06.08.1958

SCOTT FITZGERALDMehr Geld

Was soll ein Romanautor machen, der nach einigen Monaten Arbeit merkt, daß sein Konzept untauglich ist - fragt Francis Scott Fitzgerald, einer der prominentesten amerikanischen Autoren der sogenannten "Verlorenen Generation" aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Scott Fitzgerald vergleicht eine mißratene Romanfigur mit einer mißratenen Puppe: "Wen interessiert es, was mit einem Mädchen geschieht, dem ganz offenbar das Sägemehl aus den Nähten rinnt?
"Soll ich sagen: Ich weiß, daß ich etwas zu beweisen habe, und es wird im weiteren Verlauf der Geschichte deutlich werden. Oder: Dies ist nur Dickköpfigkeit. Es ist besser, es wegzuschmeißen und von neuem zu beginnen? Das letzte ist eine der schwersten Entscheidungen, die ein Autor zu treffen hat." -
Francis Scott Fitzgerald (1896-1940) hat sich oft zu dieser harten Entscheidung entschlossen; er veröffentlichte in zwanzig Jahren, zwischen 1920 und 1940, nur insgesamt vier Romane; ein fünfter, "Der letzte Magnat", erschien nach dem Tode des Autors unvollendet. Dennoch gilt Scott Fitzgerald dem amerikanischen Publikum als eine Art Klassiker, dessen Werke - auf deutsch erschienen sie bei Blanvalet in Berlin - noch heute immer wieder neu aufgelegt und verkauft werden.
Das Publikumsinteresse an Fitzgeralds Büchern ist so groß, daß sich der New Yorker Verlag Scribner's entschloß, aus dem verstreuten Nachlaß des Schriftstellers einen, neuen Band zusammenzustellen. Er erschien kürzlich unter dem Titel "Der Nachmittag eines Autors"*: eine Sammlung von zum Teil autobiographischen Erzählungen und Essays, in denen Scott Fitzgerald sich mit dem Handwerk der Schriftstellerei beschäftigt.
Auf den Weg zur Literatur war Scott Fitzgerald zunächst durchaus nicht durch theoretisch-stilistische Überlegungen, sondern aus recht praktischen Erwägungen geraten. Nach seiner Entlassung aus der Armee im November 1919 hatte er in New York - für ein Monatsgehalt von 90 Dollar - eine Stellung in einer Reklameagentur gefunden und wollte zunächst nichts anderes, als durch Schreiben so viel Geld verdienen, daß er ein von ihm verehrtes Mädchen, Zelda Sayre, heiraten könnte.
Er begann daher, einen Roman zu schreiben, für den er allerdings keinen Verleger fand. Als sein gesamter literarischer Erfolg darin bestand, eine einzige Kurzgeschichte zu verkaufen - für ein Honorar von 30 Dollar -, äußerte Miß Sayre ernstliche Zweifel an ihrer Wahl und trennte sich von ihrem Freund.
Daraufhin betrank sich Scott Fitzgerald und fuhr, verkatert und gekränkt, zu seinen Eltern nach St. Paul im Staate Minnesota. Dort begann er, den bereits fertigen Roman noch einmal von vorn zu schreiben, und gab ihm den Titel "This Side of Paradise" ("Diesseits vom Paradies"). Einer Romanfigur legte der nun 23ährige Autor jenen Satz in den Mund, der später zum Programm einer literarischen Richtung werden sollte, der "Verlorenen 'Generation", zu der sich etwa auch Thomas Wolfe und Ernest Hemingway zählten: "Alle Götter sind tot, alle Kriege gekämpft, alle Glauben im Menschen zerschmettert."
Die Veröffentlichung dieses Romans - in dem angesehenen Verlag Scribner's Sons - machte den Autor mit einem Schlag zur Berühmtheit und zugleich zum Wortführer des jungen literarischen Amerikas; obendrein aber brachte das Buch dem Verfasser so stattliches Honorar ein, daß nunmehr auch die vorsichtige, aber hübsche Zelda Sayre ihren Entschluß korrigierte und den plötzlich erfolgreichen Freund heiratete.
Einige Bitternis freilich blieb zurück. Kommentierte Scott Fitzgerald: "Der Mann mit dem klingenden Geld in der Tasche, der ein Jahr später das Mädchen heiratete, wird immer einen dauerhaften Zweifel, eine Abneigung gegen die Klasse der Geldleute hegen - nicht die Ansichten eines Revolutionärs; sondern den schwelenden Haß des Bauern. In den seit damals vergangenen Jahren habe ich nicht . . . den Gedanken aufgegeben, daß eine Art droit de seigneur (Herrenrecht) einem von ihnen (den Reichen) mein Mädchen hätte geben können." Wie lebt man mit 36 000 Dollar? An seinem literarischen Erfolg beeindruckte der Autor Fitzgerald - wie sich aus den nun als Buch veröffentlichten autobiographischen Skizzen ergibt - vor allem der Effekt, um dessentwillen sich Scott Fitzgerald an den Schreibtisch gesetzt hatte: der Honorarfluß. Im Novellenband "Der Nachmittag eines Autors" findet sich ein Kapitel unter der Überschrift: "Wie lebt man mit 36 000 (Dollar Einnahmen) im Jahr?"
Darin dementiert Scott Fitzgerald ausdrücklich, daß die landläufige Vorstellung von Neureichen zutreffe: "Wenn man ,neureich' sagt, stellt man sich einen dicklichen Mann mittleren Alters vor, der die Neigung hat, sich bei feierlichen Diners den Kragen zu öffnen, und der ununterbrochen seine Frau und deren seriöse Freunde in Verlegenheit bringt. Als Mitglied der neureichen Klasse, versichere ich, daß diese Darstellung verleumderisch ist."
Dagegen konnte Fitzgerald nicht leugnen, daß er die Schwäche fast aller Neureichen besaß, so zu tun, als interessiere ihn Geld überhaupt nicht. Er mietete ein teures Haus in Long Island und stellte drei Hausangestellte ein, dazu eine Waschfrau, die zweimal wöchentlich kam. Die Gastfreundschaft der Fitzgeralds wurde von zahllosen neuen Bekannten geschätzt, so daß die Fitzgeralds am Ende jenes erfolgreichen Jahres, in dem sie 36 000 Dollar eingenommen hatten, obendrein noch mit 5000 Dollar verschuldet waren.
Ehefrau Zelda schlug vor, die drei Dienstboten zu entlassen. Dieser Plan aber mußte fallengelassen werden, weil jeder der drei Dienstboten Anspruch auf zwei Wochen Bezahlung hatte - und Bargeld war nicht vorhanden. Dem Autor Fitzgerald blieb nichts anderes übrig, als in aller Eile eine Kurzgeschichte zu schreiben, die er selber als "Müll" bezeichnete, deren Ertrag aber reichte, um die Miete und einen Teil der überfälligen Rechnungen zu bezahlen.
Sein Lebensstil als Neureicher und die Bekanntschaft mit den wirklich Reichen lieferte dem Autor Fitzgerald allerdings das Material für seinen vielleicht besten Roman, "Der große Gatsby"*. Titelheld Jay Gatsby hat scheinbar den amerikanischen Traum verwirklicht, "vom Lumpen zum Reichtum" zu gelangen. Woher er das viele Geld hat, mit dem er seine mondänen Parties bezahlt, wird nur angedeutet; aus Schmuggelgeschäften im Jahrzehnt der Prohibition. Gatsbys Gegenspieler sind Tom und Daisy, Erben eines gewaltigen Vermögens: "Sie waren unachtsame Leute. Sie zerbrachen Dinge und Geschöpfe, und dann zogen sie sieh in ihr Geld oder ihre unmenschliche Sorglosigkeit zurück und ließen andere Leute die Unordnung aufräumen, die sie gemacht hatten."
Fitzgeralds Thema blieb, der, Reichtum. "Die Reichen", formulierte Kritiker Kazin, "wurden für ihn, was der Krieg für Hemingway wurde oder die Anarchie der modernen Gesellschaft für Dos Passos ein Schema menschlichen Daseins." Dieses Schema skizzierte Scott Fitzgerald denn auch in dem nächsten seiner Bücher, "Zärtlich ist die Nacht", noch einmal: Es geht um die Ehe eines Arztes mit einer jungen Frau aus der obersten Geldaristokratie: Der Mediziner darf die junge, nervenkranke Frau zwar heilen und heiraten, muß aber, nach vollendeter Heilung, als eine quantité négligeable aus ihrem Gesichtskreis und aus ihrer Gesellschaft, deren mondäne und charakterlose Riten er nicht beherrscht, wieder verschwinden.
Fitzgerald liebte den Reichtum, nicht die Reichen. Nachdem ihm nun aber die zeitgenössischen Literaturhistoriker attestiert hatten, daß er Sprecher und Programmatiker einer jungen Literaturbewegung in den Vereinigten Staaten geworden war, hat er sich nie mehr entschließen können, nur dem Honorar zuliebe zu schreiben. In dem nun veröffentlichten Nachlaßband ist eine Studie veröffentlicht, der Scott Fitzgerald die Überschrift "Einhundert falsche Anfänge" gab und aus der abzulesen ist, mit wie radikaler Kritik Fitzgerald viele von ihm begonnene oder sogar nahezu vollendete Texte wieder verwarf, weil sie seinen Ansprüchen nicht genügten.
Scott Fitzgerald bezeichnete sich selbst als den "Champion - Fehlstarter des Schreibe-Gewerbes" und zitiert zum Beispiel den Anfang einer von ihm verworfenen Erzählung:
Drei Stunden lang lagen sie erschöpft am Strand. Dann setzte Donald sich auf "Well, hier sind wir", sagte er mit schläfriger Unbestimmtheit. "Wo?" verlangte seine Frau zu wissen. "Es kann nicht Amerika sein und nicht die Philippinen", sagte er, "denn von dem einen sind wir weggefahren und bei den anderen sind wir nicht angekommen."
"Ich habe Durst", sagte das Kind.
Donalds Augen überblickten schnell die Küste "Wo ist das Floß?" Er schaute leicht anklagend auf Vivian. "Wo ist das Floß?"
"Es war weg, als ich aufwachte"
"Das sieht man", antwortete er ärgerlich. "Jemand hatte daran denken können, den Krug mit Wasser an Land zu bringen. Wenn ich es nicht mache, wird nichts in diesem Haus gemacht - ich meine in dieser Familie."
Fitzgerald kommentiert: "Genau an diesem Punkt und ich glaube immer noch, daß er eine großartige Situation ist - beginnt die Erzählung zu ächzen und zu stöhnen vor Unwirklichkeit."
Scott Fitzgerald hatte eine spannende und vielversprechende Situation aufgezeichnet - die Beschreibung eines Ehepaares mit Kind, das mit einem Floß auf einer Insel gelandet war und dem das Trinkwasser fehlte -, aber er vermochte nicht mehr, den Entwurf auf glaubwürdige Art auszumalen oder auch nur zu erläutern, wie diese Leute in ihre sonderbare Lage gekommen waren: ob durch Schiffbruch oder planvoll auf einer Urlaubsreise in der Segeljacht, so daß sich das Robinson-Idyll in einen harmlosen Weekend-Zwischenfall auflösen könnte.
Die Geschichte blieb unvollendet wie eine andere, zu deren Helden Scott Fitzgerald eine Familie namens Trimble bestimmt hatte: "Die Trimbles waren Fachleute darin, säuberlich aus dem Zweitbesten das Beste zu machen. Sie waren sehr nett, und ich hätte die Geschichte eines anderen (Autors) darüber, was aus ihnen geworden ist, sehr genossen, aber ich konnte nicht unter die Oberfläche ihres Lebens dringen. Was ließ sie damit zufrieden sein, das Beste aus allen Dingen zu machen, anstatt die Dinge zu verändern?"
Scott Fitzgerald war außerstande, diese Geschichte zu schreiben, weil ihn zwar Leute mit dieser Begabung interessierten, er selber aber nicht in der Lage war, sich in sie hineinzuversetzen. Er war niemals bereit, aus seiner eigenen Lage - als gutbezahlter, aber eben nicht reicher Schriftsteller - "das Beste zu machen". Bis zu seinem Tode - er starb 44jährig an den Folgen seiner chronischen Trunksucht - hat er unablässig versucht hinter die Geheimnisse des Reichtums zu kommen.
Zum literarischen Anekdotenschatz gehört die Geschichte eines Gesprächs Fitzgeralds, der mit dem etwa gleichaltrigen Hemingway in einem Pariser Café saß. Fitzgerald seufzte: "Die Reichen sind so anders als wir." Hemingway antwortete: "Ja, sie haben mehr Geld."
* F. Scott Fitzgerald "Afternoon of an Author"
Charles Scribner's Sons, New York; 226 Seiten
4.50 Dollar.
* F. Scott Fitzgerald: "Der große Gatsby";
Lothar Blanvalet Verlag, Berlin: 272 Seiten: 12,80
Mark.
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"Blas auf die Kohle des Herzens"
Eheleute Scott Fitzgerald, Tochter: Anfänge ohne Ende

DER SPIEGEL 32/1958
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