24.12.1973

Weltmacht Öl

2. Fortsetzung
Wann immer das Heulen der Sirenen die Berliner Bevölkerung in die Luftschutzkeller trieb, atmete ein Mann im Rüstungsministerium erleichtert auf. Mit fast perverser Genugtuung notierte er jeden Angriff alliierter Bomber auf Adolf Hitlers Metropole: "Gottlob. wir sind es wieder einmal"
Die allabendliche Telephon-Meldung. feindliche Bombergeschwader befänden sich im Anflug auf die Reichshauptstadt, erfüllte ihn mit skurriler Freude. Seine Ehefrau entdeckte bald, was ihn bewegte: "Du denkst ja immer nur an deine Hydrierwerke"
In der Tat wußte Hans Kehrl, Chef des Rohstoffamtes im Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion und Herr über Großdeutschlands Mineralölindustrie, wie verwundbar die Öl- und Treibstoffversorgung des Dritten Reiches war, seit der braune Diktator der Welt den Krieg erklärt hatte Eine massierte Luftoffensive des Feindes gegen die deutsche Ölindustrie, vor allem gegen die hochempfindlichen 17 Hydrierwerke, die synthetischen Treibstoff herstellten, hätte Hitlers Krieg rasch ein Ende gesetzt.
Solange aber die alliierten Bomber ihre Angriffe auf Berlin und andere deutsche Städte konzentrierten, konnte sich der Öl-Kontrolleur Kehrl sicher fühlen. "Im Gegensatz zu Angriffen auf die Treibstoffwerke", so berichtet er in seinen jüngst erschienenen Memoiren, konnte "etwas tödlich Bedrohendes bei Angriffen auf Berlin nicht eintreten*.
Doch je hektischer sich der Krieg entwickelte, desto unruhiger wurde Kehrl. Er hatte allen Anlaß dazu: Am 1. August 1943 starteten 177 US-Bomber zum ersten Großangriff auf die Raffinerien im rumänischen und ungarischen Erdölgebiet -- Beginn einer Luftoffensive, mit der die Alliierten dann 1944 das Hauptreservoir der deutschen Ölversorgung zerschlugen.
* Hans Kehrl: "Krisenmanager im Dritten Reich. Droste Verlag. Düsseldort: 522 Seiten: 32 Mark.
Noch waren jedoch Deutschlands Hydrierwerke unangetastet. Da erreichte Kehrl am Abend des 12. Mai 1944 eine Hiobsbotschaft: 1000 schwere US-Bomber unter starkem Jägerschutz, zunächst im Anflug auf Berlin gemeldet. hatten Kurs auf Sachsen und auf das Sudetenland genommen. Dort lagen einige der wichtigsten Hydrierwerke.
In diesem Augenblick wußte Kehrl. daß unmittelbar bevorstand, was er so lange befürchtet hatte. Einige Stunden später erhielt er Gewißheit. Die Hydrierwerke Leuna, Böhlen, Zeitz und Lützkendorf in Sachsen und das Werk Brüx im Sudetenland waren bombardiert worden. Die Zerstörungen (allein im Leuna-Werk zählten die Löschtrupps 2200 abgeworfene Bomben) waren so verheerend, daß die fünf Hydrierwerke einstweilen stillgelegt werden mußten.
Als Rüstungsminister Albert Speer noch in der Nacht seinen engsten Mitarbeiter anrief, klang Kehrls Lagebeurteilung düster: "Wenn die Angriffe konsequent fortgesetzt werden, bedeutet der heutige Tag den Anfang vom Ende." Speer: "Wir müssen so schnell wie möglich zum Führer."
Am 19. Mai stand der Minister vor Hitler, um ihm "die heranrückende Katastrophe" zu melden. Speer lamentierte: "Der Gegner hat uns an einer unserer schwächsten Stellen angegriffen. Bleibt es dieses Mal dabei, dann gibt es bald keine nennenswerte Treibstoffproduktion mehr. Wir haben nur noch die Hoffnung, daß auch die andere Seite einen Generalstab der Luftwaffe hat, der so planlos denkt wie der unsere."
Speers verzweifelte Hoffnung trog. Die alliierten Bombergenerale ließen nicht mehr locker: Schlag um Schlag legten ihre Angriffsverbände die deutsche Mineralölindustrie in Trümmer. Kaum hatte ein demoliertes Hydrierwerk begonnen, wieder ein bißchen zu produzieren, tauchten die Bomberpulks erneut auf und zerstörten das Kunstgebilde aus Improvisation und Durchhaltevermögen.
Das "Stalingrad der Rüstungswirtschaft" (Kehrl) lähmte die deutsche Kriegsmaschine endgültig, die Krisenmanager des Rüstungsministeriums verloren den Wettlauf mit den Bombern. Hitlers Deutschland erstarrte zu einem bewegungs- und kraftlosen Monster, bis zum letzten Augenblick Urbild einer Großmacht. deren überspannten Eroberungsplänen neben vielen anderen Voraussetzungen eine unabdingbare Basis gefehlt hatte: der Besitz eigener Ölquellen.
"Wer über das Petroleum verfügt", schwärmte 1919 der französische Senator und Öl-Enthusiast Henry Berenger, "wird über die Welt verfügen; denn er wird die hohe See mit den schweren, das feste Land mit den leichteren und die Luft mit den flüchtigsten Ölen beherrschen, und mit dem phantastischen Reichtum. der ihm aus dem Öl zufließt, wird er die Menschheit in seiner Macht halten." Auf keine Großmacht aber paßte solche Weissagung miserabler als auf das Deutsche Reich, den Spätling unter Europas Mächten.
Deutschland besaß kaum eigenes Öl. die Konkurrenten des Reiches verwehrten ihm den Zugang zu den Ölquellen der Welt; seine Politiker und Militärs hatten zu spät die Bedeutung der Weltmacht Öl erkannt. Als die Motorisierung das Leben der Industriegesellschaft und zugleich das Kriegshandwerk revolutionierte, fühlten sich die Deutschen als Habenichtse der neuen Zeit.
Das Öl wurde ihnen zum Schicksal und zum Verhängnis: Ölhunger trieb deutsche Ingenieure und Abenteurer in die Wüsten Arabiens, Ölmangel provozierte Deutschlands Wissenschaftler zu ungeahnten Erfindungen, Öl lenkte die Operationen deutscher Geheimdienste. Öl lockte Hitlers Grenadiere und Panzer in die tödlichen Weiten Rußlands. Begonnen hatte es im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Auch die Deutschen der Bismarck-Ära beteiligten sich nach der Entdeckung des amerikanischen Erdöls (1859) und dem Siegeszug der Petroleumbeleuchtung an dem internationalen Wettlauf um das Öl. Die aufsteigende deutsche Wirtschaftsmacht verlangte nach dem neuen Rohstoff: Petroleum erhellte Betriebe und Fabriken. Schmieröl ließ die Maschinen schneller laufen, aus Öl gewonnener Treibstoff bewegte Dampfmaschinen und Motoren.
Da traf es sich gut, daß der Bismarck-Staat am äußersten Rande jenes Erdölgürtels lag, der von der norddeutschen Tiefebene über Galizien und Rumänien bis nach Persien reicht. Bergbauingenieure entdeckten denn auch in den achtziger Jahren Ölquellen im Reich: ein Feld in der Lüneburger Heide bei Wietze und eines bei Pechelsbronn im Elsaß.
Doch die Ölbohrtechnik war den Deutschen noch fremd: sie begnügten sich damit, nach oberflächlichen Anzeichen von Erdöl zu fahnden, und drangen nicht in größere Erdtiefen ein. Ergebnis: Die deutsche Förderquote sank, statt sich zu erhöhen. 1913 förderte Deutschland 121 000 Tonnen Öl -- zehn Prozent seines Gesamtbedarfs. Den Rest der 1,2 Millionen Öl-Tonnen mußte das Reich aus dem Ausland einführen, vor allem aus den USA, aus Rußland und Österreich-Ungarn.
Deutsche Sabotagetrupps sprengen die Pipeline von Abadan.
Um Deutschland wenigstens von amerikanischen und russischen Lieferungen unabhängig zu machen, gründete die Deutsche Bank. Hauptträgerin reichsdeutscher Wirtschaftsexpansion" die "Deutsche Petroleum AG.", die sich an der rumänischen Ölgesellschaft "Steaua Romana" beteiligte; außerdem finanzierte die Bank dem türkischen Sultan den Bau der Bagdadbahn" der die Deutschen mitten in das Ölgebiet Mesopotamiens (heute: Irak) führen sollte.
Je mehr die deutsche Wirtschaft ihr Einflußgebiet nach Süden erweiterte, desto begehrenswerter erschien ihr das Öl des Nahen Ostens. An der Südgrenze Mesopotamiens glitzerten bereits die Stahlrohre der britischen Öl -Leitung. die das persische Petroleum in die Tanker der Royal Navy beförderten -- lockende Beute für Männer, denen der Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine ideale Gelegenheit dünkte, die Macht über Ölquellen und Bohrtürme neu zu verteilen.
Industrielle. Imperialisten und Wehr-Strategen träumten von der Errichtung eines gigantischen Wirtschaftsblocks, der von Berlin nach Bagdad reichen und alle Ölreserven Eurasiens integrieren sollte. Die Ölquellen Deutschlands. Österreich/Ungarns. Rumäniens und des Nahen Ostens in einer Hand -- das stand nicht zuletzt hinter allen Plänen einer Berlin-Bagdad-Achse.
Voraussetzung war dabei freilich daß man die Briten aus ihrer Machtposition am Persischen Golf vertrieb. Gleich nach Kriegsbeginn schlug der Hamburger Reeder Albert Baum dem Auswärtigen Amt vor, eine deutsche Truppe solle mit türkischer Rückendeckung die britischen Raffinerien in Abadan erobern und das persische öl in eigene Regie nehmen. Der deutsche Zionistenführer Max von Oppenheim assistierte: "Wir könnten versuchen, es für uns selbst zu behalten:
In Mesopotamien rüstete sich eine türkisch-deutsche Armee zum Marsch auf Abadan. Deutsches Geld und deutsche Agenten ebneten ihr den Weg: Der pro-britische Scheich im Abadan-nahen Mohammerah wurde gestürzt, die arabischen Stämme längs der türkisch-persischen Grenze am Golf fielen von England ab.
Die Briten durchschauten jedoch den Plan ihrer Gegner und verlegten Truppen in das bis dahin schutzlose Abadan. Derart gestärkt, erweiterten sie ihre Basis immer mehr nach Norden. Türken und Deutsche. in mehreren Schlachten entlang des Tigris geschlagen. mußten zurückweichen. Der Traum vom deutschen. Persien-Öl war zerronnen.
Die Deutschen verlegten sich daraufhin auf eine neue Taktik: Major Klein in Amara erhielt Order, das Abadan-Öl zu zerstören, Die zum größten Teil offen verlegten Pipeline-Rohre der Anglo Persian Oil Company boten sich einem Angriff an.
Am 15. Februar 1915 sprengte ein Sabotagetrupp Kleins die Öl-Leitung bei Maidan-i-Naftun. Kurz darauf ließ Klein-Mitarbeiter Hans Lührs im Süden. von Ahwas eine talüberquerende Rohrleitung in die Luft fliegen. Immer wieder unterbrachen deutsche Agenten die Pipeline der Britesi.
Große Mengen von Rohöl verbrannten, Ersatzrohre waren nur mühselig heranzuschaffen. "Die Unterbrechung der Leitung", berichtete die Politische Abteilung des Generalstabes in Bagdad am 21. Januar 1916, "ist durch Zerstörung einer Anzahl von Sektionen auf einer Länge von 12 Meilen erfolgt und hat von Anfang Februar bis Mitte Juni gedauert. Der Gesamtschaden beträgt mindestens 70 Millionen Gallonen."
Doch solche Erfolgsmeldungen beeindruckten die Generalstäbler und Bürokraten in der Heimat nicht. Sie wußten noch kaum, was das Öl des Nahen Ostens bedeutete. Dabei bedurfte das Reich dringend des Öls: Deutschland schlitterte in eine katastrophale Versorgungskrise.
Der Krieg hatte schon nach wenigen Monaten die Vorausberechnungen militärischer Öl-Strategen zunichte gemacht. Auf 105 000 Tonnen Benzin war 1914 der jährliche Kriegsbedarf von deutschen Militärs geschätzt worden. doch die rapide zunehmende Technisierung des Krieges fraß die deutschen Treibstoffreserven auf. Die Umstellung der Kriegsschiffe auf Ölfeuerung, die Motorisierung der Armeen, der Einsatz von Flugzeug und Tank erforderten mehr Öl, als die Vorratslager hergaben.
Zugleich sanken die Importziffern von Jahr zu Jahr. Abgeschnitten von den drei großen Öllieferanten USA. Rußland und Mexiko, die allein 88 Prozent der Weltölförderung beherrschten. verlor Deutschland zwei Drittel seiner Ölimporte. Ihm blieben nur zwei bewährte Lieferanten: Österreich-Ungarn und Rumänien.
Schlimmer als eine verlorene Schlacht: Rumäniens 01 brennt.
Kaum aber hatte der Krieg begonnen, da schnitten die russischen Armeen Deutschland von den Ölquellen der Habsburger Monarchie ab: Im September 1914 besetzten die Soldaten des Zaren die galizischen Ölfelder. Als die Russen acht Monate später Galizien wieder räumen mußten, zerstörten sie einen Teil der Förderanlagen und verbrannten 350 000 Tonnen Mineralöl -- so viel, wie Deutschland damals in einem ganzen Jahr einführte.
Auch das Rumänien-Öl blieb aus, zurückgehalten von der Regierung in Bukarest, die unter dem Druck Rußlands verboten hatte, Rohöl und Benzin an kriegführende Staaten auszuführen. Im August 1916 trat Rumänien offen auf die Seite der Alliierten und spielte damit ungewollt den deutschen Armeen die Chance zu, die rumänischen Ölquellen in Besitz zu nehmen.
Die Invasionsarmee des Generals von Falkenhayn operierte jedoch, als kenne sie keine Ölknappheit. Statt nach der Einnahme Kronstadts unmittelbar auf das Hauptrevier der Erdölförderung vorzustoßen, wählten die deutschen Truppen einen Umweg über den Vulkan- und den Roten-Turm-Paß.
Solche Saumseligkeit nutzten die Briten und Franzosen zu einer in der Ölgeschichte einmaligen. Aktion: Sie zerstörten Rumäniens gesamte Ölindustrie.
Der französische General Berthelot und der britische Oberst Thompson hatten einen Zerstörungsplan ausgearbeitet, den sie (gegen den anfänglichen Widerstand der Rumänen) rücksichtslos ausführen ließen. Hölzerne Bohrtürme wurden niedergebrannt, Bohrlöcher unzugänglich gemacht, das frei ausströmende Öl angezündet, Kurbellager und Krane zertrümmert.
Als die deutschen Landser endlich im November 1916 durch den fetten Qualm der brennenden Ölanlagen stürmten, war die Zerstörung perfekt. Gesamtschaden: 480 Millionen Goldmark.
Mochten auch deutsche Organisatoren einige Förderanlagen wieder in Bewegung setzen -- die Vernichtungsaktion, "wichtiger als die meisten der großen Schlachten" (so öl-Chronist Ferdinand Friedensburg), stürzte Deutschland in gefährliche Versorgungsnöte, zumal der Rumänien-Brand mit einer durch den Bewegungskrieg im Osten ausgelösten Treibstoffkrise zusammenfiel.
1918: Nur noch für zwei Monate Treibstoff.
Der Benzinmangel hemmte die Mobilität der deutschen Heeresverbände; die Treibstoffvorräte an der Front reichten oft nur für zehn Kampftage. Wo immer deutsche Truppen sich zurückzogen, mußten sie einen Teil ihres Kraftwagenparks aufgeben -- aus Benzinmangel. Immer härtere Sparmaßnahmen verlangte die Oberste Heeresleitung den Deutschen ab. Schon 1915 war die Hälfte der 50000 zivilen Autos die Zulassung gestrichen worden: Motorboote durften kaum noch unterhalten werden.
Die Ölkrise griff auch auf andere Lebensbereiche über. Schmieröl wurde knapp und hemmte die Produktion in fast allen Industriezweigen: die zivilen Busse und Lkw reichten nicht mehr aus, den Verkehr im Hinterland zu bewältigen.
Besonders arg traf es die auf Petroleumlicht angewiesenen Deutschen, vor allem die Bevölkerung auf dem Lande. Feldherr Erich Ludendorff erinnerte sich später: "Der Landmann verbrachte die langen Winterabende im Dunkeln, dies war eine schwere Belastung für die Stimmung."
Die Statistiken von der Öl-Front verrieten den Militärs nur allzu deutlich, daß Deutschland nicht mehr lange durchhalten konnte. Immer bedrückender wurde das Übergewicht der alliierten Ölmächte: Ihnen standen 1918 rund acht Millionen Tonnen Öl zur Verfügung -- dem Kaiserreich zwei Millionen,. Die deutsche Luftwaffe hatte noch für zwei Monate Treibstoff. die U-Boote kamen knapp aus.
Als im September 1918 der Abfall Bulgariens die Verbindung zwischen Deutschland und den rumänischen Ölquellen erneut zu unterbrechen drohte, gaben die Militärs auf. Die Ölkrise hatte Deutschlands Kapitulation beschleunigt. Sieger Georges Clemenceau triumphierte: "Öl ist das Blut der Schlachten, das die Kriege gewinnt."
Doch viele Nachkriegsdeutsche mochten nicht auf Großmachtträume verzichten; verlockt von pathetischen Öl-Sprüchen britischer Lords (Minister Curzon: "Die Alliierten sind auf einer Woge von Öl zum Sieg geschwommen"), wollten deutsche Revisionspolitiker das Öl übertrumpfen. Es begann, was Nationalisten gerne den "deutschen Kampf um die Rohstofffreiheit" nannten.
Schacht zwingt die Braunkohle-Industrie zur Benzinproduktion.
"Unser Schicksal ist die Energieversorgung", schrieb später der Brünner Chemie-Professor Ernst Galle. Doch die Wissenschaftler sahen einen Ausweg aus der fatalen Abhängigkeit von den Ölschätzen ausländischer Konzerne: Benzin und Dieselöl, Paraffin, Schmieröl und alle sonstigen Erdölprodukte ließen sich auch aus Kohle gewinnen. Und Kohle hatten die Deutschen genug
Daß sich aus Kohle etwas Feines, Sauberes machen ließ, hatte den Großstadtbewohnern erstmals Anfang des 19. Jahrhunderts gedämmert, als in Paris, London und Berlin die Gasbeleuchtung aufflammte. Und um die Jahrhundertwende hatten die Techniker die Herstellung von Leuchtgas, die Verkokung von Kohle zum Zwecke der Stahlerzeugung und die Verschwelung von Braunkohle längst fest im Griff. Bei all diesen Verfahren fielen, als Nebenprodukt, ölähnliche und gasförmige Kohlenwasserstoffe ab.
Im Jahre 1913 war es dem Hannoveraner Privatdozenten Friedrich Bergius dann auch gelungen, erstmals zielstrebig und nahezu rückstandsfrei Kohle in Benzin umzuwandeln.
Als Sohn eines begüterten Industriellen verfügte Bergius über ein Privatlabor mit kostspieligen Hochdruckapparaturen, die es in der Technischen Hochschule nicht gab. Der Lehrer hatte seinen Studenten damit die Entstehung von Kohle und Erdöl in der Natur demonstrieren wollen -- und fand dabei eine Methode, festen Kohlenstoff durch Anlagerung von Wasserstoff zu einem. Öl zu verflüssigen.
Aber erst 1925. als der BASF-Chemiker Dr. Matthias Pier das Bergius-Verfahren um einen entscheidenden Schritt verbesserte, wurde die Kohlehydrierung technisch und wirtschaftlich interessant.
Pier hatte bestimmte Katalysatoren eingesetzt und auf diese Weise eine höhere Benzinausbeute erzielt als seine Vorgänger. Kurz vor Ostern des Jahres 1925 fuhren die ersten Kraftwagen mit synthetischem Benzin von Ludwigshafen nach München und zurück.
Ein Jahr später, am 18. Juni 1926, beschlossen die Manager der BASF. seit kurzem neben sieben anderen großen Chemie-Firmen Teil der neugegründeten I. G. Farbenindustrie A.G. den Bau einer Großversuchsanlage zur Benzingewinnung. Geplante Jahreskapazität: 100 000 Tonnen.
Fast sechs Jahre Bauzeit und 300 Millionen Mark Zuschüsse wurden gebraucht, bis die Hochdruck-Synthese des Benzins in dieser ersten Anlage -- in den Leuna-Werken bei Merseburg -- einwandfrei lief. Doch als die Techniker um die Jahreswende 1931 32 das Produktionsziel endlich erreicht hatten. da waren die Wirtschaftlichkeitsberechnungen. Mitte der zwanziger Jahre aufgestellt, hinfällig geworden: Eine Erdölschwemme hatte den Benzinrohpreis von mehr als 17 auf 5 Pfennig gedrückt Leuna-Benzin aber wurde zu Gestehungskosten von 23 Pfennig produziert.
Den Gegenwind freier Konkurrenz bekamen die I.G. Farben mit ihrem Kunstbenzin dennoch nicht zu spüren. Schon die Weimarer Republik. um Devisen stets verlegen, hatte für Erdölimporte einen Schutzzoll-Wall errichtet. Und am 23. Juni 1933 verkündete das Reichskabinett. nun schon unter Hitler. vollends "eine grundlegende Umgestaltung" der Mineralölwirtschaft -- "auf der Grundlage deutscher Bodenschätze".
Sechs Monate später schloß das Reichswirtschaftsministerium mit den I.G. Farben den sogenannten Benzinvertrag: 300 000 Jahrestonnen synthetisches Benzin sollten von 1935 an verfügbar sein.
Damals schien es auch nicht absonderlich, daß große ausländische Konzerne wie Standard Oil und Shell -- mittelbar durch Staatsorder -- gezwungen wurden, das viermal so teure Leuna-Benzin vorrangig an ihren Tankstellen zu vertreiben und dafür eigene Importe einzuschränken. Als Ausgleich wurden den Gesellschaften Nutzungsrechte an den deutschen Hydrierpatenten zugestanden.
Eine Mischform von Staats- und Privatkapitalismus erzwang bald darauf der damalige Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht auch mit einer anderen Gruppe deutscher Industrieller: mit den Förderern und Verwertern von Braunkohle.
Im Herbst 1934 lud Schacht Vorstände und Aufsichtsratsvorsitzende der deutschen Braunkohle-Gesellschaften zu einer "grundlegenden Besprechung" nach Berlin ein. "Verstärkte Heranziehung der Braunkohle zur Verbreiterung der deutschen Rohstoffbasis" sollte das Thema sein.
Nach kurzer Einleitung kam Schacht. wie es der Zeitgeschichtler Wolfgang Birkenfeld in einer grundlegenden Monographie ("Der synthetische Treibstoff 1933-1945") schildert, zum Thema: Es sei beabsichtigt, "eine oder mehrere Druckhydrierungsanlagen zu errichten" und diese Anlagen "vorn gesamten deutschen Braunkohlebergbau finanzieren" zu lassen.
500000 Tonnen Benzin je Jahr sollten die Anlagen hergeben. 250 bis 300 Millionen Reichsmark investitionskapital müßten aufgebracht werden. Eine mäßige Verzinsung des Kapitals werde den Gesellschaften zugestanden, jedoch behalte sich die Reichsregierung "maßgebliche Mitsprache" in den Unternehmensleitungen vor.
Ob es möglich sei, "freiwillig zur Gründung einer solchen Zwangsgesellschaft zu kommen". fragte Schacht. als sich gegen sein Ansinnen Einwände erhoben hatten. Die Anwesenden verneinten. Daraufhin beendete Schacht die Versammlung -- und erließ eine Woche später die "Verordnung über die Errichtung wirtschaftlicher Pflichtgemeinschaften in der Braunkohlenwirtschaft".
Die "Braunkohle-Benzin A.G." (Brabag), derart auf dem Verordnungswege zustande gekommen, baute zwei neue Hydrierwerke -- auch das wieder gegen den Willen der Beteiligten.
Die Braunkohlenfachleute nämlich hatten einem anderen Verfahren. der Kohleverschwelung. den Vorzug geben wollen. übrigens mit einem im nachhinein prophetisch anmutenden Argument: Da die Verschwelung auf zahlreiche Betriebe, also geographisch weit über die Kohlenreviere verteilt würde, biete das auch "bei militärischen Verwicklungen, z. B. feindlichen Luftangriffen" erhebliche Vorteile gegenüber einer "Massierung" der Treibstofferzeugung in den Hydrierwerken.
Eines der Brabag-Werke, in Ruhland in der Oberlausitz, wurde nach einem grundlegend neuen Syntheseverfahren betrieben, das Professor Franz Fischer und sein Mitarbeiter Hans Tropsch vom Kohleforschungsinstitut in Mülheim/Ruhr entwickelt hatten (Fischer-Tropsch- Verfahren): Mit normalem Druck und bei mäßigen Temperaturen werden Kohlenoxid und Wasserstoff. unter Zuhilfenahme von Katalysatoren, in Kontaktöfen zusammengebracht.
Insgesamt erreichte im Jahre 1935 die inländische Erzeugung von Benzin -- einschließlich geringer Mengen aus kargen einheimischen Erdaiquellen -- den stattlichen Wert von 900 000 Tonnen. Autarkie war das noch nicht: mehr als die doppelte Menge, 1,9 Millionen Tonnen. wurde verbraucht. Und jedenfalls reichte die eigenständige deutsche Benzinproduktion nicht für den sogenannten "A-Fall", auf den Hitlers Marschälle und Minister schon lossteuerten; Aufrüstung und Krieg. Hitlers Pakt mit Stalin: Öl für zwei Jahre.
In "kürzester Schnelligkeit", so forderte Hitler in seiner "Generalanweisung für die Durchführung des Vierjahresplans" vom August 1936, müsse das Ziel erreicht wenden, Deutschland von ausländischen Einfuhren "unabhängig zu machen". Zu diesem Zweck sei die eigene Erzeugung "auf das außerordentlichste zu steigern". Nur so ließe sich die gestellte Aufgabe erfüllen" die deutsche Armee "in vier Jahren einsatzfähig", die deutsche Wirtschaft "in vier Jahren kriegsfähig" zu "machen. Alle vorhandenen Anlagen, so die Planung, sollten erweitert, zusätzliche, etwa in Pölitz an der Ostseeküste und bei Wesseling im rheinischen Braunkohlenrevier, aufgebaut werden. Die Pölitzer Anlage, mit einer vorgesehenen Jahresproduktion von 450 000 Tonnen, wurde zu zwei Dritteln von Shell und Standard Oil finanziert, die ihre in Deutschland erwirtschafteten Gewinne nicht ins Ausland transferieren durften.
"Genau so, wie wir zur Zeit 700 000 oder 800 000 Tonnen Benzin produzieren so hatte der oberste Kriegsplaner im letzten Absatz seiner Denkschrift bramabarsiert, "könnten wir drei Millionen Tonnen produzieren." Die ganze dazu nötige Fabrikationskapazität sollte innerhalb von 18 Monaten aus dem Boden gestampft werden.
Doch solcher Zahlenrausch verflog. Mit derart hochgespannten Plandaten war die deutsche Wirtschaft überfordert. Noch immer mußte Deutschland jährlich fast sechs Millionen Tonnen Öl einführen, meist über Konzerne wie die Shell und die Standard Oil. Noch immer deckten ausländische Importe 60 Prozent des deutschen Ölbedarfs.
Die Ölversorgung war so heikel, daß Hitlers Ökonomen und Militärs, von ihrem Führer zu immer gewagteren Aktionen gedrängt, nur kleine Kriege wagen mochten. Die Rohstofflage ließ es allenfalls zu, kurze und verlustarme Blitzfeldzüge zu führen; auf jeden Fall mußte ein Erschöpfungskrieg vermieden werden, den Deutschland nie gewinnen konnte.
Angesichts solcher Aussichten blieb den Kriegsökonomen nur ein Ausweg: in den nun anhebenden Raubkriegen des Dritten Reiches möglichst reiche Ölbeute zu machen und außerdem die traditionellen Erdölquellen Europas dem Reich zu öffnen.
Das ins Lager der Achsenmächte abgleitende Rußland Stalins bot eine erste Chance. Ein deutsch-sowjetisches Wirtschaftsabkommen garantierte Deutschland rotes Erdöl, zunächst 900 000 Tonnen. Bis Juni 1941 lieferte die UdSSR weitere zwei Millionen.
Der Pakt mit Stalin wurde freilich teuer erkauft, er beraubte die deutschen Polen-Eroberer eines Teils ihrer Ölbeute: Nach dem polnischen Teilungsvertrag mußten die deutschen Truppen das eroberte galizische Erdöl-Zentrum Boryslaw-Drohobycz, einst Hauptlieferant Deutschlands, wieder räumen.
So waren die Deutschen gezwungen, weiter nach Öl zu suchen. Im alten Lieferland Rumänien fanden sie es: Ein Wirtschaftsprotokoll vom 28. September 1939 verpflichtete den rumänischen Staat, für die monatliche Lieferung von 130 000 Tonnen öl "Sorge zu tragen".
Deutschland stürzte sich abermals in den Kampf um Ölquellen und Bohrtürme. Denn der Rumänien-Vertrag alarmierte prompt die westlichen Alliierten. die Hitler kein rumänisches öl überlassen wollten. Sie hatten die Macht dazu: England, Holland und die USA kontrollierten 52 Prozent des Kapitals der rumänischen Ölindustrie, Briten und Franzosen hielten die wichtigsten Managerposten der Förderungsgesellschaften besetzt.
Der französische Ingenieur Leon Wenger. schon 1916 bei der Vernichtung des Rumänien-Öls dabei, erhielt den Auftrag, die Zerstörung der Ölindustrie vorzubereiten. Jäh ausbrechende Brände in rumänischen Raffinerien und gedrosselte Öl-Lieferungen nach Deutschland verrieten die Handschrift des erfahrenen Saboteurs.
Doch diesmal hatten die Deutschen aufgepaßt. Aufgescheucht von den "zu nehmenden Meldungen über geplante und ausgeführte Sabotageakte in Rumänien" (so AA-Staatssekretär Keppler) reiste Geheimdienstchef Wilhelm Canaris im Dezember 1939 nach Bukarest und schuf in wenigen Tagen eine Sabotageabwehr-Organisation --
Seine Agenten, meist in Zivilanzüge gesteckte Angehörige der Abwehr-Sondertruppe "Brandenburg". sickerten als Arbeiter und Techniker in die rumänischen Fördergesellschaften ein. Bald wußte Canaris, was Wenger plante. Mit Hilfe der "Siguranza", Rumäniens Geheimpolizei, schaltete die Abwehr die alliierten Saboteure aus.
Die Schlappe in Rumänien spornte den französischen Generalstab zu einem phantastischen Plan an, mit dem er die beiden Öl-Hauptimporteure Deutschlands unschädlich machen wollte. Seine Idee: Britische Geheimdienstkommandos sperren die Donau und sprengen Rumäniens Ölindustrie, britisch-französische Bomber zerstören und nachfolgende türkische Infanterie besetzt die sowjetischen Ölanlagen im Kaukasus.
"Vom Standpunkt der Kriegführung aus", so Generalstabschef Gamelin am 10. März 1940. "sind der Balkan und der Kaukasus, durch die man Deutschland vom Erdöl abschneiden kann, von viel größerem Nutzen." Schon prophezeite der französische Fliegergeneral Giono: "Krieg geführt wird im Kaukasus."
Rumänien produziert nur noch für das Dritte Reich.
Die Angriffsziele (Raffinerien in Batumi, Poti, Grosny und Baku) wurden festgelegt, die Bomberverbände bereitgestellt. 117 Maschinen sollten in zehn Einsätzen die 122 Erdölraffinerien des Kaukasus binnen 45 Tagen zerstören. Angriffstermin: Ende Juni 1940.
Doch der Westfeldzug der deutschen Armeen im Frühsommer verhinderte die Ausführung des Gamelin-Planes. Hitlers Sieg im Westen ließ Rumäniens Politikern keine andere Wahl, als auf die deutsche Karte zu setzen: Von Stund an öffneten die Rumänen den Deutschen ihre Ölquellen rückhaltlos. Die alliierten Ölexperten mußten das Land verlassen. Rumänien produzierte nur noch für den deutschen Endsieg.
Von Monat zu Monat steigerten sich Deutschlands Ölreserven. Die Wehrmacht hatte auf ihren Feldzügen vier Millionen Tonnen Öl (das Doppelte ihres eigenen Verbrauchs) erbeutet. Rumänien lieferte inzwischen jährlich mehr als zwei Millionen Tonnen, Ungarn und das deutschbesetzte Polen erhöhten auch allmählich ihre Quoten. ganz zu schweigen von den auf Hochtouren arbeitenden Hydrierwerken im Reich.
Großdeutschland schien im öl zu schwimmen -- und doch bewies jeder neue Kriegsmonat, wie verwundbar seine Ölversorgung war. Vor allem der Mangel an Flugbenzin irritierte die Rüstungsplaner; hier machte sich ein technisches Problem bemerkbar, das die deutsche Führung jahrelang übersehen hatte: Anders als Amerika war es den Deutschen nicht gelungen, rechtzeitig große Mengen von genügend klopffestem Benzin zu destillieren. Die Folgen für die deutsche Luftwaffe waren katastrophal.
"Das Klopfen der Flugmotoren läutet den Untergang ein.
Schon 1935 hatten amerikanische Chemiker und Techniker aus bestimmten Gasen, die in den Erdöl-Cracktürmen anfielen, einen Supertreibstoff namens Isooktan gezüchtet. Für diesen Treibstoff wiederum konnten amerikanische Flugzeugkonstrukteure Triebwerke entwickeln, die auch bei höchster Verdichtung noch ohne Unregelmäßigkeiten funktionierten -- und weit höhere Leistungen erbrachten als Motoren herkömmlicher Bauart.
Jagdflugzeuge und Bomber der Alliierten erlangten auf diese Weise einen Grad von Steigfähigkeit und Reichweite, der deutschen Flugzeugkonstrukteuren lange verschlossen blieb. Auch die Rolls-Royce-Motoren der englischen "Spitfire" waren auf das hochoktanige Benzin zugeschnitten.
Hermann Göring hatte zwar Ende 1938 klar erkannt, daß die Entwicklung von "Hundertoktanbenzin" eine "Lebensfrage für das deutsche Volk" sei. Aber da war es schon zu spät. Im selben Jahr produzierten die Westmächte bereits 260 000 Tonnen des hochoktanigen, klopffesten Flugmotoren-Treibstoffs. Der Ausbau einer entsprechenden, deutschen Kapazität war auch bei größter Anstrengung nicht mehr möglich.
"Nicht die Kanonen Frankreichs. Großbritanniens oder Polens", so umschrieb schon im September 1939 ein amerikanischer Erdölfachmann mit einem etwas kühnen Bild dieses Mißverhältnis in der technischen Entwicklung, "sondern das Klopfen seiner Flugmotoren wird Deutschlands Untergang ein läuten. Das zeigte sich schon in der Luftschlacht über England: Den deutschen Kampfflugzeugen fehlten jene Beschleunigung und Steigfähigkeit, die britische Jäger mit ihrem 100-Oktan-Benzin zu überlegenen Gegnern machten.
Auch die Menge des Treibstoffs reichte bald nicht mehr aus. Die Benzinmisere wurde vollends deutlich, als Hitler seine Armeen in Rußland einfallen ließ.
Je mehr sich die deutsche Kriegsmaschine in den Weiten der Sowjet-Union verirrte, desto kritischer wurde der Treibstoffnachschub. Die Truppe verbrauchte mehr, als geplant worden war. Ein für 100 Kilometer berechneter "Verbrauchssatz" reichte meist nur für 40 Kilometer. Und immer öfter blieben die Betriebsstoffzüge aus: Im September 1941 erreichten 120 nicht die Front, im Oktober 70.
Neuer Nachschub kam nur zögernd heran, weil inzwischen die Ölreserven Deutschlands und Rumäniens erschöpft waren. General Georg Thomas, der Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes im Oberkommando der Wehrmacht, witterte bereits "schwerwiegendste und in ihrer Auswirkung auf die militärischen Operationen kaum absehbare Folgen", die Benzin-Anforderung der Wehrmacht wurde zum erstenmal drastisch gekürzt.
In solcher Bedrängnis fiel Hitlers Blick immer häufiger auf den Landkartenfleck, der schon den General Gamelin fasziniert hatte. Der "große Ölspender", wie Hitler den Kaukasus nannte. mußte in deutsche Hand kommen -- das war die Generalorder, die das deutsche Ostheer im Sommer 1942 zu einer neuen Großoffensive aufbrechen ließ.
Doch als die Wehrmacht am 8. August 1942 die ersten Ölquellen des Kaukasus, die Felder von Maikop und Malgobek. erreichte, fand sie nur Trümmer vor; die Rote Armee hatte die Anlagen vorher nahezu völlig zerstört. Ein Unternehmen von "Brandenburg" -Fallschirmspringern, die vor dem sowjetischen Abzug -- als Rotarmisten getarnt -- die Ölanlagen besetzen sollten, war von Agenten der "Roten Kapelle" verraten worden.
Gleichwohl etablierte sich im Kaukasus eine "Kontinentale Öl-Aktiengesellschaft", die unter I. G.-Farben-Beteiligung das auf 99 Jahre berechnete Monopol erhielt, alle Ölquellen im besetzten Rußland auszubeuten. Ein Mitarbeiter: "Endlich haben wir Deutschen eine Chance, uns zu bereichern." Die Beute fiel mager aus: 700 000 Tonnen Öl spürte die Konti-Öl auf.
Nach dem Rückzug aus dem Kaukasus Ende 1942 brach auch die letzte Illusion deutscher Macht- und Rohstofferweiterung zusammen. Was blieb. waren die balkanischen Erdölquellen und die synthetische Produktion im Reich. Auf sie konzentrierten sich nun Hitlers Krisenmanager.
Tatsächlich preßten sie noch einmal höhere Produktionsergebnisse aus Raffinerien und Labors heraus. Vor allem die Hydrierwerke meldeten fast sensationelle Ziffern. 1941 hatte die deutsche Mineralölerzeugung die Vier-Millionen-Grenze erreicht, für 1945 erwartete man eine Steigerung auf 10,2 Millionen Tonnen. Sie produzierten derart viel, daß es der Rüstungsminister Speer für opportun hielt, den Bau neuer Hydrierwerke zu verbieten.
Die wachsende Abhängigkeit der deutschen Kriegsmaschine von den Hydrierwerken entging jedoch nicht den alliierten Geheimdiensten Seit Kriegsbeginn gab es im britischen Bomberkommando Offiziere, die meinten. Deutschland ließe sich am ehesten auf die Knie zwingen, wenn man seine Treibstoffindustrie zerstörte.
Schon im Januar 1941 hatte die Führung der Royal Air Force dem britischen Kabinett den Plan vorgelegt, durch Bombardierung der 17 Hydrier- und Fischer-Tropsch-Anlagen dem Reich einen "tödlichen Schlag" zu versetzen. Der Plan wurde akzeptiert.
Die Bomber flogen ein paar Einsätze, doch sie wurden bald auf andere Aufgaben angesetzt. Als sie wieder bereitstanden, erhob sich ein hektischer Meinungsstreit, der die Briten-Flieger in zwei feindliche Parteien teilte: Die einen gaben ziellosen Angriffen gegen die deutsche Zivilbevölkerung den Vorzug. die anderen forderten Zielangriffe gegen konkrete Objekte.
Das Unglück wollte es, daß der neue Bomberchef Sir Arthur Harns ein fanatischer Anhänger des Flächenbombardements war. Er lehnte Zielangriffe in größerem Umfang ab -- die Hydrier werke blieben unangetastet. Mit dem Holzvergaser ins letzte Gefecht
Erst als der US-General Carl A. Spaatz 1944 die Führung über die alliierten Bomber in Europa übernahm, erhielt der ursprüngliche Angriffsplan des Bomberkommandos eine neue Chance. Auch Spaatz fand es richtig, die Hydrierwerke ganz oben auf die alliierte Zielliste zu setzen. Da erhob Spaatz" Vorgesetzter, Oberbefehlshaber Eisenhower, Bedenken; erst einmal, so argumentierte Eisenhower, komme es darauf an, die deutschen Stellungen in Frankreich und Belgien zu bombardieren.
Spaatz drängte ihn jedoch so lange, bis Eisenhower erlaubte, inoffiziell und nur "versuchsweise" ein paar Hydrierwerke in Deutschland anzugreifen. Tagelang mußten die Spaatz-Bomber auf gutes Wetter warten, Endlich, am 12. Mai 1944, war es soweit: 935 US. Bomber hoben von ihren Pisten ab.
Der erste Angriff wurde ein voller Erfolg; fünf Hydrierwerke fielen sofort aus. Zwei Wochen später ging ein zweiter Bombenteppich auf Anlagen und Werke synthetischer Treibstoffherstellung nieder. Jetzt war auch Eisenhower von der Spaatz-Taktik überzeugt. Welle auf Welle rollte über die deutsche Treibstoffindustrie hinweg. Es gab kaum noch ein Hydrierwerk, das von den Bombern des Generals Spaatz ausgelassen wurde.
Eine Meldung nach der anderen offenbarte den katastrophalen Schaden, den die Bomber angerichtet hatten. "Personenschäden: Tote 96, Produktionsausfall beträgt 600 t Treibstoff pro Tag", meldete Werk Zeitz, und im Werk Böhlen wurde registriert-. "Große Schäden an Gebäuden, Maschinen und Apparaten, vor allem auch im Stromnetz und den vielen Rohrleitungen des Werkes."
"16. 12. 44: Nr. 10042! Hauptstrecke, Schlafwagen Signal, Nr. 51122 und Nr. 69 122 / Hauptstrecke bis Teilstrecke, Schlafwagen 2 bis 3 Gleise. Nr 49 172 / Einfahrt". hieß es im Kauder welsch einer verschlüsselten Meldung an das Reichsluftfahrtministerium. Im Klartext:
16. 12. 44: Brüx mittelschwere Schäden, 100 % Ausfall für unbestimmte Zeit. Ludwigshafen und Oppau mittelschwere bis schwere Schäden, 100 % Ausfall für 2 bis 3 Wochen. Linz keine Schäden.
Besonders beklemmend lasen sich für Speer und seine Helfer die Listen der Produktionsverluste. So hatten 104 Bombenangriffe auf 17 Hydrierwerke die Treibstoffherstellung um 72 Prozent reduziert. Werk Lützkendorf hatte 100 Prozent seiner Produktion eingebüßt, Werk Brüx 88, Werk Gelsenberg 81. Leuna 75. Gesamtausfall binnen fünf Monaten: 1,8 Millionen Tonnen.
Mit gewohntem Organisationseifer stemmten sich die Krisenmanager gegen die Vernichtung ihres Lebenswerkes. Immer wieder wurde versucht, die Produktion erneut anzukurbeln; kleinere Werke wurden unter die Erde verlegt, der Luftschutz der Anlagen verbessert. Eine letzte Notlösung sollte der Wehrmacht aus der Benzinklemme helfen: das Holzkohlenauto (siehe Kasten Seite 74).
Trotz erstaunlicher Teilerfolge konnten die Speer-Männer die Krise nicht mehr meistern. Hitlers letzte Offensive, der Ardennen-Schlag. scheiterte nicht zuletzt am Treibstoffmangel, die Luftverteidigung brach wegen fehlenden Sprits zusammen.
Als Adolf Hitlers Reich unterging. besaß die Wehrmacht noch 11 000 Tonnen Benzin, zwölf Prozent einer normalen Monatsproduktion.
Im nächsten Heft
Nach dem Zweiten Weltkrieg: das Goldene Zeitalter des als -- Billiges Dl finanziert das Wirtschaftswachstum -· Die Förderländer im Würgegriff der Ölkonzerne -- Das Riesengeschäft der Tankerkönige

DER SPIEGEL 52/1973
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