28.01.1974

Glauben wollen die Leute

Also, an mir, habe ich gedacht, soll es nicht liegen. Ich habe letzten Montag, obwohl ich mir ziemlich doof dabei vorgekommen bin, punkt 17.30 Uhr eine Gabel auf die "Bild"-Zeitung getan, über beides die Hand gehalten, die Augen geschlossen und an Uri Geller gedacht. Verbogen hat sich nichts.
Offen gesagt, ich war fast enttäuscht. Zwar: Wenn ich mich entscheiden soll zwischen dem Sinnlichen und dem Übersinnlichen, fällt mir die Wahl nicht schwer. Aber ich fände es fabelhaft, wenn sich wirklich beweisen ließe, daß die Kraft des Geistes über die Materie zu triumphieren vermag.
Am Dienstag bin ich nach Wien geflogen, zu Uri Geller persönlich. Ein richtig netter Junge. Er kommt herein, sieht aus wie ein Dressman -- und ist tatsächlich mal einer gewesen. Er strahlt, parliert, bewegt sich wie ein Filmstar -- und hat tatsächlich von Kindesbeinen an ein solcher werden wollen. Insoweit stimmt alles.
Wir haben uns zuerst auf einer Pressekonferenz beim österreichischen Fernsehen getroffen. Ich gab ihm den Schlüssel zum Bonner SPIEGEL-Büro. Er nahm ihn, setzte sich auf einen Tisch, gab einer properen Kollegin den Schlüssel zu halten und karessierte ihn mit Daumen und Zeigefinger. Nichts. Das Ding blieb kerzengerade.
Ob dies auch wirklich mein "persönlicher Schlüssel" sei, wollte Geller wissen. Nicht direkt, sagte ich schuldbewußt und offerierte flugs meinen Autoschlüssel. Uri akzeptierte, und die ganze Geschichte wiederholte sich, einschließlich Mißerfolg.
Macht ja nichts, sagte ich geduldig. Schließlich hat Uri, wenn man "Bild" liest, schon genug Dinger. krumm gemacht, und "Bild" hat mitgebogen: "Uri Geller verbiegt ganz Deutschland".
Außerdem hat es viel lästigere Patzer gegeben. Uri Geller, der Mann, der im Stanford Research Institute, Kalifornien, USA, achtmal hintereinander richtig geraten hatte, wie ein für ihn unsichtbarer Würfel gefallen war, versagte beim Glücksspiel in Las Vegas, als es ums Geld ging, völlig. Er verlor.
Jedenfalls muß es da einen Zusammenhang geben zwischen dem Geld, das die Welt regiert, und diesen übersinnlichen Kräften -- möglicherweise einen unheilvollen Zusammenhang.
Einer seiner Manager ist Werner Schmid, jener Schweizer Show-Produzent, der einmal die Weltrechte am "Goldenen Schuß", an den Musicals "Hair" und "Anatevka" sowie zwei einschlägige Produktionsfirmen besessen hat. Mit der einen Firma hat er Konkurs gemacht, die andere hat sich mit den Gläubigern verglichen. Aber Werner Schmid hat sofort ein neues Musical "gebaut" -- mit übersinnlicher Thematik.
Bei der Suche nach einem Hauptdarsteller stieß er auf Uri Geller -- und vergaß sein Musical sofort wieder. Er sah die verbogenen Gabeln, die reparierten Uhren und wußte: "Die Show ist ja noch viel besser." Amüsement gibt's überall. Glauben wollen die Leute.
Ich allerdings wollte es lieber wissen. Nach der Pressekonferenz fuhr ich mit Geller ins "Imperial". Wir plauderten eine Weile auf seinem Zimmer, und Werner Schmid ließ uns vom Zimmerkellner Marillenknödel und Kaffee bringen, samt Besteck. Dann stießen Manfred Igogeit und Kai Greiser von der SPIEGEL-Illustration dazu und wollten photographieren.
Geller war bereit. Das heißt, er ging erst noch mal ausführlich auf die Toilette. Als er zurückkam, bat er Igogeit, Gabeln vom Tisch zu holen, gab sie uns in die Hand und berührte sie auch selbst, "um Energie von euch zu übernehmen". Dabei wurde ziemlich viel geredet, und Greiser photographierte.
Ich hatte schließlich in jeder Hand eine Gabel, die eine, in der linken Hand, hielt ich an den Zinken fest, während Geller mit Daumen und Zeigefinger über ihre dünnste Stelle strich. Plötzlich rief er: "Jetzt! Sie biegt sich! Drücken Sie mal ganz leicht hierher, auf den Stiel." Das tat ich mit dem Mittelfinger der rechten Hand, und die Gabel brach entzwei.
Wir haben die zerbrochene Gabel mitgebracht und untersuchen lassen. Das amtliche Gutachten steht auf Seite 107.
Da sei, sagte ich zum Abschied, bei mir zu Hause in Hamburg auch noch eine Armbanduhr, nicht kaputt, aber nicht aufgezogen -- ob er die für mich zum Ticken bringen wolle?
Geller schrieb etwas auf einen Zettel und fragte mich, was für ein Band die Uhr habe. Ich sagte: Schwarzes Kroko. Da zeigte er mir den Zettel. "Crocodile Band" stand darauf. "Aber verlassen Sie sich lieber nicht darauf, daß sie geht."
Sie ging tatsächlich nicht, als ich am Mittwoch heimkam. Ob das nun an mir liegt?
Von Hermann Schreiber

DER SPIEGEL 5/1974
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