19.11.1973

POLEN

Ein Wirtschaftswunder

Die Produktion der polnischen Wirtschaft hat sich unter Parteichef Gierek sprunghaft erhöht -- nun hat die Partei Sorge, daß die Bevölkerung die Verbesserung des Lebensstandards auch verkraftet.

Der neue Chef versprach, den Laden gründlich aufzuräumen. "Die Folgen unserer Politik müssen für die Werktätigen spürbar sein!" beschwor auf dem 6. Parteitag der polnischen KP im Dezember 1971 Parteichef Gierek die führenden Genossen.

Polens Bevölkerung hörte den Appell über Radio und Fernsehen mit gemischten Gefühlen. Denn fast auf den Tag genau waren ein Jahr zuvor in den polnischen Küstenstädten Werftarbeiter. Hausfrauen und Schüler gegen die Partei auf die Straße gegangen, weil sie die Politik von Giereks Vorgänger Gomulka allzusehr zu spüren bekommen hatten: Trotz aller Anstrengungen waren die Lohntüten mager, die Läden leer und die Preise stiegen,

Inzwischen ist die Skepsis bei vielen Polen so sehr in Euphorie umgeschlagen, daß sich nun die Partei darüber Sorgen machen muß, wie sie die gestiegenen Konsumerwartungen erfüllen kann -- bei überhitzter Kaufkraft und eingefrorenen Preisen. Jeder Pole -- so die Warschauer Zeitung "Zycie Warszawy" -- kann heute im Jahr 4500 Zloty (Kaufwert: 650 Mark) mehr ausgeben als unter Gomulka -- für ganz Polen sind das 150 Milliarden Zloty. Die Preise aber, die Gomulka im Dezember 1970 um durchschnittlich zehn

* In den Kupferminen von Lubin Schlesien

Prozent anheben wollte, wurden von Gierek wieder gesenkt und sind bis heute so geblieben.

Ende Oktober traf sich die Gierek-Partei im Warschauer Kulturpalast, um über die wirtschaftliche Zukunft und eine Zwischenbilanz ihres Fünfjahresplanes (1970 bis 1975) zu beraten. Sie präsentierte stolze Zahlen:

* Die Zuwachsraten der polnischen Industrie und Landwirtschaft bedeuten mit 33 beziehungsweise 19 Prozent für die vergangenen drei Jahre Weltrekord (Sowjet-Union 7,5/1,4 Prozent, Bundesrepublik 18/12 Prozent).

* Die Löhne und Gehälter stiegen bisher um 24 Prozent; schon jetzt viermal mehr als im Planjahrfünft davor. Im Plan war nur eine Steigerung von 18 Prozent bis 1975 vorgesehen.

* Das Nationaleinkommen nahm jährlich um neun Prozent zu (Plan: sieben Prozent), von 749 Milliarden Zloty im Jahr 1970 auf 947 Milliarden 1972, und wird -- so Gierek im Kulturpalast -- schon in diesem Jahr die Grenze von 1000 Milliarden Zloty übertreffen.

Unerwartet stark wuchsen Außenhandel und Kohlenförderung, Wohnungsbau und Rinderzucht. Kaum eine Sparte, die nach drei Jahren nicht neue Rekordziffern melden konnte, kaum ein Pole, der nicht von Optimismus erfaßt worden wäre.

Die polnischen Industrie-Arbeiter übertrafen die Plan-Erwartung der Produktion um jährlich 110 Milliarden Zloty -- ohne zusätzliche Investitionen oder mehr Personal. Als im Elektrizitätswerk Konin kürzlich eine Kurbelwelle ausfiel und der Hersteller für die Reparatur eine Wartefrist von mehreren Jahren verlangte, holte sich die Belegschaft von Konin das ZK zur Unterstützung: In zehn Tagen war die Turbine wieder betriebsbereit.

Die "polnische Wirtschaft", einst Synonym für Schlendrian und Korruption, brachte die Volksrepublik Polen in die Spitzengruppe der Industrieländer -- vor allem dank modernem Management und verbessertem Betriebsklima.

"Haben wir in Polen ein Wirtschaftswunder?" fragte mit Schlagzeile die Warschauer Zeitung "Slowo Powszechne". Antwort bekam sie von der Zeitschrift "Polityka". Auf eine Meinungsumfrage bei 161 Industriearbeitern, ob sich ihre Lage unter Gierek verbessert habe, antworteten 132 mit "spürbar".

Polen hat sein günstiges Wirtschaftsbild vor allem vier Entscheidungen Giereks zu verdanken. Unter den Erfolgszwang gestellt, die Fehler seines Vorgängers Gomulka schnell und für alle spürbar gutzumachen, ordnete der Parteichef an:

* die Preise für alle Grundnahrungsmittel. für Mieten und für etwa 50 Prozent aller Konsumwaren bis 1974 einzufrieren und gleichzeitig die Löhne und Gehälter um jährlich fünf Prozent zu erhöhen. Ein Kilo Wurst kostet, zur Hälfte staatlich subventioniert, noch immer 44 Zloty (sechs Mark);

* das materielle Interesse erstmals auch an der Qualität der Produktion durch ein gerechteres Prämien-System in der Industrie zu verbessern und die Bauern von Pflichtlieferungen an den Staat zu befreien:

* das staatliche Investitionsprogramm auf Kosten der Schwerindustrie zugunsten der Konsumgüter-Industrie zu verbessern. Steigerungen: 38 Prozent für Leichtindustrie, 40 Prozent für Lebensmittelindustrie. Steigerung der gesamten Investitionen, verglichen mit dem vorigen Fünfjahresplan: 80 Prozent;

* die strengen, eher auf Drosselung zielenden Außenhandelsbestimmun -- gen zu lockern, vor allem im Bereich des Imports. Eine der Folgen: Ein Viertel aller in Polen hergestellten Waren geht auf importierte West-Lizenzen zurück.

Die Planstrategie stammt von einem Mann, der schon unter Gomulka die Wirtschaft lenkte und damals nahezu das Gegenteil von dem empfahl, was er heute unter Gierek durchsetzt: Professor Józef Pajestka, damals wie heute Vize-Vorsitzender der Planungskommission beim Ministerrat.

Im Jahr 1969 verordnete der Ökonom im Auftrag des gestrengen Hausmeiers ein drastisches Sparprogramm: Konsumbeschränkung (erzwungen durch höhere Preise), Lohnstopp, Importsperren und die Selektion der Wirtschaftsbetriebe in rentable, die staatlich subventioniert, und unrentable. die geschlossen werden sollten. Die These. daß die Binnenwirtschaft von dem Schutz vor Importen profitiert, hatte Pajestka von seinem Doktorvater, dem polnischen Wirtschafts-Theoretiker Professor Lange, übernommen.

Die Polen nannten Pajestkas Plan ein polnisches Aschenputtel-System: "Die Guten ins Töpfchen. die Schlechten ins Kröpfchen." Heute will der Wirtschafts-Professor von seiner nationalen Abmagerungskur nichts mehr wissen. Als er kürzlich sein neuestes Kredo in der Zeitung "Zycie Warszawy" unter dem Titel "Unsere Erfahrungen" verkünden ließ, wich er der fälligen Selbstkritik geschickt aus: Die These. daß man für die zukünftige Entwicklung den Gürtel enger schnallen muß, sei "im allgemeinen weder richtig noch falsch".

Um so nachdrücklicher sang Pajestka jetzt das Lob seines neuen Herrn und dessen "mutiger Politik der wachsenden Aufwendungen. Der Professor: "Die Anhebung der Einkünfte und der Konsumtion sind kein Hindernis, sondern ein Beitrag zum höheren Entwicklungstempo des Fortschritts."

Stärkeren Widerstand fand Parteichef Gierek, früher selbst lange Jahre sozialistischer Manager im oberschlesischen Industrierevier, als er versuchte, die lasche Arbeitsmoral in den Betrieben durch ein neues Arbeitsrecht aufzubessern. Die mißtrauischen Gewerkschaften, die um Einfluß fürchten, legten sich quer.

Also umging Gierek ein Gesetz zur Disziplinierung und erreichte sein Ziel auf dem Umweg über ein Gesetz für ein neues Prämien-System: Danach werden Arbeiter, die besonders fleißig und pünktlich sind, unabhängig von der Leistung der gesamten Abteilung oder gar des Betriebes oder der Branche durch leistungsgerechte Löhne und Prämien honoriert.

Gefahr droht dem polnischen Wirtschaftswunder vor allem vom wachsenden Appetit auf weitere Verbesserung des Lebensstandards: Eine halbe Million polnischer Familien, die sich in den vergangenen drei Jahren einen Kühlschrank leisten konnten, möchte nun auch ein Auto. 750 000 Bürger, die in der gleichen Zeit Autobesitzer wurden, träumen vom eigenen Haus.

Die Partei-Konferenz im Warschauer Kulturpalast, die vorsichtig eine "elastische Preispolitik" für gehobene Konsumgüter in Aussicht stellte, deutete das Problem nur an: "Die Grundlage unserer Gesellschaftspolitik ist und bleibt die Sorge ... um eine bessere Befriedigung immer größerer und immer mehr differenzierter Bedürfnisse."

Die Zeitung "Zycie Gospodarcze", Polens führendes Wirtschaftsblatt: "Sogar der ideologisch bewußteste Kunde wird keinen häßlichen Pulli kaufen, nur um unsere industrielle Entwicklung zu fördern."


DER SPIEGEL 47/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 47/1973
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

POLEN:
Ein Wirtschaftswunder