Mittwoch, 10. Februar 2010

DER SPIEGEL


25.03.1974

GRIECHENLAND

Sieben Jahre Jucken

Athens Militärpolizei-Regime verschärft den politischen Terror: Die KZ-Insel Jaros füllt sich wieder mit Deportierten -- Politikern und Sängern, die ein falsches Lied vortragen.

Um sechs Uhr morgens am vorletzten Sonnabend fuhren vier Militärpolizisten bei der Villa des griechischen Oppositionspolitikers Georgios Mayros im Athener Vorort Erythräa vor. Sie schlugen die Tür ein und führten den im Pyjama überraschten Hausherrn ab.

Einige Tage verbrachte der Verhaftete in der Sonderuntersuchungs-Abteilung der Militärpolizei nahe der US-Botschaft in Athen. Dann wurde er deportiert -- auf die Sträflingsinsel Jaros, Griechenlands berüchtigtstes KZ.

Das nur 17,2 Quadratkilometer große Felsen-Eiland in der Kykladen-Gruppe dient Tyrannen von alters her als Verbannungsort für politische Gegner. Schon römische und byzantinische Herrscher schickten rebellische Zeitgenossen nach Jaros. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschifften königliche Generäle kommunistische Bürgerkriegs-Gefangene zu Zehntausenden auf die nur von Disteln bewachsene und von Ratten bevölkerte Insel. Die "Teufelsinsel", wie Internierte sie tauften, war auch noch unter der konservativen Regierung Karamanlis bis 1962 Kerker für politisch Andersgläubige.

Als die Obristen 1967 putschten, eröffneten sie die verödeten Lager sofort wieder. Bis zu 6000 "Politische" waren zeitweise dort zusammengepfercht.- Erst nach vielfältigem Protest löste Papadopoulos das KZ 1971 auf.

Seither standen die Baracken auf der Teufelsinsel leer -- bis Ende November letzten Jahres. Dann, am 25. November, putschten Offiziere unter dem Kommando des Oberbefehlshabers der Militärpolizei, Brigadegeneral Dimitrios Ioannidis, gegen das ihrer Meinung nach zu lasch gewordene Papadopoulos-Regime. Die neuen Herren, die Griechenland vollends in einen Militärpolizei-Staat verwandelten, hatten auch wieder Verwendung für die KZ-Insel.

Nach Jaros deportiert wurden ohne Verfahren, ohne Urteil, nach einfachem Beschluß der Militärpolizei -- in den letzten Monaten von neuem mindestens hundert Griechen, der Abschreckung wegen in aller Offenheit: Die Verbannten werden mit Linienschiffen von Piräus nach Siros und von dort mit einem "Kaiki", einem kleinen Kahn, auf die Sträflingsinsel weitergeschafft.

Vergehen der so Bestraften: Maolis Mitsias, Sänger in einem Bouzouki-Lokal in der Plaka, der Athener Altstadt, hatte Lieder des längst aus der KP ausgetretenen Komponisten Mikis Theodorakis vorgetragen.

Stavros Paravas, Schauspieler, überzog die zulässige Grenze politischer Satire in der Theaterrevue "Sieben Jahre Jucken" und improvisierte außerhalb des zensierten Textes mit Anspielungen auf die neuen Machthaber.

Ioannis Agathangelou, Minister beim Ministerpräsidenten unter Papadopoulus, hatte sich gebrüstet: "In zwei Monaten sind wir wieder an der Macht."

Ioannis Charalampopoulos, Ex-Abgeordneter der Zentrums-Union, soll laut Deportationsbeschluß "den anarchischen Studenten moralischen Beistand geleistet und sie zum Umsturz des Regimes ermutigt" haben.

Nikolaos Psaroudakis, Herausgeber der Zeitschrift "Christianiki", habe, so die Militärpolizei, "Unruhe und Angst inter den Bürgern ausgelöst" und wurde zwecks "Einschränkung seiner regierungsfeindlichen Tätigkeit" nach Jaros deportiert, seine Zeitung geschlossen.

Der Verleger hatte in einem Leitartikel geschrieben Der Tyrann ist weg, die Tyrannei geblieben" -- und damit die neugriechische Wirklichkeit in eher noch rosa Farben geschildert.

Denn die Putschisten, die Papadopoulos stürzten, haben zugleich einige pseudo-demokratische Ansätze des alten Militärregimes beseitigt -- eine Verfassung, gewisse Freiheiten für die Presse, eine gewisse Redefreiheit.

Jetzt soll sich "niemand mehr für eine Verfassung interessieren, und niemand interessiert sich dafür", dekretierte das Regime-Blatt "Eleftheros Kosmos", denn Griechenland "befindet sich in der Situation eines Schiffes, das gegen schweren Seegang kämpft". Und "Akropolis" vermittelte die Überzeugung der neuen Herren, wonach "die einzige Chance zur Lösung der griechischen Probleme ein Regime mit außerordentlichen Vollmachten ist".

Allein damit regiert die Diktatur, wie Papadopoulos in seinen ersten Jahren auch -- nur: Jetzt kann bloß gerätselt werden, wer der eigentliche Diktator ist. Denn der starke Mann, der oberste Militärpolizist Ioannidis, hat in Staat und Regierung keinerlei offizielle Funktion. Er befiehlt lediglich seiner auf 25 000 Mann verstärkten Truppe, die allerdings -- wie bei der Festnahme des Athener SPIEGEL-Korrespondenten im Januar -- oft zuschlägt, ohne daß Regierungsbehörden darüber informiert werden.

Wo soviel Willkür herrscht, regt sich aber auch immer stärkere Opposition. Selbst die Orthodoxe Kirche. lange Jahre Hauptstütze der Militärs. erhebt nun erstmals öffentlich ihre Stimme gegen den Terror des Regimes.

Auf Betreiben des Bischofs von Siros, Dorotheos, zu dessen Diözese Jaros gehört, faßte die Heilige Synode einen Beschluß, der dem Präsidenten, General Gizikis, übermittelt wurde. Darin fordern die Bischöfe die "Abschaffung von Jaros und allen anderen Kerkern" für politische Häftlinge.

Schon vor Wochen hatte Erzbischof Hieronymos, das im vorigen Dezember zurückgetretene Oberhaupt der griechischen Staatskirche, dem SPiEGEL die Kopie eines Briefes geschickt, in dem er

noch unter Papadopoulos -- gegen "Barbareien und Bestialitäten" an politischen Gegnern protestiert hatte.

Hieronymos: "Es handelt sich um ein System und eine Taktik, die an kommunistische und hitlerische Konzentrationslager erinnern ... Müssen solche Dinge passieren, deren wir uns als Griechen einst schämen werden?"

Auch der vorigen Mittwoch nach Jaros deportierte Georgios Mavros, einst Minister mehrerer demokratisch gewählter Regierungen, hatte öffentlich seine Stimme gegen die Tyrannis erhoben. Er begrüßte als "absolut gerechtfertigt" den Beschluß der neuen britischen Labour-Regierung, einen bereits fest vereinbarten Flotten-Besuch zweier Kriegsschiffe der Royal Navy in griechischen Häfen abzusagen. Mayros: Die Wiederherstellung der Demokratie "in Griechenland sei eine "internationale Verpflichtung" der westlichen Welt.

Weil er damit "ausländische Einmischung in innergriechische Angelegenheiten" gefordert habe -- so die Erklärung eines "autorisierten Sprechers" -, wurde der Dozent für Privatrecht an der Athener Uni, der Jura einst in Berlin studiert hatte, verhaftet und auf die Teufelsinsel gebracht, wo, so der zuständige Bischof Dorotheos, "kein Mensch lange überleben kann".



DER SPIEGEL 13/1974
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DER SPIEGEL 13/1974

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