11.02.1974

„Freunde, schmeißt die Knarre weg“

SPIEGEL: Haben Sie eine Pistole in der Tasche?
BAUMANN: Ich trage schon seit anderthalb Jahren keine Waffe mehr. Seitdem fühle ich mich wohler, freier. Eine Waffe kann dein ärgster Feind werden.
SPIEGEL: In einem Poem, das Sie verfaßt haben, sagen Sie es so: "Ich habe die Waffe abgelegt, Freunde, weil ich zu der Erkenntnis gekommen bin, daß nicht Haß deine Triebfeder ist, sondern daß Liebe meine Triebfeder Ist." Das klingt fast ein bißchen kitschig für einen Anarchisten.
BAUMANN: Für einen Anarchisten klingt's vielleicht kitschig. Aber ich empfinde mich heute nicht mehr als Anarchist.
SPIEGEL: Sie fordern auch Ihre Freunde auf: "Schmeißt die Knarren weg!" Haben Sie inzwischen gemerkt, daß Sie mit Gewalt nur abstoßen?
BAUMANN: Ich habe vielen Leuten gesagt, nimm doch die Knarre in die Hand, jahrelang. Die sollen nun -- auch wissen, daß hier ein Abschluß ist; das bin ich denen irgendwo schuldig.
SPIEGEL: Sie leben seit rund vier Jahren im Untergrund, Sie haben Bomben gelegt. Was war das -- politische Aktion oder ein Trip? Waren Sie ausgeflippt?
BAUMANN: Ja, wir waren wohl ausgedropt, in gewissem Sinne. Der ganze Stumpfsinn, die Monotonie hat Ekel in uns erregt. Fahren Sie mal frühmorgens im Nebel durch Siemensstadt. Diese Anhäufung von Häßlichkeit und Sinnlosigkeit, die nur noch dazu dient, eine geistlose Maschine im Laufen zu halten, tagaus, tagein. Fernsehsüchtige Eltern, versoffene Arbeitskollegen. Als ich noch Lehrling war auf einem Bau, natürlich konnte ich es da nicht formulieren, da kann man es einfach nur dunkel empfinden. Aber da entstand ein unbestimmter Abscheu vor der Gesamtheit, die einen umgibt.
SPIEGEL: Zu allererst hat die "Bewegung 2. Juni", der Sie angehörten, es anders, "politischer" machen wollen als beispielsweise die Baader-Meinhof-Gruppe, nicht nur von einer Bank in die andere. Was schwebte Ihnen vor?
BAUMANN: Wir wollten durch ständige Verschärfung des Klassenkampfes, bei Fahrpreiserhöhungen und Lohnkonflikten beispielsweise, allmählich eine revolutionäre Stimmung herbeiführen und sie dann zum Volkskrieg aufladen.
SPIEGEL: Warum?
BAUMANN: Es ist die Propaganda der Tat, eine alte anarchistische Sache, daß Konflikte angeheizt werden und immer eine militante Lösung gesucht wird. Wir wollten eine andere Gesellschaft, in der man konstruktiv und fröhlich sein kann. Nach 20 Jahren Adenauer und keine Experimente kamen die Revolutionsstrategen und haben gesagt, es sind ja nicht nur wir, es sind die in Persien, in Vietnam, die Schüsse auf Dutschke und Ohnesorg, es ist überall derselbe Feind; wir müssen ihn bekämpfen, erwachet.
SPIEGEL: Und dann haben Sie Banken überfallen. Sie selber waren -- nach den polizeilichen Ermittlungen -- dreimal dabei.
BAUMANN: Einmal, in Hermsdorf, sonst war ich nur Mitwisser.
SPIEGEL: Hatten Sie Angst?
BAUMANN: Angst? Eher Abenteuerlust, ich empfand den Reiz, den gefährliche Erfahrungen haben können. Man hat ja Angst nie total erlebt.
SPIEGEL: War das für Sie Volkskrieg?
BAUMANN: So pathetisch haben wir es nicht gesehen. Eigentlich war es lustig. Wir haben über unsere Kostümierung viel gelacht. Ich sah aus wie ein Comic-Clown.
SPIEGEL: Auf der Strecke, an der Sie gewirkt haben, gibt es zwei Tote: den Bootsbauer Beelitz, der durch eine von Ihnen mitgebaute Bombe ums Leben gekommen ist, und Georg von Rauch, den West-Berliner Polizei in der Eisenacher Straße erschossen hat, in Ihrer Gegenwart.
BAUMANN: Das sind Schlußpunkte. Das sind Tote, die einen zur Einsicht bringen. Bei Beelitz kam das Entsetzen. Bei Georg von Rauch noch einmal Haß. Wenn Sie den neben sich umfallen sehen, den sehen Sie ziemlich lange umfallen.
SPIEGEL: Sieht man ihn auch vorher umfallen?
BAUMANN: Die Möglichkeit hat man gesehen, ja, ja.
SPIEGEL: Wer hat in der Eisenacher Straße zuerst geschossen?
BAUMANN: Klar Georg, aber geschossen wurde fast gleichzeitig.
SPIEGEL: Wann haben Sie geschossen?
BAUMANN: Wenn Sie es knallen hören, schießen Sie automatisch zurück, das ist logisch.
SPIEGEL: Und nun? "Bommi", der Bombenleger, ist passe?
BAUMANN: Ich bin wieder da angelangt, wo ich aufgebrochen bin, und ich fühle mich immer noch als Teil einer Bewegung, die das Glück außerhalb dieser Gesellschaft sucht, auf anderen Wegen, in einem großen Strom. Seht her, der reuige Sohn kehrt zurück? Das wird es nicht geben.
SPIEGEL: Sie wollen sich nicht der Polizei stellen?
BAUMANN: Nein, auf keinen Fall. Warum auch? Ich habe schon einmal im Gefängnis gesessen, achtzehn Monate; die Erfahrung muß ich nicht erst noch machen. Und meine Probleme nehmen die mir da auch nicht ab. Wenn du dir das alles eine Weile von weitem in Ruhe ansiehst, dann kriegst du eben ein ganz anderes Weltbild. Wenn du nicht mehr der Blindgänger bist, wartet für dich der Fährmann, der dich ans andere Ufer bringt.
SPIEGEL: Garten Eden im Untergrund? Wo soll's denn hingehen?
BAUMANN: Es gibt konkrete Alternativen. Meine Alternative kann ich Ihnen nicht nennen; dann wär's keine mehr.

DER SPIEGEL 7/1974
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