09.07.1958

DICHTER / HERMANN HESSEIm Gemüsegarten

"Morgens so gegen die sieben" verläßt ein alter Mann seine Stube und tritt, wie er es schildert, "erst auf die lichte Terrasse". Er nimmt sich den "runden Korb für das Unkraut ..., Hacke und Spaten" und der "Gießkannen zwei, gefüllt mit sonnegewärmtem Wasser".
Er ist zufrieden, denn: "schön in geraden Reihen ... stehn meine Tomaten, saftig und strotzend im Laub". Das Geheimnis: "Jegliche Wurzel umgab ich mit feuchtem, lockerem Torfmull, dem ich ein Gran Kunstdünger beimischte." Auch das Pfirsichbäumchen gedeiht prächtig: "Ich pflanzte es selber."
Der alte Mann wendet sich nun einer Weißdornhecke zu, hockt sich nieder, sitzt "kauernd wie ein Chinese, den Strohhut tief über den Augen". Er frohlockt: "Unter mir gehen die Leute." Sie "wähnen allein sich und ohne Zeugen, denn niemand vermöchte mich zu erspähn ... Vieles (von dem, was sie sagen) vernehm ich genau." Dann kommt "durch die Dschungel des Gartens ... unser Kater, mein Freund, mein Brüderchen" heran. "Zärtlich miaut er", und der phantasievolle alte Mann muß an Löwen und Tiger denken.
Nun holt der Gärtner aus dem Schuppen "Feuerzeug und Papiers eine Handvoll" und geht zum Komposthaufen: "Selten halt ich an diesem Ort mich auf, ohne Feuer zu zünden." Dabei reflektiert er über "Herkunft und Wurzel" der Brandstiftung und findet, sie reiche "von der knäbischen Lust am Zündeln bis rückwärts zum Opfer Abels oder des Abraham". Vom Hauch des Heiligen umschmeichelt, auch durch kindliche Lust am Verbotenen erregt, dazu im Bewußtsein, vernünftigerweise die "Schmarotzer der Beete", nämlich das Unkraut zu vertilgen, verbringt er den Morgen. "Von Mozart ist's ein Quartett mit Oboe", das "die nie müde Erinnrung" ihm "erschafft". Schließlich macht die profane Welt diesem "Bauen am hunderttorigen Dom des Geistes" ein Ende: "Meine Gattin" ruft zum Mittagessen.
Seit mehr als fünfzig Jahren bilden solcherart Kleingärtnerfreuden das entlegene Glück Hermann Hesses, des letzten noch lebenden, deutschsprachigen Nobelpreisträgers für Literatur (1946). Was Wunder, daß Hesse sich jedenfalls hierzulande des ungewöhnlichen Ruhmes erfreuen darf, weise zu sein.
Abwendung von dem, was in solcher Sicht "Trubel" genannt wird - also von Kernspaltung, Politik, Jazzmusik und Schnaps - und Hinwendung zu den ewigen Werten, genannt Werden und Vergehen, Brot und Wein, Geburt und Tod und die Stimme tief drinnen: das ist so recht ein Wesenszug deutscher Dichtung. Er ist es, der solcherart spezifisch deutsches Dichten und Denken seit einigen hundert Jahren von der Teilnahme am internationalen Konzert der "Weltliteratur" ausschließt - deren Begriff nichtsdestoweniger Erfindung eines deutschen Genies ist, nämlich Goethes. Dieser Wesenszug aber ist es zugleich, der in Deutschland hoch honoriert wird.
Was immer der menschenscheue einundachtzigjährige Hesse tut - er wurde am 2. Juli 1877 in der württembergischen Kreisstadt Calw an der Nagold geboren -, um sich dem öffentlichen Kulturbetrieb zu entziehen: die Gesten und Gebärden der Weltabgeschiedenheit führen um so sicherer dazu, daß ihm von eben jenem öffentlichen Kulturbetrieb gehuldigt wird. In Ost wie West gilt die Regel, daß der seit Beginn des Ersten Weltkrieges in der Schweiz lebende Hermann Hesse - 1923 erhielt er die Schweizer Staatsbürgerschaft - mit schmückenden Beiwörtern wie "der Zauberer von Montagnola", "der Eremit im Tessin" oder "der Weise aus den Schweizer Bergen" zu zitieren sei, wenigstens aber gilt er als "der Dichter der Seele" oder als "Vorkämpfer für den Frieden". Zeitbedingte Umstände machen nötig, daß sowjetzonale Hesse-Verehrer ihre Apologie mit einem Hinweis auf Hesses "unermüdlichen Kampf gegen kapitalistische Kriegshetze und für den Frieden" ideologisch absichern, der nichtsdestoweniger niemals stattgefunden hat.
Freilich müssen solche Klassifizierungen eher den Verehrern angerechnet werden und weniger dem Gegenstand dieses Kults. Hesse selbst hat sich wiederholt und mit Nachdruck als "Romantiker", "bloß Lyriker" oder als "armer Teufel" bezeichnet und - in der "Nürnberger Reise", 1927 - als "Müßiggänger, ein Zeitvergeuder, ein bequemer und arbeitsscheuer Mensch, von andern Lastern noch gar nicht zu reden". Klare und direkte Äußerungen zu aktuellen Problemen der Politik zu geben, hat er zeit seines Lebens abgelehnt.
Zu einem Bändchen von Aufsätzen, die Hesse nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges immerhin doch als "Politische Betrachtungen" veröffentlichen wollte, schrieb er warnend, damit der Buchtitel nicht mißverstanden werde: "Wenn ich meine Aufsätze 'politisch' nenne, so tue ich es stets in Anführungszeichen; denn politisch ist an ihnen nichts als die Atmosphäre, in der sie jeweils entstanden. Im übrigen sind sie das Gegenteil von politisch; denn jede dieser Betrachtungen sucht den Leser nicht vor das Welttheater und seine politischen Probleme zu führen, sondern in sein eigenes Inneres, vor sein ganz persönliches Gewissen. Hierin bin ich mit den Politikern aller Richtungen durchaus nicht einig, und werde darin stets unbelehrbar bleiben, daß ich im Menschen, im einzelnen Menschen und seiner Seele, Bezirke anerkenne, wohin politische Antriebe und Prägungen nicht reichen."
Statt dessen seien seine Werke und Schriften, so urteilte der 1956 verstorbene namhafte Bonner Romanist Ernst Robert Curtius, "autobiographische Ektoplasmen, transponierte 'Lebensläufe'. Der Dichter (Hesse) bleibt in seiner Subjektsphäre verfangen. Es will ihm nicht gelingen, eine Objektwelt hinzustellen und in ihr Fuß zu fassen. Er will Bindungen künstlerischer so wenig wie sozialer Art. In immer erneuten Ansätzen und Abwandlungen macht er den Leser zum Mitwisser einer Entwicklung, die mit dem Versagen vor den Aufgaben des Lebens beginnt ..."
Curtius, als Romanist durch den Umgang mit Weltliteratur verwöhnt, findet: "Die epische Darstellung ist ihm nicht als Naturgabe verliehen" - wobei er ausdrücklich Hesses Roman "Narziß und Goldmund" ausnimmt. Über die Lyrik urteilt Curtius nicht freundlicher: "Hesses reichlich strömende Lyrik ist auf langen Strecken hin fleißige Reimerei." Von den Gedichten - sie nehmen 432 Seiten in der neuen Dünndruck-Gesamtausgabe* ein - würden die künstlerisch wertvollen vielleicht "ein Bändchen vom Format der 'Inselbücher' füllen". Hesse, der sich vornehmlich als Lyriker fühlt, mußte sich von Curtius sagen lassen, viele seiner Gedichte seien nur "versifizierte Prosa mit störenden Füllwörtern. Wie es denn überhaupt eine Schwäche von Hesses Stil ist, daß er nichts weglassen kann."
Diese Neigung zur Vielschreiberei hatte auch Robert Musil ("Der Mann ohne Eigenschaften") im Sinn, als er im Hinblick auf Hesse schrieb: "Man ist heute Großschriftsteller ohne die schriftstellerische Größe." Und der Lyriker Gottfried Benn bewertete Hesse nicht höher "als einen durchschnittlichen Entwicklungs-, Ehe- und Innerlichkeitsromancier - eine typisch deutsche Sache".
Tatsächlich ist der trotz solcher Kritiken immer stärker wuchernde Hesse-Kult im wesentlichen auf die deutschsprachigen Länder beschränkt. Noch im Jahre 1949 konnte das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" berichten: Als 1946 der Nobelpreis an Hermann Hesse verliehen wurde, hatten nur wenige Leser in den USA je von ihm gehört." Das Blatt fügte hinzu: "Das ,Glasperlenspiel', sein letztes und größtes Buch, ist auch nicht dazu angetan, Hesse bei ihnen populär zu machen."
Ganz in diesem Sinne urteilte auch die prominente englische Literaturzeitung "Times Literary Supplement": "Hermann Hesse hat in Deutschland einen größeren Leserkreis als wahrscheinlich irgendein anderer lebender Schriftsteller. Sein Name war allerdings außerhalb des deutschsprachigen Raumes wenig bekannt, bis ihm im Jahre 1946 der Nobelpreis verliehen wurde."
Über die englische Ausgabe des Romans "Demian" äußerte sich der englische Schriftsteller William Cooper vor wenigen Wochen in der Zeitung "News Chronicle": "Der 'Demian' ist gewaltig, edel, natürlich vollkommen humorlos und unbeschreiblich unecht." Zum gleichen Buch meinte "Times Literary Supplement": "Es ist heute schwer zu begreifen, warum diese bläßliche Geschichte von Emil Sinclairs Jugend einen solchen Eindruck auf die aus dem (Ersten Welt-)Krieg heimkehrende Generation machte. Äußerlich behandelt sie so ziemlich das gleiche Thema wie die früheren Bücher, in der Form einer grüblerischen Selbstenthüllung berichtet sie von den Jünglingsjahren eines Mannes."
Tatsächlich ist Hesses Wirkung in Deutschland jeweils nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg am stärksten gewesen, als die in ihrer Kriegsbegeisterung enttäuschten Soldaten sich zivilere Ideale suchen mußten. Hesse war der Mann, sie ihnen zu geben. "Wahrer Beruf für jeden war nur das eine: zu sich selbst zu kommen", postulierte er in seinem "Demian". Das ist ebenso zutreffend wie unverfänglich und war ganz dazu angetan, 1922 zum Evangelium für die "feldgrauen Studenten", 1945 zur Maxime der "draußen vor der Tür" stehenden Heimkehrer zu werden.
Allein vom Suhrkamp-Verlag, der Hesses Bücher in Deutschland herausgibt, konnten nach Kriegsende denn auch nahezu anderthalb Millionen Hesse-Bände aufgelegt werden - unter ihnen erreichten der Roman "Narziß und Goldmund" eine Auflage von etwa 270 000 Exemplaren, "Das Glasperlenspiel" eine Auflage von 132 000 Exemplaren. Zu diesen Zahlen treten aber noch die insgesamt etwa 200 000 Bücher, die Hesses Schweizer Verlag Fretz & Wasmuth in Zürich seit 1940 vertrieb, und die Umsätze des Ostberliner Aufbau-Verlags, der jeden Hesse-Band in der Ostzone binnen weniger Wochen ausverkaufen kann.
Das Geheimnis solchen Erfolges beim ost- wie westdeutschen Publikum liegt offenbar in Hesses pietistischer Neigung, auf seine Weise "Trost zu spenden". Seine Bücher sind voll von schier endlosen Grübeleien, die sich nahezu allemal auf das "Trieb-Geist-Problem" beziehen. Auf diese Weise läßt Hesse, der nichts anderes wünscht, "als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte", seine Leser unentwegt gleichsam die Pubertätszeit repetieren, für die der schmerzhaft empfundene Gegensatz von Trieb und reinem Geist charakteristisch ist.
Auf der Proklamation dieses Gegensatzes sind alle Hesse-Romane aufgebaut. Der Missionarssohn aus Calw gibt dabei dem Geist den Vorzug, wobei er es aber selten unterläßt darauf hinzuweisen, wo die Hindernisse auf unserem Weg zum Geist liegen. In seiner "Legende aus dem alten Ägypten" heißt es zum Beispiel: "'Wie gut ist es doch', dachte Daniel, als er am Abend wieder in seiner öden Klause saß, 'daß ich diese weltferne Hütte habe! Da schon die Berührung meiner Hand mit dem Haar einer Frau mich so zu erregen vermag, wie sollte ich untadelig bleiben können, wenn ich inmitten der argen Welt leben müßte'."
Hesses Ideal ist ein einfaches, von weltlichen Verpflichtungen freies Leben, das beschaulich, aber auch spielend verbracht wird. Ohne Zweifel sind einige von Hesses Lebensvorstellungen durch die pietistische Frömmigkeit seines Elternhauses geprägt worden. Vater Johannes Hesse, der aus gesundheitlichen Gründen seine Missionarstätigkeit in Indien aufgeben mußte, hatte sich später im württembergischen Calw niedergelassen, um ein Kirchenlexikon zu verfassen, und dort die Witwe eines anderen Indien-Missionars, Marie verwitwete Isenberg, geborene Gundert, geheiratet. Schreibt Hesse-Biograph Hugo Ball: "In diesem Vaterhaus wurden die Psalmen gesungen, die Bibel gelesen, wie nur katholische Priester ihr täglich Brevier verrichten."
Der junge Hermann Hesse machte seinen frommen Eltern allerdings Sorgen. "Er ist unglaublich lebhaft und intelligent", notierte die Mutter in ihrem Tagebuch, "dabei leidet er an großer Heftigkeit." Und an einer anderen Stelle heißt es: "Hermann geht jetzt in die Kinderschule; sein heftiges Temperament macht uns viel Not."
Über ihren vierjährigen Hermann - die Familie zog 1881 nach Basel, kehrte aber einige Jahre darauf nach Calw zurück - berichtete Mutter Marie in einem Brief: "Ja, er ist ganz furchtbar lebhaft, rasch, umtriebig und folgt leider nicht. Dann kann er wieder rührend nett sein ... oder mir selbstgedichtete Liedlein vorsingen."
Den Grund seiner zuweilen heftigen kindlichen Proteste gegen die behütete Welt seines Elternhauses hat Hesse später immer wieder mit Übersensibilität und seiner Neigung zu romantischer Träumerei zu erklären versucht. In dem 1914 erschienenen Eheroman "Roßhalde" notiert er eine durchaus autobiographische Erinnerung an diese Kindheit: "Ich möchte das verstehen, was die Rotkehlchen zueinander sagen. Und ich möchte auch einmal sehen, wie es die Bäume machen, daß sie mit ihren Wurzeln Wasser trinken und so groß werden können. ... Der Lehrer weiß eine Menge, aber lauter langweilige Sachen." Dem frommen Vater Hesse waren solche Abweichungen von nützlicher Pflichtauffassung nicht angenehm.

Mißglückte Teufelsaustreibung

Er wollte aus seinem Sohn einen Theologen machen. Berichtet Hugo Ball: "So war es Tradition und bei jungen Menschen von guter Begabung das Gegebene. Die theologische Laufbahn entsprach nicht nur den Wünschen der Familie - sie war außerdem das billigste Studium."
Seine Schwierigkeiten im Umgang mit Eltern und Lehrern hat Hesse 1925 in einem "Kurzgefaßten Lebenslauf" beschrieben: "Als ich dreizehn Jahre alt war und jener Konflikt (mit der bürgerlichen Pflichtauffassung) eben begonnen hatte, ließ mein Verhalten sowohl im Elternhause wie in der Schule so viel zu wünschen übrig, daß man mich in die Lateinschule einer andern Stadt in die Verbannung schickte. Ein Jahr später wurde ich Zögling eines theologischen Seminars, lernte das hebräische Alphabet schreiben ... als plötzlich von innen her Stürme über mich hereinbrachen, welche zu meiner Flucht aus der Klosterschule, zu einer Bestrafung mit schwerem Karzer und zu meinem Abschied aus dem Seminar führten."
Tatsächlich hatten in diesem Klosterseminar - in Maulbronn - den Zögling Hesse von Anfang an weniger die Lehrbücher als der Park fasziniert, in dem er sich verkroch, um die "Schilflieder" des romantischen Dichters Nikolaus Lenau zu lesen und seine Resignation in eigenen Versen von dieser Art auszudrücken:
Das Leben ist darum so beschissen,
Weil wir doch alle sterben müssen.
Bei solcher Lebenseinstellung fiel dem Jüngling, dem die romantischen Verse des Ritters Niembsch von Strehlenau (Lenau) im Ohr klangen, der Entschluß verhältnismäßig leicht, aus dem Kloster heimlich zu entweichen. Die Reaktion der Eltern mag die Stimmung dieses Milieus bezeichnen, gegen das der junge Hermann immerhin revoltierte. Die Eltern glaubten ernstlich, ein böser Geist sei in ihren Sohn gefahren, den es auszutreiben gelte.
Sie fuhren deshalb zu einem Pfarrer namens Blumhardt nach Bad Boll, der von sich glaubte, er könne - wie bereits sein Vater, ebenfalls ein Pfarrer, es vermocht hätte - Hexen bannen und Geister durch Beschwörung aus den Leibern treiben, in denen sie sich festgesetzt hätten. Daß nur ein böser Geist schuld sein könne, wenn ein Vierzehnjähriger aus einer Klosterschule ausreißt - daran bestand bei den Beteiligten keinerlei Zweifel. Die berufsmäßigen Verfechter des Christentums hatten zu dieser Zeit noch keine Notwendigkeit gesehen, zugunsten der Glaubwürdigkeit ihres Themas auf die Behauptung zu verzichten, es gebe Hexen und Geister - eine These, die den Kirchen bis dahin so viel Macht und Einfluß eingebracht hatte.
Der Pastor, so berichtete Mutter Hesse, sprach also "furchtbar streng" mit dem Delinquenten, aber obwohl Blumhardt "bloß von Bosheit und Teufelei herunterdonnerte", schien der böse Geist nicht aus Hermann zu weichen. Wütend über seinen Mißerfolg verlangte Pastor Blumhardt, der Junge solle in eine Nervenheilanstalt gegeben werden.
Ein Selbstmordversuch, den der Junge in Bad Boll unternahm, führte aber doch dazu, daß Hesse nun ein liberaleres Gymnasium in Bad Canstatt besuchen durfte. Hesse berichtet: "Eine Weile bemühte ich mich dann an einem Gymnasium, meine Studien vorwärtszubringen, allein Karzer und Verabschiedung war auch dort das Ende. Dann war ich drei Tage Kaufmannslehrling, lief wieder fort und war einige Tage und Nächte zur großen Sorge meiner Eltern verschwunden.
"Ich war ein halbes Jahr lang Gehilfe meines Vaters, ich war anderthalb Jahre lang Praktikant in einer mechanischen Werkstätte und Turmuhrenfabrik. Kurz, mehr als vier Jahre lang ging alles unweigerlich schief, was man mit mir unternehmen wollte, keine Schule wollte mich behalten, in keiner Lehre hielt ich es lange aus. Jeder Versuch, einen brauchbaren Menschen aus mir zu machen, endete mit Mißerfolg, mehrmals mit Schande und Skandal, mit Flucht oder mit Ausweisung, und doch gestand man mir überall eine gute Begabung und sogar ein gewisses Maß von redlichem Willen zu!"
Im Oktober 1895 trat Hesse als Lehrling in die Tübinger Buchhandlung Heckenhauer ein, übersah aber zum Kummer des Chefs Heckenhauer recht oft, wenn Kunden in den Laden traten. Der Lehrling Hesse stand dann hinter einem Schreibpult und dichtete Verse. Tatsächlich gelang es ihm, für zwei Versbände einen Verleger zu finden: für seine "Romantischen Lieder" und die "Stunde hinter Mitternacht", die der renommierte Jenaer Verleger Eugen Diederichs druckte. Die meisten der in diesen beiden Bänden veröffentlichten Versgebilde hat Hesse freilich später in seine Gedichtbände nicht wieder aufgenommen.
Immerhin genügten diese Publikationen, um dem damals 22jährigen Hesse - er war inzwischen Buchhandelsgehilfe in Basel - einen Brief einzutragen, den jeder deutschsprachige Autor jener Zeit als ein Kompliment empfunden hätte. Der Verleger Samuel Fischer, Gründer des noch heute tonangebenden S. Fischer Verlags, ließ wissen, er habe Interesse an neuen Manuskripten des jungen Talents.
Die wohlwollende Bereitwilligkeit des berühmten Verlegers aus der Hauptstadt brachte dem jungen Lyriker, der noch immer die Mißerfolge seiner Jugend nicht verwunden hatte, einige Beruhigung: Er vollendete beschaulich das Manuskript seines ersten Romans "Peter Camenzind", der 1904 bei Fischer erschien und seinen Autor - zu dessen ehrlicher, vollkommener Überraschung - sofort zu einer Berühmtheit im Vorkriegsdeutschland machte. Der materielle Erfolg des Buches erlaubte Hesse, seinen Buchhändler-Brotberuf aufzugeben; Hesse siedelte in das Städtchen Gaienhofen am Bodensee über und verheiratete sich - alles noch im Jahre 1904, also als 27jähriger - mit der 36jährigen Maria Bernoulli, der Tochter aus einer namhaften Basler Mathematikerfamilie.
Titelheld des ersten Erfolgsbuches von Hesse ist ein junger, kräftiger Mann, Peter Camenzind, der endlich zum Schriftsteller wird, "um den heutigen Menschen das großzügige, stumme Leben der Natur näherzubringen und lieb zu machen" - ein Wunsch, den der Romanheld Camenzind jedenfalls, wie noch andere Empfindungen, mit seinem Autor Hesse teilt. Bereits in diesem Roman ist Hesses Zivilisationsfeindschaft deutlich, die er später in fast allen seinen Büchern spüren ließ, und eine Art Scheu vor den Risiken des menschlichen Daseins, die zu für einen Schriftsteller paradoxen Vorstellungen führte: Dem Autor Hesse gilt unter Umständen etwa das gesprochene Wort als zerstörend, das Unausgesprochene als bewahrend.
Dagegen ist die Natur - und für den Menschen die Betrachtung der Natur - allemal etwas Lobenswertes. "Zeigt mir in der weiten Welt den Mann", schwärmt Peter Camenzind, "der Wolken besser kennt und mehr lieb hat als ich! Oder zeigt mir das Ding in der Welt, das schöner ist, als Wolken sind! Sie sind Spiel und Augentrost, sie sind Segen und Gottesgabe, sie sind Zorn und Todesnacht.
"Sie sind zart, weich und friedlich wie die Seelen von Neugeborenen, sie sind schön, reich und spendend wie gute Engel, sie sind dunkel, unentrinnbar und schonungslos wie die Sendboten des Todes. Sie schweben silbern in dünner Schicht, sie segeln lachend weiß mit goldenem Rand, sie stehen rastend in gelben, roten und bläulichen Farben. Sie schleichen finster und langsam wie die Mörder, sie jagen sausend kopfüber wie rasende Reiter, sie hängen traurig und träumend in bleichen Höhen wie schwermütige Einsiedler. Sie schweben zwischen Gottes Himmel und der armen Erde als schöne Gleichnisse aller Menschensehnsucht ... so wie sie zwischen Erde und Himmel zag und sehnend und trotzig hängen, so hängen zag und sehnend und trotzig die Seelen der Menschen zwischen Zeit und Ewigkeit."
Da er nun gar kein schöneres Ding auf der Welt kennt als Wolken, ist klar, daß Peter Camenzind auch seine Geliebte zur Wolke ernennt:
Wie eine weiße Wolke
am hohen Himmel steht,
so licht und schön und ferne
bist du, Elisabeth.
Denn für Camenzind "ist die Liebe zu Frauen immer ein reinigendes Anbeten gewesen ... Beterhände zu blauen Himmeln emporgestreckt". Da segeln denn wohl, falls es ihnen gelingt, so schön wie Wolken zu sein, die Frauen herum.
Zwei Jahre nach der "Camenzind"-Veröffentlichung legte Hesse einen zweiten Roman vor, der wiederum autobiographisch, aber diesmal wie eine Art Revanche für das wirkte, was Eltern und Lehrer den Knaben Hermann hatten erdulden lassen: das Buch "Unterm Rad", das noch vor einigen Jahren als berühmtestes und am meisten verbreitetes aus der Hesse-Produktion gelten durfte. Der nun 30jährige Hesse brachte zu Papier, was der 14jährige Hermann in schmerzlichen Knabenträumen ersonnen haben mag, um seine Umgebung bestraft zu sehen: die Geschichte eines vierzehnjährigen Gymnasiasten, den die Strenge und Ahnungslosigkeit seiner Eltern und Erzieher dazu treiben, daß er "unters Rad" kommt. Er nimmt sich das Leben.

Indienfahrt aus Seelenkummer

Zu jener Zeit hatte sich aber in dem jungen Hesse außer der Neigung, die Sprache der Rotkehlchen zu verstehen, bereits eine andere übermächtige Liebe gebildet: Indien. Hesse, dem seine Frau Maria inzwischen drei Söhne - Bruno, Heiner und Martin - geboren hatte, glaubte, er würde in Indien das "Wunderland" seiner noch immer unbefriedigten Träume finden.
Als er indes - "aus lauter innerer Not" - 1911 die Reise antrat und mit der indischen Wirklichkeit konfrontiert wurde, war er sofort enttäuscht. "Aber wir selbst sind anders", klagte er in seinem Reisebericht "Aus Indien" (1913), "wir sind hier fremd und ohne Bürgerrecht, wir haben längst das Paradies verloren, und das neue, das wir haben und bauen wollen, ist nicht am Äquator und an den warmen Meeren des Ostens zu finden, das liegt in uns und in unserer eigenen nordländischen Zukunft."
Diese Einsicht hinderte Hesse freilich nicht, das Wunderland Indien in seinem Roman "Siddhartha" (1922) und später noch einmal in einem "Indischer Lebenslauf" genannten Teil des "Glasperlenspiels" (1943) zu verherrlichen. Nach der Heimkehr aus Indien siedelte Hesse, der von 1906 an nahezu vierzig Jahre lang fast in jedem Jahr mindestens einen Erzählungs- oder Versband oder einen Roman veröffentlichte, von Gaienhofen, in dem er sich 1907 ein eigenes Haus hatte bauen können, nach Bern um, in eine Mietswohnung der Casa Camuzzi.
Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges, im Jahre 1914, trat der französische, pazifistische Schriftsteller (und spätere Nobelpreisträger für Literatur) Romain Rolland an Hesse heran. Beide planten, gemeinsam und "über den Streitenden erhaben" die "Hochburg des Geistes" gegen "des Krieges hinterweltlerische Gefühlsduselei" zu verteidigen. Doch schon am 12. August 1915 mußte Hesse seinem Freund gestehen: "Ich bin völlig unpolitisch und bekenne mich zur asiatischen Passivität ... Selbst Europa ist für mich kein Ideal", erklärte Hesse, "ich glaube nicht an Europa, sondern einzig und allein an die Menschheit, an das Reich der Seelen auf Erden." Rolland trennte sich von Hesse und stellte sich dem Internationalen Roten Kreuz zur Verfügung; Hesse schrieb eine Betrachtung unter dem Titel "O Freunde, nicht diese Töne".
Die Ursache für das Scheitern dieser gemeinsamen Unternehmung liegt in Hesses etwas eigensinniger Vorstellung von Frieden, die sicher nützlich und großzügig, für die geplante aktuelle Polemik gegen den selbstmörderischen Blutrausch der Völker Europas aber völlig unbrauchbar war. Hesse: "Ich verstehe unter Friede nicht nur das Militärische und Politische, sondern ich meine den Frieden jedes Menschen mit sich selbst und mit dem Nachbarn, die Harmonie eines sinnvollen und liebevollen Lebens."
Bereits im Ersten Weltkrieg aber begann Hesse jene Übung praktischer Nächstenliebe, die er bis in die Notjahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fortsetzte: Er verkauft eigene Manuskripte, die er mit Aquarellen verziert, zu Liebhaberpreisen und verwendet den Erlös für Geschenksendungen.
"Dies ist von allen Arbeiten, die ich je getan habe, mir eine der liebsten", erinnerte er sich vor einigen Jahren. "Ich zeichne mit Sepia einen kleinen See, ein paar Berge, auch eine Wolke in den Himmel, baue im Vordergrunde am Hügelhang ein kleines Spieldorf auf, gebe dem Himmel etwas Kobalt, dem See einen Schimmer Preußischblau, dem Dorf etwas Goldocker oder Neapelgelb, alles ganz dünn, und freue mich darüber, wie das sanft saugende Papier die Farben dämpft und zusammenhält. Ich wische mit feuchtem Finger den Himmel etwas blasser und unterhalte mich mit meiner naiven kleinen Palette aufs beste ..."
Denn es macht "Spaß, eine Handvoll weißer Blätter in eine Bilderhandschrift zu verwandeln und zu wissen, daß die Handschrift sich weiter verwandeln wird, in Geld zunächst, dann aber in Pakete mit Kaffee, mit Reis, mit Zucker und Öl und Schokolade, und des weitern zu wissen, daß damit ein Strahl von Ermunterung, von Trost und neuer Kraft in teuren Menschen entzündet wird, ein Jubelgeschrei bei Kindern, ein Lächeln bei Kranken und Alten, und auch da und dort ein Schimmer von Glauben und Vertrauen in übermüdeten und mutlos gewordenen Herzen".
Im Ersten Weltkrieg, als er mit dieser karitativen Übung - zunächst zugunsten von Kriegsgefangenen - begann, war Hermann Hesse freilich von solcher Altersbeschaulichkeit noch weit entfernt. Die Kriegswirren ringsherum, dazu Schwierigkeiten in seiner Ehe, die er bereits in seinem Roman "Roßhalde" (1914) recht exakt beschrieben hatte, führten bei Hesse zu neurotischen Erscheinungen, die ihn auf die Couch eines Psychoanalytikers trieben - ohne Erfolg.
Hesse fühlte sich, nach eigener Auskunft, weiter schmerzlich in der Rolle des "gesellschaftsfeindlichen Eremiten ..., dem es tiefes Leid bereitete, wenn er sich von seiner Behörde einen Heimatschein ausstellen lassen oder auch nur den Zettel einer Volkszählung ausfüllen mußte".
Kommentiert Curtius: "Die Psychoanalyse hat zwar, wie wir sahen, die Disharmonie von Hesses Natur nicht auflösen oder doch ihr Wiedermächtigwerden nicht verhindern können. Aber neurotische Konflikte sind 'nicht operable' Schäden, sind auch nicht nur Kalamitäten. Sie sind auch Lebenssubstanz, also Material und Aufgabe der Lebensgestaltung."
Ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkrieges machte Hesse dann einen eigenen, verzweifelten Versuch der Selbstbefreiung. Er trennte sich von seiner ersten Frau, von der er einige Jahre später geschieden wurde, siedelte in das Tessiner Gebirgsdorf Montagnola um, in dem er heute noch seine morgendliche Zwiesprache mit Mandelbäumchen und Kater hält, und er veröffentlichte einen Roman, der ihn aus seinen eigenen Stilgeleisen herausheben sollte, unter falschem Namen: "Demian. Die Geschichte einer Jugend. Von Emil Sinclair."
Tatsächlich war auch dieses Buch, wenngleich in etwas härterer, direkterer Sprache, über den alten Schema-Leisten geschlagen. Es geht um die pubertären Seelennöte des vorgeblichen Verfassers Emil Sinclair, für den es - nach der Formulierung des Hesse-Biographen Gotthilf Hafner -"nicht nur die schöne, helle und geordnete Welt des Elternhauses, sondern auch die dunkle, lockende der Dienstmägde und Handwerksburschen" gibt, also den alten Kampf zwischen Trieb und Geist. Von seinen - für deutsche Leser nach 1945 hochaktuellen - Reeducations-Sorgen, ob er, Sinclair, am Weltkrieg mitschuldig geworden sei, findet Sinclair Befreiung in der Kunst; er wird Maler.
Dem auch 1919 aktuellen Buch, dessen Verfasser zunächst unbekannt blieb, wurde sofort der Fontane-Preis zugesprochen, aber der Autor Emil Sinclair - alias Hesse - verweigerte die Annahme. Hesse: "Einmal, mit Hilfe eines Pseudonyms, war es mir nahezu ein Jahr lang gelungen, meine Gedanken und Phantasien unter fremdem Namen auszusprechen, unbelästigt von Ruhm und Anfeindung, unbeirrt von Abstempelung - aber dann war es aus."
Hesse wurde als Autor erkannt, und nicht nur das. Die Beschreibung der "dunklen, lockenden" Sphäre der Dienstmädchen mit ihren diesseitigen Belustigungen hatte Hesses Farbenskala um einige Tönungen verbreitert, die der Hesse-Gemeinde nicht willkommen waren. Der Autor aber gehorchte: "Die Freunde hatten recht, wenn sie mir vorwarfen, meine Schriften hätten Schönheit und Harmonie verloren."
Von nun an hat Hesses Gemeinde das, was sie unter Schönheit und Harmonie versteht, gewiß noch oft ringsum in der Welt, aber nie mehr in Hesses Büchern zu vermissen brauchen. Das gilt nicht nur für Hesses Freunde. Auch der Dichter Hesse hat sich damit begnügen müssen, seine Harmonie-Sehnsüchte auf seine Verse und Prosatexte zu projizieren und Traumgebilde von Menschen und Kulturen zu ersinnen, die den Wirklichkeiten der Zeit auch nicht von fern ähnlich sehen, ebensowenig aber auch den Wirklichkeiten von Hesses Gärtnerdasein zwischen den Tessiner Hügeln.
"Ich bin ein Dichter geworden", schrieb Hesse 1929 in einem Brief, "aber ein Mensch bin ich nicht geworden. Ich habe ein Teilziel erreicht, das Hauptziel nicht. Ich bin gescheitert. Mit anständigeren Resten und geringeren Konzessionen vielleicht als andere Idealisten, aber ich bin gescheitert. Mein Dichten ist persönlich, ist intensiv, ist oft für mich selbst beglückend, aber mein Leben ist es nicht..."
Im Jahre 1924 heiratete Hesse ein zweites Mal, Ruth Wenger, Tochter einer hier kaum bekannten Schriftstellerin; die Ehe ging nach einem Jahr in die Brüche. 1931 heiratete Hesse seine dritte Frau, die Archäologin Ninon Auslander - es ist dieselbe, die ihn noch heute zu Tisch ruft, wenn er überm Feuerzündeln am Komposthaufen allzusehr ins Meditieren geraten ist. Aus Hesses zweiter und dritter Ehe sind keine Kinder hervorgegangen.
Bücher aber kamen in schöner Reihenfolge Jahr um Jahr aus Montagnola auf die Hesse-Gemeinde, Gedichte, Verse, Reden, Briefe und Romane. Unerschütterlich blieb Hesse vornehmlich in diesen Romanen - "Der Steppenwolf" (1927), "Narziß und Goldmund" (1930), "Das Glasperlenspiel" (1943) - bei seinem alten knabenhaften Thema des Kampfes zwischen Geist und Trieb und bei der Schilderung der Mühsal, von den Trieben zum Geist zu kommen.
Hesse hielt seinem Jugendproblem die Treue und ebenso seiner Heimatstadt. "Zwischen Bremen und Neapel", schrieb er, "zwischen Wien und Singapore habe ich manche schöne Stadt gesehen, Städte am Meer und Städte hoch auf Bergen, und aus manchem Brunnen habe ich als Pilger einen Trunk getan, aus dem mir später das süße Gift des Heimwehs wurde.
"Die schönste Stadt von allen aber, die ich kenne, ist Calw an der Nagold."
Beim "Steppenwolf" - einem Mann namens Harry Haller - wird Hesses Urproblem, der Streit gegen den Trieb, noch in der Brust eines Menschen ausgetragen. Haller probiert nahezu alle erdenklichen Philosophien aus, schließlich sogar die Psychoanalyse, aber er kommt erst zur Ruhe, als er erkennt: "Statt deine Welt zu verengen, deine Seele zu vereinfachen, wirst du immer mehr Welt, wirst schließlich die ganze Welt in deine schmerzlich erweiterte Seele aufnehmen müssen."
Von ähnlich nützlicher Verbindlichkeit sind nahezu alle Regeln, die Hesse seinen Lesern mit auf den Weg gibt. Primitivere Naturen, die etwa mit Hallers Erkenntnis wenig anzufangen wissen, können immerhin aus der "Steppenwolf"-Handlung entnehmen, daß Harry Haller seine schöne und sinnliche Freundin aufgibt, die ihn die Liebe und das Tanzen gelehrt hat.
Bei den beiden Romanen, die dem "Steppenwolf" folgten, bleiben Lebensgenuß und Geist nicht weiterhin in einer Brust zusammengesperrt, sondern haben sich in zwei Figuren personifiziert. In dem Roman "Narziß und Goldmund", der im mittelalterlichen Milieu spielt, ist Narziß ein weiser Klosterabt und Lehrer des Goldmund, einer vergnügten Künstlernatur. "Sehr viel Frauenliebe geschieht Goldmund"(Hesse-BiographieHafner), aber am Ende kehrt er doch zu Narziß ins Kloster Mariabronn - Hesse wurde in Maulbronn erzogen - zurück und stirbt in den Armen des Narziß.
Beim "Glasperlenspiel" - Hesse arbeitete an diesem 800-Seiten-Roman elf Jahre, von 1933 bis 1943 - hat der "Ludi Magister" (der Magister des "Glasperlenspiels") Josef Knecht die Rolle des Lehrers Narziß übernommen. Es handelt sich bei diesem Buch um die Geschichte eines mysteriösen, überzeitlichen Ordens - konstruiert nach der Societas Jesu -, dessen Mitglieder sich die Pflege der Kultur durch Spiel angelegen sein lassen.
Das Glasperlenspiel, dessen sich die Bewohner der Ordensprovinz Kastalien befleißigen, ist eine Art Chor-Kult, über dessen "kulturschöpfende" Funktion den Lesern viel, über dessen Art und Regel ihnen dagegen nur Ungenaues mitgeteilt wird: Die "Regeln, die Zeichensprache und Grammatik des Spieles stellen eine Art von hochentwickelter Geheimsprache dar, an welcher mehrere Wissenschaften und Künste, namentlich aber die Mathematik und die Musik (beziehungsweise Musikwissenschaft) teilhaben und welche die Inhalte und Ergebnisse nahezu aller Wissenschaften auszudrücken und zueinander in Beziehung zu setzen imstande ist" - so erfährt der Leser im ersten Kapitel.
Das Glasperlenspiel sei "also ein Spiel mit sämtlichen Inhalten und Werten unsrer Kultur", mit denen ein Meister des Spiels, ein Ludi Magister, umgehe wie "ein Maler mit den Farben seiner Palette" oder wie ein Organist mit seiner Orgel, "und diese Orgel ist von einer kaum auszudenkenden Vollkommenheit".
Die Ordensmitglieder, denen die Pflege dieses Spiels obliegt, berichten nur angewidert von einer längst vergangenen Zeit, die sie "das feuilletonistische Zeitalter" nennen und in der Hesses Leser unschwer die Gegenwart erkennen. Das Ideal der Ordensbrüder, denen der - wörtlich angesprochene - "Personenkult" des "feuilletonistischen Zeitalters" zuwider ist, zielt auf "das Auslöschen des Individuums, das möglichst vollkommene Einordnen der Einzelperson in die Hierarchie der Erziehungsbehörde und der Wissenschaften" - wobei es Aufgabe der Erziehungsbehörde ist, ordentliche Glasperlenspieler heranzubilden.
Der Roman - er enthält eine Lebensbeschreibung des Spielmeisters Josef Knecht und dessen hinterlassene Schriften - schildert den Versuch Knechts, die höhere Weisheit des Glasperlenspiels in rauheren Wirklichkeiten außerhalb des Ordens zu erproben: Knecht wird Erzieher eines Knaben.
Über den Ausgang des Experiments sagt Hesse nichts: Knecht ertrinkt bei dem Versuch, seinem Schüler das Leben zu retten. In einem Brief äußerte Hesse später, er sehe in diesem Ende so etwas wie eine Vollendung: das Opfer des Erziehers für den Zögling.

Provinz ohne Frauen

Der rätselvolle Roman - Hesse hat in ihm einige seiner Bekannten konterfeit, so unter dem Namen Meister Jakobus den Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt - brachte dem Autor unzählige Briefe von Lesern ein, die um eine Interpretation baten. Aus Deutschland meldete sich sogar ein Mann, der bekanntgab, das "Glasperlenspiel" noch vor Hesse erfunden zu haben und seit Jahrzehnten zu spielen.
Einer Leserin, die sich darüber beschwerte, daß im "Glasperlenspiel" keine weibliche Person vorkommt, antwortete Hesse geduldig: "Ich würde raten, es etwa so anzusehen: der Autor des Josef Knecht war ein alternder, und bei Beendigung der Arbeit ein schon alter Mann. Je älter ein Autor wird, desto mehr hat er das Bedürfnis, genau und gewissenhaft zu sein, und nur von Gebieten zu sprechen, die er wirklich kennt. Die Frauen aber sind ein Stück Leben, das dem Alternden und Alten, auch wenn er sie früher reichlich gekannt hat, wieder ferngerückt und geheimnisvoll wird, worüber etwas Wirkliches zu wissen er sich nicht anmaßt und traut. Die Spiele der Männer dagegen, soweit sie geistiger Art sind, die kennt er durch und durch, dort ist er zu Hause."
So hat sich Hesse in seinem letzten Roman ganz auf die Phantasiewelt geistiger Spiele zurückgezogen, und zwar um so freudiger, als ihm seit eh alles Wirkliche gleichgültig und eine Art von Abfall zu sein schien. "Sowohl die Dichtungen, die ich dichte, wie die Bildchen, die ich male, entsprechen nicht der Wirklichkeit", erläutert Hesse. "Wenn ich dichte, so vergesse ich häufig alle Anforderungen, welche gebildete Leser an ein richtiges Buch stellen, und vor allem fehlt mir in der Tat die Achtung vor der Wirklichkeit. Ich finde, die Wirklichkeit ist das, worum man sich am allerwenigsten zu kümmern braucht, denn sie ist, lästig genug, ja immerhin vorhanden, während schönere und nötigere Dinge unsere Aufmerksamkeit und Sorge erfordern.
"Die Wirklichkeit ist das, womit man unter gar keinen Umständen zufrieden sein, was man unter gar keinen Umständen anbeten und verehren darf, denn sie ist der Zufall, der Abfall des Lebens. Und sie ist, diese schäbige, stets enttäuschende und öde Wirklichkeit, auf keine Weise zu ändern, als indem wir sie leugnen, indem wir zeigen, daß wir stärker sind als sie."
Dieser Verachtung für die Realitäten entspricht Hesses Auffassung über die Funktion des Dichters: "Ich halte es, im Gegensatz zu manchen Modeprogrammen, nicht für die Aufgabe des Dichters, seinen Lesern Normen für Leben und Menschentum aufzustellen..."
An diese nicht unter allen Umständen menschenfreundliche Regel hielt Hesse sich auch, als er nach der deutschen Katastrophe des Jahres 1945, vor allem aber nach der Verleihung des Nobelpreises 1946, von Lesern mit Briefen überschüttet wurde: Hesse ist der letzte von bisher nur sechs Deutschen, die den Literatur-Nobelpreis erhielten; zwei von ihnen, Mommsen und Eucken, waren zudem eher Wissenschaftschaftler als Schriftsteller.
Hesse berief sich in seinen Antworten immer wieder darauf, daß er die Mentalität des deutschen Volkes bereits 1914 erkannt und sich konsequent von dem Deutschen abgewandt habe. "Während Deutschland damals seine junge Republik irrsinnig sabotierte, Hitler in seiner Festungshaft verhätschelte und einmütig den alten Hindenburg wählte, gehörte ich diesem Volk im politischen Sinn schon nicht mehr an..." (Brief vom 5. November 1945.)
"Ihre Auffassung, daß Völker für das, was sie tun, nicht verantwortlich seien, wird von der demokratisch lebenden Welt nicht geteilt, auch von mir nicht... Die Deutschen sind im Ertragen nie groß gewesen. Aber es bleibt nichts erspart: Ihr müsset die Folgen davon, daß ihr die Welt als Räuber überfallen und mit satanischen Mitteln zur Hölle gemacht habet, in Gottes Namen tragen." (Brief vom 6. April 1946.)
"Die Diskussion über die deutsche Schuld etc. wird mir jeden Tag etwa ein bis zweidutzendmal in allen Fassungen brieflich ins Haus getragen ... Auf Ihre Fragen kann ich antworten: Ich bin während des Krieges von 1914 zur Erkenntnis der Weltwirklichkeit erweckt worden, habe dem Krieg und der deutschen Gewaltpolitik abgeschworen... Nehmen Sie mir's nicht übel: ich ertrage die Klagen, die Gereiztheit und oft bösen Drohungen in den Briefen der Gefangenen schlecht... Darum bitte ich Sie, mir lieber Ihre Mitteilungen und Anliegen ganz sachlich mitzuteilen und die Konversation über aktuelle Themata wegzulassen, wir haben für sie keine Zeit und Geduld, wir sind überlastet..." (Brief an einen deutschen Kriegsgefangenen, 11. März 1946.)
Auf diese seine politische Erfahrung aus dem Jahre 1914 berief sich Hesse auch noch, als ihm im Jahre 1955 der Friedenspreis des deutschen Buchhandels zugesprochen wurde: "Der Krieg von 1914", so teilte Hesse in seiner Dankadresse mit, "war noch keine zwei Monate alt, als ich im Hause meines Freundes Conrad Haußmann in Stuttgart das Gedicht vom Frieden schrieb:
Jeder hat's gehabt,
Keiner hat's geschätzt,
Jeden hat der süße Quell gelobt -
O wie klingt der Name Friede jetzt!
Klingt so fern und zag,
Klingt so tränenschwer,
Keiner weiß und kennt den Tag,
Jeder sehnt ihn voll Verlangen her.
Sei willkommen einst,
Erste Friedensnacht,
Milder Stern, wenn endlich du erscheinst
Überm Feuerdampf der letzten Schlacht.
Dir entgegen blickt
Jede Nacht mein Traum,
Ungeduldig rege Hoffnung pflückt
Ahnend schon die goldne Frucht vom Baum.
Sei willkommen einst,
Wenn aus Blut und Not
Du am Erdenhimmel uns erscheinst,
Einer andern Zukunft Morgenrot!"
Seit einiger Zeit beantwortete Hesse Briefe von Ratsuchenden aus seiner Lesergemeinde mit einem vorgedruckten Text: "Mit Bedauern beantworte ich Eure Briefe durch diese enttäuschende Drucksache. Ich bin in mißlicher Lage, für die Ihr vielleicht Verständnis und Nachsicht haben werdet. Das Mißliche sind nicht eigentlich die in letzter Zeit sehr angewachsenen Schwächen, Beschwerden und Behinderungen des hohen Alters. Diese sind natürlich und werden hingenommen, so gut es geht. Mißlich aber ist, daß diesem Versagen und Ermüden eine noch immer zunehmende, sich täglich erneuernde Lawine von Anforderungen gegenübersteht, die mich erdrückt. Habt Nachsicht! Schicket mir keine langen Briefe! Verzichtet auf Besuche, und glaubet nicht, ein Buch sei wertlos, wenn es nicht vom Verfasser signiert ist."
Seit Jahrzehnten hängt zudem am Gartentor von Hesses Haus in Montagnola ein Schild "Bitte keine Besuche", und ebenso lange hält sich der Literatur-Nobelpreisträger Hermann Hesse, der nach dem "Glasperlenspiel" keine größere neue Arbeit mehr in Druck gab, konsequent von allen offiziellen Feierlichkeiten fern.
Einen Literaturwissenschaftler, der eine Broschüre über Hesse geschrieben hatte, beschied der Dichter: "Sie haben richtig vermutet, daß es mir kaum möglich sein werde, Ihr Werkchen zu lesen. Ich muß, so wie es um mich steht, zufrieden sein, wenn ich mit dem Lesen der Briefpost jeden Tag annähernd fertig werde."
"Faxen eines berühmten Mannes", so urteilte Robert Musil bereits im Jahre 1938 über Hesses Gebaren. "Alles sehr begreiflich; das einzig Komische ist, daß er die Schwächen eines größeren Mannes hat, als ihm zukäme."
* Hermann Hesse. "Gesammelte Schriften in 7 Bänden"; Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main; 6134 Seiten; 125 Mark.

DER SPIEGEL 28/1958
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DICHTER / HERMANN HESSE:
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