12.09.2005

KRIMINALITÄTCarlito, der Kiez und der Koran

Eine junge Muslimin will ihr Leben selbst bestimmen und wird auf offener Straße hingerichtet. Der „Ehrenmord“ zeigt, wie Identitäten in einer Parallelwelt zerbrechen können.
Als Hatin Sürücü stirbt, auf dem Gehweg ihrer Siedlung, klammert sie sich an einer Zigarette fest. Es ist eine französische Gauloises, ihre Lieblingsmarke, und während die Sanitäter versuchen, mit Adrenalin und Elektroschocks das Leben in Hatin zurückzupressen, verglüht die Kippe langsam zwischen Mittel- und Zeigefinger ihrer linken Hand.
Aus dem Kopf der jungen Frau fließen unzählige feine Blutfäden, die sich auf den Tatortfotos der Berliner Mordkommission zu einem dunkel glänzenden Strahlenkranz zusammenfügen - als hätte jemand Hatins langes, schwarzes Haar fein säuberlich auf das Tempelhofer Straßenpflaster gekämmt. In der linken Außentasche ihrer Cordjacke steckt die angebrochene Zigarettenpackung, eine dunkelblaue Pappschachtel mit Reklameaufdruck: "Liberté toujours" - "Freiheit, allezeit".
Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass die Muslimin am Abend dieses 7. Februar sterben musste, weil sie den Spruch auf der Schachtel zu ihrem Lebensmotto erhoben hatte: weil sie es für alltägliche Freiheit hielt, in der Öffentlichkeit rauchen zu dürfen; weil sie es wagte, das Haar ohne Kopftuch zu tragen; weil sie sich das Recht nahm, eine eigene Wohnung zu bewohnen, den Männern in ihrer Familie zu widersprechen - und selbst zu bestimmen, wen sie liebt und wen nicht.
Ihr Mörder hat Hatin Sürücü, 23, dreimal ins Gesicht geschossen. Mit einer Pistole des Kalibers 7,65 mm, in schneller Folge, aus nächster Nähe. Wie bei einer Hinrichtung.
Glaubt man den Fahndern, markieren die Schüsse auf die alleinerziehende Mutter, die einen sechsjährigen Sohn hinterlässt, das Ende eines archaischen Rituals, bei dem es um die Wiederherstellung einer vermeintlichen "Familienehre" ging. Ab Mittwoch stehen drei ihrer Brüder vor dem Berliner Kriminalgericht und müssen sich gegen die Anklage verteidigen, die wehrlose Schwester "aus niederen Beweggründen heimtückisch getötet zu haben". Mit der Exekution, vermuten die Ermittler, hätten die Beschuldigten offenbar das Todesurteil eines "Familienrats" vollstreckt, der dem jüngsten Sohn Ayhan, 19, die Rolle des Henkers zugedacht habe, während seine Brüder Mütlü, 26, und Alpaslan, 24, die Pistole besorgt und den Tatort abgesichert hätten.
Die Männer bestritten die Vorwürfe bislang oder schwiegen eisern dazu - und das ist nicht das einzige Problem im Verfahren mit dem Aktenzeichen 1 Kap Js 285/05.
Der Fall ist längst zum Politikum jenseits der Paragrafen des Strafrechts geworden: Konfrontiert mit der Bluttat, wurde bundesweit die Frage diskutiert, wie es um ein Land bestellt ist, das nach schätzungsweise fast 50 sogenannten Ehrenmorden in den vergangenen zehn Jahren noch immer nicht in der Lage ist, seine Bürgerinnen wirksam vor den gewalttätigen Übergriffen muslimischer Ehemänner, Väter oder Brüder zu schützen (SPIEGEL 47/2004).
Mancher Kommentator sah im Martyrium der hübschen, modernen Frau nur die politische Symbolik - und vergaß dabei, in die Niederungen jener Parallelwelt zu blicken, in der der Kriminalfall Sürücü spielt. Wenn es eine Erklärung für Hatins Tod geben sollte, ist sie wahrscheinlich hier, in den Straßen rund um den Kreuzberger U-Bahnhof Kottbusser Tor zu suchen, wo die mutmaßlichen Täter zu Hause waren und das Leben zwei Gesetzen folgt - denen des Kiezes und denen des Korans.
Da ist auf der einen Seite die Vierzimmerwohnung der Familie Sürücü. Saniertes Vorderhaus, viertes Obergeschoss rechts, ein Ort strengster Ordnung. Fünfmal täglich wird nach sunnitischem Ritus gebetet, Hunde haben keinen Zutritt, weil sie nach der Lehre des Islam "unrein" sind. Hatins erzkonservativer Vater stammt aus der kurdischen Provinz Erzurum in Ostanatolien und spricht, obwohl er schon 24 Jahre in der Bundesrepublik lebt, kaum ein Wort Deutsch. Die Mutter trägt Kopftuch, und wenn sie mit Fremden reden
muss, legt sie zusätzlich noch einen Gesichtsschleier an.
In dieser Welt ist Ayhan, der mutmaßliche Todesschütze, aufgewachsen - ein braver muslimischer Junge, der seine Eltern ehrt, verstohlen Liebesgedichte per SMS verschickt und sich nicht dafür schämt, als 19-jähriger Mann noch im Doppelstockbett seines alten Kinderzimmers zu schlafen.
In der zweiten Hälfte der Kreuzberger Wirklichkeit dagegen zählt eine andere Form von Ehre. Eine, die bereits verletzt sein kann, wenn einem jemand ungefragt in die Augen guckt. Kickbox-Attacken, Butterfly-Messer oder Gaspistolen gelten dann als bevorzugte Mittel zur Wiedererlangung des scheinbar verlorenen Respekts.
Hier, im früheren Revier der berüchtigten Jugendgang "36 Boys", ist Ayhan Sürücü unter einem anderen Namen bekannt. Er nennt sich Carlito - genau wie der Held des amerikanischen Gangsterfilms "Carlito's Way", in dem Al Pacino einen melancholischen Ex-Dealer spielt, der versucht, ein neues Leben zu beginnen, und von seiner kriminellen Vergangenheit dann doch wieder eingeholt wird.
Niemand weiß genau, wie oft sich der Kreuzberger Carlito den Film aus der Videothek ausgeliehen hat, aber irgendwann, so scheint es, muss das Filmmotiv des "ehrbaren Gangsters" in seinem Kopf zu einer Art Lebensphilosophie geworden sein, in der sich plötzlich die Gesetze seines Kiezes auf fatale Weise mit denen des Korans vermischten.
Bereits mit 15 wird Ayhan ein Fall für die Justiz, weil er bei den Mai-Krawallen Pflastersteine auf Polizisten geworfen haben soll. Seine Kumpels, klagt er, hätten ihn "für lumpige 500 Euro" verpfiffen. Vier Monate später fällt er auf, als er Flugblätter verteilt, in denen die "Juden und die Ungläubigen" für die Anschläge des 11. September verantwortlich gemacht werden. Dann wieder behauptet er, geheime Kontakte zu Metin Kaplans "Kalifatsstaat" zu haben, und unterschreibt im Oktober 2001, offenbar als Provokation, ein Papier mit dem Satz "Auch ich ein PKKler".
In seiner Familie, so gibt er später der Mordkommission zu Protokoll, seien in der Vergangenheit ebenfalls viele Sachen passiert, die "nicht schön" gewesen seien. Die Brüder seien "nicht immer glücklich gewesen bei ihrer Ehe" und Hatin auch nicht. Er habe deshalb immer vorgehabt, ein anderes Leben zu führen, ein besseres - genau wie Carlito, der Filmheld.
In dieses neue Leben sollte den Möchtegern-Carlito ein passendes Mädchen begleiten: die 18-jährige Melek, eine Schülerin aus seinem Kiez. Ayhan verehrt sie wie ein Himmelswesen und schickt ihr Kurzmitteilungen, in denen er ihren "tiefen Blick" preist oder ihr "süßes Lachen". Nach vier Wochen will Ayhan das Mädchen heiraten. Ihre Eltern halten nicht viel davon - ihnen passt nicht, dass der junge Mann verlangt, ihre Tochter solle ein Kopftuch tragen.
An jenem 7. Februar dann scheinen die Grenzen der verschiedenen Welten, in denen Ayhan alias Carlito lebt, vollends zu verschwimmen.
Melek berichtet der Kripo später von einem seltsamen Gespräch mit Ayhan. Er habe ihr erklärt, dass er zwar lache, aber innerlich nicht glücklich sei. Weil eine Last auf ihm liege, von der er sich befreien müsse: Er sei 14 gewesen, als etwas Schreckliches in seiner Familie passiert sei. Offenbar etwas mit seiner Schwester. Wenn Melek wüsste, soll Ayhan dann zu seiner Freundin gesagt haben, was er gesehen und erlebt habe, würde sie verstehen, dass er mit Hatin jetzt das erledigen müsse, was seine älteren Brüder schon vor Jahren mit ihr hätten tun sollen: sie töten.
Die Ermittler haben inzwischen Hinweise darauf, dass Hatin in der Vergangenheit von einem ihrer männlichen Familienmitglieder vergewaltigt worden ist. Eine Blutschande, für die nach den kruden Gesetzen jener wirren Ehre nicht der Täter, sondern das Opfer verantwortlich gemacht wird.
Melek berichtet, dass Carlito am Abend der Tat dauernd nervös auf die Uhr geschaut und ihr dann 100 Euro zugesteckt habe, die sie einem Bekannten geben sollte - falls er sich nicht mehr melden würde.
Tags darauf läuft die Meldung vom Mord an Hatin Sürücü über alle Sender. Am Nachmittag wird Melek von Ayhan zum Kottbusser Tor bestellt, er fährt mit ihr zum Bahnhof Zoo. Die Schülerin will in der U-Bahn ihren Freund gefragt haben: "Ayhan, warst du das?", und er habe geantwortet: "Ja, ich habe das gemacht." Dabei habe er sehr leise gesprochen und den Kopf an ihre Schulter gelehnt. Den Rest der Fahrtstrecke hätten sie schweigend verbracht.
Erst später, so die Zeugin, habe ihr Ayhan dann den Tathergang geschildert: dass er in Hatins Wohnung gefahren sei und mit ihr in der Küche gesessen habe; dass ihm dort ein Gebetsteppich aufgefallen sei und er sich gefreut habe, weil seine Schwester offenbar wieder angefangen habe zu beten; dass er sie zum Abschied gefragt habe, ob sie ihn nicht zum Bus begleiten wolle.
In der Nähe der Haltestelle habe Ayhan unvermittelt die Pistole gezogen. Bevor er abgedrückt habe, soll er Hatin noch gefragt haben, ob sie ihre Sünden bereue. Während er ihr das erzählte, berichtet Melek der Polizei, habe ihr Freund mit Daumen und Zeigefinger eine Pistole nachgeahmt und auf sie gezielt. Dann, sagt sie, habe Ayhan ihr geschildert, wie er panisch davongerannt sei. Wie er kurz darauf in einen Bus gestiegen sei, mit der Hand in der Hosentasche, weil sie voller Blut war. Der Bus passierte den Tatort - und Ayhan habe seine Schwester noch einmal auf dem Pflaster liegen sehen. Der Prozess wird zwei Fragen beantworten müssen: warum Melek nicht vor der angekündigten Bluttat gewarnt hat - und wie glaubwürdig ihre Aussage ist.
Als Ayhan Sürücü fünf Tage später von der Mordkommission vernommen wird, schwört er bei allem, was ihm heilig ist, auch bei seiner Liebe zu Melek, dass er nichts mit dem Tod von Hatin zu tun habe. Einer der Vernehmungsbeamten fragt ihn, welches Urteil er denn für den Mörder seiner Schwester als angemessen erachte. Ayhan antwortet ohne zu zögern: "Darf ich ehrlich sein? Wenn es das Gesetz erlauben würde, würde ich ihn aufhängen - auch wenn es mein eigener Bruder wäre." SVEN RÖBEL
Von Sven Röbel

DER SPIEGEL 37/2005
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