12.09.2005

PALÄSTINA„Zugang zu einem riesigen Markt“

James Wolfensohn, 71, Nahost-Vermittler und Ex-Präsident der Weltbank, über die wirtschaftliche Zukunft des Gaza-Streifens
SPIEGEL: Welche Entwicklungschancen hat der verarmte Landstrich nach der Räumung durch die Israelis?
Wolfensohn: Gaza hat nur dann eine Zukunft, wenn es mit dem Westjordanland und mit dem Rest der Region verbunden wird. Dann könnten wir einen Markt schaffen, der Ägypten, Jordanien, Israel und vielleicht sogar den Libanon einschließt.
SPIEGEL: Würden Sie im Gaza-Streifen investieren?
Wolfensohn: Aber sicher, im Tourismus zum Beispiel. Vieles spricht für Gaza. Die Lohnkosten sind niedrig, bei einer Arbeitslosigkeit von 50 bis 60 Prozent hungern die Palästinenser geradezu nach Arbeit. Offene Grenzen würden zudem einen Zugang zum riesigen Markt der islamischen Welt ermöglichen. Allerdings muss die Palästinenserführung Gewalt und Chaos in den Griff bekommen.
SPIEGEL: Wie soll der isolierte Gaza-Streifen an das Westjordanland angebunden werden?
Wolfensohn: Die Weltbank sucht gerade nach der besten Lösung, etwa eine Eisenbahnverbindung oder eine tiefergelegte Straße. Vorerst werden die Palästinenser wohl in von Israel bewachten Konvois hin- und herreisen müssen.
SPIEGEL: Wird Israel denn den Palästinensern im Gaza-Streifen die nötige Bewegungsfreiheit nach außen einräumen?
Wolfensohn: Wir haben gerade in der Frage der Grenzübergänge einen Durchbruch erzielt. Israel akzeptiert, dass bei der Ein- und Ausreise nach Ägypten in Zukunft nur noch Palästinenser und Ägypter kontrollieren. Die Grenzer sollen außerdem durch europäische Inspektoren verstärkt werden. Damit stimmt Israel erstmals dem Prinzip internationaler Hilfe in Grenzfragen zu. Israel will den Gaza-Streifen also offenbar nicht abriegeln, sondern zielt auf eine Politik der offenen Tür. Premier Scharon zeigt sehr viel Mut.
SPIEGEL: Mit jährlich fast einer Milliarde Dollar stehen die Palästinenser an der Spitze der internationalen Finanzhilfe.
Wolfensohn: Das entspricht lediglich einem Tausendstel der jährlichen Rüstungsausgaben weltweit. Wir müssen schließlich berücksichtigen, dass der Konflikt internationale Auswirkungen hat, vor allem auf die islamische Welt. Eine Lösung dieses Konflikts wird uns auch beim Kampf gegen den Terror helfen. Die großen Industrienationen haben bereits weitere Milliarden versprochen, aber es gibt keine Blankoschecks: Die Palästinenser müssen beweisen, dass sie umfassende Reformen durchsetzen.
SPIEGEL: Sie haben Spenden gesammelt und persönlich 500 000 Dollar dazugetan, um den Siedlern Treibhäuser abzukaufen und sie den Palästinensern zu schenken. Warum?
Wolfensohn: Die Bulldozer standen schon bereit, um die Gewächshäuser niederzuwalzen und mit ihnen alle Strom- und Wasserleitungen. Das wollte ich verhindern.

DER SPIEGEL 37/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 37/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PALÄSTINA:
„Zugang zu einem riesigen Markt“

  • Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord
  • Mays Auftritt beim EU-Gipfel: "Es kam zu tragikomischen Szenen"
  • Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont
  • Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell