11.02.1974

ABTREIBUNGSehkraft geschwächt

Eine West-Berliner Frauengruppe, die für ersatzlose Streichung des Paragraphen 218 eintritt, hat fünf Ärzte, die jahrelang illegal abgetrieben haben sollen, öffentlich angezeigt.
Vor drei Jahren übten sie öffentlich Selbstbezichtigung. In Zeitungen und Illustrierten bekannten sie: "Ich habe abgetrieben." Jetzt zeigten sie "einige Abtreiber, die ihr alle kennt", öffentlich an, "nicht weil sie abtreiben, sondern wegen der verbrecherischen Bedingungen, unter denen sie die Abtreibungen an uns vornehmen".
Sechs Wochen vor der dritten Lesung der Bonner Abtreibungsreform haben in West-Berlin 13 Mitglieder der Frauengruppe "Brot und Rosen"** fünf Ärzte angezeigt. Die Vorwürfe der Feministinnen gegen die Mediziner reichen von "Unzucht mit Abhängigen" (Paragraph 174 im Strafgesetzbuch) bis zur "Steuerhinterziehung" (Paragraph 392 der Reichsabgabenordnung) -- Paragraph 218 des Strafgesetzbuches aber, nachdem die Abtötung einer "Leibesfrucht" noch immer mit maximal zehn Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden kann, ist nicht dabei.
Im überfüllten Auditorium maximum der Technischen Universität, vor 2000 Frauen und Männern im gebär- und zeugungsfähigen Alter, präsentierten die "Brot- und Rosen"-Frauen ihr Belastungsmaterial: Ton-
* Bei der §-218-Protestaktion an der West-Berliner TU.
** Unter der Parole "Brot und Rosen" streikten erstmals amerikanische Textil-Arbeiterinnen im Jahre 1912.
band-Berichte aus Berliner Arztpraxen und Kliniken. Was da -- gesprochen von Patientinnen und Krankenpflegerinnen -- ertönte, war in der Tat so öffentlich bislang unerhört:
Über einen Gynäkologen in Dahlem, dessen Praxisanschrift im feinen Villenvorort schon seit Jahrzehnten als Abtreibungsadresse gehandelt wird, hieß es: "Seine Sehkraft ist stark geschwächt, er leidet an einer beidseitigen Netzhautablösung ... hat eine Patientin nach der Narkose sexuell mißbraucht."
Aus der Praxis eines Allgemeinarztes bezeugte eine Frauenstimme: "An den Wänden waren billige Gemälde mit nackten Frauen ... als ich aus der Narkose erwachte, empfahl er mich (weil ihm der Eingriff schon zu riskant war) an eine Hebamme. Da fiel ich zum erstenmal in meinem Leben in Ohnmacht."
Über eine mittlerweile nach Westdeutschland abgewanderte Chirurgin: nach der Untersuchung sagte sie, es handle sich keineswegs um eine Schwangerschaft, sondern um eine Gebärmuttersenkung ... In der Klinik ... empfing mich (die Chirurgin) mit den Worten "Ach, da ist ja der Blinddarm" ... erst (nach der Operation) merkte ich, daß mir der Blinddarm entfernt, die Gebärmuttersenkung operiert und eine Curettage vorgenommen worden war ... ich hatte nie Blinddarmbeschwerden."
"Brot und Rosen" hat die Ärztin wegen "Gefährlicher Körperverletzung" (Strafgesetzbuch-Paragraph 223 a) und "Betrug" (Paragraph 263 Strafgesetzbuch) angezeigt. Einem Frauenarzt, der bei fiebernden Patientinnen nach dem Eingriff telephonisch eine "Grippe" diagnostiziert haben soll, neuerdings nicht mehr selbst abtreibt, aber "für die 'Vermittlung' einer Holland-Adresse 50 Mark" nimmt (Tonband-Aussage), wird auch noch "unterlassene Hilfeleistung" (Paragraph 330 c Strafgesetzbuch) vorgeworfen.
Der Nummer fünf auf ihrer Liste, einem bekannten Geburtshelfer der Innenstadt, will die Frauengruppe dagegen nur mutmaßliche "Steuerhinterziehung" ankreiden -- weil er zu den behandelten Frauen stets "freundlich" blieb, aber je Abtreibung runde 700 Mark kassiert haben soll.
Vom SPIEGEL befragt, erklärte der Frauenarzt, er wolle erst abwarten, wie die "Vorwürfe des näheren aussehen". Sein Kollege mit der Allgemeinpraxis fand, das sei "alles Unsinn, ich weiß nicht, ob es ein Kollege fertigbringt, hier eine Frau zu vergewaltigen, da gibt es doch in Berlin genügend Frauen ..."
Der am schwersten beschuldigte Gynäkologe sagte: "Ich leugne das, daß ich das gemacht haben soll. Ich halte das für eine Unterstellung, daß ich das gewaltmäßig gemacht habe."
Die militanten Frauen von "Brot und Rosen" freilich glauben sich gegen Widerklagen der angeschuldigten Ärzte durch -- natürlich weiblichen -- Rechtsbeistand und viele Zeuginnen gewappnet.
Am letzten Wochenende schon unternahmen sie den nächsten Schritt, um die "Macht" der Ärzte "zu brechon". Interessierte Frauen konnten sich -- in geschlossener Gesellschaft -- über "Selbstuntersuchung", "menstruelle Aspiration" (Absaugen des Gebärmutterinhalts) und "Abtreibung mit den schonendsten Methoden" unterweisen lassen. Für das Leitmotiv der Veranstaltung "Warum ist es denn so wichtig für uns, unseren Muttermund anzusehen?" lieferten die "Brot und Rosen" -- Frauen auch praxisnahes Gerät. Sie verkauften Plastikspekula, mit denen die Frauen selbst frühzeitig erkennen können, wenn sie schwanger sind.

DER SPIEGEL 7/1974
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