07.01.1974

Solschenizyn: Der Archipel GULAG

Wenn man sich heutzutage über die Willkür des Personenkults ergeht, bleibt man immer wieder bei den oft bemühten Jahren 1937/38 hängen. Und es prägt sich dies ins Gedächtnis ein, so, als habe vorher niemand gesessen und auch nachher sei keiner eingesperrt worden, alle bloß 1937 und 1938.

Ohne über irgendeine Statistik zu verfügen, fürchte ich dennoch nicht fehlzugehen, wenn ich sage, daß der Strom der Jahre 37/38 weder der einzige noch auch der hauptsächliche war, vielleicht nur: einer von den drei großen Strömen, die die düsteren stinkigen Rohre unserer Gefängniskanalisation beinahe zum Bersten brachten.

Vorher war der Strom der Jahre 1929/30 gewesen, der gut 15 Millionen Muschiks in die Tundra und in die Taiga geschwemmt hat. Doch die Bauern sind der Sprache nicht mächtig, des Schönschreibens nicht kundig, sie verfaßten weder Beschwerden noch Memoiren. Die Untersuchungsrichter haben sich mit ihnen nächtens nicht abgemüht. Protokolle waren für sie zu schade -- es genügte die Verordnung ihres heimatlichen Dorfsowjets. Verströmt war dieser Strom, aufgesogen vom ewigen Frostboden, und auch die allerhitzigsten Köpfe erinnern sich kaum noch daran. Als hätte er das russische Gewissen nicht einmal gestreift. Indessen war kein Verbrechen Stalins und unser aller schwerer als dieses gewesen.

Und nachher gab's den Strom von 1944-46: Ganze Nationen wurden durch die Abflußrohre gepumpt und dazu noch Millionen und Abermillionen von Heimkehrern aus Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit -- auch dies unsere Schuld, daß sie unter die Deutschen gerieten! Doch auch in diesem Strom war überwiegend einfaches Volk; er schrieb keine Memoiren.

Der Strom des siebenunddreißiger Jahres aber riß auch Hochgestellte und Einflußreiche mit sich, Leute mit Parteivergangenheit und Menschen mit höherer Bildung; fortgeschwemmt wurden sie ins Inselreich GULAG [Hauptverwaltung der sowjetischen Straflager], zurück aber blieben Wunden, in den Städten, aus denen sie kamen*. Und diejenigen, die es gestreift hatte -- wie viele waren es, die sich aufs Schreiben verstanden! -, schreiben denn heute alle und führen es alle im Munde: das Jahr 37! Eine Wolga von menschlichem Leid!

Sag aber einem Tataren, Kalmücken oder Tschetschenen: "1937" -- er wird bloß mit der

* Eckige Klammern bezeichnen zusätzliche Erläuterungen der Redaktion, runde Klammern Anmerkungen des Autors.

Achsel zucken. Und was soll Leningrad mit dem Jahr 37, wo es vorher das fünfunddreißiger Jahr gehabt hatte? Und die zum zweiten Mal einsaßen oder die Balten -- soll für sie 1948/49 leichter gewesen sein? Mögen die Eiferer der Geographie und des guten Stils nun einwenden, ich hätte in Rußland manch anderen Fluß vergessen -- nur Geduld, noch sind die Ströme nicht alle genannt, laßt mir bloß genug Papier. Dann werden aus den Strömen die übrigen Namen fließen.

In den Rohren gab es Pulsschwankungen -- einmal lag der Druck über dem kalkulierten, ein andermal auch darunter, doch niemals blieben die Gefängniskanäle leer. Blut, Schweiß und Harn, was von uns nach der Ausquetschung übrigblieb, sprudelte darin ohne Unterlaß. Die Geschichte dieser Kanalisation ist die Geschichte eines nicht erlahmenden Soges, einer nicht versiegenden Strömung, mit Hochwasser und Ebbe und wieder Hochwasser, und die Ströme waren einmal mächtiger und dann wieder schwächer, und von allen Seiten kamen noch Bäche, Bächlein, Rinnsale und einzelne mitgeschwemmte Tröpfchen hinzu.

Die im weiteren angeführte chronologische Aufzählung, in der mit gleicher Sorgfalt die Ströme aus Millionen von Verhafteten und die Bächlein aus einfachen unscheinbaren Dutzenden vermerkt werden, ist noch lange nicht komplett, noch dürftig und auf meine Fähigkeiten beschränkt, in die Vergangenheit vorzudringen.

Bei dieser Aufzählung ist das schwerste der Anfang. Darum schon, weil mit jedem Jahrzehnt zurück die Zeugen spärlicher werden, die Kunde verblaßt und sich verschleiert; der Chroniken es aber keine gibt oder nur solche hinter Schloß und Riegel. Darum auch, weil es nicht ganz gerecht scheint, die Jahre der verbitterten Härte (Bürgerkrieg) mit den ersten Friedensjahren, da Barmherzigkeit zu erwarten gewesen wäre, in eine Reihe zu stellen.

Doch schon lange vor jenem Bürgerkrieg war einzusehen, daß sich Rußland, so wie es war in seiner Bevölkerungsstruktur, natürlich zu keinerlei Sozialismus eignete, daß es bis über den Kopf im Dreck steckte. Einer der ersten Schläge der Diktatur traf die [liberale Partei der] Kadetten. Ende November 1917, zum ersten nicht zustande kommenden Termin der Einberufung der Konstituante, wurde die Kadettenpartei für vogelfrei erklärt, Verhaftungen setzten ein. Etwa um dieselbe Zeit wurde die Festnahme des "Bundes der Konstituante" und des Netzes der "Soldatenuniversitäten" abgewickelt.

Vom Sinn und Geist der Revolution ausgehend, ist es nicht schwer zu erraten, daß sich in jenen Monaten die Kresty, Butyrkas und die ihnen verwandten Provinzgefängnisse mit Vertretern des schwerstbegüterten Standes füllten; mit prominenten Politikern, Generälen und Offizieren; wohl auch mit Beamten der Ministerien und des Staatsapparates, die sich weigerten, den Verordnungen der neuen Macht Folge zu leisten.

Zu den ersten Aktionen der Tscheka gehörte die Aushebung des Streikkomitees des Allrussischen Angestelltenbundes. Aus einem der ersten Zirkulare der Tscheka im Dezember 1917: "Angesichts der Sabotage der Beamten ... ist von den örtlichen Stellen ein Maximum an Eigeninitiative zu entfalten, wobei keineswegs auf Konfiskation, Zwangsmaßnahmen und Verhaftungen verzichtet werden soll."

Und obwohl Lenin Ende 1917 zwecks Errichtung einer "streng revolutionären Ordnung" die "unbarmherzige Niederwerfung aller anarchischen Versuche von seiten verschiedener Trunkenbolde, Rowdys, Konterrevolutionäre und anderer Personen" forderte, das heißt, die Hauptgefahr für die Oktoberrevolution bei den Trunkenbolden vermutete, während sich die Konterrevolutionäre irgendwo unter "ferner liefen" drängten -- war es doch auch er, der die Aufgabe in einen breiten Rahmen stellte.

In seinem am 7. und 10. Januar 1918 geschriebenen Artikel "Wie soll man den Wettbewerb organisieren?" verkündete Lenin als gemeinsames, einheitliches Ziel die "Säuberung der russischen Erde von allem Ungeziefer". Unter Ungeziefer aber verstand er nicht nur alles, was klassenfeindlich und klassenfremd war, sondern auch "Arbeiter, die sich vor der Arbeit drücken", zum Beispiel die Setzer der Petrograder Parteidruckereien. Und weiter: "... in welchem Viertel einer großen Stadt, in welcher Fabrik, in welchem Dorf gibt es ... keine ... Saboteure, die sich Intellektuelle nennen?"

Zugegeben, die Formen der Säuberungsaktion gegen Ungeziefer sollten nach Lenins Vorstellungen recht vielfältig sein: an einem Ort ins Gefängnis stecken, am anderen die Klosetts reinigen lassen, dann wieder "ihnen nach Abbüßung ihrer Freiheitsstrafe gelbe Pässe aushändigen", dort schließlich den Parasiten erschießen; es bietet sich zur Auswahl das Gefängnis oder die Bestrafung mit "schwerster Zwangsarbeit" an.

Wer alles dieser sehr weitherzigen Bezeichnung Ungeziefer zugeordnet wurde, ist heute im vollen Umfang nicht mehr einzusehen: Zu vielschichtig war die Bevölkerung des Russischen Reiches, und es fanden sich darunter auch abgesonderte, völlig überflüssige und bis zum heutigen Tage auch schon vergessene geringfügige Gruppen. Ungeziefer waren natürlich die Leute von der Semstwo [der lokalen Selbstverwaltung]. Ungeziefer waren die Genossenschaftler. Alle Hausbesitzer. Nicht unbeträchtlich war die Zahl der Ungeziefer unter den Gymnasialprofessoren.

Durchweg Ungeziefer umlagerte die Kirchenräte der Pfarrgemeinden, Ungeziefer sang in den Kirchenchören. Alle Geistlichen waren Ungeziefer, und um so mehr die Mönche und Nonnen. Aber auch jene Tolstoianer, die sich bei Dienstantritt in sowjetischen Behörden oder bei der Eisenbahn weigerten, den unumgänglichen schriftlichen Eid zu leisten, der sie verpflichtete, die Sowjetmacht mit Waffen in der Hand zu verteidigen -- erwiesen sich als Ungeziefer.

Da wir schon bei Eisenbahnen sind: Eine Unmenge von Ungeziefer verbarg sich unter Eisenbahneruniformen; auch solches mußte ausgejätet, bisweilen auch vertilgt werden. Die Telegraphisten waren aus unerfindlichen Gründen allesamt notorisches Ungeziefer, ohne Sympathie für die neuen Sowjets. Nichts Gutes ist über Gewerkschaften zu sagen, die oft von arbeiterfeindlichem Ungeziefer nur so wimmelten.

Schon jene Gruppen allein, die wir aufgezählt haben, ergeben eine riesige Zahl -- Säuberungsarbeit genug für einige Jahre. Und erst die vielen verdammten Intellektuellen, die rastlosen Studenten, alle Sorten von Sonderlingen, Wahrheitssuchern und Narren, von denen Rußland zu säubern schon Zar Peter I. vergeblich sich mühte -- ein Hindernis immer für jedes wohlgeordnete strenge Regime!

Unmöglich wäre es gewesen, diese sanitäre Säuberungsaktion zumal im Kriege, vermittels der veralteten Prozeßformen und juristischen Normen zu vollbringen. Es wurde demnach die allerneueste Form gewählt: die außergerichtliche Abrechnung, und in selbstloser Aufopferung wurde diese undankbare Arbeit von der Tscheka übernommen, der Schildwache der Revolution, einem in der Menschheitsgeschichte einmaligen Straforgan, das in einer einzigen Instanz die Kompetenzen der Bespitzelung, der Verhaftung, der Voruntersuchung, der Anwaltschaft, des Gerichts und der Urteilsvollstreckung vereinte.

1918 ging man daran, zwecks Beschleunigung auch des kulturellen Sieges der Revolution die Heiligenreliquien zu durchstöbern und herauszukippen, dazu die kirchlichen Utensilien zu requirieren. Unruhen kamen auf; das Volk wehrte sich gegen die Plünderung von Kirchen und Klöstern. Da und dort läuteten die Glocken Alarm, und die Christenmenschen kamen herbeigelaufen, manche auch mit Holzprügeln. Verständlicherweise mußten etliche an Ort und Stelle niedergemacht, andere verhaftet werden.

Allemal uns beschränkend, das heißt, nur die gewöhnlichen Verhaftungen im Auge behaltend, müssen wir doch vermerken, daß bereits im Frühjahr 1918 der langjährige ununterbrochene Strom der verräterischen Sozialisten seinen Anfang nahm. Alle diese Parteien -- die Sozialrevolutionäre, die Menschewiki, Anarchisten und Volksrevolutionäre, die hatten samt und sonders ihre revolutionäre Gesinnung bloß vorgetäuscht, jahrzehntelang als Tarnmaske gebraucht -- in die Katorga [die Zwangsarbeit in Sibirien] gingen sie auch nur deswegen, alles aus Verstellung. Und erst im Schwung der Revolution offenbarte sich sogleich das bürgerliche Urwesen dieser Sozialverräter. Was war also natürlicher, als ihre Festnahme in Angriff zu nehmen!

Bald schritt man nach und nach, ganz still und leise zunächst daran, der Sozialrevolutionäre samt den Menschewiki habhaft zu werden. Ab 14. Juni 1918, dem Tag, da sie aus allen Sowjets ausgeschlossen wurden, gingen diese Verhaftungen flüssiger und geordneter vonstatten. Am 9. Juli folgten die linken Sozialrevolutionäre nach, denen es gelungen war, sich hinterlistiger und länger als Verbündete der einzigen konsequenten Partei des Proletariats zu tarnen.

So fügte es sich seither: Nach jeder Arbeiterunruhe, nach jedem Unmutsausbruch, nach jedem Streik, ganz egal, wo's passierte -- und es waren ihrer bereits im Sommer 1918 viele, und im März 1921 erschütterten sie Petrograd, Moskau, dann Kronstadt und erzwangen die [neue ökonomische Politik] NEP -, folgten den Beschwichtigungen und Zugeständnissen, der Erfüllung von berechtigten Arbeiterforderungen die nächtlichen lautlosen Streifzüge der Tscheka gegen die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre als die wahren Urheber dieser Unruhen.

Im Sommer 1918, im April und Oktober 1919 fanden massive Verhaftungen der Anarchisten statt. 1919 wurde der gesamte greifbare Teil des sozialrevolutionären Zentralkomitees festgesetzt -- und sie blieben in der Butyrka bis zu ihrem Prozeß von 1922. Im selben Jahr 1919 schrieb der prominente Tschekist Lazis über die Menschewiki: "Diese Leute sind für uns mehr als störend. Darum wischen wir sie von unserem Weg fort, damit wir nicht darüber stolpern. Wir setzten sie an einem stillen Örtchen fest, in der Butyrka; dort mögen sie eine Weile bleiben, bis der Kampf zwischen Arbeit und Kapital beendet ist."

Ebenfalls 1919 wurden die Delegierten des parteilosen Arbeiterkongresses verhaftet, weshalb derselbe auch nicht stattfinden konnte. In vollem Umfang erkannt wurde auch schon 1919 die Verdächtigkeit der aus dem Ausland heimkehrenden Russen -- aus diesem Grunde verhaftete man die aus Frankreich heimkehrenden Offiziere des russischen Expeditionskorps.

Ebenfalls im neunzehner Jahr wurden im weiten Umkreis um die echten und die Pseudoverschwörungen in Moskau, Petrograd und anderen Städten Erschießungen nach Listen durchgeführt; das heißt, es wurden freie Menschen gleich zur Erschießung ausgehoben. Und einfach Intellektuelle, die sogenannten Prokadetten, in die Gefängnisse gefegt.

W as bedeutet das aber: "Prokadetten"? Nicht monarchistisch und nicht sozialistisch, somit also: alle akademischen Kreise, alles rund um die Universitäten, Künstler, Schriftsteller und was es an Ingenieuren gab. Außer den extremen Schriftstellern, den Theologen und Theoretikern des Sozialismus war die übrige Intelligenz zu 80 Prozent "prokadettisch".

Von einigen verhafteten Gruppen erfahren wir aus Protestschreiben Maxim Gorkis. Am 15. September 1919 antwortete ihm Lenin: "Für uns liegt klar auf der Hand, daß auch hierbei Fehler gemacht wurden", aber "welches Unglück, meiner Seel"! Welche Ungerechtigkeit!"; schließlich gibt er Gorki den Rat, sich nicht "durch das Gewinsel verrotteter Intellektueller aufreiben" zu lassen.

Ganz bewußt übergehen wir hier jenen großen Teil der Zermahlungsaktionen der Tscheka, Sonderabteilungen und Revolutionstribunale, welcher mit dem Vorrücken der Frontlinie, mit der Einnahme von Städten und Landstrichen zusammenhing. Die Tscheka-Direktive vom 30. August 1918 lenkte die Bemühungen auf die "unbedingte Erschießung aller in weißgardistische Arbeit verwickelten Personen". Dennoch weiß man manchmal nicht recht, wo die genaue Trennlinie ziehen. Daß beginnend mit Sommer 1920, als der Bürgerkrieg noch nicht ganz und nicht überall, am Don jedoch bereits beendet war, von dorther in großen Mengen Offiziere nach Archangelsk gebracht werden und danach mit Schleppkähnen auf die Solowezki-Inseln im Weißen Meer (es heißt auch, einige Kähne seien im Weißen, wie übrigens auch im Kaspischen Meer versenkt worden) -- gehört das noch zum Bürgerkrieg oder schon zum Beginn des friedlichen Aufbaus?

Besondere Schwierigkeiten ergaben sich bis 1922 bei der Organisierung aller Ströme aus der Nichtexistenz eines Strafkodex, eines wie immer gearteten Systems von Strafgesetzen. Einzig vom revolutionären, allerdings immer unfehlbaren Rechtsbewußtsein ließen sich die Ausheber und Kanalisatoren in ihren Entscheidungen leiten: wo zupacken und was mit den Leuten tun?

D as Jahr 1921 wurde vom Befehl der Tscheka,

Nr. 10, vom 8. Januar eingeleitet: "In bezug auf die Bourgeoisie sind die Repressionen zu verschärfen!" Nun, da der Bürgerkrieg zu Ende war, hieß es nicht, die Repressionen abzuschwächen, sondern: sie zu verschärfen! Wie sich dies in der Krim abspielte, ist uns durch einige Gedichte von Woloschin überliefert worden.

Im Sommer 1921 wurde das Hilfskomitee für die Hungernden verhaftet, das versuchte, die auf Rußland einstürmende ungeheure Hungersnot einzudämmen. Es waren, so stellte sich heraus, diese nahrungsspendenden Hände nicht von jener Art Hände, welchen man erlauben durfte, den Hungernden Essen zu bringen. Der gnadenweise verschont gebliebene Komiteevorsitzende, der sterbende Korolenko, nannte die Vernichtung des Komitees die "ärgste Sorte von Politikasterei -- Politikasterei, die von der Regierung ausgeht".

Im selben Jahr wurde die Verhaftung der "Anderparteimitglieder" erweitert und ins rechte Lot gebracht. Im Grunde waren ja alle politischen Parteien Rußlands, die regierende ausgenommen, bereits erledigt. Um aber den Verfall der Parteien unabänderlich zu machen, mußten auch noch die Mitglieder dieser Parteien, die Körper dieser Mitglieder dem Verfall preisgegeben werden.

Keinem einzigen Bürger des Russischen Reiches gelang es, so er irgendwann einer anderen nicht der bolschewistischen Partei beigetreten war, seinem Schicksal zu entgehen; er war geliefert, wenn er sich nicht rechtzeitig, wie Maiski oder Wyschinski, an den Rettungsseilen des Untergangs zu den Kommunisten hinüberzuhangeln verstand. Vielleicht entging er dem ersten Schub, vielleicht lebte er -- je nach dem Grad seiner Gefährlichkeit -- bis zum Jahre 1922, bis 1932, bis 1937 sogar, doch die Listen blieben aufbewahrt, die Reihe rückte vor, die Reihe kam an ihn, er wurde verhaftet oder auch nur liebenswürdig zu einem Gespräch eingeladen, das aus einer einzigen Frage bestand: "Waren Sie Mitglied ... von ... bis ...?" Es gab auch Fragen betreffs seiner feindseligen Tätigkeit, doch schon mit der ersten war, wie uns heute, nach Jahrzehnten klar ist, alles entschieden.

Das weitere konnte differieren. Manche verschloß ihr Schicksal in eines der berühmten zaristischen Zentralgefängnisse; glücklicherweise waren sie alle bestens erhalten geblieben, so daß manch ein Sozialist in dieselbe vertraute Zelle kam und zum selben vertrauten Aufseher. Anderen bot man die Verbannung an -- ach, nur für kurze Zeit, für zwei, drei Jahre nur. Und noch sanfter: nur ein "Minus" eingetragen zu bekommen (minus soundso viele Städte), selber sich den Wohnort wählen zu dürfen, doch danach, bitte schön, hast du an diesem Ort regungslos zu verweilen und dortselbst der Willensbekundung der GPU zu harren.

Diese Operation erstreckte sich über viele Jahre, denn ihre wichtigste Voraussetzung waren Stille und Unauffälligkeit. Wichtig war es, unbeirrt die Säuberung von Moskau, Petrograd, den Hafenstädten und Industriezentren, später einfach aller Provinzen von jeder Sorte Sozialisten voranzutreiben. Es war eine grandiose lautlose Patience, deren Regeln von den Zeitgenossen überhaupt nicht begriffen wurden und deren Ausmaße wir erst jetzt richtig einzuschätzen verstehen. Irgendwessen weitblickender Verstand hat dies geplant, irgendwessen verläßliche Hände fingen das Karteiblatt auf, das drei Jahre lang in einem Häufchen lag, und ließen es sachte auf ein anderes Häufchen nieder.

Wer seine Zeit im Zentral abgesessen hatte, kam in die Verbannung (recht weit weg), wer das Minus hinter sich gebracht hatte -- ebenfalls in die Verbannung (jedoch aus der Sichtweite des Minus), aus einer Verbannung in die andere, dann wieder in das Zentral (ein neues diesmal); die Patiencenleger zeigten unendliche Geduld. Ohne Lärm, ohne viel Aufhebens verloren sich allmählich die Mitglieder anderer Parteien, es rissen die Fäden, die sie mit den Orten und den Menschen verbanden, an denen man sie kannte.

Die zeitliche Abwicklung der Vernichtung war allerdings gerecht: In den zwanziger Jahren wurden sie aufgefordert, in schriftlicher Form ihrer Partei und ihrer Parteiideologie abzuschwören. Manche weigerten sich -- und gerieten verständlicherweise in die erste zu vernichtende Partie; andere widerrief en -- und gewannen dadurch einige Jahre Leben. Doch es nahte unerbittlich auch ihre Stunde, und unerbittlich kam auch ihr Kopf unters Rad.

Im Herbst 1922 entschied die eben in GPU umbenannte Sonderkommission für die Bekämpfung der Konterrevolution, daß es an der Zeit sei, sich um Kirchenbelange zu kümmern. Da stand nun auch die "kirchliche Revolution" auf der Tagesordnung: Die Leitung mußte abgesetzt und eine neue bestellt werden, welche ein Ohr nur dem Himmel böte, das zweite indessen zur Lubjanka hinhielte. Solches versprachen die Anhänger der Lebendigen Kirche [einer sowjetfreundlichen Erneuerungsbewegung], die aber ohne Hilfe von außen den Kirchenapparat nicht überwältigen konnten.

Darum wurden der Patriarch Tichon verhaftet und zwei aufsehenerregende Prozesse mit Todesstrafen inszeniert: einer in Moskau, wegen Verbreitung des Partriarchenaufrufs, einer in Petrograd, gegen den Metropoliten Wenjamin, der sich der Machtübernahme durch die "Lebendigen Kirchler" in den Weg stellte. In den Gouvernements und Landkreisen wurden hier und dort Metropoliten und Erzbischöfe verhaftet; den großen Fängen folgten, wie immer, Schwärme von kleineren Fischen, Oberpriester, Mönche und Diakone, die in den Zeitungen unerwähnt blieben. Verhaftet wurde, wer unter dem Druck der Lebendigen-Kirche-Erneuerer den Treueschwur verweigerte.

Die Geistlichen stellten den Pflichtteil eines jeden Jahresfanges; die silbergrauen Popenhäupter waren in jeder Gefängniszelle, später in allen nach den Solowki abgehenden Häftlingspartien zu finden.

Es konnte jedoch die totale Ausmerzung der Religion in diesem Lande, eines der Hauptziele der GPU-NKWD während der zwanziger und dreißiger Jahre, erst durch Massenverhaftungen unter den orthodoxen Gläubigen selber erreicht werden. Intensiv wurde die Aushebung, Verhaftung und Verbannung von Mönchen und Nonnen vorangetrieben, jenen schwarzen Flecken auf dem früheren russischen Leben. Verhaftet und vor Gericht gestellt wurden die Aktivisten unter den Laien Die Kreise weiteten sich mehr und mehr: Bald wurden einfach gläubige Gemeindemitglieder eingefangen, alte Menschen, besonders viele Frauen. die in ihrem Glauben hartnäckiger waren und nun, in den Durchgangsgefängnissen und Lagern, für lange Zeit ebenfalls den Beinamen Nonnen erhielten.

Es hieß allerdings, daß sie nicht um ihres Glaubens willen verhaftet und abgeurteilt wurden, sondern wegen der öffentlichen Bekundung ihrer Überzeugungen und wegen der entsprechenden Erziehung der Kinder. So erklärte es Tanja Chodkewitsch:

"Du kannst in voller Freiheit beten, Doch ... daß nur Gott allein dich hört."

Wegen dieses Gedichts bekam sie zehn Jahre. Ein Mensch, der glaubt, das geistig Wahre zu erkennen, muß es vor seinen Kindern verbergen!

Die religiöse Erziehung der Kinder wurde in den zwanziger Jahren nach § 58/10, das heißt, als konterrevolutionäre Agitation klassifiziert! Zugegeben, man bot den Gläubigen vor Gericht eine Chance: Sie sollten bloß der Religion abschwören. Es gab Fälle, wo der Vater abschwor und daheimblieb mit den Kindern, die Mutter aber den Weg nach den Solowki wählte. In all diesen Jahrzehnten waren die Frauen in ihrem Glauben standhafter gewesen. Für die Religion bekam man den Zehner, die damalige Höchststrafe.

Im Zuge der Müllbeseitigung in den Städten für die anbrechende reine Gesellschaft wurden in denselben Jahren, besonders 1927, die nach den Solowki abgehenden "Nonnen"-Transporte mit Prostituierten komplettiert. Parteigängerinnen des sündigen irdischen Lebens, fielen sie unter einen leichteren Paragraphen und erhielten drei Jahre. Die Verhältnisse, die sie während des Transports, in den Zwischenlagern und auf den Solowki selbst antrafen, waren der Ausübung ihres fröhlichen Gewerbes nicht hinderlich, sie verdingten sich bei den Chefs wie bei der Wachmannschaft und kehrten nach drei Jahren mit schweren Koffern zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Den Religiösen hingegen war eine Rückkehr zu Kind und Heim für immer verbaut.

Schon in den frühen zwanziger Jahren kamen rein nationale Ströme in Fluß, zunächst noch kleinere, die selbst in ihrem entlegenen Ursprungsgebiet, geschweige denn nach russischem Maß als kaum bedeutend anzusprechen waren: die Mussafatisten aus Aserbeidschan, die Daschnaken aus Armenien, die georgischen Menschewiki und die turkmenischen Basmadschis, die sich der Errichtung der Sowjetmacht in Mittelasien widersetzten. 1926 wurde die gesamte Mitgliedschaft des zionistischen Hechaluz-Verbandes festgesetzt, der nicht imstande gewesen war, mit dem alles mitreißenden Aufbruch des Internationalismus Schritt zu halten.

Wegen der Lektüre des "Sozialistischen Boten" [einer in Paris erscheinenden Zeitschrift der menschewistischen Emigration] und des Studiums der Schriften Plechanows wurden rund hundert Leningrader Studenten 1925 zu drei Jahren Politisolator verurteilt. 1925 knöpfte man sich auch schon die ersten, allerjüngsten Trotzkisten vor. Zwei naive Rotarmisten begannen, der russischen Tradition eingedenk, Geld für die verhafteten Trotzkisten zu sammeln -- und gerieten selbst ins Gefängnis.

In den zwanziger Jahren erging eine Amnestie für die Kosaken, die am Bürgerkrieg teilgenommen hatten. Viele kehrten von der Lemnos-Insel an den Kuban zurück, bekamen Land zugeteilt. Und wurden später allesamt eingesperrt.

Der Ausforschung unterlagen desgleichen die sich verbergenden ehemaligen Staatsangestellten. Aus simpler Ordnungsliebe hatte ein gewisser Mowa die Liste aller ehemaligen Gouvernementjuristen bei sich aufgehoben. 1925 fand man sie ganz zufällig -- alle wurden verhaftet und alle erschossen.

So ergossen sich die Ströme "wegen Verheimlichung der sozialen Herkunft", wegen "des früheren sozialen Standes". Es wurde dies nicht engherzig verstanden. Leute adligen Standes fielen in die Kategorie. Ihre Familien. Schließlich, aus Unkenntnis, auch die Adeligen auf Lebenszeit, das heißt, einfach alle Universitätsabsolventen. Doch einmal verhaftet -- nimmermehr frei, was getan ist, ist getan. Die Schildwache der Revolution irrt nicht.

Nein, es gibt einen Weg zurück! -- Seichte, spärliche Gegenströme sind es, doch bisweilen sickern auch sie. Der erste davon sei hier erwähnt. Zu den Gattinnen und Töchtern aus Adels- und Offizierskreisen zählten nicht selten Frauen mit hervorragenden persönlichen Eigenschaften, die zudem über ein einnehmendes Äußeres verfügten. Einigen gelang es, sich in einem rückflutenden Strom, einem in entgegengesetzter Richtung fließenden, durchzuschlagen. Es waren dies jene Frauen, die niemals vergaßen, daß einem das Leben nur einmal gegeben ist und es nichts Wertvolleres gibt als unser Leben. Sie boten sich der Tscheka-GPU als Agentinnen an, als Mitarbeiterinnen, als was immer -- und wer bei den Organen Gefallen fand, der wurde angeworben. Sie brachten die reichsten Erträge ein. Ihre Hilfe für die GPU war groß, die "Ehemaligen" vertrauten ihnen sehr.

Hier wird die letzte Fürstin Wjasemskaja genannt, die prominenteste postrevolutionäre Horcherin (ein Spitzel war auch ihr Sohn auf den Solowki); auch Konkordija Nikolajewna Josse, eine Frau von offensichtlich brillanten Qualitäten. Ihr Mann wurde als Offizier vor ihren Augen erschossen, sie selber auf die Solowki verschickt, wo sie sich jedoch die Rückkehr zu erbetteln verstand, um dann in der Nähe der Großen Lubjanka einen Salon zu führen, der zum beliebtesten Treffpunkt für hohe Funktionäre jenes Hauses wurde. Wiederverhaftet wurde sie erst 1937, zusammen mit ihren jagodatreuen Klienten.

Es klingt komisch, aber dank einer törichten Tradition war das Politische Rote Kreuz vom alten Rußland übernommen worden. Es bestanden drei Sektionen: die Moskauer, die Charkower und die in Petrograd. Das Moskauer Rote Kreuz benahm sich geziemend -- und blieb bis 1937 ungeschoren. Das Petrograder aber führte sich unmöglich und anmaßend auf, mischte sich ungebeten in politische Belange, warb um Unterstützung bei den alten Schlüsselburgern und half nicht nur Sozialisten, sondern auch den KRs -- den Konterrevolutionären. 1926 wurde die Sektion geschlossen, die Funktionäre gingen in die Verbannung.

Die Jahre vergehen; was nicht aufgefrischt wird, schwindet aus unserem Gedächtnis. In der zurückliegenden Ferne erscheint uns das Jahr 1927 als sorglos sattes Jahr in der noch nicht gestoppten NEP. Es war hingegen voll Spannung, seine Atmosphäre wurde von Zeitungsdetonationen erschüttert und bei uns so verstanden, bei uns so interpretiert, als stünde es am Beginn der Weltrevolution. Der Ermordung P. L. Wojkows, des sowjetischen diplomatischen Vertreters in Warschau, welche die Spalten der Juni-Zeitungen überschwemmte, widmete [der Dichter Wladimir] Majakowski vier donnernde Verse.

Doch welch ein Mißgeschick: Polen bietet seine Entschuldigung an, Wojkows Mörder, ein Einzelgänger, wird verhaftet, wie also und an wem den Appell des Dichters vollziehen:

Paßt auf! und werdet, des Feindes gewärtig, durch Eintracht, Werkfleiß und Kunst des Gefechts mit jeder entfesselten Meute fertig!

Wem den Prozeß machen, wen ans Messer liefern? Eben da beginnt das Wojkowsche Aufgebot. Wie immer bei jeder Art von Unruhen und Spannungen werden die Ehemaligen festgenommen, dann die Anarchisten, Sozialrevolutionäre, Menschewiki, mit Einfach-so-Intellektuellen vermischt. In der Tat, wen sollen sie sonst in den Städten verhaften? Doch nicht die Arbeiterklasse! War es nicht vielleicht an der Zeit, jene Intelligenz ein wenig aufzurütteln, die sich so sehr fortschrittlich gab? Die Studentenschaft durchzublättern? Wieder ist Majakowski zur Hand:

Denk, Jungkommunist, an deinen Verband! Mustere sorglich die eigenen Reihen. Sind's echte Komsomolzen, die sich so benannt? Oder tun sie nur so, als ob sie es seien?

Eine bequemere Weltanschauung gebiert einen bequemen juristischen Terminus: soziale Prophylaxe. Eingeführt und angenommen, ist er allen sogleich verständlich. Einer der Chefs der Bauarbeiten am Weißmeer-Ostsee-Kanal, Lasar Kogan, wird es bald auch so aussprechen: "Ich glaube Ihnen, daß Sie persönlich vollkommen unschuldig sind. Als gebildeter Mensch müssen Sie jedoch verstehen, daß eine durchgreifende soziale Prophylaxe notwendig war!" Fürwahr, wann hätte man sie denn einsperren sollen, die unverläßlichen Mitläufer, diesen ganzen hin und her wogenden intellektuellen Sumpf, wenn nicht am Vorabend der ausbrechenden Weltrevolution? Sobald die große Schlacht beginnt -- ist es dafür zu spät.

So hebt in Moskau das planmäßige Ausschrubben an: Viertel um Viertel. Irgend jemand muß überall dran glauben. Die Losung lautet: "Auf den Tisch gehauen, daß die Welt vor Schrecken erzittert!" Am hellichten Tage sogar rattern und poltern vergitterte "Schwarze Raben", Personenwagen, gedeckte Lastkraftwagen, offene Pferdekutschen in Zielrichtung [der Untersuchungsgefängnisse] Lubjanka und Butyrka.

Stauungen vor dem Tor, Wirrwarr im Hof. Sie kommen mit der Entladung und Registrierung der Verhafteten nicht mehr nach. Dasselbe auch in anderen Städten. In Rostow am Don, in den Kellern des Dreiunddreißigerhauses herrscht in diesen Tagen ein solches Gedränge, daß die eben eingelieferte Bojko kaum Platz zum Niedersetzen auf dem Boden findet.

Ein typisches Beispiel aus diesem Strom: Ein paar Dutzend junger Leute kommen zu irgendwelchen mit der GPU nicht abgestimmten Musikabenden zusammen. Hören Musik, trinken danach Tee. Das Teegeld, von jedem soundsoviel Kopeken, wird eigenmächtig an Ort und Stelle eingesammelt. Wer will also bezweifeln, daß die Musik nur als Tarnung für konterrevolutionäre Stimmungen dient, das Geld aber mitnichten für Tee, vielmehr als Spende für die untergehende Weltbourgeoisie? Sie werden alle verhaftet, zu drei bis zehn Jahren verurteilt und die nicht geständigen Rädelsführer (Iwan Nikolajewitsch Warenzow und andere) erschossen.

Oder es versammeln sich irgendwo in Paris die emigrierten Absolventen des Lyzeums von Zarskoje Selo, um ihr traditionelles Puschkin-Lyzeums-Fest zu begehen. Die Zeitungen berichten darüber. Ist nicht jedermann klar, daß hier der tödlich getroffene Imperialismus am Werk ist? Folglich werden alle noch in der UdSSR verbliebenen adligen Zöglinge verhaftet, und, da man schon dabei ist, auch alle "Rechtskundler" -- so genannt die Schüler einer ähnlichen privilegierten Anstalt.

Einzig die Aufnahmekapazität des Solowezker Sonderlagers begrenzt noch den Umfang des Wojkowschen Aufgebots. Doch es hat das krebsige, bösartige Leben des Insellandes GULAG bereits begonnen, bald wird es seine Metastasen über den Körper des Landes verstreuen.

Einmal auf den neuen Geschmack gekommen, entwickeln wir neuen Appetit. Höchste Zeit wird"s längst, die technische Intelligenz in den Griff zu bekommen, die sich allzu unersetzlich dünkt und es nicht gewohnt ist, prompt zu parieren.

Besser gesagt: So ganz haben wir den Ingenieursleuten nie getraut, von den ersten Revolutionsjahren an haben wir diese Lakaien und Helfershelfer der früheren kapitalistischen Herren unter die Fittiche des gesunden Arbeitermißtrauens genommen und unter Kontrolle gestellt. Während der Wiederaufbauperiode durften sie immerhin in unserer Industrie arbeiten; die geballte Kraft des Klassenangriffs galt den übrigen Intelligenzlern.

In dem Maße jedoch, in dem unsere Wirtschaftsleitung, der Volkswirtschaftsrat und [die staatliche Planungskommission] Gosplan heranreiften, Pläne in immer größerer Zahl entwickelten, Pläne, die wuchtig aufeinanderprallten, so daß manch einer auf der Strecke blieb -- in dem Maße also offenbarten die alten Ingenieurkader ihre Schädlingsnatur: unaufrichtig, durchtrieben und käuflich, wie sie alle waren. Die Schildwache der Revolution schärfte ihren Blick, und wohin immer sie ihn lenkte, entdeckte sie auf der Stelle einen neuen Sabotageherd.

Diese Assanierungsarbeit lief ab 1927 auf Hochtouren und führte dem Proletariat die Ursachen unserer wirtschaftlichen Mißerfolge und Mängel sogleich mit aller Deutlichkeit vor Augen. Im Volkskommissariat für Verkehrswesen -- Sabotage;, darum auch die gerammelt vollen Züge, darum die Engpässe in der Versorgung. Im Staatlichen Verbundnetz des Moskauer Gebietes -- Sabotage; darum die Stromstörungen. In der Erdölindustrie -- Sabotage; kein Kerosin in den Geschäften. In den Textilfabriken -- Sabotage (und die Arbeitenden haben nichts anzuziehen). Bei der Kohle -- eine einzige kolossale Sabotage. In der Metall- und Rüstungsindustrie, beim Maschinen- und Schiffbau, in der Chemie und im Bergbau, bei der Gold- und Platingewinnung, im Bewässerungssystem, kurzum überall brechen die eitrigen Geschwüre der Sabotage auf! An allen Ecken und Enden finden sich die rechenschieberbewehrten Feinde!

Die CPU geriet außer Atem vor lauter Jagd auf Saboteure. Ratskollegien der GPU und proletarische Gerichte tagten in den Metropolen wie in der Provinz, mußten diese zähe Kloake aufrühren, über deren ekelhafte Missetaten die Werktätigen tagtäglich von den Zeitungen unterrichtet wurden. Jede Industriesparte, jede Fabrik und jede Handwerkergenossenschaft mußte einschlägige Saboteure suchen, und kaum daß sie damit begann -- fand sie auch schon welche mit Hilfe der GPU. Sollte ein Ingenieur vorrevolutionärer Provenienz nicht gleich des Verrats überführt worden sein verratsverdächtig war er allemal.

Und wie gewitzt doch diese alten Ingenieure alle waren, wie teuflisch vielfältig sie sich doch aufs Sabotieren verstanden! Nikolai Karlowitsch von Meck im Volkskommissariat für Verkehrswesen spielte den immer Ergebenen, den am Aufbau der neuen Wirtschaft Interessierten; gern erging er sich über ökonomische Probleme des sozialistischen Aufbaus und liebte es, mit guten Ratschlägen um sich zu werfen.

Der allerschädlichste seiner Ratschläge aber war: die Güterzüge zu verlängern, sich nicht vor der Höchstbeladung zu fürchten. Dank der GPU wurde von Meck entlarvt und erschossen: Sein Ziel war die Abnützung von Geleisen, Wagen und Lokomotiven, auf daß die Republik im Falle einer Intervention ohne Eisenbahnen dastehe!

Als aber, kurze Zeit danach, der neue Verkehrskommissar Lasar Kaganowitsch die Weisung gab, eben solche Schwerstzüge zusammenzustellen, doppelt, dreifach so schwer beladene, und für diese Entdeckung neben anderen den Leninorden verliehen bekam, da traten nun die bösartigen Ingenieure als Grenzwertler hervor: Dies gehe zu weit, schrien sie, das rollende Material halte es nicht aus! Ihres Unglaubens an die Möglichkeiten der sozialistischen Eisenbahnen wegen wurden sie begründeterweise mit Erschießen bestraft.

Die Jagd auf die Grenzwertler dauerte einige Jahre; in allen Wirtschaftszweigen lauern sie und fuchteln mit ihren Berechnungsformeln und wollen nicht begreifen, wie sehr den Brücken und Werkbänken der Enthusiasmus des Bedienungspersonals zugute kommt. Es sind Jahre der Umkrempelung der ganzen Volksmentalität: Verlacht wird die umsichtige Volksweisheit, die da besagt, daß aus Schnellem nichts Gutes wird, und das alte Sprichwort von "Eile mit Weile" wird ins Gegenteil verkehrt.

Was die Verhaftung der alten Ingenieure mitunter noch verzögert, ist das einstweilige Fehlen des Nachwuchses. Nikolai Iwanowitsch Ladyschenski, Chefingenieur der Rüstungswerke in Ischewsk, wird zunächst wegen der "Grenzwerttheorien", wegen des "blinden Glaubens an Sicherheitsgrade", von welchem ausgehend er die von [dem georgischen Parteichef Sergo] Ordschonikidse verordneten Betriebsinvestitionen für ungenügend hielt, eingesperrt. Von Ordschonikidse aber wissen Leute zu berichten, wie er sich mit alten Ingenieuren zu unterhalten pflegte: mit je einer Pistole links und rechts vor sich auf dem Schreibtisch.

Danach aber wird Ladyschenski in Hausarrest übersteht -- und zur Arbeit auf seinen früheren Posten beordert; ohne ihn ging"s nicht weiter. Er bringt den Betrieb wieder in Schwung. Doch die Investitionsmittel werden trotzdem nicht größer -- also wieder ins Gefängnis mit ihm! "Wegen falscher Gelddispositionen", heißt es, denn natürlich reichten die Mittel nicht aus, weil der Chefingenieur schlecht damit disponierte. Nach einem Jahr war Ladyschenski beim Holzfällen zugrunde gegangen.

So ward binnen weniger Jahre dem alten Ingenieurska der das Lebenslicht ausgeblasen -- dem Stolz unseres Landes, den Lieblingsgestalten unserer Schriftsteller Garin-Michailowski und Samjatin.

Es versteht sich von selbst, daß mit diesem Strom, wie mit jedem sonstigen, auch noch andere Personen fortgeschwemmt werden, alle, die den Verdammten nahestanden, mit ihnen in Berührung kamen, so zum Beispiel auch standhafte Spitzeldienstverweigerer. Diesen ganz und gar geheimen, nirgends öffentlich bekundeten Strom stets im Gedächtnis zu bewahren, möchten wir den Leser bitten -- im besonderen gilt dies für das erste nachrevolutionäre Jahrzehnt: Damals hatten die Menschen bisweilen noch so was wie Stolz; sich zu dem Verständnis durchzuringen, daß die Sittlichkeit etwas Relatives, etwas von begrenzten Klassenbegriffen Bestimmtes sei, war nicht jedermanns Sache -- mithin hatten sie auch die Stirn, den angebotenen Dienst auszuschlagen, worauf die gnadenlose Bestrafung folgte.

Eben einen Kreis von Ingenieuren zu bespitzeln, wurde die junge Magdalina Edschubowa aufgefordert. Sie aber, nicht nur, daß sie das Angebot ablehnte, erzählte davon auch noch ihrem Vormund, den zu bespitzeln sie den Auftrag gehabt hätte: Letzterer wurde dennoch verhaftet -- und gestand beim Verhör alles. Die schwangere Edschubowa wurde wegen der "Verletzung eines operativen Geheimnisses" verhaftet und zum Tode verurteilt. Sie kam übrigens mit insgesamt 25 Jahren verschiedener Haftstrafen davon.

In den dreißiger Jahren versiegt der Strom der Widerspenstigen. Wenn man Spitzeldienste von dir verlangt, muß es wohl so sein: Da ist kein Entrinnen. "Mit der Peitsche schlägst du den Stamm nicht entzwei." -- "Nicht ich, dann ein anderer." -- "Ist's nicht besser, ich, ein guter Mensch, werde Zuträger als ein anderer, ein böser?" Damals, übrigens, rissen sich auch schon Freiwillige um den Agentendienst; der Andrang war kaum zu bewältigen: Es war ein lukrativer und zudem ehrenvoller Job.

1928 wird in Moskau mit lautem Gepränge die Schachty-Affäre [ein Fall angeblicher Industriespionage] verhandelt -- laut wegen der Publizität, die ihr zuteil wird, und aufsehenerregend wegen der verblüffenden Geständnisse und Selbstzerfleischungen der Angeklagten. Zwei Jahre später, im September 1930, werden mit viel Tamtam die Organisatoren der Hungersnot vor Gericht gestellt -- 18 Saboteure in der Lebensmittelindustrie.

Ende 1930 wird der noch lautstärkere und bereits fehlerlos inszenierte Prozeß der Industriepartei abgewickelt. Nun nehmen schon alle Angeklagten ausnahmslos jede beliebige widerliche Unsinnigkeit auf sich -- und vor den Augen der Werktätigen ersteht wie ein endlich enthülltes Monument die grandiose, feinst erdachte Verflechtung sämtlicher bislang entlarvter Sabotageakte: ein einziger teuflischer Knoten, an dessen Enden der liberale Exilpolitiker Miljukow, der 01-Industrielle Deterding und Frankreichs Ministerpräsident Poincaré ziehen.

Als etwas fortgeschrittene Kenner unserer Gerichtspraxis wissen wir nun schon, daß die sieht- und vernehmbaren Prozesse lediglich äußere Maulwurfshügel sind, wohingegen sich die hauptsächliche Wühlarbeit unter der Oberfläche vollzieht. Den Prozessen wird nur ein geringer Teil der Verhafteten zugeführt, nur jener, der, auf Milde hoffend, bereit ist, sich selbst und andere auf widernatürlichste Weise zu belasten. Die Mehrzahl der Ingenieure, die genug Mut und Verstand hatten, die richterlichen Ungereimtheiten abzulehnen, wird im stillen abgeurteilt und bekommt, als nicht geständniswillig, von den Ratskollegien der GPU den gleichen Zehner auf gebrummt.

Die Ströme fließen durch unterirdische Rohre und kanalisieren das an der Oberfläche blühende Leben. Genau zu jener Zeit wird ein wichtiger Schritt in Richtung auf die allgemeine Teilnahme an der Kanalisation, bzw. allumfassende Verteilung der Verantwortlichkeit unternommen: Wer noch nicht mit dem eigenen Leibe in die Kanalluke gepumpt wurde, der muß oben mit Fahnen marschieren, die Gerichte lobpreisen und Freude über die Urteile bekunden.

Wie weitblickend und weise! Jahrzehnte vergehen, die Geschichte kommt zur Besinnung -- dann aber zeigt sich, daß die Untersuchungsrichter, Staatsanwälte und Urteilsverkünder nicht schuldiger sind als wir alle, meine Mitbürger! Und unsere ehrwürdigen grauen Schläfen, die verdanken wir allein dem Umstand, daß wir seinerzeit ehrerbietig dafür gestimmt haben.

Einen ersten Versuch solcher Art startete Stalin im Zusammenhang mit den "Organisatoren der Hungersnot" -- wie hätte auch dieser Versuch nicht gelingen sollen, da in Rußland, dem reichen, alles am Hungertuch nagte und nicht kapieren konnte, warum wohl unsere Getreidekammern leer standen. So stimmen denn die Arbeiter und Angestellten, dem Gerichtsurteil vorauseilend, allerorts für das Todesurteil: Keine Gnade für die Lumpen auf der Anklagebank! Bei der Industriepartei sind"s schon Volksversammlungen und Demonstrationen, Schulkinder mit einbezogen, ist"s schon der dröhnende Marsch von Millionen und das Gebrüll vor den Fenstern des Gerichtsgebäudes: "Tod! Tod! Tod!"

An diesem Wendepunkt unserer Geschichte erhoben sich einsame Stimmen des Protests oder der Enthaltung. Sehr, sehr viel Mut brauchte einer in diesem johlenden Chor für sein "Nein!" -- unvergleichlich mehr als heutzutage. Doch auch noch heute ist das Nein selten. Und soweit uns bekannt, waren es allesamt Stimmen eben jener rückgratlosen und schlappen Intellektuellen.

Bei einer Versammlung im Leningrader Polytechnikum übte Professor Dmitrij Apollinarewitsch Roschanski Stimmenthaltung; er sei grundsätzlich ein Gegner der Todesstrafe, es wäre dies in der Sprache der Wissenschaft ein irreversibler Prozeß sozusagen -- und wurde auf der Stelle verhaftet. Der Student Dima Olitzki enthielt sich der Stimme und wurde auf der Stelle verhaftet. Und es verstummten diese Proteste ganz am Anfang.

Soweit uns bekannt, stimmte die graubärtige Arbeiterklasse diesen Hinrichtungen zu. Soweit uns bekannt, war die Avantgarde, von den flammenden Komsomolzen bis zu den Parteispitzen und den legendären Armeeführern, einmütig in ihrem Ja. Bekannte Revolutionäre, Theoretiker und Propheten, hatten sieben Jahre vor dem eigenen ruhmlosen Untergang das Johlen der Menge begrüßt, nicht ahnend, daß auch ihre Stunde nahte, daß bald auch ihre Namen aus jenem Brüllen, mit "Abschaum" und "Mist" vermengt, herauszuhören sein würden.

Für die Ingenieure aber war das Säubern bald zu Ende. Zu Beginn des Jahres 1931 verkündete Väterchen Stalin die "Sechs Bedingungen" des Aufbaus, und es geruhte Seine Allherrschaftliche Hoheit in Punkt 5 zu vermerken: Wir schreiten von der Politik der Vernichtung der alten technischen Intelligenz zur Politik der Heranziehung derselben und zur Obsorge für sie.

Ja, zur Obsorge für sie! Und verraucht war unser gerechter Zorn ... Wohin? Und zurückgewiesen waren unsere schrecklichen Anklagen Wieso? Es fand genau zu dieser Zeit der Prozeß gegen die Schädlinge in der Porzellanindustrie statt, und schon waren die Angeklagten in Fahrt, sich aller Sünden zu zeihen, als sie plötzlich genauso einmütig ausriefen: "Unschuldig!" Und sie wurden samt und sonders freigelassen.

Den längst niedergewalzten Menschewiki versetzte Stalin in jenem Jahr noch einige Tritte -- der öffentliche Prozeß gegen das Menschewistische Inlandsbüro, Groman Suchanow, Jakubowitsch, im März 1931, und danach eine unbekannte Zahl von verstreuten, unscheinbaren, insgeheim Verhafteten -, ehe er plötzlich in zauderndes Grübeln verfiel.

Wenn die Flut am höchsten steht, sagen die Weißmeerfischer: Das Wasser grübelt -- bevor es wieder zu sinken beginnt. Nichts wäre abwegiger, als Stalins trübe Seele mit dem Wasser des Weißen Meeres vergleichen zu wollen. Vielleicht auch zauderte er gar nicht. Und von Ebbe konnte ohnedies nicht die Rede sein. Ein Wunder allerdings geschah noch in jenem Jahr. Nach dem Prozeß der Industriepartei stand für 1931 der grandiose Prozeß gegen die Werktätige Bauernpartei auf dem Programm -- einer angeblich (nie und nirgends!) existierenden riesigen Untergrundorganisation, welche sich aus Kreisen der ländlichen Intelligenz, der Konsum- und Agrargenossenschaften und der Spitze der gebildeten Landwirte rekrutiert habe und auf den Sturz der proletarischen Diktatur hinarbeite.

Beim Prozeß der Industriepartei wurden die "arbeitenden Bauern" bereits entlarvt und als allseits durchschaut erwähnt. Im Untersuchungsapparat der GPU lief die Sache wie am Schnürchen: Tausende von Beschuldigten hatten die Mitgliedschaft bei der Bauernpartei sowie sämtliche verbrecherischen Absichten gestanden. Versprochen aber waren "rund zweihunderttausend". An die "Spitze" der Partei war der Agrarwissenschaftler Alexander Wassiljewitsch Tschajanow gesetzt worden; als künftiger "Ministerpräsident" galt N. D. Kondratjew; es folgten Makarow, L. N. Jurowski, Alexej Dojarenko, Professor an der Timirjasewo-Akademie.

Da hatte es sich Stalin in einer schönen grüblerischen Nacht plötzlich anders überlegt -- warum, das werden wir vielleicht nie mehr erfahren. Wollte er sein Seelenheil retten? -- Dazu war"s zu früh. War er die Eintönigkeit leid? Stieß es ihm schon auf? Rührte sich ein Gefühl für Humor? Doch niemand wird es wagen, Stalin des Humors zu zeihen! Viel eher war"s so: Bald würde das ganze Dorf sowieso an Hunger krepieren, nicht zweihunderttausend bloß, wozu also sich um diese bemühen. So wurde denn die gesamte Bauernpartei abgesagt, alle Geständigen wurden auf gefordert, die Geständnisse zu widerrufen, und man zerrte dafür nur die kleine Gruppe von Kondratjew-Tschajanow vor Gericht. Zur Haftverbüßung im Isolator verurteilt, wurde Kondratjew dort geisteskrank und starb. Auch Jurowski starb. Tschajanow wurde nach fünf Jahren Isolator in die Verbannung nach Alma-Ata geschickt, 1948 abermals eingesperrt. (1941 aber wird der geschundene Wawilow beschuldigt werden, die Bauernpartei habe doch existiert und er, Wawilow, niemand anderer, sei ihr heimlicher Führer gewesen.)

Und es naht, langsam, aber sicher naht sie, die Gefängnisstunde für die Mitglieder der regierenden Partei! Vorläufig (1927-29) sind es die Arbeiteroppositionen oder die Trotzkisten, die sich einen unglückseligen Führer erwählen. Es sind ihrer einstweilen Hunderte, bald werden es Tausende sein. Aller Anfang ist schwer! Wie die Trotzkisten gelassen die Aushebung der "Anderparteiler" zur Kenntnis genommen hatten, so nimmt die übrige Partei jetzt zustimmend die Aushebung der Trotzkisten zur Kenntnis. Immer schön der Reihe nach. Bald wird die nicht existente "rechte" Opposition in den Sog geraten. Solcherart Glied um Glied vom Schwanz her verschmausend, arbeitet sich der Drachen bis zum eigenen Haupt vor.

1928 wird es Zeit, mit den bourgeoisen Überbleibseln von der NEP abzurechnen. Meist werden ihnen immer höher und höher, zuletzt schier unerträglich werdende Steuerverschreibungen präsentiert; irgendwann weigern sie sich zu zahlen und werden sogleich wegen Zahlungsunfähigkeit verhaftet und ihres Vermögens für verlustig erklärt. Den kleinen Handwerkern, den Friseuren, Schneidern und denen, die den Spirituskocher löten, wird lediglich der Gewerbeschein entzogen.

Die Entwicklung des NEP-Stromes bringt wirtschaftliche Vorteile mit sich. Der Staat braucht Kapital, braucht Gold, und das Goldvorkommen von Kolyma ist noch nicht entdeckt. Ende 1929 beginnt der berühmte Goldrausch, mit dem Unterschied bloß, daß dieses Fieber nicht jene schüttelt, die das Gold suchen, sondern jene, aus denen es herausgebeutelt wird. Die Eigenheit des neuen "Goldstromes" besteht darin, daß die GPU diesen ihren Karnickeln eigentlich gar nichts vorwirft und sich mit dem Versand auf den GULAG-Archipel Zeit läßt. Ihr Recht des Stärkeren setzt sie einzig dazu ein, des Goldes habhaft zu werden; darum bleibt -- bei überfüllten Gefängnissen und total überlasteten Untersuchungsrichtern -- der Nachschub für die Transportstellen, Durchgangsgefängnisse und Lager unverhältnismäßig niedrig.

Wer gerät in den "goldenen" Strom? Jeder, der irgendwann vor fünfzehn Jahren ein Geschäft betrieb, vom Handel oder einem Handwerk lebte und nach Auffassung der GPU Gold zurückgelegt haben könnte. Doch gerade diese Leute hatten selten Gold: Ihr Vermögen legten sie in Mobilien und Immobilien an; längst hatte es sich in Luft aufgelöst war während der Revolution verlorengegangen -- was sollte da übriggeblieben sein? Große Hoffnung setzt man natürlich auf die einsitzenden Zahntechniker, Juweliere und Uhrmacher.

Goldbesitz in allerseltsamsten Händen wird denunziert: ein hundertprozentiger "Werkbankproletarier" habe irgendwie sechzig goldene Nikolajewsche Fünfrubelmünzen ergattert; der bekannte sibirische Partisan Murawjow sei mit einem Goldbeutel in Odessa angekommen; alle Petersburger Lastfuhrwerker, lauter Tataren, hätten Gold gehortet. Ob's wahr ist oder unwahr ist, kann nur in den Folterkammern ergründet werden. Auf wen einmal der Schatten eines denunzierten Goldverdachts gefallen ist, der kann sich fürderhin weder durch proletarisches Erbgut noch durch revolutionäre Verdienste schützen.

Alles wird verhaftet, alles in die Zellen der GPU gestopft, die so voll sind, wie man es nicht für möglich gehalten hätte: Männer und Frauen werden in eine Zelle eingesperrt, müssen voreinander auf die Latrine gehen -- wer schert sich um solche Nichtigkeiten! Gold her, ihr Schweinehunde! Die Untersuchungsrichter führen keine Protokolle, weil niemand das Geschreibsel braucht, egal, ob später eine Strafe dazukommt oder nicht, was soll's, Hauptsache ist: Her mit dem Gold, du Schweinehund! Der Staat braucht Gold, doch was willst du damit? Den Untersuchungsrichtern versagt die Stimme, versagen die Kräfte zu drohen und zu fordern, da hilft nur mehr diese Universalmethode: In die Zellen nur Gesalzenes reichen, dazu kein Wasser. Wer das Gold abliefert, darf sich satt trinken! Ein Goldzehner für ein Glas klares Wasser!

Von den Strömen, die vorangingen, von den Strömen, die nachfolgen werden, unterscheidet sich dieser Strom dadurch, daß die von ihm Mitgeschwemmten zu einem guten Teil ihr Schicksal in den eigenen zitternden Händen halten. Solltest du wirklich kein Gold haben, dann ist deine Lage aussichtslos; sie werden dich prügeln, brennen, martern und bis in den Tod dürsten lassen, so sie nicht vorher doch noch zu zweifeln beginnen. Solltest du aber Gold besitzen, dann bestimmst du selbst das Maß der Folter, das Maß der Ausdauer und dein eigenes künftiges Los. Vom Psychologischen her ist das übrigens nicht leichter, vielmehr schwerer, denn du kannst dich verrechnen und dich für ewig vor dir selbst schuldig machen.

Einer der tatarischen Fuhrwerker hatte alle Folterungen über sich ergehen lassen: Kein Gold! Da sperrten sie auch die Frau ein und quälten sie; der Tatare blieb noch immer dabei: Kein Gold! Da packten sie die Tochter -- und der Tatare gab nach: Hunderttausend Rubel, da habt ihr sie! Sie ließen die Familie laufen und verpaßten ihm eine Haftstrafe ...

Die Einführung des Paßsystems an der Schwelle der dreißiger Jahre sorgte für weiteren Häftlingsnachschub. Wie Peter I. sich mühte, die Struktur des Volkes zu vereinfachen, indem er alle Fugen und Rillen zwischen den Ständen leerfegte, so wirkte auch unser sozialistisches Paßsystem: Dieser Besen kehrte die "Zwischenschicht-Insekten"* aus, den pfiffigen, heimatlosen, nirgendwo hingehörenden Bevölkerungsteil. Auch klappte es auf Anhieb nicht überall; die Leute irrten sich oft mit diesen Pässen, und so wurde, was nicht ange-

* Anspielung auf Lenins Definition der Intelligenz als einer "Zwischenschicht", d. h. keiner "selbständigen ökonomischen Klasse".

meldet, was nicht abgemeldet war, ins Inselland geschaufelt, fürs erste zumindest auf ein Jahr.

Also sprudelten und glucksten die Ströme, doch über alle anderen hinweg ergoß sich 1929/30 der Vielmilliorienstrom der liquidierten Kulaken. Übermäßig breit war er; selbst das voll entfaltete Netz der Untersuchungsgefängnisse (das zudem mit dem " Goldstrom" überfüllt war) hätte ihn nicht auffangen können, doch er machte einen Bogen darum und floß direkt in die Durchgangsstellen und Etappengefängnisse, direkt ins Lagerland GULAG. Die Sturzflut, zu der dieser Strom in Tagesschnelle angeschwollen war, konnte auch durch die Repressions- und Gerichtsorgane eines so riesenhaften Staates nicht mehr bewältigt werden. Die ganze russische Geschichte hat nichts auch nur annähernd Vergleichbares anzubieten. Es war eine erzwungene Völkerwanderung, eine ethnische Katastrophe. Doch es waren GPU- und GU-LAG-Kanäle so umsichtig angelegt, daß die Städte gar nichts bemerkt hätten -- wäre nicht der drei Jahre dauernde seltsame Hunger über sie gekommen, ein Hunger ohne Dürre und ohne Krieg.

Dieser Strom unterschied sich von den vorangegangenen auch noch dadurch, daß man sich hier erst gar nicht den Kopf darüber zerbrach, was nach der Verhaftung des Familienoberhauptes mit der übrigen Verwandtschaft zu geschehen habe. Hier wurde umgekehrt von vornherein nur nestweise ausgehoben, nur Familien en bbc, wobei sorgsam darauf geachtet wurde, daß kein Kind, ob vierzehn, zehn oder sechs Jahre alt, verlorenging: Jedes fein säuberlich zusammengeharkte Häuflein hatte an denselben Bestimmungsort zu kommen zur selben gemeinsamen Vernichtung. Es war das erste Experiment dieser Art, zumindest in der neueren Geschichte. Später wird es Hitler mit den Juden wiederholen und dann wiederum Stalin mit den treulosen oder verdächtigen Nationalitäten.

Verschwindend klein war an diesem Strom der Anteil der Kulaken, nach denen er zwecks Tarnung benannt wurde. Als Kulak wird im Russischen ein habgieriger, gewissenloser ländlicher Zwischenhändler bezeichnet, der sich aus fremder Arbeit bereichert, Zinswucher betreibt und sonstige Handelsgeschäfte vermittelt. Davon gab"s schon vor der Revolution in jeder Gegend eine Handvoll, nicht mehr, und die Revolution entzog ihnen gänzlich den Boden. Später erst, nach 1917, begann man den Begriff Kulak ganz allgemein auf jene auszudehnen, die Lohnarbeiter beschäftigen, wenn auch nur wegen zeitweisen Mangels an Arbeitskräften in der Familie. Wir sollten aber nicht übersehen, daß nach der Revolution jede solche Dienstleistung unbedingt gerecht entlohnt werden mußte: Über die Interessen der Landarbeiter wachten die Komitees der Landarmut und die Dorfsowjets, da hätte es sich keiner erlauben können, den Knecht übers Ohr zu hauen! Zu gerechten Bedingungen mit jemandem ein Arbeitsverhältnis einzugehen, ist wohlgemerkt auch heute in unserem Land nicht verboten!

Doch der schlagkräftige Terminus Kulak hatte gezündet; 1930 war er bereits so aufgebauscht, daß man damit schlechtweg alle tüchtigen Bauern belegte -- jeden, der kräftig auf beiden Beinen stand, tüchtig im Wirtschaften, tüchtig im Arbeiten war und auch einfach standfest in seinen Überzeugungen. Mit dem Spitznamen Kulak sollte die Bauernschaft nichts anderes als gebrochen werden. Halten wir inne und denken wir zurück: Zwölf Jahre waren erst seit dem Großen Dekret über Grund und Boden vergangen, jenem Akt, ohne den die Bauernschaft den Bolschewiki nicht gefolgt wäre und die Oktoberrevolution nicht hätte siegen können. Das Land war aufgeteilt worden -- jedem Esser das gleiche. Neun Jahre waren es erst her, da die Muschiks aus der Roten Armee heimkehrten und sich auf ihrem neueroberten Grund und Boden an die Arbeit machten.

Und plötzlich waren sie da: die Kulaken und die Hungerleider. Woher? Manchmal bedingt durch die Ungleichheit der Gerätschaft, manchmal durch eine glückliche oder unglückliche Familienstruktur. Doch waren nicht letztlich Fleiß und Ausdauer wesentlicher? Und eben diese Muschiks auszumerzen, an deren Brot sich Rußland im Jahre 1928 satt essen konnte, machten sich ortsansässige Pechvögel und hergereiste Städter zum Ziel. Alle Vorstellungen von "Menschlichkeit" schienen verloren, alle in Jahrtausenden erworbenen menschlichen Begriffe zunichte -- wie im Blutrausch wurden die besten Ackersleute mitsamt ihren Familien zusammengetrieben und ohne jede Habe, blank wie sie waren, in die nördliche Einöde, in die Tundra und Taiga geworfen.

Eine solche Massenverschiebung konnte nicht reibungslos vor sich gehen. Es mußte das Dorf auch noch jener Bauern entledigt werden, die einfach keine Lust hatten, in den Kolchos zu gehen, und keine Neigung zum kollektiven Leben, von dem sie nicht wußten, wie"s aussieht und ob nicht am Ende lauter Nichtstuer darin das große Wort führen würden, mit neuer Fron und altem Hungerleid. Auch jener Bauern mußte man sich entledigen (nicht wenige arme waren darunter), die wegen ihres Draufgängertums, wegen ihrer körperlichen Stärke, ihrer Entschlossenheit und ihres lauthalsen Eintretens für Wahrheit und Gerechtigkeit bei den Dorfgenossen beliebt, bei der Kolchosleitung hingegen wegen ihres unabhängigen Gehabes gefürchtet waren.

Und dazu gab es in jedem Dorf noch solche, die den lokalen Aktivisten persönlich ein Dorn im Auge waren. Such einer eine passendere Gelegenheit, mit früheren Rivalen einen alten Streit zu begleichen! Ein neues Wort war nötig, diese Opfer zu bezeichnen -- und es wurde gefunden. Keine Spur von "Sozialem", Okonomischem war mehr darin, dafür aber klang es ganz großartig: Podkulatschnik -- Kulakensöldling. Das heißt soviel wie: Ich bestimme, daß du ein Helfershelfer des Klassenfeindes bist. Das genügt! Der zerlumpteste Tagelöhner kann solcherart zum Kulakensöldling abgestempelt werden.

So wurden mit zwei Wörtern -- Kulak und Podkulatschnik -- all jene erfaßt, die das Wesen des Dorfes ausmachten, seine Energie, seinen flinken Verstand und seinen Fleiß, seinen Widerstand und sein Gewissen. Sie wurden fortgebracht; die Kollektivierung war beendet.

Im nächsten Heft

Die Erlebnisse des Gefängnis-Insassen und Lagerhäftlings Solschenizyn


DER SPIEGEL 1/1974
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 1/1974
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Solschenizyn: Der Archipel GULAG