01.04.1974

EHRUNGENUnheimlich reaktionär

Der populäre „Karlspreis der Stadt Aachen“, der verdienten Europäern verliehen wird, ist gar kein städtischer Preis, sondern Privatsache. Nun protestiert die SPD -- und die diesjährige Verleihung ist gefährdet.
Niemand weiß genau, wie so ein Preisträger gekürt wird", doziert der Aachener Politik-Professor Winfried Böttcher, 38: "Einer der Herren zieht einen Namen aus dem Hut. und dann ist die Sache gelaufen."
Die Herren: ein zwölfköpfiger Honoratioren-Zirkel, der seit 1949 unter Ausschluß der Öffentlichkeit entscheidet. wem der "Internationale Karlspreis der Stadt Aachen"; populäres Dekor für Europa-Euphorie, zukommen soll.
Im 25. Jahr der geheimen Preis-Prozedur aber läuft die Sache schlecht, vielleicht gar nicht. Am Dienstag letzter Woche trennten sich die Preis-Richter ohne Kandidaten-Verkündung. Und die Stadtsiegel-Plakette am bunten Band, die von Gebern wie Gewinnern gern als eine Art Friedensnobelpreis zweiter Klasse eingestuft wird, ist unversehens in Verruf geraten.
Denn nach einem Vierteljahrhundert ist der SPD-Fraktion des Stadtrats, deren Vorstand auch Politologe Böttcher angehört, endlich aufgefallen, daß "ein international anerkannter Preis zwar im Namen der Stadt, aber ohne deren Legitimation" vergeben werde: "Niemals hat eine Abstimmung im Stadtparlament stattgefunden."
In der Tat sind weder lokale Politiker noch Parteien, weder Bürger noch repräsentative Gruppen der Stadt Aachen jemals gefragt oder gar zur Mitentscheidung darüber zugelassen worden, ob, wann und wem der vermeintlich städtische Karlspreis verliehen werden könnte -- anders als etwa bei der Selektion für den Aachener "Orden wider den tierischen Ernst", wo immerhin kommunale Karnevals-Gremien über die Würdigkeit der Auszuzeichnenden befinden.
Konrad Adenauer (1954) und Winston Churchill (1955), Walter Hallstein (1961) und Edward Heath (1963), Paul Henri Spaak (1957) und Joseph Luns (1967) wie die anderen Premiers oder Präsidenten verdanken Auswahl und Auszeichnung allein einem konservativkatholischen Kreis um den Aachener Textilkauf mann Kurt Pfeiffer, Vater des jetzigen CDU-Fraktionsvorsitzenden im Rat der Stadt Aachen.
Pfeiffer hatte -- so ein Rückblick im Westdeutschen Rundfunk -- in den ersten Nachkriegsjahren die Notwendigkeit erkannt, "der neuen Bedrohung aus dem Osten zu begegnen, eine Koordinierung der militärischen Verteidigung herbeizuführen, die Wirtschaft Europas wieder aufzurichten". Der Wirtschaftsmann wollte "an die Vernunft der Sieger appellieren, die keine Sieger waren, sondern Besiegte wie wir. Der Gedanke eines europäischen Preises ... wurde deutlicher und nahm Gestalt an".
Weihnachten 1949 proklamierten Pfeiffer und Freunde aus Geschäft und Gesinnung schließlich Stiftung und Statuten des Karlspreises "für die beste Leistung im Dienst der Verständigung und der internationalen Zusammenarbeit im europäischen Raum".
Kurt Pfeiffer und sein Anhang im Dreiländereck konstituierten sich gleich selbst als Juratorium für die Auszeichnung, die sie mit kargen 5000 Mark dotierten. Weil jedoch die Stadtverwaltung für die Kosten des Verleihungsaktes und das dann fällige Festbankett im Kurhotel "Quellenhof" aufkommen sollte (Böttcher: "zusammen teurer als der Preis selbst"), wurden der amtierende Oberbürgermeister und sein Oberstadtdirektor mit in die Runde berufen -- als "geborene Mitglieder neben dem jeweiligen Rektor der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule und dem Dompropst zu Aachen.
Dieses Amts-Quartett wurde einer Stifter-Riege von acht "Vertretern des Wirtschafts- und Geisteslebens" (Satzung) der Stadt attachiert, die, auf Lebenszeit ernannt, seither in wenig veränderter Besetzung nominiert und dominiert -- obwohl einige Mitglieder des Senioren-Konvents nicht in Aachen ansässig sind;
Vorsitzender des Karlspreis- Direktoriums ist der luxemburgische Generalkonsul Jean-Louis Schrader, früher Filial-Direktor eines französischen Glaskonzerns in Aachen. Ihm und Kurt Pfeiffer assistierten der pensionierte holländische Philips-Direktor Verbeek, der Bergassessor a. D. Helmuth Burckhardt, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Bergbau e. V. in Bonn, der in Aachen lehrende und in Köln wohnende Geschichts- Professor Hans Martin Klinkenberg, der Aachener Bankier Hugo Kadenbach, dazu die Präsidenten der Handwerks- sowie der Industrie- und Handelskammer.
Da bis jetzt in Aachen stets die CDU den Oberbürgermeister stellte und Handwerker-Präses Walter Bachmann einziger Sozialdemokrat des Prominenten-Dutzends ist, fiel allenfalls die Karlspreis-Verleihung an den britischen Labourpolitiker Roy Jenkins (1972) und an den dänischen Sozialdemokraten Jens Otto Krag (1966) aus dem ideologischen Rahmen. Deutsche Sozialdemokraten etwa wie Carlo Schmid oder Helmut Schmidt oder deutsche Liberale wie der frühere Bundestags-Vizepräsident Max Becker oder Josef Ertl wurden lediglich mit dem "Orden wider den tierischen Ernst" versehen.
Als die Karlspreis-Verleiher letztes Jahr den Namen des spanischen Politikers und Poeten Salvador de Madariaga aus dem Hut zogen (Böttcher: "Ein unheimlich reaktionärer und konservativer Mann"), muckte die damals gerade neugewählte und verjüngte SPD-Ratsfraktion intern auf -- wahrte aber ein letztes Mal um Aachens Ansehen willen den Frieden.
Vor der diesjährigen Namens-Klausur jedoch beantragten die Parlamentarier einstimmig, daß die Entscheidung "des geheim tagenden Kuratoriums durch die Beteiligung des Rates demokratischer werden müsse". SPD-Professor Böttcher formulierte im Antrag weiter: "Wir sind der Meinung, daß nur dann ein Preis im Namen der Stadt verliehen werden darf."
Aachens Sozialdemokraten verlangen, daß das Preis-Gremium zur Hälfte aus Stadtverordneten bestehen und vor der diesjährigen, für den Himmelfahrtstag vorgesehenen Verleihung modifiziert werden soll. Die zwanzig SPD-Abgeordneten können sich auf die drei FDP-Ratsmitglieder und vielleicht auf zwei von 28 CDU-Stadträten stützen.
Sollte der SPD-Antrag durch Fraktionszwang der CDU niedergestimmt werden, dann will sich die SPD in aller Form vom Karlspreis distanzieren. Böttcher: "Wir sind nicht bereit, weiterhin stillschweigend zu einer Scheinlegitimation beizutragen."

DER SPIEGEL 14/1974
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