04.03.1974

Pekings Zorn auf Antonionis China

Der China-Film des italienischen Regisseurs Antonioni ("Blow up") wird von Peking als „Provokation“ attackiert. Die chinesische Botschaft in Bonn möchte verhindern, daß er im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird. Auch in Frankreich nehmen die Chinesen Anstoß: an einer Polit-Satire, in der sie sich lächerlich gemacht vorkommen.
Von der China-Reise zurück, 1972, hatte Michelangelo Antonioni seine Gastgeber hoch gelobt: "Dieses Volk, das mich durch seine Reinheit, die Ehrlichkeit, den gegenseitigen Respekt beeindruckte".
Jetzt, zwei Jahre später, versteht der berühmte italienische Regisseur die Chinesen nicht mehr: Sein mit chinesischer Unterstützung für westliche Fernsehgesellschaften gedrehter China-Dokumentarfilm "Chung-Kuo-Cina" ("Reich der Mitte") -- er lief im italienischen und amerikanischen Fernsehen, in Deutschland bereits in einigen Dritten Programmen und in Frankreich im Kino -- wurde von der Pekinger "Volkszeitung" als "niederträchtige Gemeinheit" verrissen, der Regisseur selbst als "Wurm, der für die Russen spricht", geschmäht.
Die Anti-Antonioni-Attacken sind Teil jener neuen kulturrevolutionären Kampagne, die -- mit Angriffen gegen die Anhänger des Philosophen Konfuzius und des 1971 angeblich bei der Flucht in die UdSSR ums Leben gekommenen Mao-Stellvertreters Lin Piao' aber auch gegen westliche Kultureinflüsse -- seit Anfang des Jahres das Mao-Reich bewegt.
Antonioni war im Mai 1972 nach China gereist -- auf Einladung von Ministerpräsident Tschou En-lai. Er filmte in Peking, Nanking, Schanghai und tief im Landesinneren -- seine Reiseroute war von Funktionären des chinesischen Fernsehens festgelegt worden. Mehrere chinesische Techniker, Assistenten und Beobachter begleiteten ihn ständig während der auf fünf Wochen begrenzten Drehzeit.
Nicht immer konnte der Regisseur filmen, was er wollte: Verwehrt wurden ihm beispielsweise Aufnahmen bei einer Hochzeit und einem Begräbnis. Der junge Vize-Chef einer Fabrik in Schanghai hinderte ihn daran, die Werkshallen von der "Nicht-Schokoladenseite" her aufzunehmen. "Der Vorsitzende eines lokalen Revolutionskomitees", so berichtet Antonioni, "ging vor uns her und befahl alten Leuten, die uns nahekamen. sich aus dem Staub zu machen, sich zu verstecken"
Trotz solcher Steuerung gelangen Antonioni Aufnahmen, die der Pekinger "Volkszeitung" nun Anlaß zu heftigen Vorwürfen geben: "Nach Antonionis Beschreibung herrschen im befreiten China überall Armut und Rückständigkeit, nichts ist in Ordnung, und alles geht drunter und drüber". Dieser "reaktionäre Film vertuscht und negiert die großen Erfolge an allen Fronten des sozialistischen Aufbaus in China und ignoriert die Revolution
Tatsächlich hat sich Antonioni auffallend wenig um "die neuen Dinge, die neuen Erscheinungen und das neue Antlitz" des heutigen Chinas gekümmert. Seinem Dokument ("Neue Zürcher Zeitung": "Die filmische Ausbeute eines professionell schauenden Touristen") fehlt jegliche historische, politische und soziale Tiefenschärfe und Differenzierung: Es ist nichts weiter als ein impressionistischer Bilderbogen, der mit vielen pittoresken Details simple, naive Eindrücke von einem Land vermittelt, das den Regisseur oft, wie er sagt, an den Süden Italiens erinnerte.
Die unreflektierte Neugier, mit der Antonioni im Stil seiner frühen neorealistischen Dokumentarfilme "Leute" in China und ihre vordergründigen Merkwürdigkeiten abphotographiert hat, wirkt gelegentlich sentimental und voyeuristisch' so ästhetisch die Bilder auch sind.
Doch an diesem "Fest der visuellen Kontraste" ("New York Times") haben sich, so beteuert Antonioni' durchaus auch schon Chinesen erfreut: "Chung-Kuo-Cina" wurde in Rom "von Vertretern der Volksrepublik China und der Agentur "Neues China', als auch in Hongkong und Paris von hohen Mitgliedern der chinesischen Vertretungen gesehen. Wir erhielten von ihnen nicht nur keine Proteste, sondern im Gegenteil Glückwünsche, freundschaftliche Äußerungen und freundliche Andeutungen möglicher nachfolgender Einladungen."
Diese Freundlichkeiten waren wohl etwas voreilig. "Paese Sera"' ein der Kommunistischen Partei Italiens nahestehendes Blatt, verbreitete das Ondit, der chinesische Botschafter in Rom und der römische Korrespondent von "Neues China" würden nach China zurückberufen werden. Antonioni über den überraschenden Stimmungsumschwung in Peking: "Es kann sein, daß der verständnisvollen und liberalen Gruppe, die uns in jeder Phase der Arbeit assistiert und dem Ergebnis zugestimmt hat, eine intolerantere und härtere Gruppe gefolgt ist. In diesem Fall wäre der Film der Vorwand für eine Phase des inneren Kampfes in China."
Wenige Tage nach der Attacke der "Volkszeitung" erklärte ein Parteisekretär in der Provinz Honan, Antonioni sei 1972 genau zu dem Zeitpunkt nach Honan gekommen, als dort "geschworene Gefolgsleute Lin Piaos einen verzweifelten Versuch machten, die revisionistische Linie der Konterrevolution durchzusetzen
Mehrere chinesische Verbände und Gruppen, die unmittelbar von Antonionis Dokumentation betroffen sind und den Film in Sondervorführungen sehen konnten, haben sich inzwischen der Kampagne gegen den Regisseur aus dem Westen angeschlossen. Arbeiter einer Pekinger Textilfabrik beispielsweise erinnerten sich nun, Antonioni habe eine ungesäuberte Fabrikhalle filmen wollen und gedroht: "Ich werde hier nicht drehen, wenn nicht .sofort mit dem Fegen aufgehört wird."
Vorletzte Woche wurden mehrere leitende Angestellte von Radio Peking ihrer Ämter enthoben -- weil sie sich nicht aktiv genug an der Anti-Lin-Piao-Kampagne beteiligt hätten und für die Einladung Antonionis nach China verantwortlich gewesen seien.
Inzwischen hat Pekings Zorn auch den WDR getroffen. Der Kölner Fernsehdirektor Werner Höfer, der Antonionis Film Anfang Januar in voller (doppelt abendfüllender) Länge über WDR III ausstrahlen ließ und eine geraffte Fassung für kommenden Juni ins Erste Programm eingeplant hat, fühlt sich jedenfalls von der Rotchinesischen Botschaft in Bonn durch ein "eindeutiges Junktim" erpreßt.
Um einen seit fünf Jahren für WDR III geplanten TV-Sprachkurs in Chinesisch mit 40 halbstündigen Folgen durch in China gedrehte Sequenzen illustrieren zu können, bat Höfer Mitte Januar die chinesische Botschaft um eine achtwöchige Drehgenehmigung für den Sinologen Otto Ladstätter.
Die Bitte, so antwortete die Botschaft, sei nach Peking weitergeleitet worden. Gleichzeitig aber warf sie Höfer vor, der verfemten Antonioni-Produktion eine ungeheure Resonanz verschafft und die Völkerverständigung gefährdet zu haben. Zwei Wochen später empörte sich der Botschaftsrat Wang Schu gleichlautend bei Intendant Klaus von Bismarck.
Dennoch will der Kölner Sender die Ausstrahlung im Frühsommer -- möglicherweise mit einem Statement eines Mao-Botschafters -- "auf jeden Fall realisieren" und dafür sogar Opfer bringen: "Die Sprachkurse", prophezeit Höfer, "müssen wir wohl bis auf weiteres abschreiben".
Neuen Ärger mit den Chinesen gibt es mittlerweile in Paris -- wegen eines Spielfilms mit dem Titel "Die Chinesen in Paris", in dem sich der Regisseur Jean Yanne den Scherz erlaubt, die französische Hauptstadt durch eine kleine (recht harmlose und lächerliche) Armee chinesischer Soldaten besetzen zu lassen. Vor der Premiere des Films (der inzwischen in den Kinos läuft) hatte die Pekinger Botschaft in Paris gegen das satirische Werk protestiert und mit wirtschaftlichen und diplomatischen Konsequenzen gedroht, falls die französische Regierung die Aufführung der "Chinesen in Paris" nicht verhindere.
"Das ist eine sehr ernste Angelegenheit für die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern", grollte die chinesische Botschaft, "unsere Armee wird in dem Film lächerlich gemacht und verleumdet".
Die Filmchinesen Jean Yannes verhalten sich wirklich nicht sehr revolutionär: Man sieht sie vorwiegend auf den Champs-Elysées herumschlendern, auf dem Flohmarkt einkaufen und sich in Nachtlokalen und Bordellen mit Wein und Weib vergnügen. Sie lassen Bizets "Carmen" nach dem Muster ihrer Volksopern spielen, und ihr Hauptquartier schlagen sie ausgerechnet in einer Konsumhochburg, dem Kaufhaus Lafayette auf. So sang- und klanglos, wie sie am Ende wieder abziehen, könnte der Streit um den Film nicht ausgehen: Man hält es in Paris für möglich, daß sich die Chinesen rächen und die drei Concorde-Flugzeuge wieder abbestellen, die sie kaufen wollten.

DER SPIEGEL 10/1974
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