18.02.1974

Solschenizyn -- Hier ist ihm alles viel zu eng

Wird keiner wieder freigelassen?

Der Schriftsteller Alexander Solschenizyn als Historiker

Mit dem Exil gewinnt Alexander Solschenizyn eine Freiheit, die kein einziger gewöhnlicher Bürger der UdSSR genießt: jedes Buch zu lesen, das ihn interessiert. Für die Dokumentation "Archipel GULAG", das wichtigste historische Werk über den Sowjetstaat, konnte der Autor -- selbst kein Historiker -- nur aus den im Sowjetstaat zugänglichen Quellen schöpfen. Dazu hatte er einen großen Bekanntenkreis, vor allem aus der Lagerzeit, wozu bei Solschenizyn noch viele Informanten und Korrespondenten gestoßen sein mögen, die ihm nach Erscheinen von "Iwan Denissowitsch" ihre Erinnerungen berichteten.

Offenbar wußte er aber auch einige nur schwer auffindbare Zeitungsbände auszuwerten, längst vergessene Sowjet-Publikationen, wie Krylenkos Anklage-Reden und die Propaganda-Broschüre des Tschekisten Lazis, dazu etliche Emigranten- Blätter und zwei Quellen aus dem Westen: Arthur Koestler und Julius Epstein. Schon auf die ersten "Richtlinien des Strafrechts der RSFSR" mußte Solschenizyn verzichten -- kein Archiv öffnete sich ihm, kein prominenter Zeuge ließ sich von ihm befragen.

Im Westen aber kann sich Solschenizyn mit der zeitgeschichtlichen Forschung der ganzen Welt bekannt machen. Ihr Stand geht in einigen Punkten über Solschenizyns Sammlung, deren Fakten-Flut ihm mitunter nur "per Zufall zu Ohren kam", hinaus -- in anderen hat er sie bereichert, so in der Darstellung des Dezember-Plenums des ZK 1936, vor dem der Alt-Bolschewik Pjatakow aus der Haft vorgeführt wurde, "mit ausgeschlagenen Zähnen, sich selbst schon nicht mehr ähnlich". Damals habe Stalin Rykow schon halb preisgegeben, mit Blick auf Bucharin aber vorgegeben, er glaube an dessen "Unschuld". Bisher war nur eine ZK-Sitzung im November 1936 wahrscheinlich, ferner die im Februar 1937, auf welcher der Häftling Radek seine Beschuldigungen gegen Bucharin vortrug; das ZK genehmigte damals die Verhaftung seiner Mitglieder Bucharin und Rykow.

Neu bei Solschenizyn -- neben der Summe an Details -- ist ferner vor allem die mehr tragische als komische Affäre um den Wasserwerks-Ingenieur Oldenborger sowie die Nachricht, daß der Sozialrevolutionär Sawinkow ermordet wurde. Aber Solschenizyn muß sich auch von westlichen Forschungsergebnissen belehren und widerlegen lassen: Das Höchstmaß der Haftstrafe wurde nicht erst von Stalin selbst im Mai 1947 auf 25 Jahre festgesetzt, sondern bereits durch ein Gesetz vom 2. Oktober 1937.

Als Stalin sich mit Bucharin "wie die Katz mit der Maus ein kleines Spielchen erlaubte", konnte Bucharin nicht mehr um seinen Posten im Politbüro zittern -- den hatte er schon sieben Jahre vorher verloren. Daß er gegen die Verurteilung seiner -- längst aus der Partei ausgestoßenen -- Kampfgefährten Sinowjew und Kamenew nichts unternahm, erscheint mithin in einem völlig anderen Licht.

Sogar das Spielchen selbst ist zweifelhaft: Nach Erkenntnissen der Zeitgeschichtsforschung hatte Stalin vor dem Februar 1937 keine Mehrheit im Zentralkomitee, die mit hinlänglicher Sicherheit bereit gewesen wäre, der Verhaftung des prominentesten Mitglieds Bucharin ihr Placet zu geben.

Kaganowitsch, bislang als schärfster Kettenhund Stalins bekannt, soll laut GULAG nur widerwillig an Bucharins "Schuld" geglaubt haben. Zumindest fraglich ist, ob Stalins ältester Kampfgefährte Ordschonikidse "seine Kugel" bekam, oder ob er sich, wie auch Chruschtschow behauptet, selbst erschoß. Ordschonikidse, laut Solschenizyn, soll während der Zwangsvorführung seines Stellvertreters Pjatakow lauthals bezweifelt haben, ob der seine Aussagen freiwillig mache.

Die Genossen Skrypnik und Gamarnik begingen, genau genommen, nicht -- wie Solschenizyn schreibt -- "vor der Verhaftung" Selbstmord: Der ukrainische Nationalkommunist Skrypnik tat es (aus Verzweiflung über das Schicksal der Ukraine), ehe ihm eine Verhaftung auch nur drohte; Gamarnik, der Politchef der Roten Armee, starb während der Festnahme von eigener Hand.

Bei der Aufarbeitung des ihm übergebenen Materials vermochte Solschenizyn nicht immer kritisch zu sichten. Einige Ungenauigkeiten -- auch in der Interpretation -- kann er künftig korrigieren: die Spekulationen über eine Spitzeltätigkeit Stalins für die Geheimpolizei des Zaren sind bis heute nicht bewiesen -- auch durch Solschenizyns Andeutungen nicht. Stalin zu bezichtigen, er habe Hitler zum Kriegführen angestiftet, ist etwas verwegen; auch der Vergleich der chinesischen Kulturrevolution von 1966 mit Stalins Säuberungen 1937 kann nicht überzeugen.

Von den in die UdSSR verbrachten Kindern der spanischen Republikaner gewinnt der Solschenizyn-Leser den Eindruck, sie seien alle umgekommen. Doch der Sohn der berühmten Revolutionärin Dolores Ibarruri bekam eine anständige Ausbildung und fiel als Offizier bei Stalingrad. Überhaupt muß der Leser folgern, "daß keiner, einmal verhaftet, wieder freigelassen wird" (Seite 28), obwohl Solschenizyn eine Reihe Freigelassener erwähnt. Hier vermittelt die Lektüre ein falsches Bild: Solschenizyn berichtet die Verhaftung des Patriarchen Tichon, nicht aber seine Entlassung (ohne Gerichtsurteil, nach Abgabe einer Treueerklärung für den Sowjetstaat). Tichon starb am 7. April 1925 in Freiheit.

Solschenizyn meldet die Verhaftung des Historikers Tarlé im Jahre 1929 -- der danach noch viele Bücher schrieb, die der Stalin-Hagiographie recht waren. Auch der als verhaftet gemeldete Literaturhistoriker Bachtin kann 1929 nur für eine sehr kurze Frist festgehalten worden sein: Im selben Jahr veröffentlichte er seine Studie über "Probleme des Werks Dostojewskis", im Jahr danach mehrere Artikel über Tolstoi: er lebt heute noch. Der gleichfalls 1929 "eingesperrte" Historiker Gautier war bis 1941 Professor an der exklusivsten Sowjet-Hochschule. dem Institut für Geschichte, Philosophie und Literatur in Moskau, wurde 1939 in die Akademie der Wissenschaften der UdSSR gewählt und starb 1943 als Vize-Direktor der Lenin-Bibliothek. Der Arzt Kischkin -- einst Minister Kerenskis -- wurde amnestiert und arbeitete noch sieben Jahre in seinem Beruf. Der Biologe Kolzow leitete bis 1938 sein Institut in Leningrad, starb 1940 und wurde in Moskau beigesetzt, in Ehren.

Es braucht nicht Einseitigkeit zu sein. daß Solschenizyn seinen Gönner Chruschtschow aus der Reihe der blutigsten Säuberer ausläßt (Chruschtschow, so erfährt man, aß mit seinem Chauffeur das gleiche Essen). Noch fehlen ja fünf weitere Teile der GULAG-Dokumentation.

Wohl aber fehlt der Hinweis, daß der blutdurchtränkte, unbelehrbare Molotow erst an Leib und Leben bedroht werden mußte, ehe er seinen Widerstand gegen die Ermordung der Alt-Bolschewiken aufgab: In den Listen jener hohen Parteiführer, die von den angeklagten Volksschädlingen angeblich ermordet werden sollten, fehlte plötzlich der Name Molotow. Eine unmißverständlichere Ankündigung des Genickschusses gab es für Mitglieder des Politbüros damals nicht.


DER SPIEGEL 8/1974
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