02.07.1958

AUSVERKAUFEnde der 78er

Mit einem ungewöhnlichen Ausverkauf warten seit Mitte des Monats zahlreiche Warenhäuser in der Bundesrepublik auf: In großen Mengen bieten sie zum Stückpreis von einer Mark Schallplatten an, die noch vor kurzem von den Rundfunk- und Phono-Einzelhändlern für vier Mark pro Stück feilgeboten wurden.
Bei diesen Platten prominenter Markenfirmen, die jetzt in ansehnlichen Stapeln bei den auf Massenabsatz eingestellten Warenhäusern lagern, handelt es sich ausschließlich um sogenannte 78er Platten - also um Platten, die auf 78 Umdrehungen in der Minute eingerichtet sind. Jahrzehntelang beherrschte dieser Plattentyp den Markt; für die Werkstoffe Schellack und Schiefermehl, aus denen er hergestellt wurde, fand sich trotz aller Erfindermühe über lange Zeit kein Ersatz. Für die Schallplatten-Industrie war es daher zweckmäßig, sogar aus alten Platten in einem umständlichen Verfahren die benötigten Rohstoffe wieder herauszuschmelzen.
Seit Mitte vergangenen Jahres verzichtet die deutsche Schallplatten-Industrie auf diese umständliche Prozedur. Es lohnt nicht einmal mehr, die Ofen für das Einschmelzen der riesigen Bestände an Schellack-Platten anzublasen. Statt dessen wurden Hunderttausende von 78er Schellack-Platten "eingebrochen", das heißt, als Scherben auf die Abfallhaufen geworfen.
Diese Massenvernichtung kennzeichnet eine der gravierendsten Fehlspekulationen in der Geschichte der deutschen Schallplatten-Industrie. Die Firmen hatten die Konkurrenz unterschätzt, die sie ihrer eigenen Produktion durch Kunststoffplatten gemacht hatten: Erstmals zur Rundfunkausstellung 1953 in Düsseldorf - in den USA bereits zwei Jahre früher - war neben der Schellack-Platte noch ein zweiter Plattentyp erschienen, die Kunststoffplatte (für 45 Umdrehungen in der Minute). Sie ist widerstandsfähiger, kleiner, leichter und - durch eine neuartige Rillenführung - fast frei von Nebengeräuschen. Auf ihrem Durchmesser von nur 17 Zentimetern brachten die Tontechniker ein Musikstück von einer Länge unter, für die sie bisher bei der Schellack-Platte einen Durchmesser von 25 oder gar 30 Zentimeter beanspruchten*.
Wider Erwarten fand aber der neue Plattentyp zunächst keinen Anklang. In den Fachgeschäften wurden nach wie vor fast ausnahmslos Schellack-Platten verlangt, vornehmlich, weil die damals vorhandenen Abspielgeräte zumeist noch nicht auf die Kunststoffplatten eingestellt waren. Noch 1956, drei Jahre nach Erscheinen des neuen Plattentyps, wurden von der gesamten deutschen Platten-Industrie rund 18 Millionen Schellack-Platten produziert, aber nur rund 13 Millionen sogenannte "single" - Kunststoffplatten mit zwei Aufnahmen.
Gestützt auf die Prognosen ihrer Experten produzierte die deutsche Schallplatten -Industrie daher auch noch im Jahre 1957 Millionen von Schellack-Platten. Zugleich verzichtete sie darauf, weitere Platten -Pressen für den neuen Kunststofftyp umzubauen. Beide Maßnahmen erwiesen sich alsbald als größte Fehlspekulation, die jemals von der deutschen Schallplatten -Industrie verzeichnet wurde.
Im Laufe des Jahres 1957 gingen nämlich immer mehr Einzelhändler dazu über, Schellack-Platten aus ihrem Verkaufsprogramm zu streichen. Als auch die Industrie schließlich merkte, daß der Absatz ihrer Schellack-Platten stockte, waren bereits 8 Millionen Schellack-Platten produziert worden.
Fast über Nacht mußten sämtliche Platten-Pressen auf den neuen Typ umgestellt werden, und nur durch zusätzliche Schichten konnte die völlig überraschte Industrie die ungewöhnliche Nachfrage befriedigen. Allein von den einfachen 45er Kunststoffplatten mit zwei Aufnahmen wurden bis Ende 1957 rund 32 Millionen Exemplare von den Pressen ausgeworfen, außerdem einige Millionen Langspielplatten. Erinnert sich der Geschäftsführer der Fachabteilung Phono im Zentralverband der Elektrotechnischen Industrie (ZVEI), Walter Sentz: "Eine so turbulente Zeit hat es seit Bestehen der Schallplatte noch nie gegeben. Die Käuferwelle fegte über uns hinweg."
Die Folgen dieses Käuferansturmes war, daß die Industrie die nun plötzlich unverkäuflichen Schellack-Platten zurücknehmen mußte. In den Lagern wuchsen die Schellack-Platten zu immer höheren Stapeln. Notgedrungen nahmen die Schallplattenfirmen auch einen weiteren Verlust in Kauf: Alle vom Handel zurückgegebenen Platten - die Schätzungen belaufen sich auf rund eine halbe Million - wurden zu Abfall zerstampft. Die restlichen, noch nicht ausgelieferten Schellack-Platten - etwa eineinhalb Millionen Exemplare - wurden jetzt Waren- und Kaufhäusern zu Spottpreisen angeboten, "damit sie schnell vom Markt aufgesogen werden wie Tintenkleckse vom Löschpapier" (Hanns Schrade, Schallplattenchef der Deutschen Philips GmbH).
Der eigentliche Nutznießer dieser Aktion ist die Gema, eine Gesellschaft, die musikalische Aufführungsrechte verwaltet. Sie fand sich auch in zähen Verhandlungen nicht bereit, die ihr zustehenden Lizenzgebühren von 8 Prozent des Verkaufspreises (bei 4 Mark sind das 32 Pfennig) dem Ausverkaufspreis von einer Mark (Lizenzgebühr 8 Pfennig) anzupassen. Sie kassiert für jede der jetzt für eine Mark verkauften Schellack-Platten 22 Pfennig Lizenzgebühr.
* Außer diesem Plattentyp gibt es die sogenannte Langspielplatte (33 1/3 Umdrehungen je Minute), auf der auch lange Musikstücke unterzubringen sind.
Schellackplatten-Ausverkauf: Rechenfehler der Industrie

DER SPIEGEL 27/1958
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