04.02.1974

Juden in Amerika

Die nahöstliche Friedensmission Henry Kissingers, des ersten jüdischen Außenministers der USA, beleuchtet den Einfluß der US-Juden auf die Politik der Vereinigten Staaten. Amerikanische Juden befürchten jedoch, die Erfolge Kissingers könnten dem Vorurteil Vorschub leisten, eine jüdische Supermacht bestimme den Kurs Washingtons. Legende und Wirklichkeit jüdischen Einflusses in den USA analysiert der Bestseller-Autor Jürgen Thorwald ("Das Ende an der Elbe“, „Das Jahrhundert der Chirurgen") in einer dreiteiligen SPIEGEL-Serie.
Der erste jüdische Bürger Amerikas, der von Indianern skalpiert wurde. hieß Wolf Cohn. Er war weder Goldsucher noch Sheriff noch sonst ein Westernheld, sondern ein schlichter Händler, der mit seinen Waren von Siedlung zu Siedlung ritt.
Einer seiner Kollegen, Levi Strauss. hatte mehr Glück. Er war gebürtiger Bayer und handelte mit Stoff für Goldwäscherzelte. Die Indianer ließen ihm seinen Skalp, und ein Goldsucher regte ihn 1850 zu der Idee an, aus den robusten Textilien Hosen für das Goldsuchervolk zu schneidern und die Taschen mit Nieten zu befestigen, damit sie Werkzeuge aufnehmen konnten.
Strauss wurde Produzent und Händler mit Blue Jeans, "Levis" genannt. und seine in Harvard oder Berkeley gebildeten Nachfahren Walter und Peter Haas erreichten 1972 durch "Levi Strauss & Co." und "Levi Strauss International" einen Jahresumsatz von 504 Millionen Dollar.
Die Geschichte hat eine gewisse Bedeutung. Cohn wie Strauss hatten ein Gewerbe, das eine erhebliche Anzahl christlicher Amerikaner (genauso wie die Massen in der übrigen Welt) als das den jüdischen Mitbürgern angemessene betrachtete: das Gewerbe der Geschäftemacher. Mochten auch Juden als Wissenschaftler, Verleger, Ärzte, Rechtsanwälte, Journalisten, Beamte, Handwerker und Arbeiter wirken, zwischen 1902 und 1966 nicht weniger als 22 amerikanische Nobelpreisträger der Wissenschaften stellen, schon im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775 bis 1783) als Soldaten ihren Mann stehen und im Bürgerkrieg (1861 bis 1865) in der Armee der Nordstaaten mit neun jüdischen Generalen vertreten sein -- Amerikas Juden galten als Händler.
Der Sechs-Tage-Krieg von 1967 änderte solche Klischees. Israel zeigte noch mehr als in den Nahostkriegen von 1948 und 1956, daß Judentum sich nicht mit Handel gleichsetzen ließ, sondern über alle in einem modernen
© 1974 Jürgen Thorwald
Staatswesen notwendigen Talente, einschließlich der in der Weltgeschichte hochgeschätzten Tugenden von Soldaten, verfügte.
Der Sechs-Tage-Krieg gab großen Teilen der Juden Amerikas eine "neue Identität". Selbst schüchterne Delikatessenhändler in Brooklyn oder im Fairfax-Viertel von Los Angeles schwangen ihren Golfschläger mit mehr Selbstbewußtsein. Der in England lebende Jakov Lind hat die Wandlung in die Worte gefaßt: "Nach dem Sechs-Tage- Krieg im Juni 1967 wurde alles anders. Ich brauche mich persönlich nicht mehr zu verteidigen, weder mich selbst noch meine Vorfahren, diesen ganzen Teil einer Persönlichkeit, die ich "jüdisch" nenne."
Gleichzeitig nahm sich die Zuneigung für den tapferen Kleinen, die zu den guten amerikanischen Eigenschaften gehört, in großem Maßstab der Sache Israels an. "It"s in to be Jewish" (Es ist in, Jude zu sein) wurde zum Nachtclubsong. Und die nur für die "schrecklichen Vereinfacher" umkomplizierte Beziehung zwischen amerikanischem Judentum, Zionismus und Israel wurde zu einem festeren Band, als es je zuvor gewesen war.
Kermit Lansner von "Newsweek" schrieb vor kurzem: "Israel ist der psychische Zement, der die amerikanischen Juden zusammenhält." Damit wird das Problem berührt, das Amerikas Judentum seit dem Beginn des Jom-Kippur-Krieges im Oktober letzten Jahres am stärksten bewegt: der Kampf um Israel.
Die 6 060 000 amerikanischen Juden bilden nur rund drei Prozent der US-Bevölkerung, sind aber der größte geschlossene jüdische Bevölkerungsblock der Welt -- verglichen mit den rund 2,6 Millionen in Israel, den 2,6 Millionen in der Sowjet-Union oder gar den 30 000 in Deutschland. Ihre Zahl nimmt zwar nicht mehr zu; jeder neunte Jude in Amerika ist über 65 Jahre alt, und 1990 wird es jeder sechste sein. Trotzdem sind sie heute nach dem Urteil des israelischen Außenministers Abba Eban die einzige Bevölkerungsgruppe außerhalb des jüdischen Staates, die genügend geschlossene Stärke besitzt, um einen Einfluß zugunsten Israels auf die Entscheidungen der "Supermacht" Amerika auszuüben.
Wer aber sind die "Juden von Amerika"? Entsprechen sie den unter der Oberfläche verbreiteten Vorstellungen vieler Deutscher über fünfundvierzig? Trotz eines echten oder gemimten Gefühls der Schuld oder Mitschuld an der Ermordung von mehr als vier Millionen Juden in der Hitler-Ära (von jüdischer Seite wird generell die Zahl sechs Millionen genannt) wirken nationalsozialistische Propaganda-Konstruktionen von der "jüdisch-bolschewistisch-kapitalistischen Weltherrschaft" unbewußt fort.
Die anhaltende pathologische Unter-Strömung im deutsch-jüdischen Verhältnis, die eine unbefangene Beschäftigung mit dem jüdischen Leben fast unmöglich macht, hat dazu beigetragen, solche Konstruktionen zu erhalten, statt sie zu überwinden. Das Klischee von den Juden als Herren des Bolschewismus ist zwar erledigt; aber die Klischees von einer jüdischen Supermacht in Amerika, welche die Entscheidungen Washingtons diktiert, leben fort.
Sie sind nicht auf Deutschland beschränkt -- so wenig wie Deutsche die Erfinder des Antisemitismus (sondern seine militantesten Exekuteure) waren. In Amerika selbst haben sie ihre Anhänger. Senator J. W. Fulbright, das umstrittene alte Streitroß des außenpolitischen Senatsausschusses, ist nur ihr Sprachrohr, wenn er vor und nach dem Jom-Kippur-Krieg zum soundsovielten Male klagte, der US-Senat sei unter jüdischem Druck mehr mit den Interessen Israels als den Interessen der USA befaßt.
Sechs Millionen Juden, die 209 Millionen Amerikanern und ihrer Regierung vorschreiben, was sie in einem entscheidenden Bereich internationaler Politik wie dem Nahen Osten zu tun haben? Das ist eine phantastische Perspektive, der ohne Rückblicke nicht beizukommen ist.
Die Juden Amerikas entstammen vier verschiedenen Wellen jüdischer Einwanderer, von denen jede der nächstfolgenden zunächst keine Zuneigung entgegenbrachte. Die ersten 23 Juden kamen 1654 nach einer langen Flucht vor den Verfolgungen eifernder Katholiken aus Spanien und Portugal auf dem Umweg über Brasilien nach New York.
Juden übernehmen Wachdienst gegen die Indianer.
Die Reise der Flüchtlinge war abenteuerlich gewesen. Jacques de la Motthe, Kapitän der Bark "St. Charles", welche die Juden nach der portugiesischen Eroberung Pernambucos an Bord nahm, hatte zu spät entdeckt, daß sie nicht genug Geld besaßen, um die Überfahrt zu bezahlen. New York, damals noch New Amsterdam genannt, gehörte der holländischen Westindischen Kompanie. De la Motthe kalkulierte, daß er in New Amsterdam am ehesten zu seinem Geld kommen würde, weil zu den Aktionären der Westindischen Kompanie in Amsterdam portugiesische Juden gehörten, die schon früher in dem antipäpstlichen Holland Aufnahme gefunden hatten.
Der Empfang in New Amsterdam war jedoch alles andere als herzlich. Peter Stuyvesant, heute allen Zigaretten-Rauchern ein Begriff, damals ein rauhbeiniger, durch eine Beinamputation verkrüppelter Quäker und judenfeindlicher Gouverneur der Kolonie, schrieb nach Amsterdam, dem "betrügerischen Volke" möge nicht gestattet werden, "die neue Kolonie zu vergiften". Zum Glück für die Ankömmlinge erhielt er aus Holland die Anweisung, die Juden zu behalten und ihnen Niederlassung, aber keine bürgerlichen Rechte zu gewähren.
Bankier Schiff gibt Geld für den Krieg gegen Rußland.
Unter dem Namen Sephardim machten sie und weitere Ankömmlinge ihren mehr oder weniger beschwerlichen Weg. In New Amsterdam bemühten sie sich, durch Spenden für die Befestigungen gegen die Indianer und durch Beteiligung am Wachdienst bürgerliche Anerkennung zu finden.
In den umliegenden britisch -- amerikanischen Kolonien, die sich erst 1776 von den Engländern befreiten, zogen sie vielfach von Ort zu Ort. Im verstockt-religiösen Massachusetts sperrte man sie zeitweise aus. Im freiheitlichen Maryland gab man ihnen Glaubensfreiheit. Eine größere Gruppe, die den Amerikanern durch ihre spanische Grandezza imponierte, machte schließlich als Reeder und Finanziers Karriere.
In Rhode Island wurde Aaron Lopez der größte Tabak- und Zuckerhändler mit Europa. In New York entwickelten sich die Baruchs, Lazarus', Nathans oder Cordozas im Laufe eines Jahrhunderts zu einer echten Oberschicht. Sie gehörten zu den Gründern der New Yorker Börse, aber auch der Columbia-Universität. Einige ihrer schönen Töchter heirateten in die besten alten New Yorker Familien ein, und einzelne Sephardim wurden sogar Mitglieder des exklusiven christlichen "Union Club".
Sie waren eine so hochstehende Schicht, daß sie mit Mißtrauen auf die nächsten jüdischen Einwanderer heruntersahen, die zwischen 1820 und 1870 eintrafen. Diesmal kamen die Deutschen. Man nannte sie oft "Achtundvierziger".
Obwohl ihre Amerika-Wanderung schon 1815 begonnen hatte, verließen viele Deutschland, nachdem der revolutionäre Versuch von 1848 gescheitert war, allen Bürgern der damaligen adeligen Klassengesellschaft der deutschen Königreiche und Fürstentümer Gleichheit, auch ohne Rücksicht auf Religion. zu erkämpfen. Die Vereinigten Staaten aber versprachen allen Einwanderern gleiches Recht.
Die meisten Juden deutscher Herkunft waren damals zufrieden, ein kleinbürgerliches Leben außerhalb von Judengassen zu führen, denn sie erführen bald, daß viele christliche Einwanderer ihren Antisemitismus aus Europa mitgebracht hatten.
Nichts symbolisiert ihre Situation besser, als die unsterbliche jüdische Geschichte vom Kolonialwarenladen "S & K" in Buffalo, der kein Geschäft machen konnte, weil die Bevölkerung hinter den Initialen jüdische Inhaber vermutete. Das Geschäft florierte, als es seinen Namen in "O'Riley-Kolonialwaren" änderte. Eines Tages wünschte ein Kunde Mr. O'Riley zu sprechen, und eine unerfahrene Verkäuferin antwortete: "Welchen Mr. O'Riley möchten Sie -- Mr. Schwartz oder Mr. Klein?" Doch zu dieser Zeit hatte die Bevölkerung sich bereits an den Laden gewöhnt.
Zugleich aber kamen auch junge, durch die beruflichen Restriktionen Deutschlands vertriebene Männer wie Joseph Seligman aus Baiersdorf bei Nürnberg, Joseph Sachs' Sohn eines armen Sattelmachers aus der Gegend von Würzburg, oder die deutsch-schweizerischen Guggenheims aus dem Kanton Aargau.
Zu ihnen gehörte auch August Schönberg, ein Vertrauter der Frankfurter Rothschilds, der sich August Belmont nannte. Wegen seines europäischen Handkusses gewann er bei Damen großen Ruf und duellierte sich in
* 3. v. r. an der Tafel: Bankier Jesse Seligman.
New Yorks "Niblos Restaurant" mit Edward Heyward aus einer blaublütigen Südstaatler-Familie, weil der ihn einen Juden nannte.
Mit Ausnahme von Schönberg fingen fast alle als Straßenhändler an, und das machte sie für die Sephardim verächtlich. Sie ließen die Deutschen nicht zu ihrem Tempel "Schearit Israel" zu. Aber deren Intelligenz und geschäftliche Begabung ließ sie die Chancen erkennen, die das unterentwickelte, aber rohstoffreiche und noch ziemlich gesetzlose Amerika zu bieten hatte: in Baumwolle, in Silberminen, in Gold, in Eisenbahnen, in der Landspekulation und in Wallstreet, der "dreckigen Börsenlady"
Sie erlebten alle widersprüchlichen Gesichter des pluralistischen liberalen Amerikas. Der siebzehnjährige Joseph Seligman, später als "amerikanischer Rothschild" bezeichnet, legte in seinen Hausierer-Tagen in Pennsylvania nie den Stock aus der Hand, mit dem er nicht nur bissige Hunde, sondern auch Kinder abwehrte, die mit dem Ruf "Jude" Christus-Mörder!" Steine nach ihm warfen.
Die Geschichte ihres Aufstiegs ist Drama und Romanze zugleich. Sie gewannen große Reichtümer. Mit Ausnahme der Guggenheims, die sieh in Philadelphia niederließen, der Rosenwalds in Springfield und Chicago (Ursprung von Sears, Roebuck & Co., des heute vielleicht größten Versandhausunternehmens der Welt) und einiger anderer konzentrierten sie sich im Laufe der Jahre in New York.
Das Bankhaus Kuhn, Loeb & Co. wurde unter Führung von Jacob Schiff, der 1867 als Achtzehnjähriger mit 500 Dollar Ersparnissen nach New York kam. als Broker begann und 1875 Therese, die Tochter von Salomon Loeb, heiratete, so groß, daß es 1904 drei massive Anleihen für den japanisch-russischen Krieg nach Tokio vermittelte. (Zugleich als eine Art Vergeltung am zaristischen Rußland, das seine jüdischen Einwohner wie Aussätzige behandelte.)
J. & W. Seligman Co., Lehman & Brothers, Goldman. Sack & Co. und andere folgten. Aber so ungeheuer ihre finanzielle Stärke in europäischen Augen erscheint, erst der Vergleich mit der Finanzmacht, welche die
"wasps", die "weißen angelsächsischprotestantischen" Finanziers und Unternehmer in einer "Catch as catch can"-Wirtschaft zusammenbrachten, klärt die wahre Situation.
Die Guggenheims -- Vater Meyer Guggenheim und acht Söhne -, die von der Ofenpolitur über den Handel mit Schweizer Spitzen zunächst zu Millionären geworden waren (eine Million pro Sohn) und dann durch den Erwerb von Silber-, Kupfer-, Gold-. Zinn- und Diamanten-Minen "in das ganz große Geld einstiegen". mögen in einigen Legenden an den Reichtum John D. Rockefellers. des ebenso reinblütig-amerikanischen wie skrupellosen Milliardärs, herankommen.
In Wahrheit erreichten sie ihn bei weitem nicht -- Typen wie der Stahlgigant Carnegie oder der Öl-Mann Getty, dem kürzlich der Enkel gestohlen wurde, blieben einsame Klasse. Niemals erwarben die jüdischen Finanziers die Stärke und die Macht von John Pierpont Morgan. George F. Baker und anderen "wasp" Bankiers.
Soziologen sehen einen Grund dafür darin, daß die jüdischen Aufsteiger zwar vor dem Gesetz gleichberechtigt waren, daß aber die Tore der Clubs und (mit der Ausbreitung des Golfspieles> der Country Clubs, dieser entscheidenden Treffpunkte der Hochfinanz und Industrie, ihnen verschlossen blieben. Von ihrem jüdischen New Yorker Elite-Club "Harmonie-Gesellschaft", in dem deutsche Romantik herrschte und ein Bild des deutschen Kaisers hing. sahen sie die Fenster des exklusiven "Union Club". Aber sie wurden nicht eingeladen, Mitglieder zu werden.
Die Lehmans und die amerikanischen Warburgs lebten während des Winters in Palm Beach und verkehrten mit christlichen Familien. Doch die Türen des Palm-Beach-Clubs. "Christian Everglades" blieben ihnen ebenso verschlossen wie die Tore des elitären "Maidstone"-Clubs in Long Island. Der Country Club von Morristown machte Otto Kahn erst zum Mitglied. als er ein Stück Land von ihm erwerben mußte. Kahn besuchte den Club nie und erhielt dafür von christlichen Mitgliedern ein Lob: "Er war ein Gentleman. Er ist niemals erschienen."
Wahrscheinlich erklärt sich aus dieser Situation. daß die Juden Amerikas bis heute, allen Klischees zuwider, keine entscheidende Machtposition in den großen amerikanischen Geschäfts(depositen)banken wie der Bank of America, Chase Manhattan Bank oder Fit-st National City Bank, in der Schwer- und Autoindustrie, im öl, in der Großchemie, im Bergbau, im Transportwesen. im Gigantenapparat der Versicherungen übernahmen. Erst in allerjüngster Zeit errang Irving Shapiro, Sohn unbemittelter Einwanderer aus Litauen, das Amt des Chairman und Chiefexecutive des gewaltigen Chemie-Konzerns Du Pont (224 Werke und Labors in 27 Ländern, Jahresumsatz 1973: fünf Milliarden Dollar) -- das erste Mal in der Geschichte dieses 1802 gegründeten Unternehmens, daß ein Jude eine so führende Stellung erhielt.
In der Autoindustrie galten die Chancen der Juden in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts als gering. Jüdischer Einfluß konzentrierte sich vielmehr auf das Verkaufssystem oder auf Autovermietung und -verleih. 1915 gründete John D. Hertz, ein Einwanderer aus dem damaligen Böhmen. die Taxigesellschaft "Yellow Cab", die heute -- nicht mehr in jüdischem Besitz -- ganz Amerika überzieht. Die internationale Leihwagenfirma "Hertz Rent A Car" ist ein Weltbegriff. Der Avis Autoverleih war zeitweise im Besitz von Howard Metzenbaum (Wahlspruch: "Let's go Metz"), der kürzlich als dritter jüdischer Senator nach Washington kam.
Die dritte Welle: Juden aus Osteuropa.
Das amerikanische Zentralbanksystem "Federal Reserve System" entstand nach Plänen von Paul Warburg, der von 1914 bis 1918 Vice-Chairman der neuen Institution war. Und in der Nixon-Administration besetzte Arthur F. Burns das Chairman-Amt.
Aber es bleibt eine Legende, daß Amerikas Zentralbanksystem eine jüdische Machtzentrale war oder ist. Die große Stärke jüdisch-amerikanischer Finanziers liegt in den Investmentbanken, unter denen heute Golfman, Sachs & Co. oder Loeb, Rhoades & Co. bekannt sind, und im "Brokerage", den Börsenmaklerfirmen, die in den USA seit 1934 von den Depositenbanken getrennt sind. Es gibt jedoch kaum noch Firmen, die ohne nichtjüdische Teilhaber auskommen.
Die Schiffs und Seligmans erschraken, als nach 1880 die dritte jüdische Einwanderungswelle nach Amerika begann. Auf der Flucht vor den Pogromen im zaristischen Rußland kamen Juden aus Osteuropa in das gelobte Land. Jacob Schiff aber glaubte gute Gründe für sein Erschrecken zu haben. Er besaß schon jenes seismographische Empfinden für den untergründigsten Antisemitismus, das sich später in großen Teilen des Judentums durch das Auschwitz-Trauma zu einer Hypersensibilität steigern sollte.
Antisemitische Phänomene hatte es immer gegeben. Bis zu den Tagen der Einwanderung aus Osteuropa war es, wie Ande Manners in ihrem Buch "Poor Cousins" (Arme Vettern) berichtet, nichts Ungewöhnliches, daß Witzzeitschriften Männer, Frauen und Kinder mit langen krummen Nasen abbildeten und mit Texten versahen, die aus einem grotesken Gemisch von Jiddisch, Deutsch und Englisch bestanden. Nach Finanzkrächen im mittleren Westen aber zeichneten sich Aktionen ab, in denen "Hebräer" und "Israeliten" (das Wort Jude wurde erst im Zuge der osteuropäischen Einwanderung gebräuchlich) zu "internationalen Finanzhyänen" emporstilisiert wurden.
Die jüdischen Familien, die jetzt aus ihren russischen und polnischen Dörfern und Gettos, mit Kind und Kegel, bärtig und in fremdartigen Gewändern. in Wards Island (New York) ankamen. erschienen Schiff und anderen Führern der nunmehr rund 250 000 Juden Amerikas als eine Herausforderung an den Antisemitismus. Der "Jewish Messenger" schlug vor, man solle "Missionare nach Rußland schicken, um sie zu zivilisieren". Schiff verweigerte ihnen nie die finanzielle Hilfe, aber er versuchte. ihre Massierung in New York einzudämmen
Henry Ford führt einen siebenjährigen Privatkrieg gegen die Juden.
Experimente, sie in Farmgebieten wie "Neu Odessa" in Oregon unterzubringen, mißlangen -- bis auf die "Lyons Alliance Farm Family" in New Jersey. Eine Landwirtschaftsschule für Emigranten, 1894 in Woodbine/New Jersey gegründet. hielt sich zwar bis 1918, aber nur 120 Schüler wurden wirklich Farmer. Noch wußte niemand, daß aus Woodbine Männer hervorgehen würden, die nicht ackerbauten, aber zu Leuchten der amerikanischen Wissenschaft wurden: Solman Waksman, der Entdecker des Streptomycin, und Gregory Pincus, der Mitentdecker der "Pille".
Die russisch-polnischen Juden drängten sich, an enges Zusammenleben und religiöse Gemeinsamkeit gewöhnt, in New York zusammen. Schiff versuchte, die Einwanderung nach Galveston im Süden oder nach San Francisco im Westen zu leiten. Aber die Eigengesetzlichkeit des großen Stromes, mit dem 1906 auch Golda Mabowitsch, heute Golda Meir, als Kind eines Schreiners aus Pinsk nach Milwaukee gelangte, war nicht zu beherrschen.
Der Strom nahm erst 1924 ein Ende. als ein American Immigration Act begrenzte Quoten für die Einwanderung. besonders aus Osteuropa, festlegte. Es war die Zeit, da Henry Ford 1, der Autokönig, einen siebenjährigen antisemitischen Privatkrieg führte und die deutsch-amerikanischen Juden beschul -- digte, die Ostjuden absichtlich herantransportiert zu haben, um Amerika mit dem "auserwählten Volk" zu füllen. Er beschwor auch das Märchen von den "Weisen von Zion" herauf, das später in der Hitler- und "Stürmer"-Ära eine so große Rolle spielte.
Das Ganze endete 1927 mit einem jüdischen Boykott von Fordwagen und einer Beleidigungsklage, nach der Ford einem gegnerischen Anwalt, Louis Marshall von der Firma Guggenheimer. Untermeyer & Marshall in New York, eine Art Beichte ablegte und sich danach "besser fühlte". Er bot Marshall an, ihm jeden neuen Fordwagen, den er wünsche, zu schenken. Marshall zog es vor, zu Fuß zu gehen.
Bis dahin hatten rund 2 800 000 Immigranten Amerika erreicht und die Zahl der amerikanischen Juden auf mehr als drei Millionen erhöht. Die neuen Einwanderer besaßen im US-Judentum eine Mehrheit von 85 Prozent, die sie fortan behaupteten. Die meisten waren an ein hartes Leben gewöhnt und mit Energien erfüllt, die unter den russisch-polnischen Berufsrestriktionen niedergehalten worden waren und auf den Augenblick der Befreiung warteten.
Die Neuankömmlinge behaupteten ihre religiöse Orthodoxie gegen den Reformjudaismus des 1819 eingewanderten Rabbiners Isaac Wise, der zur Anpassung der jüdischen Gottesdienste an amerikanische Sitten Orgelmusik, Sonntagsgottesdienst und Englisch statt Hebräisch erlaubte, aber auch gegen die konservativen Juden. Die religiösen Gegensätze haben sich bis heute erhalten -- wenn auch gemildert durch eine Verweltlichung, die heute nur noch 47 Prozent der jüdischen Familien Mitglieder einer Synagoge sein läßt.
Die osteuropäischen Einwanderer hielten auch in gläubiger Strenge an ihren Speisegesetzen fest -- ohne allerdings am Ende verhindern zu können, daß sich heute nur noch 28 Prozent aller jüdischen Familien in Amerika daran halten. Die Orthodoxen sind aber immer noch bedeutsam genug, daß "Holiday Inns", die größte Motel-Kette der Welt, 1974 in den rund 160 Motels in USA, Mexiko und auf den Karibischen Inseln ein Angebot von koscheren Mahlzeiten aufnahm.
Auch eroberten sich jüdische Gerichte oder Spezialitäten oft den allgemeinen amerikanischen Markt. "Delikatessen" wurde zu einem amerikanischen Wort. Und zumindest in den Städten sind "Bagels", kleine Ringbrote, deren Teig zunächst gekocht und dann gebacken wird, oder "Pastrami", ein saftiger Fleischkäse, feste Begriffe.
Viele Einwanderer kamen wie ihre Nachfahren nicht aus den untersten sozialen Schichten heraus oder blieben Handwerker, Friseure, Bäcker, Taxifahrer. Es entstand sogar ein jüdischamerikanisches kleinbürgerliches Proletariat, das nicht in die Legende vom generellen jüdischen Reichtum hineinpaßt.
Heute leben rund 800 000 amerikanische Juden an der Grenze der Armut. Vor allem unter den älteren haben 44 Prozent ein Einkommen unter 4000 Dollar. Empfänger von "Social Security" (Sozial-Versicherung) könnten schwerlich ohne die Unterstützung durch die Wohlhabenderen existieren. In New York bilden 250 000 bedürftige Juden die drittgrößte Armengruppe der Stadt.
Die Mehrzahl aber war erfolgreich. Die einen errangen führende Positionen in der Konfektionsindustrie (die bis dahin weitgehend deutsch-jüdisch gewesen war), nachdem sie zunächst als Arbeiter und Arbeiterinnen an den Nähmaschinen der "sweatshops" (Schwitzbuden) geschuftet und sich oft genug die Tuberkulose geholt hatten. Russisch-polnische Kenner der Branntweinherstellung betreiben heute wenigstens die Hälfte der Brennereien.
Aus kleinen Straßenhändlern wurden die Begründer jüdischer Geschäftsketten, auch wenn die heutigen großen Kaufhausketten wie die "David May Company" (rund 70 Kaufhäuser) oder die "Federated Department Stores" der Familie Lazarus im Besitz oder Management von Juden deutscher oder Sephardim-Abstammung sind.
Die Jesse Laskys, Flo Ziegfelds, Shuberts und David Belaseos' begründeten die beherrschende jüdische Stellung im Theater und Show-Business. Von New York aus zogen Samuel Goldfish (Samuel Goldwyn), Louis B. Mayer und andere nach Hollywood und schufen die Monopole der großen Filmstudios. Als das Filmmonopol abbröckelte, stiegen sie in das Fernsehen um. und jüdische Produzenten gewannen auch dort eine einflußreiche Position.
Jüdische Regisseure, Schauspieler, Sänger und Komiker sind heute wie früher wesentliche Träger der Film-, Fernseh- und Show-Produktionen. Die Schar der zu einem großen Teil aus der ost- und mitteleuropäischen Einwanderung hervorgegangenen Produzenten und Regisseure reicht von der älteren Gruppe um Billy Wilder ("Manche mögen's heiß") über Mike Todd ("In 80 Tagen um die Welt") bis zu den Jüngeren wie Mike Nichols ("Te Graduate"). Zu der erstaunlichen Schar der Schauspieler un 4 Sänger zählen Douglas Fairbanks (Doug Ulman), Kirk Douglas, Paul Newman, Tony Curtis, Barbra Streisand, Dustin Hofman, George Segal. Und die Fernseh-Popularität, die Schauspieler wie Lorne Greene (als "Bonanza"-Vater) oder Ephrem Zimbalist (als Inspektor in "FBI") auch in Deutschland genießen, spricht für sich.
Eine jüdische Näherin erzwingt den ersten Streik.
In der Lower East Side von Manhattan wuchs George Gershwin, Schöpfer der "Rhapsodie in Blue", heran, dort arbeitete in den letzten Jahren seines Lebens auch Scholem Alejchem, dessen schönstes, jiddisch geschriebenes Werk durch das Musical "Anatevka" erst Weltruhm errang. Er war der Vorläufer zahlreicher Schriftsteller wie Arthur Miller ("Der Tod des Handlungsreisenden"), Herman Wouk ("Feuersturm"), Norman Mailer ("Die Nackten und die Toten", "Marilyn"), Jerome Salinger ("Der Fänger im Roggen").
Auch im amerikanischen Pressewesen zeichneten sich Juden aus, wenn sie auch seltener dem altrussischen Raum und mehr Österreich-Ungarn oder Deutschland entstammten. Joseph Pulitzer wurde Begründer der New Yorker Zeitung "World" und Stifter des weltberühmten Pulitzer-Preises. Adolph S. Ochs Initiator der "New York Times" als Weltblatt.
Wenn die jüdischen Einwanderer selber es nicht schafften, wenn sie weder finanziellen Erfolg noch das erreichten, was sie "tachlis", ein höheres geistigberufliches Ziel, nannten, gaben ihnen die Karrieren ihrer Kinder "naches" -- Befriedigung. Sie wurden die Ärzte, die heute den hohen Prozentsatz von Juden in der amerikanischen Medizin und medizinisch -- biologisch -pharmazeutischen Forschung ausmachen. Jonas Salk, Entdecker der Impfung gegen Kinderlähmung, wurde 1914 in der 106th Street in der Umwelt geboren, in der alles Englisch noch mit jiddischem Akzent beladen war.
Aus dem gleichen Boden wuchsen zahlreiche Ingenieure, Elektroniker. Chemiker, Geisteswissenschaftler und die Juristen, die im amerikanischen Rechtsanwaltsstand mit seinen rund 140 000 Einzelanwälten und 22 000 Anwaltsfirmen, aber auch im Gerichtswesen eine erhebliche Rolle spielen.
Viele, die nicht so hoch hinaufstiegen, wurden Lehrer. In New York stellen sie heute rund die Hälfte der Pädagogen, und an Feiertagen wie Jom Kippur bleiben daher die New Yorker Schulen geschlossen. Grundsätzlich liegt der Bildungsstand der amerikanischen Juden erheblich über dem amerikanischen Durchschnittswert.
Zu kurz kamen jedoch jene Einwanderer, die aus der Zeit der zaristischen Unterdrückung sozialistische Ideen mitgebracht hatten. Die Mehrheit auch der ärmsten Immigranten fühlte bürgerlich -- das Wirkungsfeld der eingewanderten Sozialisten blieb beschränkt.
1909/10 erkämpften einige sich mit den noch kleinen New Yorker Textilarbeiter-Gewerkschaften "International Ladies' Garment Workers' Union" und "Amalgamated Clothing Workers of America" zum erstenmal die 50-Stunden-Woche, zehn bezahlte Urlaubstage und Lohn für Überstunden. Clara Lemlich, eine junge Näherin. die nur jiddisch sprach, veranlaßte ihre Leidensgefährtinnen aus den Schwitzbuden zum ersten Streik. Da die Arbeitgeber vorwiegend deutsche Juden waren, bemühte sich Schiff, den Streik so schnell wie möglich zu beenden, um der Umwelt keinen Bruderzwist zu zeigen.
Seine Sorge jedoch war unbegründet. Der Arbeitskampf von New York wurde vielmehr zu einem Vorbild für größere soziale Auseinandersetzungen in der nicht-jüdischen Arbeitswelt. Sidney Hillman aus Litauen, der 1907 als zwanzigjähriger, frisch entlassener Insasse eines zaristischen politischen Gefängnisses nach Chicago gekommen war und schließlich die Führung der "Amalgamated Clothing Workers" übernahm, wurde zu einem Partner von John L. Lewis, dem angelsächsischen Führer der Gewerkschaft "American Federation of Labor".
Wie Lewis kämpfte er für den Zusammenschluß kurzsichtig zersplitterter Gewerkschaftsverbände zu einer wirtschaftlich denkenden modernen Bewegung und übernahm während des Zweiten Weltkrieges eine führende Position in Franklin D. Roosevelts Produktionskontrolle. Die Bekleidungsgewerkschaften vor allem New Yorks, wo 60 Prozent der amerikanischen Konfektion entstehen, waren jedoch ein Sonderfall: die riesigen Gewerkschaftsverbände blieben eine vorwiegend angelsächsisch-irisch-schottische Angelegenheit.
Die Juden bezahlten allerdings auch ihren Tribut an die düsterste Schattenseite der US-Freiheit, die organisierte Kriminalität. New Yorks Polizeipräsident Bingham behauptete 1907, von 2000 Photos in seiner Verbrecherkartei zeigten 1200 russisch-jüdische Einwanderer. 1908 ergänzte er, 50 Prozent aller Missetäter in New York seien russischjüdische Einbrecher, Straßenräuber und Zuhälter. Es war leicht nachzuweisen, daß 1907 von den 2848 Verurteilten in New York nur 460, also 16,14 Prozent. jüdisch waren, und Bingham widerrief.
Es stimmte auch nicht, daß eine jüdische Kriminalität erst seit dem Eintreffen der Osteuropäer existierte. Dafür gab es einen zwei Zentner schweren Gegenbeweis: die deutschgebürtige Ma Mandelbaum, die in der Clinton Street Nr. 79 seit Jahrzehnten das größte Hehler-Unternehmen der USA betrieb. Sie beschäftigte bis zu 100 Diebe und Einbrecher, meistens Iren, aber auch Juden, und dehnte ihren Hehler-Handel bis nach Frankreich aus.
Juden in der Unterwelt: die Gang des Lepke Buchhalter.
Beteiligt waren die korrupte Polizei und "Tammany Hall", die noch korruptere demokratische Partei-Organisation von New York, die sich an "Schutz"-Abgaben von 500 Spielhöllen bereicherten. Ma Mandelbaum bezahlte eigene Anwälte. um allen gerichtlichen Problemen gewachsen zu sein. 1884 floh sie nach Kanada.
In der faulen politischen Szene von New York brauchte sich kein Jude der Lower East Side wegen ihrer Kriminellen zu schämen. Aber einer ihrer Rabbiner, Judah I Magnes, hielt es für unerträglich, daß ein Mann wie Abe Greental den Ruf errang, die geschickteste Taschendieb-Organisation Amerikas zu führen.
Eine jüdische Gang fing ahnungslose junge Einwanderinnen in Wards Island ab und schleppte sie in Bordelle, die Rosie Hertz unterhielt. Als 1912 nach der Ermordung des Spielhöllen-Besitzers Herman Rosenthal herauskam, wie sehr die New Yorker Polizei mit jüdischen "Schutzgeld"-Erpressern bei der Ausplünderung von Saloons und Bordellen zusammenarbeitete, griff Magnes zur Selbsthilfe. Unterstützt durch Schiff und den gerade gewählten, noch nicht korrumpierten New Yorker Bürgermeister Gaynor, schloß ein jüdisches Vigilanten-Komitee die Lasterhöhlen und verhaftete Leute wie Joseph ("Yosky" Toblinsky, dessen "Schwarze Hand" 290 Pferde vergiftet hatte, deren arme Besitzer keine Schutzgebühren bezahlen konnten.
Als Gaynor 1913 starb, blieb Magnes nichts anderes übrig, als vor der Tatsache zu kapitulieren, daß auch eine kleine Minderheit von Juden den bis heute undurchdringlichen Dschungel der amerikanischen Verbrecherwelt bereicherte und bereichert.
"Lepke" Buchhalter, der 1897 geborene Sohn eines kleinen Händlers, gehörte zu denen, die darin Spitzenstellungen errangen. Er verkaufte sich und eine Schar von Muskel- und Pistolenmännern an Gewerkschaften und Arbeitgeber. Für die Gewerkschaften zerstörte er Maschinen von Fabrikanten, die Gewerkschaftsforderungen nicht nachkamen. Für die Fabrikanten mißhandelte er Gewerkschaftler, um Streiks zu brechen.
Schließlich machte er sich zum Herrn über eine kleine, aber entscheidende Gruppe der "Amalgamated Clothin Workers", die Zuschneider, und zwang Hillman zwanzig Jahre lang, Tribute zu zahlen, bis dessen neue Gewerkschaftsstrategie Lepkes Treiben ein Ende setzte. Als Lepke 1939 wegen Mordes auf dem elektrischen Stuhl endete, hatte er jährlich bis zu zehn Millionen Dollar kassiert.
Andere wie R. L. "King Salomon" von Boston, Arthur Flegenheimer ("Dutch Schultz") oder Meyer Suchowliansky alias Meyer Lansky, wuchsen in die US-Verbrecher-Syndikate hinein, und es war Meyer Lansky, der 1970 Asyl in Israel suchte, als das US-Finanzministerium ihn wegen Steuerhinterziehung für 36 Millionen Dollar vor Gericht zu stellen suchte. Es machte seine dunkle Rolle in der Geschichte der Juden in Amerika nicht besser, daß er sich dabei auf Millionen beriet, welche jüdische Syndikatsgruppen den zionistischen Organisationen in Amerika gespendet hätten.
Wie die sozialistischen Elemente traten auch die politischen Talente unter den Einwanderern wenig hervor. Die Zahl derer, die bis zu den Tagen Henry Kissingers Positionen auf der politischen Bühne Amerikas eingenommen haben, läßt sich leicht übersehen.
New York (mit 1 836 000 jüdischen Bürgern die am stärksten jüdisch bevölkerte Stadt der Welt) erhielt erst 1973 in Abraham Beame seinen ersten jüdischen Bürgermeister. Es gibt einige jüdische Gouverneure, so Maryin Mandel von Maryland und Frank Licht von Rhode Island, ferner drei jüdische Senatoren: Howard Metzenbaum, Jacob K. Javits aus New York und Abraham Ribicoff aus Connecticut. Außerdem rechnet man in gewissem Sinne den ehemaligen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater dazu, der als vierteljüdisch gilt.
"Geheime Furcht vor der christlichen Wählerschaft."
Auf der Regierungsebene gab es auch einige Juden: Oscar Straus war 1906 Handelsminister Präsident Theodore Roosevelts und Henry Morgenthau jr. Finanzminister Franklin Roosevelts. Morgenthaus Vater, der sein Vermögen vor allem auf dem Immobilienmarkt erwarb, wurde 1914 zur Belohnung für seine Finanzhilfe während des demokratischen Wahlkampfes Botschafter in der Türkei, Herman Baruch, ein Verwandter des bedeutenden New Yorker Finanzmannes Bernard M. Baruch, war 1948 Botschafter in Holland.
Bernard M. Baruch selbst, der sich gerne "Dr. Fact" nennen ließ, zog es vor, mehr als "park bench statesman" (Parkbank-Staatsmann) zu wirken; schon Wilson und Franklin Roosevelt ließen sich von ihm in Finanzfragen und Fragen der Rohstoffversorgung beraten. In eine andere Kategorie gehörten Franklin Roosevelts Berater Ben Cohen, David Lilienthal, Anna Rosenberg oder Richter Samuel Rosenman -- ihnen standen zahlreiche katholische Berater und Freunde Roosevelts gegenüber.
In der Kennedy-Ära spielte Mike Foldman als Wirtschaftsberater und (wie Shimon Peres, damals stellvertretender Verteidigungsminister Israels, sich ausdrückte), "eine Art Verbindungsoffizier zwischen Kennedy und den jüdischen Organisationen" eine Rolle. Aber erst mit Kissingers Auftreten als außenpolitischem Berater Nixons und später als Außenminister erschien ein politisches Talent im Zentrum der Washingtoner Bühne und errang angesichts der Schwächung des Präsidenten durch den Watergate-Skandal außergewöhnliche Handlungsfreiheit.
Mehrere jüdische Juristen stiegen im Laufe eines Jahrhunderts zu Bundesrichtern auf: der 1856 geborene Louis D. Brandeis (Amtszeit: 1916 bis 1941). Benjamin N. Cardoza aus einer Sephardim-Familie (1932 bis 1938) und der 1882 in Wien geborene Harvard-Professor Felix Frankfurter (1938 bis 1962). Der vierte war Arthur Goldberg aus Chicago. ein Gewerkschaftsanwalt, der 1965 als intimer Freund Präsident Johnsons zum US-Botschafter bei der Uno ernannt wurde und häufig jüdische Kritik erfuhr, weil er trotz seiner Zugehörigkeit zu der Führungsgruppe jüdischer Organisationen (so kürzlich der "B'nai B'rith Messenger") "die Stimme seiner Nation, nicht seines Volkes" zu sein versuchte. Nach seiner Uno-Zeit trat er im Kampf um den Gouverneur-Posten von New York gegen den Republikaner Nelson Rockefeller auf und verlor.
Die amerikanischen Juden -- so erklärt der Schriftsteller Max Vorspann -- hätten "nie die geheime Furcht abgelegt, als Politiker von einer christlichen Mehrheit nicht gewählt zu werden". Sie zögen es vor, als Berater zu wirken oder Wahlkampagnen nichtjüdischer Amerikaner zu unterstützen, die ihren Anliegen wohlgesonnen sind.
Stimmung im US-Judentum: "Wir trauen Kissinger nicht."
Dazu schrieb das "National Jewish Monthly": "Die negativen (jüdischen) Reaktionen auf die Ernennung Henry Kissingers entsprechen einer unglücklichen Tendenz in der jüdischen Geschichte. Als Louis Brandeis und Felix Frankfurter in den Bundesgerichtshof berufen wurden, opponierten manche Juden. Ihre innere Unsicherheit ließ sie das Auftreten umstrittener jüdischer Persönlichkeiten, auch wenn sie noch so brillant waren, im Rampenlicht fürchten. Sie bauten, nach Frankfurters Worten 'ihr eigenes Getto'."
Und der "B'nai B'rith Messenger" stellte fest: "Eine innere Stimmung in der amerikanischen jüdischen Gemeinde sagt: "Wir trauen Kissinger nicht.'" Dann fragte das Blatt: "Wird der Überlebende einer Hölle, in der sechs Millionen seiner Brüder ermordet wurden, weitere drei Millionen auf dem Altar seines Ego opfern?"
in der Tat gehörte Kissinger zu der vierten Einwanderungswelle. die 1933 einsetzte, als sich die jüdischen Immigranten aus dem Osten eben etabliert hatten oder im Chaos der damaligen Wirtschaftskrise um ihre Existenz kämpften. Diesmal waren es zuerst wieder Deutsche, die ihr Land zu verlassen suchten, aber angesichts der amerikanischen Einwanderungsbeschränkungen nur in geringer Zahl Aufnahme fanden.
Andere Europäer folgten. Es wiederholte sich zunächst, was die früheren Einwanderer erlebt hatten: die innere Abwehr vieler, die schon Amerikaner waren. Die Auswanderer waren zu einem großen Teil Wissenschaftler, Ärzte, Psychiater, Juristen, Regisseure und Journalisten -- Menschen, in deren Beruf vielfach die Sprache und deren Feinheiten eine besondere Rolle spielte. Das erschwerte einen Neuanfang in den USA. Die bekannteste Persönlichkeit unter ihnen: Albert Einstein, Schöpfer der Relativitätstheorie und dann Princeton-Professor.
in Amerika erhielten viele von ihnen Beinamen wie "die Bei-Unsers"" weil sie wehmütig davon sprachen, daß "bei uns zu Hause" alles besser gewesen sei. Noch heute hört man ihr Deutsch vielfach in Florida, wo das warme Klima und die damit verbundene Verbilligung des Lebens Pensionierte und Sozialversicherte anlockt, oder im ebenfalls milden Südkalifornien, wo sie zurückgezogen von ihren Altersrenten oder einer Wiedergutmachung leben.
Die Jüngeren wurden, so wie Kissinger in Harvard, zu Stützen der jüdischen Positionen an den amerikanischen Universitäten. Zum Zorn der arabischen Seite gehören dazu auch die Nahost-Institute der Universitäten von Harvard, Princeton und Columbia.
Ist dies nun die Geschichte einer monolithischen, die Vereinigten Staaten oder Washington beherrschenden jüdischen Supermacht? Die Vorstellung, daß sechs Millionen Juden, Angehörige des vielleicht individualistischsten Volkes der Erde, einen monolithischen Block bilden könnten, erfordert einige Bereitschaft zur Absurdität.
Felix Frankfurter hat einmal in seinen "Reminisces" gemeint, die Menschheit habe eine unheilbare Neigung, überall Konspirationen zu suchen. Die Idee der jüdischen Supermacht in Amerika trägt in der Tat Züge einer James-Bond-Fiktion.
Die Wahrheit ist: Es besteht ein wirtschaftlich-politischer und kultureller Einfluß, der denjenigen anderer Minderheiten weit in den Schatten stellt. Die Frage lautet: Warum?
Im nächsten Heft
Amerikas Juden organisieren die Hilfe für Israel -- Illegale Waffenkäufe hinter dem Rücken des FBI -- Präsident Truman unter dem Druck der jüdischen Lobby
Von Jürgen Thorwald

DER SPIEGEL 6/1974
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