12.09.2005

MUSIKTHEATERGrauen in Dur und Moll

Der gefällige Minimalist Philip Glass hat einen brutalen Polit-Thriller des Nobelpreisträgers J. M. Coetzee vertont - Folter unter Wohlklang.
Martern aller Arten. Eine junge Frau wird ausgepeitscht, anschließend stechen ihr die Schergen mit den Zinken einer glühenden Gabel in die Augen. Der hilflose Vater muss die Tortur mitansehen, danach schlagen sie dem Alten den Schädel ein.
Einem Kind wird die spitze Klinge eines winzigen Messers auf die Haut gesetzt, tief eingedrückt und dann ins Fleisch gebohrt, wieder und wieder, bis der Körper des Jungen mit blutenden Löchern übersät ist.
Oder das Martyrium eines Haufens Gefangener, Gipfel der Folter: Da sind zwölf nackte Männer auf bestialische Weise aneinander gekettet. Eine Drahtschlinge, so lakonisch steht es in dem Roman "Waiting for the Barbarians" (Warten auf die Barbaren) des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers John Maxwell Coetzee, 65, ist jeweils "durch den Handteller eines jeden Mannes und durch die durchbohrten Wangen gezogen worden".
Geht derlei im Opernhaus? Passt so eine Quälerei auf die Musikbühne - das schiere Grauen in Dur und Moll? Der amerikanische Minimalisten-Guru Philip Glass, 68, hat sich an Coetzees Schreckensvision eines totalitären Folterstaats versucht und auf eine poetisch dichte und dramaturgisch schlüssige Libretto-Version des britischen Autors Christopher Hampton ("Sunset Boulevard", "Gefährliche Liebschaften") einen gut zweistündigen Zweiakter komponiert. Das Auftragswerk des Theaters Erfurt, von Intendant Guy Montavon inszeniert, war vergangenen Samstag zur Welturaufführung angesetzt: kein Event, aber ein Ereignis.
Kritiker und Berichterstatter aus aller Welt, selbst aus Coetzees südafrikanischem Stammland, hatten sich am Wochenende zuhauf in der thüringischen Landeshauptstadt angesagt. Der Filmregisseur Scott Hicks drehte vor Ort Szenen für seine kinematografische Glass-Dokumentation. Genau zwei Jahre nach der feierlichen Eröffnung wurde Erfurts neuer Theaterbau erstmals zu einem richtigen Wallfahrtsort des großen Feuilletons.
Glass und Coetzee, das ist eine Überraschungspaarung. Dem Komponisten erschien die kafkaeske Geschichte über ein anonymes Riesenreich und dessen Hintermänner "gerade nach dem 11. September 2001 unheimlich aktuell". Schließlich beschwört Coetzees Roman von 1980, ein durchweg in nüchternem Tonfall protokollierter Bericht, mit seinen traumatischen Wahnbildern Horror und Terror.
Niemals hatte sich der namenlose Präfekt, der an der Grenze des Reiches Dienst tut, bis dahin von den benachbarten "Barbaren", einem harmlosen Nomadenstamm, bedroht gefühlt. Plötzlich taucht ein Spezialtrupp der Staatspolizei auf, gibt vor, Kriegspläne der Barbaren aufgedeckt zu haben, und beginnt eine Schreckensherrschaft, deren Exzesse der ergraute Mann zunächst ohnmächtig mitansehen muss.
Als Zeichen des Mitleids und der Wiedergutmachung nimmt der Alte schließlich ein geschundenes Barbaren-Mädchen bei sich auf, pflegt es gesund und verhilft ihm zur Heimkehr. Genau diese karitative Geste wird von der Geheimpolizei als Verrat gedeutet und schlimm geahndet: Der
Wohltäter wird seinerseits ein Opfer öffentlicher Ächtung und Folter.
Nun scheint Minimal Music, zweifellos eine der originellsten Findungen in der Kompositionstechnik des vorigen Jahrhunderts, nicht gerade das ideale System für hochdramatische Stoffe zu sein, für das große Pathos von Katastrophen und die leidenschaftliche Klage darüber, wie Menschen mit Menschen Schindluder treiben. Minimal Music setzt gemeinhin alle für abendländische Ohren gewohnten Ansprüche auf Spannung, Kontrast und dramatische Steigerung außer Kraft.
Schlichte Tonschleifen - mal arpeggierte Akkorde, mal exotische Skalen, dann wieder Girlanden aus Tonleitern - kräuseln sich darin zu immer neuen Dauerwellen. Durch diese Praxis des klingenden Wiederkäuens entwickelt die Musik eine Monotonie, die sich Fans als süffigen Rausch reinziehen und Verächter als maschinellen Stumpfsinn abtun. Kalt lässt Glass keinen.
Seine alte Leier mit den klingenden Kürzeln hat der Wiederholungsvirtuose auch diesmal ungeniert angekurbelt, zumindest im ersten Akt - auch wenn Glass, inzwischen das Oberhaupt der Minimalisten, diesmal ein stattliches und durch Harfe, Marimba und Kontrabass-Klarinette apart besetztes Orchester voll beschäftigt hat.
Gleich bei den 216 Takten der Ouvertüre, in die auch der vierstimmige Chor mit vielfach an- und abschwellenden Ahs und Ohs einstimmt, bedient sich der Tonsetzer seiner Spezialität: des Glasperlenspiels als Hohelied der Eintönigkeit. Auch die ersten Auftritte des Präfekten und seines Gegenspielers Joll, dieses Kotzbrockens im Obristen-Rang, wirken zunächst blutleer. Die "Barbaren"-Oper, die sich über weite Strecken mit Sologesang auf Orchesterbasis begnügt und praktisch ohne Duette und Ensemblekonstrukte auskommt, singsangt gefährlich lange auf der Stelle.
Doch dann wird der Dramatiker Glass doch noch wach und die Musik auch mal schrill, scharf, biestig - so wie der Plot, den sie besingt. Fiese Dissonanzen mischen den Wohllaut auf, rhythmische Widerhaken stören das metrische Ebenmaß.
Dazu lässt der aus Kasachstan stammende Ausstatter George Tsypin Kompositionen sonnengelber Dünen, schrundiger Fassaden und bedrohlich enger Kasernenhöfe in filmischer Überblendtechnik projizieren - eine optische Kommentierung, die sich den Abläufen der kompositorischen Software in fließendem Wechsel anpasst.
Vollends aus mit der Gemütlichkeit ist es dann in den zentralen Passagen des zweiten Aktes, wenn die Geschichte sich immer unbarmherziger auf den Präfekten und seine Gegenspieler zuspitzt. Dann, endlich, hat die tönende Gebetsmühle ausgespielt, und zumindest andeutungsweise wagt sich Glass sogar aus dem publikumssicheren Schoß der Tonalität hinaus auf disharmonisches Neuland. Und er tut gut daran.
Wäre sein Verfahren der exquisiten Eintönigkeit tatsächlich bloß eine Masche, hätte es sich bei dem ewigen Recycling der Glass-Industrie längst totgelaufen. Da scheint es schon überzeugender, dass dieser Minimalist wohl einen klugen Dreh gefunden hat, um die zeitgenössische Musik, E wie U, zu verbrüdern und als Crossover an ein großes Publikum zu bringen. Insofern ist es kein Kreuz mit Glass.
KLAUS UMBACH
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 37/2005
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