18.06.1958

BELGIEN / FRANCTIREUR-KRIEG Der Freispruch

In der Dämmerung des 25. August 1914, wenige Tage nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, bemerkten deutsche Soldaten über den Dächern der belgischen Stadt Löwen rote und grüne Leuchtkugeln. Einige Sekunden später - so berichteten die Soldaten - seien sie aus den Häusern der Stadt, die sie kampflos besetzt hatten, mit "mörderischem Gewehrfeuer" beschossen worden.
Den Straßen- und Häuserkämpfen, die sich aus der Schießerei entwickelten, fielen 209 Löwener Einwohner zum Opfer, unter ihnen zwanzig Frauen und elf Kinder. Die Stadt wurde zum Teil geplündert, die Häuser Verdächtiger wurden angezündet. Einige historische Bauten, darunter die berühmte Löwener Universitätsbibliothek, brannten vollständig aus.
Nahezu 44 Jahre später, in den Maitagen 1958, spielte sich am Ort dieser blutigen Handlung, im Rathaus der belgischen Universitätsstadt Löwen, eine Zeremonie ab, bei der im Namen der Geschichte ein symbolischer Freispruch verkündet wurde.
Vor den Honoratioren der Stadt distanzierten sich drei belgische und drei bundesdeutsche Geschichtsprofessoren in einer gemeinsamen Erklärung von der historischen Lesart, daß belgische Zivilisten im August des Jahres 1914 einen illegalen Franctireur-Krieg gegen die deutschen Truppen begonnen hätten. Den deutschen Truppen wurde als Gegengabe bescheinigt, daß sie bei ihren Repressalien gegen die Belgier nicht vorsätzlich, sondern irrtümlich das Völkerrecht verletzt hätten.
Die Ereignisse von 1914 hatten deswegen besondere Bedeutung behalten, weil sie einen ersten Schritt zu der später sogenannten totalen Kriegführung darstellten. Nicht zuletzt an den Schüssen, die in Löwen fielen, wurden jene völkerrechtlichen Paragraphen zuschanden, zu deren Einhaltung sich nahezu alle zivilisierten Staaten verpflichtet hatten: die Paragraphen der Haager Landkriegsordnung aus dem Jahre 1899, die kriegerische Auseinandersetzungen strikt auf die Kombattanten beschränken und der Zivilbevölkerung Schutz vor direkter Kriegseinwirkung garantieren sollten.
In Löwen begann die Epoche jener Auseinandersetzungen, die je nach Optik und Propagandaaufwand nationale Erhebung, Heckenschützenkrieg oder Résistance, Terror- oder Vergeltungsangriff, Kriegsverbrechen oder militärische Notwendigkeit genannt werden.
Und so wurde auch das Massaker von Löwen, je nach dem, wie die politischen Sterne standen, von Politikern und Historikern gedeutet.
Unmittelbar nach den Geschehnissen begann 1914 eine alliierte Propaganda-Aktion gegen das Deutsche Reich, in deren Verlauf alle Greuelmärchen wieder hervorgesucht wurden, die bereits den preußischen Truppen aus dem Kriege 1870/71 nachgesagt worden waren - sie reichten bis zu Darstellungen deutscher Soldaten, die nackte Säuglinge auf ihre Bajonette gespießt hatten.
1915 veröffentlichte die Reichsregierung als Gegenaktion ein "Weißbuch", dessen Inhalt bereits aus seinem Titel abzulesen war: "Die völkerrechtswidrige Führung des belgischen Volkskrieges." Wie diese wunschgemäße Wahrheitsfindung militärischer Art zustande kam, geht aus den Protokollen der damaligen Soldatenvernehmungen hervor: "Den Zeugen wurde Kenntnis davon gegeben, daß der Generalgouverneur, Generalfeldmarschall Baron von der Goltz, eine gerichtliche Untersuchung befohlen hat, um festzustellen, ob man deutschen Truppen strafbare Handlungen zur Last legen könne und wenn ja, welchen Truppen."
In den folgenden 20 Jahren schrieben amtliche und private Experten jeder Couleur - Militärs, Professoren und Geistliche - vielbändige Werke, die je nach Nationalität der Autoren die eine oder andere These untermauerten.
Im Dritten Reich und zweiten Weltkrieg veränderten sich dann die Vorzeichen. In Deutschland näherten sich Historiker der These von der belgischen Unschuld, trauten sich indes unter dem Hakenkreuz nicht, sie zu veröffentlichen. In Belgien hingegen erlebte im zweiten Weltkrieg die Résistance-Ideologie eine solche moralische Aufwertung, daß den Historikern des Landes ihre ureigene Idee suspekt wurde, die Belgier hätten im ersten Weltkrieg den Deutschen keinen organisierten Widerstand geleistet.
Erst das kleineuropäische Anbiedermeier seit Ende des vergangenen Krieges entließ das Thema des Franctireur-Krieges von Löwen vorläufig aus seiner. Propaganda-Funktion unter verschiedenen Vorzeichen. Zu schwach, um Revancheträumen nachzuhängen, zu unbedeutend, um untereinander noch Krieg führen zu können, begannen Belgien und Westdeutschland in abendländischer Verbundenheit ihre geschichtlichen Lesebuchwahrheiten umzuschreiben und zu entgiften.
Zur Klärung des Franctireur-Problems wurde eine sechsköpfige Historiker-Kommission aus drei deutschen und drei belgischen Professoren gebildet, unter ihnen der Archäologie-Professor Mayence aus Löwen, der sich seit 43 Jahren mit dem Problem befaßt. Ihre bisherige gemeinsame Aufklärungsbemühung gipfelte im Wonnemonat Mai in dem Löwener Festakt.
Anlaß des Festaktes war die Publikation einer Schrift des deutschen Historikers Dr. Peter Schöller*, die gleichzeitig in Belgien und Deutschland veröffentlicht und von den sechs beteiligten Historikern in allen Punkten gutgeheißen wurde.
Vom milden Geist abendländischer Integration beseelt, weist Schöller nach, daß das Weißbuch der Deutschen Reichsregierung auf Zeugenaussagen basiert, die nicht stichhaltig waren und in - historisch betrachtet - unzulässiger Weise redigiert wurde.
Historiker Schöller kommt in seiner Analyse nach Abwägung aller vorhandenen Unterlagen zu dem Schluß:
- "Es kann kein Zweifel daran bestehen,
daß es weder einen planmäßigen noch einen ungeplanten Überfall der Einwohner von Löwen ... gegeben hat."
Ganz im Sinne neu-abendländischer Friedfertigkeit werden indes trotz dieser Behauptung und des noch weniger zu bezweifelnden Massakers von Löwen auch die Deutschen nicht unziemlich belastet:
- "Es kann kein Zweifel daran bestehen,
daß die deutschen Truppen in der Gesamtheit an einen Franctireur-Überfall glaubten und ihn als subjektive Wahrheit erlebten."
Wie nun- das Kunststück kleineuropäischer Geschichtsschreibung möglich ist, daß eine deutsche Truppe einen belgischen Franctireur-Überfall erlebt, den es nicht gegeben hat, das erklärt der in Löwen gefeierte Autor Schöller durch die heillose Verwirrung, die an jenem ereignisreichen August-Abend in Löwen geherrscht haben soll: In der Stadt hätten sich mindestens 23 verschiedene deutsche Truppeneinheiten aufgehalten, die teilweise nichts voneinander wußten:
- "Es kann kein Zweifel daran bestehen,
daß sich die deutschen Truppen in ihrer Franctireur-Psychose gegenseitig beschossen haben müssen."
So wird das ganze Malheur von Löwen weniger glaubhaft als verblüffend zum Frommen Kleineuropas als eine Art Selbsttor der deutschen Mannschaft enthüllt.
* Peter Schöller: "Der Fall Löwen und das Weißbuch"; Böhlau Verlag, Köln; 71 S., 6 Mark.
Archäologie-Professor Mayence
Beseelt vom milden Geist ...
... kleineuropäischen Anbiedermeiers: Belgische Franctireurs werden abgeführt (1914)

DER SPIEGEL 25/1958
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