Verbrechertums ausgegeben hat. Dolci begann seine Arbeit mit soziologischen Erhebungen. Durch intensives Fragen, das ihn bei der mißtrauischen Bevölkerung in den Ruf eines Polizeispitzels brachte, trug er das Material für sein Buch "Banditen in Partinico" zusammen, in dem er den Zusammenhang zwischen mangelnder Schulbildung, Armut und Verbrechen nachzuweisen suchte.
Von den 33 000 Menschen, die in der "Zone der Verdammnis" leben, erwiesen sich 350 als "fuori legge", als Gesetzlose. Sie hatten es zusammen bereits auf 1032 Zuchthausjahre gebracht. Die Zahl ihrer zusammengezählten Schuljahre betrug 350.
"Es gibt hier kaum Schulen, zuwenig Lehrer und fast nirgends Geld für Lehrbücher", heißt es in Dolcis Bericht. "Die Leute essen Kräuter, Schnecken und Frösche. Sie hausen zum Teil in Tuculs, in Strohhütten, wie man sie bei manchen afrikanischen Negerstämmen findet. Tagelöhner erhalten für den Arbeitstag 200 bis 300 Lire, während ein Kilo Brot 115 Lire kostet."*
Nach der Veröffentlichung seines Buches begann Dolci, der sich inzwischen das Vertrauen der Leute von Trappeto erworben hatte, die Behörden mit Vorschlägen zu bombardieren. "Es gibt hier einen kleinen Fluß, der ungenutzt ins Meer rinnt", schrieb er nach Palermo. "Wenn man Bewässerungsanlagen bauen würde, könnte diese fast unfruchtbare Erde in Gärten und Weinberge verwandelt werden. Aber man muß sofort handeln. Weiteres Warten bedeutet weitere Opfer, weitere verhungerte Kinder, weitere Verbrechen aus Armut."
Dolcis Eingaben blieben nach uraltem sizilianischem Behördenbrauch unbeantwortet. Da bediente sich der Sozialapostel erstmalig jenes Mittels, das er seinem großen Vorbild Mahatma Gandhi abgesehen hat: des Hungerstreiks. Große italienische Zeitungen griffen den Fall auf. Die Story des "sizilianischen Gandhis" wanderte, phantasievoll ausgeschmückt, in die Spalten der Weltpresse.
Am siebten Fastentag versammelten sich - in der Furcht vor einem Skandal - Behördenvertreter und ein Prälat am Lumpenlager Danilo Dolcis: Mit dem Versprechen, fünfeinhalb Millionen Lire (etwa 36 000 Mark) für öffentliche Arbeiten in Trappeto bereitzustellen, erkauften sie sich den Abbruch des Hungerstreiks.
Danilo Dolcis Ruhm als "Gandhi von Sizilien" aber war begründet. Bevor er aus der "Zone der Verdammnis" nach Partinico übersiedelte, heiratete er eine arme Witwe mit fünf Kindern. Mit dieser vielköpfigen Familie bezog er drei winzige Räume im Elendsviertel der kleinen Stadt bei Palermo,
um neues Material für seine soziologischen Unterlagen zu sammeln.
Als sein "Bericht aus Palermo" erschien, beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft das Buch: Dolcis Schilderung der Lebensverhältnisse von 260 Familien im Cascino -Viertel der sizilianischen Hauptstadt wurde als "obszön" bezeichnet. Die Hüter der Sittlichkeit beanstandeten die wissenschaftliche Akkuratesse, mit der die Beziehungen zwischen dem Elend und der Prostitution nachgewiesen wurden.
Es bedurfte zweier Gerichtsinstanzen, bis das Buch wieder freigegeben wurde. Die Richter konnten sich durch Augenschein überzeugen, daß im Cascino-Viertel tatsächlich - wie Dolci berichtet hatte - für 260 Familien nur eine Toilette vorhanden war und manche Betten bis zu acht Menschen aufnehmen mußten.
Als der bisher erfolgreichste Propagandacoup des sizilianischen Armenapostels erwies sich jedoch der "umgekehrte Streik" von Partinico. In der ersten Verhandlung im März 1956 hatte der Staatsanwalt für Dolci wegen
- Widerstandes gegen die Staatsgewalt,
- Beschädigung öffentlichen Eigentums
(durch die Ausbesserungsarbeiten) und
- Beleidigung der Karabinieri, die er als
"Mörder" bezeichnet habe,
zehn Monate Gefängnis gefordert. Es bestand allerdings wenig Aussicht, daß man diesem Antrag stattgeben würde: Vier bekannte Rechtsanwälte hatten sich ohne Honorar zur Verfügung gestellt und die Verteidigung übernommen.
Zudem hatte sich vor dem Prozeß ein "Nationales Rettet-Dolci-Komitee" gebildet, dem zahlreiche Schriftsteller und Politiker beitraten, unter ihnen die Autoren Alberto Moravia, Ignazio Silone, Carlo Levi und Italiens früherer Ministerpräsident Parri.
Angesichts so prominenter Rückendeckung des Angeklagten hielten die Richter von Palermo es für geraten, Dolci mit einer kleinen Haftstrafe, die praktisch einen Freispruch bedeutete, davonkommen zu lassen.
Wenn der mit Hungerstreiks und wütenden Angriffen auf die Behörden beschäftigte "Gandhi von Sizilien" bis dahin noch nicht bemerkt haben sollte, daß er längst zum Lieblingskind kommunistischer Propaganda geworden war, so wurde es ihm Anfang 1957 durch die Verleihung des Lenin-Preises demonstriert. Radio Moskau pries die "kraftvolle Entschlossenheit", mit der "Friedenspartisan Danilo Dolci gegen die unmenschlichen Bedingungen streitet, unter denen das Proletariat Siziliens lebt".
Obwohl Dolci standhaft behauptet, mit den Kommunisten nichts im Sinn zu haben, vermuten seine Feinde in ihm einen verkappten Agenten Moskaus. Sicher sei jedenfalls, daß Dolci aus einer Art sadistischer Wollust im Elend der Mitmenschen herumwühle und daß sein extravaganter Idealismus nur Unheil anrichte. Dolci sei ein gefährlicher Aufrührer und müsse in dem bevorstehenden Prozeß auch als solcher verurteilt werden.
Auch Innenminister Tambroni scheint dieser Meinung zu sein. Obwohl kürzlich zahlreiche französische Autoren, unter ihnen Sartre, Cocteau, Mauriac und Gabriel Marcel, an Tambroni appellierten, den "großen Sizilianer nicht in seiner Entwicklung zu behindern", ließ er Dolci Anfang Mai den Reisepaß abnehmen: Der Minister verübelt dem sizilianischen Wanderprediger, daß er sich im April bei einer Reise durch Westeuropa allzu offenherzig über seine sizilianischen Erfahrungen ausgelassen und damit das Bild getrübt hat, das man sich im Ausland über das von Christdemokraten regierte Italien macht
* 100 Lire = 0,67 Mark.
Sozialreformer Dolci in Palermo: Ein-Mann-Feldzug gegen das Elend

DER SPIEGEL 25/1958
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