28.01.1974

„Sagen Sie Hokuspokus“

Werner Geissler-Werry, 48, Herausgeber der Artisten(Zauberer-Zeitschrift "Magische Welt" und Hersteller von Zauber-Requisiten, untersuchte Uri Gellers Darbietung in "Drei mal Neun".
Wim Thoelke behauptete in der
fraglichen Sendung, alle vor Geller liegenden Bestecke seien von der Fernseh-Anstalt zur Verfügung gestellt worden. Das mag durchaus stimmen. Solange jedoch die für das "Biege-Experiment~ benutzte Gabel nicht einer sorgfältigen Prüfung unterzogen wurde. waren die Testbedingungen "unrein", wie der Fachmann sagt.
Man erinnere sich: Uri Geller nahm zunächst eine Gabel von einem Tablett, auf dem zahlreiche Gabeln, Messer und andere Bestecke lagen. Diese Gabel gab er Wim Thoelke, der sie an den Notar Dr. Kaul weiterreichte. Als dann die Kamera wieder auf Geller schwenkte, hatte dieser drei Gabeln in der Hand. Eine davon bekam Thoelkes Assistentin Gabi.
Die beiden anderen Gabeln hielt Geller, und zwar an der Stelle, an der später die eine Gabel brach, in den Händen, er verdeckte, für mich ganz deutlich, die spätere Bruchstelle und reichte sie -- ohne sie loszulassen -- an Thoelkes andere Assistentin Rabea.
Die nun folgende Selektion der meines Erachtens präparierten Gabel kam -- für den Fachmann eindeutig erkennbar -- durch eine Methode der gezwungenen Wahl (Forciermethode) zustande.
Die Zahl der in Fachkreisen bekannten Forciermethoden ist kaum überblickbar, und immer wieder entstehen neue, bessere, raffiniertere. subtilere Methoden, die selbst vom Fachmann mitunter kaum zu durchschauen sind.
Uri Geller benutzte bei seinem Gabel-Experiment eine recht subtile Methode. Es galt, die in seiner linken Hand gehaltene Gabel zu forcieren. Er ließ Rabea beide Gabeln an den Spitzen anfassen. Als er dann fragte: "In what hand do you feel more power?", befand sich seine linke Hand etwa einen Millimeter von Rabeas rechter Hand entfernt, während die Distanz seiner rechten zur linken Rabeas sechs Zentimeter betrug.
Die Wärmeabstrahlung seiner linken Hand hätte genügen müssen, Rabea antworten zu lassen: "In my right one." Da dies jedoch nicht gleich geschah -- es gibt bei solchen subtilen Forciermethoden immer einen gewissen Unsicherheitsfaktor -, half Uri ein wenig nach. Er stellte die Suggestiv-Frage: "In the right hand?" Die Antwort auf Fragen dieser Art lautet bei weiblichen Personen in 99 von 100 Fällen "ja" -- Insbesondere dann, wenn der Vorführende ein sympathisch wirkender junger Mann ist.
Nachdem Rabea sich scheinbar freiwillig, in Wahrheit aber von Geller gezwungen, für eine Gabel entschieden hatte, hielt sie diese an den Zinken fest. Geller rieb dann die Gabelmitte mit Daumen und Zeigefinger, bis diese Stelle scheinbar weich wie Wachs geworden war. Man konnte sehen, wie sich die Gabel bog, und auch Thoelke durfte es ausprobieren. Plötzlich machte es dann klack, und die Gabel war auseinandergebrochen.
Wäre die von Geller benutzte Gabel unpräpariert gewesen, hätte er
* die spätere Bruchstelle nicht sorgfältig zu verdecken brauchen,
* diese Gabel von Wim Thoelke oder einer anderen Person prüfen lassen, und
* bei der Auswahl keine Forciermethode anwenden müssen.
Um die Darbietung übernatürlicher Kraft noch glaubhafter zu machen, demonstrierte man das Uhren-Experiment. Als Experten hatte man sich einen Uhrmachermeister geholt, der allerdings bald in die Rolle eines Statisten gedrängt wurde. Man drückte ihm drei Uhren in die Hand. aber währenddessen verschwanden bereits einige andere unter der Hand der assistierenden Dame. Auch hier kam danach wieder die gezwungene Wahl zur Anwendung. Und die "gewählte" Uhr tickte in der Tat. Der Uhrmacher bestätigte es. Aber auf seine Frage: "Soll ich se uffmache?", wurde sehr schnell mit "nein" geantwortet. -- Warum wohl?
Das Geheimnis läßt sich leicht erklären: Haben Sie ein paar kaputte Uhren im Haus? Holen Sie sie herbei. Ziehen Sie die Uhren ein wenig auf, legen Sie sie mit dem Zifferblatt nach unten auf den Tisch, oder halten Sie sie in der Hand. Jetzt sagen Sie Hokuspokus oder Simsalabim. Sie können aber auch "die Kräfte von außen" (nach Uri Geller) mobilisieren. Und siehe da, einige der Uhren gehen wieder.
Und wie ist das möglich? Nun, defekte Uhren haben es nun mal so an sich (zum Teil jedenfalls), für kurze Zeit wieder zu ticken, wenn man sie aufzieht oder bewegt. Und es ticken in Deutschland noch nicht wieder alle kaputten Uhren.
Von Werner Geissler-Werry

DER SPIEGEL 5/1974
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