12.09.2005

PSYCHIATRIEDas böse Kind

Wie kann sich ein Mensch dagegen wehren, wenn ihn seine Verwandten für verrückt erklären und in einer Anstalt verschwinden lassen? Waltraud Storck hat drei Jahrzehnte gebraucht, um sich vor Gericht Klarheit über ihren Geisteszustand zu erstreiten. Von Fiona Ehlers
Sie sitzt hinter zugezogenen Gardinen im Rollstuhl. Ihre Beine hat sie auf einen Sessel gehievt, den schmerzenden Rücken stützen Kissen. Ihre Arme sind gezeichnet von Narben, dünn und länglich wie Strichcodes. Nachts hat sie Träume, da rennt sie über Anstaltsflure und findet den Ausgang nicht.
Dieser Tag soll sie dem Ausgang wieder etwas näher bringen, über 30 Jahre hat sie auf ihn gewartet. Ihre Zweizimmerwohnung ist karg wie eine Zelle, kein Foto schmückt die Wände.
Als erste deutsche Psychiatriepatientin hat Waltraud Storck, 47 Jahre alt, Beschwerde erhoben vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Sie will, dass verkündet wird, was sie selbst immer wusste, aber niemand glauben wollte: Sie ist nicht verrückt.
Sie wartet bis 9.30 Uhr, dann klingelt das Telefon neben dem Sessel auf dem Beistelltisch. Gewonnen, sagt ihr Anwalt. Die Bundesrepublik Deutschland sei verantwortlich für den Freiheitsentzug und soll Schmerzensgeld zahlen, nicht ganz so viel wie an Paparazzi-Opfer Caroline von Monaco, aber immerhin. Dann rufen zwei Frauen an. Die Frau, die Waltraud Storck "Mutti" nennt, spricht von Freiheit, ihre ehemalige Lehrerin von Gerechtigkeit.
"Ich freue mich", sagt Waltraud Storck jedes Mal, "ich freue mich sehr." Sie lächelt nicht, ihre Stimme klingt matt. Was sind 75 000 Euro, wenn man 20 Jahre lang zur Irren erklärt wurde?
Wenige Wochen nach dem Urteil im Juni lenkt Waltraud Storck ihren elektrischen Rollstuhl "Rondo" an die Orte ihrer Kindheit, die Reihenhaussiedlung, wo sie wohnte, den Reitstall, wo sie glücklich war, die erste Klinik. Sie trägt Safari-Shorts, als wäre sie auf Exkursion, sie hat ihr schwarzes Haar mit einem Rasierapparat stoppelkurz geschoren, ihr Gesicht wirkt hart. Sie erzählt ihre Geschichte, schnell und
atemlos. "Lassen Sie mich ausreden!", sagt sie oft, es klingt streng, fast herrisch. Sie sagt, sie habe viel nachzuholen. Elf Jahre lang lallte sie nur, ging in die Hocke, wenn sie zur Toilette wollte, zeigte auf ihren Mund, wenn sie Hunger hatte.
Waltraud Storcks Geschichte ist lang, sie klingt unglaublich. Man muss oft nachfragen, bei Nachbarn, Psychiatern, Anwälten, um sie besser zu verstehen. Sie handelt von einer Jugendlichen, die aufsässig war wie Millionen andere Jugendliche auch. Von einem Vater, der glaubte, Beruhigungsspritzen könnten sie gefügig machen. Von Ärzten, die falsche Diagnosen stellten, und Richtern, die diese Ärzte schützten. Sie begann in den siebziger Jahren. Waltraud Storck sagt, sie könne vielen passieren, immer noch.
Waltraud Storck kam 1958 in La Paz, Bolivien, zur Welt, bald darauf zog ihre Familie zurück in die Heimat. Sie habe schon im Mutterleib getreten, wird ihre Mutter später den Ärzten sagen, ein "herzlicher Kontakt" zu ihr habe nie bestanden.
Kurz vor ihrem dritten Geburtstag erkrankte Waltraud Storck an Kinderlähmung. Zehn Wochen lag sie auf der Isolierstation eines Frankfurter Krankenhauses, hilflos standen die Eltern hinter dem Fenster zum Gitterbett. Fortan zog sie das rechte Bein nach, heute ist es zwei Zentimeter kürzer und dünn wie ein Stock, der Fuß blieb gelähmt.
Waltraud Storck sagt, sie habe keine andere Wahl gehabt, sie musste ein Kind mit starkem Willen werden. Frecher sein als ihre zwei älteren Schwestern und der jüngere Bruder, schneller rennen als die Kinder auf dem Schulhof, die ihr "Hinkebein, Stinkebein" hinterherriefen.
Mit jedem weiteren Jahr wuchs sie in die Rolle hinein, in die ihre Eltern sie drängten - Waltraud, der Sündenbock, das böse Kind. Verstoßen von der Mutter, einer ehemaligen Kindergärtnerin und depressiv. Bedroht vom Vater, Edzard Storck, Angestellter einer Druckerei, Mitglied der Christengemeinde und überfordert mit der bockigen Tochter, die nicht verstand, warum sie nicht Fernsehen durfte oder "Bravo" lesen oder toben im Garten. Die Tochter, die ihm Fotos von halbnackten Frauen auf den Schreibtisch knallte und grinste - und er schlug zu und drohte mit Heim.
Als Waltraud Storck merkte, dass ihr Betteln um Aufmerksamkeit vergebens war, begann sie, mit Büroklammern in ihre Arme zu ritzen, den Handrücken hinauf zum Ellenbogen und wieder zurück.
Das wäre der Moment gewesen, sagt Ingeborg Allendorf, 70, an dem man hellhörig hätte werden müssen. Allendorf wohnt noch im Reihenhaus, rechts neben dem damaligen Haus der Storcks. Sie sitzt auf einem grünen Sofa, die Tür zur Terrasse steht offen, man kann hinüber in den Nachbargarten sehen. Waltraud Storcks Geschichte erfuhr sie erst, als die längst stumm war und ihr Hilferufe auf kleine Zettel schrieb. "Das Ritzen war der erste Hilferuf", sagt Allendorf. "Aber wer machte sich damals schon Gedanken? Kein Laut drang aus dem Haus. Storcks waren Außenseiter, tadellos gekleidet, vornehm und kühl."
Als Waltraud Storck 14 Jahre alt war, brachten sie die Eltern zur Psychologin. Sie erzählte von Fledermäusen, die sie nachts anfallen würden, und zeigte ihre blutigen Arme. Die Psychologin ließ sie ihre Familie zeichnen, dem Bruder malte sie viele Arme, weil er die Liebe der Mutter klaute, der Schwester, die später an Magersucht erkrankte, malte sie Flügel. Nach vier Sitzungen tippte die Psychologin auf "hebephrene Psychose", eine Form der Schizophrenie im Jugendalter, schon damals ein Verlegenheitsbefund.
Das sei der Moment gewesen, sagt Hildegard Moos, Storcks damalige Klassenlehrerin an der Gesamtschule Oberursel, von dem an Waltraud Storck, stets gute Schülerin, stets unkompliziert, einen Stempel aufgedrückt bekam, der sich nie mehr wegwischen ließ. Jeder ahnte, was folgen würde, jeder fühlte sich machtlos. "Unsere Tochter ist vom Teufel besessen", habe Storcks Vater damals gesagt, als er sie abmeldete aus der Schule und dem Leben. Ob er wirklich daran glaubte oder einen Vorwand suchte, sich des bösen Kindes zu entledigen, weiß die Lehrerin nicht. Heute glaubt sie, dass sie es damals nicht besser wissen wollte. "Waltrauds Krise wird sich geben, habt Vertrauen in die Medizin", tröstete sie ihre Schüler, als die von einem Besuch aus der Klinik kamen und weinten.
Du bist nur zur Beobachtung hier, vier bis sechs Wochen, dann kommst du wieder nach Hause, sagten die Eltern an der Tür zur Kinder- und Jugendpsychiatrie in Frankfurt. Schwestern in weißen Kitteln schlossen ihr auf, in den Fluren hing der Geruch von Desinfektionsmitteln, die Fenster waren vergittert, die Schlafsäle tagsüber verschlossen. Im Spielzimmer lagen Jugendliche auf Schaumstoffmatten, trugen Helme, Spucke troff aus ihren Mündern, einer kackte auf den Boden. Dreimal täglich bekam sie Tabletten und braune Tropfen, die bitter schmeckten. Abends gab es "Dick und Doof" im Fernsehen, nachts flüsterten die Bettnachbarinnen von Selbstmord.
Waltraud Storck, 15 Jahre alt, ahnte nicht, warum sie hier war, nach Monaten fragte sie, wann sie endlich entlassen werde aus dem Krankenhaus. "Wir sind hier in der Klapse", sagte ein Patient, "wusstest du das nicht?"
Sie wehrte sich, wie sie es zu Hause getan hatte: Spuckte die Tropfen aus, schlug um sich, brüllte, kratzte die Wunden an den Armen auf. Manchmal hüpfte sie den Krankenschwestern auf den Schoß, wollte schmusen, wollte sagen, ich lebe noch, vergesst mich nicht. Ein Teufelskreis begann: Storcks Gegenwehr schien den Ärzten als Beweis für ihre Geisteskrankheit zu genügen, sie spritzten sie willenlos und notierten Befunde, mal "psychotische Episode aus dem schizophrenen Formenkreis mit chronischem Verlauf", mal "Hysterie, schleichender Beginn seit früher Kindheit" sowie den Verdacht, Storck sei erblich vorbelastet, auch ihre Mutter habe psychotische Schübe und deren
Mutter habe deswegen Selbstmord begangen. Waltraud Storck wurde zum hoffnungslosen Fall, sie war jetzt eine Akte.
Die Jugendpsychiatrie der Frankfurter Universitätsklinik ist heute umgebaut, Flure in freundlichen Farben, viel Licht, viel Glas. Nach 30 Jahren ist Waltraud Storck zurück, sie hat den Kampf um ihre Freiheit gewonnen, sie ist jetzt rehabilitiert, aber es gelingt ihr nicht, diesen Ort mit den Augen einer Siegerin zu sehen. Sie fährt am Zaun um die Klinik entlang, sieht Pfleger im Garten mit dünnen, traurig wirkenden Kindern, blickt gehetzt um sich. Unüberwindbar scheint ihre Angst, man könne sie am unsichtbaren Stempel auf ihrer Stirn erkennen. Jede Schwester scheint verdächtig. "Gleich sehen sie mich und sagen, da ist sie ja wieder, willkommen zu Haus", sagt Waltraud Storck und flüchtet im Rollstuhl.
Mit 16 wurde sie entlassen. Waltraud Storck nahm weiter Medikamente, die sie müde machten, schmiss die Schule. Die Konflikte mit dem Vater eskalierten, als die Mutter in eine Klinik eingeliefert wurde. Eines Tages sah sie mit ihrer Schwester im Kino "Einer flog über das Kuckucksnest", den Film über einen Gesunden, der zum Irren "gepflegt" wird. Die Schwester weinte, Storck tröstete sie, denn sie glaubte, der Spuk wäre für immer vorbei.
Im Juli 1977 schickte sie der Vater in die Bremer Privatklinik Dr. Heines. Vorsorglich hatte er mehrere Anstalten angeschrieben, diese war bereit, Waltraud aufzunehmen, und bekam von ihm dafür Geschenke: mal 'ne Torte, mal einen schönen Stein. Als die Krankenkasse nicht mehr zahlen wollte, übernahm die Klinik die Kos- ten. "Warum schon wieder?", fragte die Tochter. "Weil du Mutter krank gemacht hast", sagte der Vater. "Mich kriegst du nicht kaputt. Nur über meine Leiche."
Ohne richterlichen Beschluss zur Zwangseinweisung, ohne ihre Einwilligung - Storck war 18 und selbst verantwortlich für ihr Leben - sperrten sie die Ärzte weg. Sie schrieben die Verdachtsdiagnose aus den Frankfurter Akten ab, einschließlich eines Fehlers, der besagte, Waltraud sei das zweite, nicht das dritte Kind der Storcks. Als wäre sie Probandin der Pharmaindustrie, bekam Storck in Bremen insgesamt 17 verschiedene Medikamente, darunter stark dämpfend wirkende Neuroleptika wie Haldol und Sigaperidol gegen die angebliche Psychose. Gegen die Nebenwirkungen wie Zittern und Krämpfe Akineton, Anti-Parkinson-Mittel, und Zentropil, Anti-Epileptikum, sowie jede Menge Antidepressiva, Kreislaufmittel, Tranquilizer.
Bald war Waltraud Storck süchtig nach Medikamenten, bald bekam sie wirklich Wahnvorstellungen, hörte die Stimme ihres Vaters, der sagte: Nie wirst du allein leben können, nie auskommen ohne Medizin. Manchmal täuschte sie die Schwestern, tat, als starrte sie Löcher in die Luft oder zählte ihre Schritte auf dem Flur, und schlich in unbeobachteten Momenten ins Stationszimmer. Sie fischte Beipackzettel aus dem Papierkorb, lauter lateinische Worte, sie fand auch hier keine Antwort auf ihre Fragen: Was ist mit mir? Warum glaubt mir keiner?
Nach knapp zwei Jahren entwischte Waltraud Storck über den Zaun. In der Straßenbahn lächelte sie die Fahrgäste an, versuchte, wie sie zu wirken, normal und unbeschwert. Am Bremer Hauptbahnhof kreisten sie drei Polizisten ein, die Klinik hatte nach ihr suchen lassen. "Wo wollen Sie hin?" Nach Hamburg. "Wo kommen Sie her?" Schweigen. In Handschellen schleiften sie Storck auf die Wache und fuhren sie zurück in die Klinik. Wieder knieten Pfleger auf ihren Schultern, fesselten sie mit Lederriemen, setzten Spritzen und hielten Sitzwache am Bett.
"Damals war ich naiv", sagt Waltraud Storck heute. "Zu behaupten, ich bin gesund, lasst mich raus, war das Schlimmste, was ich tun konnte. In der Psychiatrie gilt: Wer sich wehrt, verliert."
Im Mai 1980, nach knapp vier Jahren hinter Gittern, entkam Waltraud Storck der Psychiatrie, so unerwartet, wie sie hineingeraten war. Es war keine Flucht, man wollte sie nicht entlassen, sie hatte einfach das Glück, eine Patientin zu treffen, die sich ihrer erbarmte, die sagte, die ist doch ganz normal, sie kann klar denken, das Einzige, was sie braucht, ist Liebe.
Waltraud Storcks Retterin heißt Margarethe Emig. Sie waren Zimmernachbarinnen in Gießen. Dorthin war Storck verlegt worden, erst auf eine geschlossene Station,
als die umgebaut wurde, auf eine offene. Margarethe Emig hatte einen Nervenzusammenbruch. Als ihr Mann sie nach drei Wochen abholte, sagte Emig: "Ich fahre nicht ohne Waltraud." Gegen den Rat der Ärzte stieg Storck ins Auto, sie wünschte sich nichts sehnlicher als eine Familie.
Margarethe Emig ist heute 75 Jahre alt, eine kleine, quirlige Frau im blauen Putzkittel. Sie sitzt im Garten ihres Hauses, hat russischen Zupfkuchen gebacken, gleich muss sie wieder los, putzen in einer Mädchenschule. Sie ist eine einfache Frau, sie versteht nicht viel von Medizin und verhaspelt sich jedes Mal, wenn sie das Wort Psychiatrie sagt. Für Waltraud Storck war sie heilsamer als alle Universitätsärzte.
In zwei Jahren holte Waltraud das nach, was sie verpasst hatte, sagt Margarethe Emig und streichelt die Katzen, spricht mit den Koi-Karpfen im Teich, so, wie Storck es damals tat, als sie 22 Jahre alt war und endlich Kind sein durfte. Es gab keine Gewalt, keine Verbote, es gab jetzt "Mutti", die sagte: Niemand ist von Natur aus böse, wir lieben dich so, wie du bist.
Doch Liebe allein reichte nicht, sagt Margarethe Emig. Sie holt ein Foto aus dem Haus. Ein Ausflug ins "Phantasialand", in der Wildwasserrutsche sitzt Waltraud Storck, in sich zusammengesunken, seltsam verzerrtes Lächeln, die Hände spastisch verdreht. "Waltraud, das Wrack", sagt Emig, "geistig anwesend, aber körperlich ein Pflegefall." Waltraud, die merkte, dass sie nicht mithalten konnte mit Margarethe Emigs Tochter, gleichaltrig, jedes Wochenende in der Disco. Waltraud, die sich schämte, als Emigs Pfarrer sagte: "Was, die habt ihr aus der Psychiatrie geholt? Jetzt seht ihr, was ihr davon habt."
Im Herbst 1980 kippte Waltraud Storck den Karton mit Pillen, Spritzen, Tropfen in den Müllschlucker der Emigs. Der Entzug brachte sie beinahe um den Verstand. Das, was in der Psychiatrie nie geschehen war, geschah jetzt - in Freiheit, inmitten von Menschen, die es gut mit ihr meinten: Waltraud Storck glaubte nun selbst, verrückt zu werden. Tagsüber kauerte sie im Bett, zog die Decke unters Kinn, fühlte sich stumpf und leer, wie benebelt. Erschrak, wenn sie ihr Kopfkissen nass gesabbert hatte, bekam Panik, weil ihre Stimme jetzt tief und monoton klang und bald ganz versagte. "Die hat höchstens noch ein, zwei Jahre zu leben", sagten die Nachbarn.
Elf Jahre lang sprach Waltraud Storck kaum. Mit jedem Tag ohne Medikamente aber lichtete sich der Nebel in ihrem Kopf, zurück kam ihr starker Wille. Früher hatte er sie in die Anstalten gebracht, jetzt half er ihr zu kämpfen. Waltraud Storck zog zurück zu den Eltern, die Emigs brauchten ihr Zimmer. In einer Werkstatt für geistig Behinderte tütete sie sechs Jahre lang Reiseprospekte in Briefumschläge, mit 28 Jahren schaffte sie den Führerschein, auch den Idiotentest, der war Bedingung. Nach einer Ausbildung zur technischen Zeichnerin bekam sie eine Stelle in einem Ingenieurbüro, verdiente eigenes Geld, stumm, aber fleißig. Das Glück dauerte ein dreiviertel Jahr, dann streikte ihr Körper - Rückenschmerzen, Schleim in der Lunge, Muskelschwund.
In den Krankenhäusern in Mainz und Wiesbaden begann Waltraud Storcks zweite Leidenstour. Die Jahre in den Anstalten, sagt Storck, kamen den Ärzten verdächtig vor, sie glaubten, sie simuliere, sie habe keine körperlichen Schmerzen, sie leide am Gemüt. Wieder verordneten sie Psychopharmaka, und dreimal die Woche fragte eine Therapeutin sie nach ihrer Kindheit aus. Doch Waltraud Storck wollte keinen "Psychomist", sie wollte Krankengymnastik. Nach 16 Monaten wurde sie als "therapieresistent" entlassen.
Mitte der neunziger Jahre begriff Storck, was Ärzte ihr angetan hatten. Sie las jetzt Bücher wie "Schöne neue Psychiatrie", schlug die Nebenwirkungen der Medikamente im Arzneimittelverzeichnis "Rote Liste" nach und verglich sie mit den Dosierungen aus den Kurvenblättern der Kliniken. Die Wahrheit ist bitterer als die Medizin: Sie leidet unter den Spätfolgen ihrer Kinderlähmung, am Postpoliosyndrom. Die Dauertherapie mit Neuroleptika, bestätigte ihr später ein Toxikologe, könnte die Schmerzen ausgelöst haben.
Waltraud Storck begann, sich die Wut von der Seele zu schreiben. Sie wusste, sie ist kein Einzelfall, aber eine der wenigen, der Verstand und Kraft geblieben waren, um vom Wahnsinn eines Systems zu berichten, das wegsperrt, statt zu heilen.
Als die Schmerzen unerträglich wurden, brachte sie die Nachbarin aus der Reihenhaussiedlung in die Notaufnahme eines Allgemeinen Krankenhauses. Im Taxi öffneten sie den Umschlag mit den Überweisungsschreiben und zerrissen alle Seiten, auf denen Schizophrenie stand. Zum ersten Mal wurde sie von einem Orthopäden behandelt. Ihre Muskeln waren jetzt so verkümmert, dass Pfleger sie mit einem Lifter in die Badewanne hieven mussten. Dort lag sie, nackt, bewegungslos, auf 50 Kilo abgemagert, ohne Zähne, die waren verfault. Sie beschloss, zu klagen. Nicht gegen den Vater, auch der sei Opfer, sagt Waltraud Storck, er habe halt den Ärzten geglaubt, hörig wie er war. Sie verklagte fünf Kliniken, drei psychiatrische Anstalten und die Krankenhäuser von Mainz und Wiesbaden.
Der Kampf vor Gericht dauert seit rund acht Jahren. Manchmal rollte Storck in den Gerichtssaal, ungeladen, auf dem Schoß medizinische Fachbücher. Sie wollte den Gutachtern ihre Wahrheit ins Gesicht sagen, Fehler aufdecken, Widersprüche. Aber es war wie in den Anstalten. Sie wurde nicht gehört. Ein Gutachter schrieb vom anderen ab wie früher die Ärzte, die Richter folgten. Ein Arzt weigerte sich, zu ihren Gunsten auszusagen, er bot ihr Geld.
Als Charlotte Köttgen, ehemalige Kinder- und Jugendpsychiaterin am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf, von Waltraud Storcks Fall erfuhr, packte sie gerade die Koffer für einen Urlaub an der Ostsee. Es war im Sommer 1999, knapp 25 Jahre nach Storcks erster Internierung. Sie klage gegen Kliniken, die sie krank gemacht
hätten, sagte die Frau am Telefon, jetzt brauche sie ein unabhängiges Gutachten. Köttgens Fachgebiet ist Schizophrenie, sie ließ sich die Ärztebriefe und Verlaufsdiagnosen schicken und rekonstruierte den Fall. Schnell war klar: Obwohl sich die Verdachtsdiagnose niemals bestätigen ließ, zog sie sich durch alle Akten. Weil Storcks Vater Druck auf die Ärzte ausübte. Weil niemand wagte, der einmal gestellten Verdachtsdiagnose zu widersprechen. Weil niemand fragte, warum sie nur zu Hause und in der Klinik aufsässig war. Charlotte Köttgen fiel kein Kollege ein, der bereit wäre, sich als Nestbeschmutzer unbeliebt zu machen. Sie schrieb das Gutachten selbst, im Urlaub, das Wetter war schlecht.
"Schon in den siebziger Jahren war die Diagnose umstritten", sagt Köttgen, 64, eine schlanke, rothaarige Ärztin, die viele hoffnungslose Fälle erlebt hat, so einen selten. "Hebephrenie bedeutete damals so viel wie vorzeitige Verblödung mit geringer Hoffnung auf Heilung. Doch Storck ist geistig hellwach, schizophren war sie nie. Sie litt unter einer schweren Pubertätskrise, vor allem aber litt sie unter ihrem Vater, der ihr die Schuld an der kaputten Familie gab. Ihr hätte geholfen werden können, ambulant, mit Familientherapie. Doch sie wurde falsch und viel zu lange behandelt. Man quälte sie mit Neuroleptika, obwohl schon damals die Nebenwirkungen bekannt waren und Storcks zentrales Nervensystem durch die Kinderlähmung vorgeschädigt war."
Bis auf einen Vergleich von 20 000 Mark im Frankfurter Fall verlor Waltraud Storck alle deutschen Verfahren. Ende 2000 entschied das Bremer Oberlandesgericht, der Anspruch auf Schmerzensgeld sei verjährt. Ein Psychiater bestätigte aufgrund der Akten: Die Ärzte seien "hilflose Helfer" und unschuldig am "schicksalhaften Verlauf" der Krankheit, die Psychiatrie in den siebziger Jahren "war halt so". Storck sei geisteskrank gewesen, sie hätte Selbstmord verüben oder kriminell werden können, eine Verwahrung sei erforderlich gewesen. Im Bremer und im Mainzer Fall zog Storck vor den Bundesgerichtshof. Abgelehnt. Sie zog vors Bundesverfassungsgericht. Abgelehnt. Eine Verletzung von Grundrechten sei nicht ersichtlich, befanden die Richter, "die Entscheidung ist unanfechtbar".
Waltraud Storck blieb nur die Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof. Dort wird verhandelt, ob Staaten gegen Menschenrechtskonventionen verstoßen haben. Die Chance war winzig: Noch nie hatte Straßburg einen deutschen Psychiatriefall zugelassen, pro Jahr gehen 40 000 Beschwerden ein, nur zwei Prozent wird stattgegeben.
Georg Rixe, Storcks Anwalt im Straßburger Fall, sitzt in seinem Büro in Bielefeld. Um ihn herum Leitz-Ordner mit Storcks Briefen, in denen sie sachkundig die Beweisführung des Bundesjustizministeriums zerpflückt. So eine Mandantin habe er noch nie erlebt, sagt Rixe, nicht nur Opfer, sondern Kämpferin, erstaunlich.
Der Gerichtshof folgte ihrer Argumentation in weiten Teilen. Am 16. Juni dieses Jahres entschieden sieben Richter einstimmig: Durch den Zwangsaufenthalt in Bremen vom 18. bis 20. Lebensjahr sei Storcks Recht auf Freiheit und das auf Privatleben verletzt worden. Deutschland habe zu verantworten, dass Polizisten sie gewaltsam eingefangen und Gerichte ihre Ersatzansprüche abgelehnt hätten. Der Staat hätte sie schützen müssen, die Behandlung sei gegen ihren Willen, ohne Grund und ohne richterlichen Beschluss erfolgt.
Das Urteil ist eine Ohrfeige für deutsche Gerichte und eine Überraschung in Zeiten, in denen viele Kliniken privatisiert und renitente Kinder und Alte weggesperrt werden. Die Psychiatrie sei anfällig für Fehldiagnosen, sagen Experten, ein Missbrauch wie in Storcks Fall - ein Vater interniert sein Kind, vorbei an allen Gesetzen - passiere öfter. Ab sofort aber müsse der Staat für die Folgen haften. Er werde sich nun absichern, also verstärkt Kontrollkommissionen durch die Kliniken schicken.
Die Psychiaterin Charlotte Köttgen sagt, die Diagnose Hebephrenie werde heute wieder öfter gestellt. Seit es mehr junge Patienten gibt und weniger Personal, wachse der Druck, schwierige Jugendliche wegzusperren. Außerdem würden mehr Psychopharmaka verschrieben, also Symptome bekämpft, nicht die Ursachen. So gesehen sei Storcks Fall wieder aktuell.
Waltraud Storck sagt, seit dem Straßburger Urteil wisse sie, dass ihr misslungenes Leben nicht vergebens war, weil es andere vor ihrem Schicksal bewahren könnte. Sie ist zurück in ihrer kargen Zweizimmerwohnung, lahm gelegt kauert sie im Sessel. "Könnte man doch bloß die Zeit zurückdrehen", sagt sie oft und dass sie hoffe, mit dem Straßburger Urteil den Bremer Fall wieder aufrollen zu können. Und sie sagt auch: "Ich will nie wieder auf diese Welt geboren werden."
Nachmittags, wenn die Nachbarskinder auf der Straße Himmel und Hölle spielen und Väter grillen, zieht sie die Gardinen vors Fenster und schreibt am Laptop über ihr Leben. Bisher sind zwei Bücher erschienen, ein drittes und ein Drehbuch sind in Arbeit. Sie hat sie unter dem Pseudonym "Vera Stein" veröffentlicht, sie traute sich nicht, ihren wahren Namen preiszugeben. Sie fühlt sich noch immer verfolgt und fürchtet Menschen, seit Menschen sie gequält haben. Kaum jemand in der Kleinstadt im Taunus kennt ihre Geschichte, sie hat gelernt, wer einmal als geisteskrank galt, wird gemieden.
Am Abend, als alles gesagt ist, besucht sie das Grab ihres Vaters. Edzard Storck starb vor drei Jahren, er hing an Schläuchen im Krankenhaus, sie saß vor dem Bett im Rollstuhl. Entschuldigt hat er sich nie, nur gesagt: "Da ist wohl ein böses Unglück über die Familie gekommen."
Sie bremst den Rollstuhl unter einer Kastanie. Das Grab ist verwildert, seit Jahren scheint niemand hier gewesen zu sein. Sie lässt sich aufs Beet plumpsen, kriecht auf allen Vieren. Sie sticht sich an einer Distel. Sie flucht. Sie rupft am Unkraut und sagt: "Er soll doch atmen können, der Vater."
Von Ehlers, Fiona

DER SPIEGEL 37/2005
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