04.03.1974

NATURSCHUTZWerwolf in Grün

Deutschlands Ökologen blasen zur biologischen Jagd: Überhöhte Rehwildbestände, warnen sie, gefährden den Wald.
Im fränkischen Steigerwald, fernab von den großen Städten, geschehen noch Wunder. Dort, in der 34 Quadrat. kilometer großen Verwaltungsjagd des Forstamts Ebrach, hat letztes Jahr ein Oberforstmeister von 200 Rehen 275 zur Strecke gebracht -- und dennoch, beteuert er, sei der Rehwildbestand in seinem Revier weiter unerträglich hoch.
Dr. Georg Sperber heißt der Werwolf im grünen Rock, den konservativen Weidmännern Bayerns ist er wohlbekannt und gründlich verhaßt. Denn er sagt es unentwegt: Es steht zuviel Schalenwild im deutschen Wald, das am Volksvermögen äst und Busch und Baum zu Tode beißt. Schuld an diesem Frevel aber, so grollt er, sei vor allem eine. selbstherrliche Jägerschaft, die in ihren teuer bezahlten Pachtrevieren Hirsch und Reh sträflich überhege, die das Wild um eines fragwürdigen Jagd-Vergnügens willen geradezu züchte und heranmäste.
Der mächtigen deutschen Jagd-Lobby ist das Lamento nicht neu: Sie ignoriert es seit eh und je. Neu jedoch und bedrohlich ist für sie der Elan, mit dem jetzt militante Naturschützer wie der Förster vom Steigerwald die böse Kunde unters mittlerweile umweltbewußte Volk bringen.
Das begann bereits 1971, als die populären Tierschau-Stars Grzimek und Stern, von Sperber tatkräftig assistiert, im deutschen Fernsehen zum Massaker auf den Rothirsch bliesen; es ging weiter mit der Formierung der "Gruppe Ökologie" (Gründungsmitglied: Dr. Georg Sperber), die dem Jägersmann vom alten Schrot und Korn gleichfalls nicht grün ist.
Seither wehrt sich die Jägerschaft gegen Ansprüche, bei denen dem Weidmann Walther Niedl vom bayrischen Landesjagdverband "das Messer in der Hosentasche aufgeht" und Niedls Verbandes-Bruder Walter Wojtech sich fragt, warum nur "diese progressiven Pseudo-Wissenschaftler so feindselig aufs Wild losgehen".
Ein künftiges Jagdgesetz, so verlangten die Progressiven kürzlich auf einer Münchner Pressekonferenz, müsse die Privilegien der Jäger drastisch einschränken und den Landschaftsökologen, Wildbiologen und Naturschützern größere Mitspracherechte zusichern. Es müßte unter anderem auch die Jagd vom Auto aus zulassen, in Waldrevieren über 1000 Hektar die Verpflichtung zur Rehwild-Fütterung in Notzeiten aufheben und in Sonderfällen gar den Abschuß an Fütterungen freigeben.
Nie zuvor nämlich, belehrt Sperber, habe es auf deutschem Boden so bedrohlich viele Hirsche und Rehe gegeben wie zur Gegenwart. Zu hohe Schalenwilddichten jedoch "beeinträchtigen das ökologische Gefüge der Landschaft", sie richten Schäden an, deren "Ausmaß erst nach Jahren Und Jahrzehnten offenbar wird".
Die Tiere, die sich an jungen Trieben, Baumrinden und Waldpflanzen gütlich tun, verhindern die Waldverjüngung, verschieben die Artenzusammensetzung, verändern die Biozönose und verelenden den Forst schließlich zur monotonen Nadelholzplantage. Schutz bietet da allenfalls ein Zaun, hinter dem Eiche, Buche und Weißtanne ungehindert heranwachsen können.
Aber Zäune sind teuer. 14.7 Millionen Mark (gleich 76 Prozent der gesamten Forstschutzmaßnahmen) haben die hessischen Staatsforsten zwischen 1965 und 1971 für Wildschadensabwehr bezahlt. Sechs Millionen Mark wendet jährlich der Freistaat Bayern für Zaunbau und Einzelpflanzenschutz auf.
Doch auch mit dem Zaun im Walde ist das Problem nicht gelöst. Krank ist ja nicht nur der Forst, krank infolge überhöhter Population ist auch das darbende Rehwild. Die meist einzelgängerischen Tiere, zusammengedrängt in engen Lebensräumen, stehen sich selbst im Wege, sie verkümmern, verlieren an Gewicht, ihr Gehörn degeneriert zu Knopfformen, sie sind von Leberegeln, von Magen-, Darm- und Lungenwürmern parasitiert und infizieren sich am eigenen Kot.
Dennoch bleibt die zufütternde Jägerschaft, eifrig unterstützt von einer wohlgedeihenden pharmakologischen Industrie, trotz aller Waldhüter-Proteste starrsinnig bemüht, eine natürliche Auswahl unter den Rehwildbeständen zu verhindern -- obwohl doch, so versichert der Journalist Georg Kleemann von der "Gruppe Ökologie", "diese Auslese durch Krankheit der einzige Ausgleich dafür ist, daß es keine Raubtiere mehr bei uns gibt".
Ober die Jahrhunderte hinweg hatten Bär, Wolf und Luchs die Rehwilddichten äußerst knapp gehalten. Hinzu kam im 19. Jahrhundert eine emsig betriebene Wilddieberei. Nach der Revolution von 1848. die den Bauern vorübergehend das Recht auf "Freipirsch" brachte, wurden die Schalenwildarten in Deutschland nahezu ausgerottet. Beim Rehwild, schrieb 1849 der Jagdschriftsteiler Karl Emil Diezel, handle es sich nur noch "um eine diesem Thiergeschlecht zu haltende Leichenrede".
In der zweiten Jahrhunderthälfte, als kaum ein Wolf noch heulte, war es dann vorbei mit der derben Pirsch des Bauern, der das Reh mit grobem Schrot vor dem hetzenden Hund erlegt hatte: Ein edel jagendes Bürgertum rief zur weidgerechten Hege. Und das Reichsjagdgesetz von 1934, erlassen zu einer Zeit, als für Menschenjagden keinerlei Schonzeiten galten, hat das hohe Ideal der "Weidgerechtigkeit" schließlich verbrieft -- mit dem Resultat, daß die Bestände der "Nutzwildarten" bald Rekordhöhen erreichten.
Der fatale Geist des Reichsjägermeisters Hermann Göring aber, so klagen die modernen Naturschützer, sei auch in den heutigen Jagdgesetzen des Bundes und der Länder noch rege. Unselig sei das von ihnen geschützte Revierjagdsystem, das mit seinen inzwischen überhöhten Pachtpreisen nur dem Jagdestablishment zugute komme, biologisch unsinnig sei ihr Schonzeiten-Kalender, absurd ihr verfeinertes Reglement, das die Bejagung erschwert, verhängnisvoll eine Hege, die um des fröhlichen (und zeitsparenden) Jagens willen möglichst große Wildansammlungen mit möglichst vielen kapitalen Trophäenträgern anstrebe.
"Man könnte oft meinen", schrieb Walter Helemann, Hauptschriftleiter der Jagdzeitschrift "Die Pirsch", "das Wild sei hauptsächlich um der "Trophäe' willen, diese Knochen aber ausschließlich um des Jägers willen auf der Welt." Mit anderen Worten: Der Bock wird geschossen, die schmucklosen Ricken und Kitze läßt man nur zu oft laufen; wenn aber zu viele Ricken am Leben bleiben, vermehrt sich der Bestand zu rasch.
Trotzdem, behaupten die Jäger, sei ihre "Hege mit der Büchse" völlig ausreichend -- seiner Meinung nach, sagt der bayrische Jagdverband-Geschäftsführer Wojtech, seien "die deutschen Wildbestände in Ordnung".
In Ordnung jedoch, so kalkulierten bislang die Abschußplaner' ist ein Rehwildbestand dann, wenn er bei günstigster Waidstruktur acht Stück je 100 Hektar "nicht übersteigt.
In wilder biologischer Jagd -- und mit dem Plazet der ihm vorgesetzten Oberforstdirektion Würzburg -- hat jetzt Sperber diese Milchmädchenrechnung erstmals in einem bayrischen Staatsforst nachgeprüft. Ergebnis: Bei einem angenommenen Frühjahrsstand von fünf bis sechs Stück Rehwild pro 100 Hektar hat er in der vergangenen Saison 8,1 Stück erlegt. Damit aber, versichert er, sei "gerade der Zuwachs des Bestands abgeschöpft", "die Zahl der zu beobachtenden Rehe nicht spürbar zurückgegangen".
In den nächsten Jahren gedenkt Sperber sein Wild noch nachhaltiger aufs Korn zu nehmen. Denn er ist sich ganz sicher und hat damit auch schon seine Würzburger Vorgesetzten halbwegs überzeugt: Nicht fünf, sechs oder acht, sondern 20, 30 oder gar 35 Rehe je 100 Hektar stehen im Wald -- und dies nicht nur im Revier des Forstamts Ebrach.
Das bestätigt auch Wolfgang Schröder, Leiter des Münchner Instituts für Wildforschung und Jagdkunde, der Sperbers Abschuß-Modell wissenschaftlich überwacht. "Die Erfassung der Wilddichten unter Einsatz verläßlicher Methoden wie Totalabschuß, Totalfang oder Markierung mit nachfolgender Bestandsberechnung hat Maximaldichten von 60 bis 70 Stück Rehwild auf 100 Hektar Wald in den Wintermonaten ergeben. Rehwilddichten von mehreren Dutzend Stück je 100 Hektar Wald wurden in Schweden, Dänemark, der Bundesrepublik Deutschland und der Schweiz ausgewiesen -- sie sind keine Ausnahme."
Allerdings, wie viele Rehe genau stehen, weiß kein Mensch zu sagen. Das Wild, durch jahrhundertelange Bejagung gescheut, läßt sich selten blicken, die geschätzte Zahl von 1,5 bis zwei Millionen Stück auf deutschem Boden ist fragwürdig. "Sämtliche Zählverfahren", sagt Schröder, "sind so unzulässig, daß wir um 200 bis 300 Prozent verkehrte Ergebnisse bringen."
Doch den Wildbiologen Schröder interessiert die genaue Zahl gar nicht so sehr: "Was wir brauchen, ist eine ökologisch tragbare Rehwilddichte, und die bekommen wir nur, indem wir uns durch Erhöhung des Abschusses an sie herantasten."
Daß solch mörderische Ökologen-Hatz nicht zu Weidmanns Heil gereichen kann, ist offenkundig. Schließlich zielte sie ja auf eine derartige Rehwild-Verdünnung ab, daß vom ganzen fröhlichen Jagen bald das letzte Halali verhallt sein würde -- der Rest ist Schweigen im Walde.

DER SPIEGEL 10/1974
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