11.02.1974

UMWELT Wie die Pilze

Immer mehr Firmen beteiligen sich am Riesengeschäft mit der Entschmutzung der Umwelt. Die größten Verschmutzer sind mit von der Partie.

Die namhaftesten Schmutzproduzenten der Republik sind zu rührigen Saubermännern geworden: Seitdem Bonn und Bürger mit Umweltschutz-Gesetzen und Protesten sich um mehr Lebensqualität kümmern, entdecken immer mehr Kaufleute und Konzerne die Umwelt -- als Zukunftsgeschäft ohne Grenzen.

Zwar schießen "Umweltfirmen", wie Hugo A. Rettig, Bereichsleiter bei der zur Quandt-Gruppe zählenden Industrie-Werke Karlsruhe AG (IWKA), beobachtete, "wie Pilze aus dem Boden", aber der harte Kern der Antidreck-Brigade zählt kaum ein Dutzend Firmen. Die anderen -- laut Schätzung des zuständigen Vereins Deutscher Maschinenbauanstalten "etwa 500" -- sind verspätete Nachzügler.

Die beiden Marktführer im Schmutzgeschäft mit Klär- und Müllvernichtungsanlagen, mit Lärmdämpfern und Luftreinigern setzen jeweils runde 300 Millionen Mark um. Während die Deutsche Babcock & Wilcox AG (Aktionäre: Babcock, London, und Berliner

Handels-Gesellschaft/Frankfurter

Bank) traditionell auf die Verbrennung von kommunalem Müll und Klärschlamm spezialisiert ist, profitiert die Frankfurter Metallgesellschaft AG (Aktionäre: Dresdner Bank, Allianz, Deutsche Bank und Siemens) vor allem an Luft- und Wasserreinigung.

Auch im zweiten Glied ist mit der Flick-Firma Krauss-Maffei, Krupp, Quandt (mit IWKA und Ceag Dominit) sowie Rheinstahl viel Prominenz vertreten. Aber auch Siemens, die Großen der Chemie, Messerschmitt-Bölkow-Blohm, Hartmann & Braun, MAN, Mannesmann und Gelsenberg sind mit von der Partie. Selbst Amerikas Dow Chemical, deren Chemiefabrik bei Stade mit giftigen Wolken ins Gerede kam, hat mit ihrer weltweiten, rasch expandierenden Anti-Schmutz-Firma "Environmental Control Systems" die Finger im Spiel.

An Aufgaben fehlt es der Branche nicht: Noch landen "mehr als 90 Prozent aller Abfallstoffe wie vor 100 Jahren irgendwo im Gelände" (Umweltprogramm der Bundesregierung). Mittlerweile sind unter anderem 18 Millionen Tonnen Müll der Kommunen. noch einmal 18 Millionen Tonnen Klärschlamm aus Industrie und Gemeinden, 45 Millionen Tonnen industriellen Festmülls, ungezählte Millionen Hektoliter in der Industrie verschmutzten Wassers und schließlich auch noch eine Million Tonnen Autowracks im Jahr zu verarbeiten.

Die Manager üben bei der Marktbeurteilung dennoch Zurückhaltung. "Wir schätzen diesen Bereich", so fand IWKA-Vorstandschef Joachim Häusler kühl, "als zukunftsträchtig ein." Und Uwe Hell, Umweitmanager der Deutschen Babcock setzt ein jährliches Umsatzwachstum "von etwa 20 Prozent" für die nächsten fünf Jahre an.

Selbst diese Raten könnten nach Meinung der Branche noch höher sein. Aber, klagt Häusler: "Der Wille zum Umweltschutz ist da, aber wenn es ans Bezahlen geht, fängt das Zögern an." Und Hell moniert, daß die bisher verabschiedeten Umweltgesetze "wohl erst in drei Jahren auf Hochtouren laufen".

Gerade die Deutsche Babcock reagierte frühzeitig auf die Signale aus Bonn. Als Willy Brandt den Umweltschutz 1969 zum vordringlichen Reformschwerpunkt machte, wurden alle Dreckbereiche des Konzerns unter dem Dach der Vereinigten Kesselwerke AG (VKW) in Düsseldorf konzentriert.

Umfassenden Umweltschutz konnte die VKW damit noch nicht bieten, nur Abwasserreinigung und Müllbeseitigung standen im Programm. Ein paar Zukäufe möbelten das Angebot auf. So zählen heute zur Umweltgruppe der Babcock mit Büttner-Schilde-Haas ein Spezialist für Luft- und Gasreinigung, die Verarbeitung von Kommunalschlämmen wurde mit Borsig, die Wasseraufbereitung mit der Kulmbacher Wabag ausgebaut. Außerdem wurde eine Mehrheitsbeteiligung bei den Spezialunternehmen Keller-Peukert in Leverkusen erworben.

Ein ähnlich umfangreiches Programm bietet nur noch die Metallgesellschaft mit ihrer auch in der Kohletechnologie führenden Lurgi. Weniger Interesse zeigen die Frankfurter an einem Bereich, den fast alle anderen Konkurrenten inzwischen als Schlager der Zukunft ausgemacht haben -- die Verarbeitung der Millionen Tonnen Müll und Klärschlamm der Kommunen.

"Der Markt ist abgegrast, die Konkurrenz ist mörderisch", klagt Hell über das Geschäft mit den Kommunen. Attraktiv erscheint der Markt dennoch vielen Neulingen. Als der Bundestag Mitte 1972 das Abfallbeseitigungsgesetz beschloß, verpflichtete Bonn Tausende deutscher Kommunen, ihre veralteten Kläranlagen zu erneuern und ihre beliebteste Mull-Deponie -- die frei Natur -- aufzugeben.

Und jede Kläranlage kostet die Gemeinden zwei bis fünf Millionen Mark, jede Verbrennungsanlage 30 bis 50 Millionen. Folgerichtig setzte eine Studie des Bundesinnenministeriums für die erste Hälfte dieses Jahrzehnts rund 71 Milliarden Mark Umwelt-Ausgaben an. Und der Aachener Professor Botho Böhnke machte für den gleichen Zeitraum gar einen Nachholbedarf von 40 Milliarden allein für die Wasserreinhaltung aus. Das scheint freilich auch den neuen Umweltschützern überzogen.

Doch die Sache kann nur besser werden. Denn "das modernste und weitestgehende Gesetzesvorhaben auf dem Gebiet des Umweltschutzes in der ganzen Welt" (Innenminister Hans-Dietrich Genscher), das jetzt verabschiedete "Immissionsschutzgesetz", kommt der Umwelt-Industrie gerade recht. Wenn erst einmal die Detail-Vorschriften und Verordnungen erlassen sind, werden neue Millionenorders eingehen.


DER SPIEGEL 7/1974
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.