16.07.1958

SOWJET-BESTSELLERSie lebt

Tänzerinnen aus Leningrad, Lehrer aus der Ukraine, "Krokodil"-Karikaturisten aus Moskau - wer immer in diesen ersten Monaten eines kulturellen Austausch-Programms zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjet-Union den Weg von jenseits des Eisernen Vorhangs nach New York fand, äußerte dort den gleichen Wunsch: Die Sowjetmenschen zog es weniger zum Broadway oder Times Square, zum Empire State Building oder zur Freiheitsstatue als in das bescheidene Appartement einer Greisin. Die Besucher aus der Sowjet-Union wünschten die 94jährige Schriftstellerin Ethel Voynich zu sehen.
Die absonderliche Prozession der Sowjetmenschen hat einen absonderlichen Anlaß. Ethel Lilian Voynich schrieb im vergangenen Jahrhundert eine Novelle, die in der westlichen Welt längst in Vergessenheit geraten ist. In der Sowjetunion aber wurde dieses Melodrama aus dem viktorianischen Zeitalter zum Bestseller.
Ethel Voynich, eine geborene Engländerin, die als junges Mädchen kurze Zeit in Rußland lebte und später einen aus dem zaristischen Sibirien geflohenen Polen heiratete, veröffentlichte 1897 ihre erste Novelle: "The Gadfly" (Die Stechfliege). Es handelt sich um die Geschichte eines italienischen Freiheitshelden, der jung und hübsch, patriotisch und gefühlvoll ist und alles aufgibt - einschließlich seiner Geliebten -, um sein Vaterland vor österreichischer Tyrannei zu retten. Den Held ereilt schließlich der Heldentod. Die angelsächsische Kritik um die Jahrhundertwende war des Lobes voll. Philosoph Bertrand Russell bezeichnete die Erzählung noch Jahre später hals eine der aufregendsten englischen Novellen, die ich je gelesen habe".
Diese literarische Jugendstil-Blüte Ist in der Heimat der werktätigen Massen und Weltrevolutionäre zum zweitenmal zu Glanz erblüht. Über 90 Auflagen in 18 verschiedenen Sprachen sind in der Sowjet-Union erschienen. Allein in der Volksrepublik China wurden bereits 700 000 Exemplare gedruckt. Als einzige englische Autoren schlagen William Shakespeare und Herbert George Wells die Auflagen von Ethel Voynich.
Der Vorsitzende des mongolischen Schriftsteller-Verbandes schrieb, die Autorin sei das Idol der dortigen Jugend. Sowjetische Kriegshelden erklärten, die Erinnerung an "The Gadfly" habe es ihnen ermöglicht, im Weltkrieg II grausame Leiden und Entbehrungen durchzustehen. Zweimal wurde das Buch verfilmt, zuletzt in Farbe mit Musik von Dmitrij Schostakowitsch; der Farbfilm wurde auf den Filmfestspielen 1956 in Venedig auch dem Westen präsentiert. Eine Oper, die bereits hinter dem Ural ausprobiert wurde, soll noch in dieser Saison auf dem Spielplan in Moskau erscheinen.
Jahrelang hielten die Sowjetmenschen, in deren meisten Schulen die Lektüre von "The Gadfly" obligatorisch ist, ihr literarisches Idol für tot. Es war ein Voynich-Verehrer namens Peter Borisow, der sich als Mitglied der sowjetischen UN-Delegation in New York mit Hilfe seines Englisch-Lehrers auf die Suche nach den Spuren der bewunderter Autorin machte. Zu seiner grenzenlosen Verbluffung fand er statt eines Grabes die Greisin.
In den Zeitungen der Sowjet-Union erschienen Schlagzeilen: "Voynich lebt in New York." Gestand Peter Borisow: "Für uns ist sie eine Heilige." Die amerikanische Millionen-Illustrierte "Look", die einen Bildbericht über das wundersame Schicksal der alten Dame veröffentlichte, schrieb: "Es war ein Ereignis, als ob Mark Twain lebendig aufgefunden würde."
Auf eine höfliche Anfrage hin hat Ethel Voynich inzwischen für die sowjetischen Millionenauflagen ihres Buches 15 000 Dollar Autoren-Honorar erhalten, dazu geringe Beträge aus den Volksdemokratien. Die Sowjetbesucher aber, die jetzt Gelegenheit zu einer Audienz bei Ethel Voynich hatten, waren sich in einem einig: Die Vernachlässigung des Meisterwerkes "The Gadfly" durch die freie Welt sei bezeichnend für die mangelnde Kultur des Westens.
Autorin Voynich, Sowjetgast: Jugendstilblüten

DER SPIEGEL 29/1958
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