Oh Sidi!", "Meine Braut vor Gott!", "Du Heilige", "Herrliche" und "Theuerste!" "Beglückerin Du! Vernichterin! Erretterin!" "Ich hätte nie geglaubt, daß es so über mich noch hereinbrechen kann." "Ich bin von Deinem Fieber geschüttelt." "Ich glühe von Denken und Liebe." "Ich verbrenne."
So schrieb er, als er bereits um die 40 war und seine Zeitgenossen sich längst ihr Bild von ihm gemacht hatten: Es war das des großen Hassers und Nörglers" des strengen Mahners und Propheten, des wortgewaltigen Stilisten und feind-seligen Satirikers, der seit 1899 in seiner Zeitschrift "Die Fackel" mit Pathos, Witz und Perfidie gegen alles und jeden zu Felde zog, um aus dem "Phrasensumpf" einer "schmutzigen Welt" die reine Sprache zu retten.
Karl Kraus, das war. "die Inkarnation des Absoluten, Kompromißlosen" (so der Verleger Kurt Wolff), ein "Zauberpriester" (Walter Benjamin) und "zürnender Magier" (Georg Trakl) "eine Art Gottesgeißel der schuldigen Menschheit" (so Elias Canetti).
Karl Kraus, das war aber auch "der kleine miese Verleumder mit moralischem Kitschton" (Alfred Kerr), der "bewußte Giftmischer" (Willy Hans), "der Kläffer" (Roda Roda) "der das Messer wetzt, wenn ein andrer Ich sagt" (Robert Musil).
Kurz, er war seinen Verehrern der mutige und gerechte, seinen Verächtern der monomanisch eitle und infame Karl Kraus. Nur eines war er beiden gewiß nicht: der ekstatische, bettelnde, unablässig betrogene, stets verzeihende, großherzige Liebhaber, der 23 Jahre lang einer böhmischen Adeligen nachlief -- immer im "Taumel des Aneinandervorbeiredens" und in "Liebestodesangst", andauernd in der Erwartung, "daß ein gutes Wort diesem furchtbaren Herzbeben ein Ende mache".
Daß Sidonie Nádherný von Borutin eine bedeutende Rolle im Leben des kleinen, eher schmächtigen, auch leicht verkrümmten Mannes gespielt haben muß, darauf konnten Kraus-Biographen wie Paul Schick (Rowohlt, 1965) und Hans Weigel (Molden, 1968) bislang nur vage hinweisen. Wie gewaltig ihr Part war, wird erst jetzt deutlich: Gerade rechtzeitig zu des "Fackel"-Meisters 100. Geburtstag veröffentlicht der Kösel-Verlag nebst einer Kraus-,"Paperbackausgabe in 10 Bänden" (Preis: 180 Mark) die jahrzehntelang verschollenen Liebesbriefschaften, mit denen der Schriftsteller dem "herrlichen Weib" und "schönsten Herzen" gehuldigt hat.
1065 Briefe, Postkarten und Telegramme, die erstmals die private Existenz von Karl Kraus erhellen, haben die Kösel-Leute "in einem Ostblockland" (so der "Briefe"-Redakteur Friedrich Pfäfflin) zutage gefördert und "diplomatisch getreu" wiedergegeben. Ein zweiter Rand mit editorischem Bericht, Bildteil und Erläuterungen soll die oft mysteriösen Brief- und vielfach verstümmelten Telegramm-Texte entschlüsseln helfen, unter anderem durch Auszüge aus Sidonies Tagebüchern*.
Die Herrin vom böhmischen Schloß Janowitz war 27, als sie den 39jährigen Karl Kraus 1913 im Wiener Café Imperial kennenlernte. Der Aristokraten-Verehrer Rainer Maria Rilke, der ihr seit 1906 gleichfalls fleißig Briefe
* Karl Kraus: Briefe an Sidonie Nádherný von Borutin2. Herausgegeben von Heinrich Fischer und Michael Lazarus. Redaktion: Walter Methlagl und Friedrich Pfäfflin. Kösel-Verlag. München; Band 1: 696 Seiten; Band 2: 440 Seiten; 150 Mark.
schrieb -- sie wurden letztes Jahr im Insel-Verlag publiziert -, pries sie als "die schöne Baronesse (die wie eine Miniatur aussieht, welche ein Jahr vor der großen Revolution gemacht worden ist, im letzten Augenblick)"*.
Auf jeden Fall paßte sie wohl nur zu gut ins Ancien régime des donaumonarchischen "Hundsgemeinwesens" (Kraus), ins spätromantisch berauschte, jugendstilbeseelte, neurotisch überfeinerte Fin-de-siècle-Wien Mahlers und Schönbergs, Schnitzlers und Hofmannsthals, Klimts und Freuds, in dem "K. K." seinen so zeitgemäß-exzentrischen Persönlichkeitskult betrieb.
Und ganz vorzüglich entsprach sie auch jenem idealen Weibs-Bild, dessen sexuelle Hemmungslosigkeit der "Frauenverehrer" Kraus schon immer gegen die schnüffelnde Gesellschaft verteidigt hatte. "Der Mann", schrieb er, "hat fünf Sinne, das Weib bloß einen" -- dieser eine aber schien ihm ein "Urquell", "an dem sich der Geist des Mannes Erneuerung hole". Folglich teilte er die Frauen "in Gefallene ein und solche, die nicht gefallen haben".
Sidonie, kein Zweifel, gefiel ihm. Während die treue Kraus-Freundin Helene Kann alles verzeihend beiseite stand, eröffnete der leidenschaftliche kleine "Magier" der Baronesse "ein neues Reich", sie ihm eine neue Ausdruckswelt: "Sidi", für Kraus "Quelle meiner Lyrik". inspirierte ihn zu "Worten in Versen", Kraus, für Sidi "Ruhm & Krone meines Lebens", animierte sie zu "Sünde" und "Besessenheit". "K. K." notierte sie, "steckt in meinem Blut; er macht mich leiden."
Doch der Gefährte verklärter Nächte ("Ein solcher Einbruch in den Himmel wie heute nacht muß einen Höllensturz zur Folge haben!") litt noch mehr. "Das Denken an und über Dich entzündet sich zu einer Orgie", meldete er nach Janowitz. Er verfluchte "die elende Post", die ihm nicht genügend Briefe brachte, und jammerte: "Ich weiß jetzt, wie einem zum Tode Verurtheilten ist. In meinem Zimmer waren gestern hundert Galgen."
"Ich kann auch geistreich sein, wenn ich um Dich weine", so beteuerte er. Tatsächlich aber verging ihm bei seiner Sidi meist der ganze böse Witz -- der abgefeimte Literat verwandelte sich in einen zerquälten, hilflos quengelnden Liebhaber, dem nur mitunter ein Kraus-Wort entfuhr: "Es wird schon etwas zu bedeuten haben", schmeichelte er ihr, "daß ich an der Welt kein gutes
* Rainer Maria Rilke: "Briefe an Sidonie Nádherný von Borutin". Herausgegeben von Bernhard Blume. Insel Verlag, Frankfurt: 384 Seiten: 32 Mark.
Haar lasse außer jenem, das Du auf Deinem Kopfe trägst."
Und bisweilen wurde er sogar bissig: "Wie soll man übrigens den geistigen Verkehr mit einer Frau aufrecht erhalten, die nur zu zwei Büchern eine wahre Beziehung hat: zum Kursbuch und zu "Worte in Versen"!"
Kraus hatte eigens ein Auto gekauft, um mit seiner rastlosen Geliebten auf Reisen gehen zu können. In ihrem Chalet in St. Moritz schrieb er im Kriegsjahr 1915 an seiner riesigen "apokalyptischen Posse" (Weigel) "Die letzten Tage der Menschheit". Oft auch lud er sie zu seinen berühmten Vorleseabenden, auf denen es dem Redner von "leidenschaftlicher Emphase" so trefflich gelang, "eine Hetzmasse aus Intellektuellen zu bilden" (Canetti).
Zu dieser Masse freilich hat Sidonie nie gehört. Da zog sie schon den brieflichen Verkehr mit "Freund Rainer" Rilke vor, den Kraus nur "die Maria" nannte. Und Rilke war es auch gewesen" der seiner "liebsten Freundin" schon früh eine Ehe mit Kraus auf niederträchtige Weise ausgeredet hatte:
In einem Brief vom Februar 1914 warnte er vor dem "letzten unaustilgbaren Unterschied", der zwischen der "guten Sidi" und dem "ausgezeichneten Schriftsteller" bestehe. Daß damit nur Kraus' Judentum gemeint sein konnte, hat die adelsstolze Freiin offenbar wohl begriffen und beherzigt. Jedenfalls ist es niemals zu der von Kraus erflehten "Bestimmung neuer Lebensstatuten" gekommen -- statt dessen blieb es bei einem ständigen Hin und Her von Ekstasen und Frosteinbrüchen, von Entfremdungen und Versöhnungen. Denn Sidi war eben nicht nur die "einzige Frau, die man noch in einem Gespräch über Literatur umarmen möchte"; sie war auch die "kalte Braut", die den nicht standesgemäßen Freier zu demütigender "Verstellung" zwang, die ihn allzu selten in die "letzte Friedenswelt" des schönen Parks von Janowitz lud und bisweilen so schändlich behandelte, daß gemeinsame Freundinnen wie die Dichterin Mechtilde Lichnowsky gute Worte einlegten -- vergebens, der "hartgesottene Zweifler" mit dem "Klarstellungsdrang" fiel der flatterhaften Baronin oft gründlich auf die Nerven.
"Ich wünschte, K. K. würde mich weniger lieben", schrieb sie in ihr (meist englisch geführtes) Tagebuch. "Ich kann ihn immer weniger ausstehen." Und sie brach auf zu neuen Reisen, in neue Affären und "Erfahrungen".
1915 hatte Sidonie kurz vor der Hochzeit mit einem italienischen Conte gestanden, die dann doch nicht stattfand. 1920 heiratete sie einen österreichischen Grafen Thun-Hohenstein, einen Sportarzt, der in den Kraus-Briefen als "philosophischer Trottel" auftaucht. Die eheliche Gemeinschaft hielt ein halbes Jahr, dann kehrte Sidi wieder einmal zu ihrem Karl zurück.
Es blieb nicht die letzte Rückkehr. Erst die letzten neun Jahre vor Kraus" Tod, informiert Sidonie Nádherný, "kannten keinen Schatten, keine Entfremdungen mehr". Aus "unbeschreiblich großer Arbeit" und von unterwegs, auf der "Hetzjagd" der Vorlesungsreisen, huldigte der "treue Freund", der ihr in elenden Nachkriegsjahren die Sehnsucht in die abenteuerliche Ferne finanziert hatte, weiter seiner "Himmelsschwester" und beteuerte ihr "tiefstes sehnendes Gedenken".
Als Karl Kraus 1936 starb, begann für die alternde Adelige "die trostlose Stille". Die SS jagte sie im Zweiten Weltkrieg von ihrem Schloß. 1949, nach dem kommunistischen Staatsstreich in der Tschechoslowakei, ging sie mit leichtem Gepäck über die Grenze. Sie starb ein Jahr später in England.
In ihrem Kommentar zu den Kraus-Briefen, die sie schon zu Lebzeiten des "Fackel"-Literaten kopiert hatte, schluchzt noch einmal die Jugendstil-Seele des alten Wien: "Warum aber gab es Zeiten, in denen die Tragik es wollte, daß er erfahren mußte, wofür er das Weib heiligte: willenlose Sclavin ihrer räthselhaften Natur, die hemmungslos hinwegschreitet über das edelste Herz, treu- und reulos?"
Karl Kraus, der große Hasser und Liebhaber, der die Macht des Beischlaf s und des Beistrichs pries, hat es wohl geahnt: "Ich glaube nicht", so schrieb er einst seiner Sidi, "daß es je einen Menschen gegeben hat, der so heiß um seine Illusion gerungen hat." Aber er drückte beide Augen zu und ließ sich gewähren -- getreu dem Krausschen Motto: "Ich mische mich nicht in meine Privatangelegenheiten."
DER SPIEGEL 14/1974
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