12.09.2005

VATIKANAudienz fürs Abendland

Als erste Italienerin ist Oriana Fallaci, die schärfste Kritikerin des Islam, von Benedikt XVI. zum Privatgespräch empfangen worden.
Es war ein Treffen, das keine Spuren hinterlassen sollte. Kein Foto, keine Zeugen, keine Erklärungen. Offiziell war der 27. August in Castelgandolfo nur ein ganz gewöhnlicher Sommertag im Leben des Papstes.
Aber die Begegnung Benedikts XVI. mit Oriana Fallaci war zu brisant, um länger als ein paar Tage geheim zu bleiben. Das Oberhaupt der katholischen Christenheit traf eine Frau, die seit dem 11. September 2001 wie keine andere zum Kreuzzug gegen Islam und Islamisten ruft, zum Abwehrkampf gegen "ihren Expansionismus, ihren Kolonialismus, ihren Rassismus". Das Treffen musste zum Skandal werden.
Der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller Pietro Citati empörte sich in der liberalen "Repubblica". Er nennt die 75jährige ehemalige Weggenossin Fallaci "maßlos unwissend und lügenhaft" und verweist auf den Unterschied zwischen dem Koran und allen Killern, die sich auf ihn berufen.
Von Berlusconis Zeitung "il giornale" wurde die Geheimaudienz dagegen als "Zeichen der Zeit" begrüßt. Als Begegnung zweier Geistesverwandter, die dem Unbehagen der Moderne an sich selbst eine Rückbesinnung auf die christliche Identität entgegensetzen.
Fallaci ist eine Legende des Journalismus. Seit Vietnam war sie in den meisten großen Kriegen dabei. Und wenn die Mächtigen eines fürchteten, dann von der Fallaci interviewt zu werden. Sie traf Chomeini, Deng Xiaoping, Castro, Kissinger, Gaddafi. Immer respektlos, unverfroren und von einer bellezza, die keiner der Herren je vergaß.
Diese Frau wird geliebt, gehasst und - gelesen: "Ein Mann", das Buch über ihre Liebe zu dem griechischen Widerstandskämpfer Alexandros Panagoulis, wurde auch in Deutschland zum Bestseller.
Seit langem lebt Oriana Fallaci in Manhattan, zwischen Büchern und mit ihrer Krebserkrankung als einzigem ständigem Begleiter. Unmittelbar nach dem Anschlag auf die Zwillingstürme schrieb sie einen wortgewaltigen Zornausbruch gegen die Selbstaufgabe des Abendlands nieder: "Die Wut und der Stolz". Auch der Nachfolgeband "Die Kraft der Vernunft" wurde mehr als eine Million Mal in Europa verkauft.
Dank der schlappschwänzigen Toleranz seiner Eliten - so heißt es darin - wäre Old Europe längst zu "Eurabia" geworden, eine "Kolonie des Islam", unterwühlt von Einwanderern, die nichts anderes im Sinn hätten, als Halbmonde auf Kirchtürme zu verpflanzen.
Diese Philippika verschweigt die humanistischen Traditionen des Islam. Und ist eine Beleidigung für alle, die in Fallacis Heimatland auf Tomatenplantagen und vor Pizzaöfen die Drecksarbeit machen, aber nicht mal in eigenen Moscheen zu ihrem Herrn beten dürfen.
Dennoch: Die Fallaci ist eben eine Ketzerin gegen jede Form der Political Cor-
rectness und ohne Zögern bereit, auf jeden Scheiterhaufen zu steigen.
In ihrem jüngsten, noch nicht übersetzten Buch, einer Art politischem Testament, rückt Oriana Fallaci ein paar Dinge gerade**. Zum Beispiel, dass es ein Unterschied ist, ob man einem Gefangenen eine Kapuze aufsetzt oder ihm den Kopf abschneidet.
Dann setzt die alte Klage an. Johannes Paul II. wirft sie, die "christliche Atheistin", vor, "nie ein Wort gegen unsere Feinde" gesagt zu haben. Die einzige Hoffnung des Buches war - Joseph Ratzinger.
Dieser Deutsche schrieb wie sie, sprach vom "merkwürdigen und nur als pathologisch zu bezeichnenden Selbsthass des Abendlandes", von der falschen Toleranz, der "innerlichen Aushöhlung Europas" gegenüber dem Wiedererblühen des Islam. "Ich fühle mich weniger allein, wenn ich die Bücher von Ratzinger lese", erklärte sie dem "Wall Street Journal".
Gleich nach der Papstwahl hatte Fallaci den Antrag auf eine Privataudienz gestellt. Sie wolle, erklärte sie, Benedikt XVI. fragen, ob er den Islam tatsächlich für so dialogfähig halte, wie Papst Wojtyla es getan hatte. Natürlich lässt ein Intellektueller wie Ratzinger es sich nicht entgehen, diese von allen Gutmeinenden geächtete Kassandra kennen zu lernen. Durch die Vermittlung eines Bischofs kam es zu dem Treffen.
Wer auf Menetekel lauert, wird in der Audienz einen Hinweis auf den gegenreformatorischen Kurs im neuen Pontifikat sehen: erst die Kritik des Kardinals Schönborn am Neodarwinismus, jetzt der Handschlag mit einer zügellosen Kreuzzüglerin. Sind das Positionsbestimmungen? Testballons? Oder nur Irrlichter?
Bei seinem Kölner Treffen mit Vertretern muslimischer Gemeinschaften erklärte Benedikt XVI., dass die "Verteidigung der Religionsfreiheit und die Achtung der Minderheiten ein unanfechtbares Zeichen wahrer Zivilisation" sei. Das war eine deutliche Kritik an nahezu allen Staaten der arabischen Welt.
Der Ratzinger-Biograf John Allen wertet die Audienz "als ein weiteres Zeichen, dass Benedikt XVI. in seiner Haltung zum Islam eher eine ,Falken'-Linie verfolgt als sein Vorgänger".
Das Treffen sei nur kurz gewesen, wird jetzt im Vatikan versichert. Doch die katholische Kirche ist die Meisterin der Zeichen und weiß um die Kraft der Symbole. Und, wie die Abgeordnete Livia Turco von den Linksdemokraten erklärte: "Ich hätte mir gewünscht, dass er als erste Italienerin eine andere Frau empfangen hätte." ALEXANDER SMOLTCZYK
* Mit anderen christlichen Würdenträgern beim Besuch des Weltjugendtags am 20. August in Köln.
** Oriana Fallaci: "Oriana Fallaci intervista sé stessa. L'Apocalisse". Verlag Rizzoli International; 262 Seiten; 15 Euro.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 37/2005
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