19.11.1973

Die Autobombe genügt nicht mehr

SPIEGEL-Interview mit dem aus dem Gefängnis befreiten IRA-Stabschef Seamus Twomey

SPIEGEL: In Irland, aber auch in England und auf dem Kontinent, ist Ihre Flucht per Hubschrauber aus dem Dubliner Mountjoy-Gefängnis Straßengespräch. Selbst Leute, die bislang kein gutes Haar an der IRA ließen, machen schadenfrohe Witze über die "Flucht des Jahrhunderts". Es heißt. Sie seien der einzige im Gefängnis gewesen, der vorher von dem Fluchtplan gewußt hätte.

TWOMEY: Das stimmt nicht. Kevin Mallon und Joe O'Hagan, die mit mir flohen, wußten davon -- aber auch alle anderen republikanischen Gefangenen waren unterrichtet, damit sie im entscheidenden Augenblick und bei eventuellen Schwierigkeiten helfen könnten.

SPIEGEL: Wie lange haben Sie den Coup vorbereitet?

TWOMEY: Genau fünf Wochen.

SPIEGEL: Waren Sie zuvor schon mal mit einem Hubschrauber geflogen?

TWOMEY: Ich erinnere mich genau an den einzigen anderen Trip in einem Helikopter. Das war im Juli 1972, als ich auf Einladung ihrer Britischen Majestät in einem Hubschrauber der Royal Air Force reiste -- um Mister Whitelaw zu Gesprächen über das Nordirlandproblem in England zu besuchen.

SPIEGEL: Das waren die Glanzzeiten der IRA. Heute würde wohl kaum mehr ein Spitzenpolitiker wie Whitelaw mit Ihnen verhandeln,

TWOMEY: Das stimmt -- aus zwei Gründen. Nummer eins: er darf nicht mehr. Ich habe Whitelaw damals in einem Interview mit dem SPIEGEL verlogen genannt. Gleich darauf passierte das gleiche noch mal. Als er vor dem

* Mit SPIEGEL-Redakteur Börries Gallasch (r.).

britischen Parlament von Mr. Powell aufgefordert wurde, das von ihm unterzeichnete Waffenstillstandsabkommen vorzuzeigen, sagte er vor seinem eigenen Parlament die Unwahrheit.

SPIEGEL: Er bestritt, je ein solches Dokument unterzeichnet zu haben.

TWOMEY: Aber er hat es unterzeichnet. Und das wußten auch die Abgeordneten. Aber sie ließen ihn noch einmal davonkommen, er mußte nur versprechen, nie wieder mit uns zu reden. Das ist der Grund dafür, der Komödiant ist seither politisch erledigt: er ließ sich das Wort "nie" abringen, das einzige Wort, das ein Politiker nicht gebrauchen darf, wenn er als Verhandlungspartner manövrierfähig bleiben will. Er stand mit dem Rücken zur Wand. er durfte "auf Bewährungsfrist" weitermachen. Aber er darf gar nicht richtig verhandeln.

SPIEGEL: Vielleicht müssen die Briten gar nicht mehr mit Ihnen verhandeln. Die Zahl der IRA-Aktionen ist beträchtlich zurückgegangen. Eine politische Lösung zeichnet sich ab. ist die IRA geschlagen?

TWOMEY: Geschlagen, geschlagen. Wie kann eine Volksarmee, eine Guerilla-Organisation überhaupt geschlagen werden? Wahr ist, daß die Art unserer Einsätze anders geworden ist. Die Autobombe allein reicht nicht mehr, und regelmäßige Meldungen über den Abschuß britischer Soldaten, bislang fast 300, nutzen sich ab.

SPIEGEL: Sind das nicht Ausflüchte, soll das nicht verschleiern, daß die IRA schwer angeschlagen ist, daß sie kaum noch Waffen hat?

TWOMEY: Nein, nein, wir kriegen noch immer Waffen. Aber jeder Krieg hat auch eine psychologische Seite. Wir müssen darauf achten, daß sich die Menschen nicht an ein gewisses Maß von Krieg gewöhnen. Wir erhöhen die Angst vor dem Krieg, wenn wir es für richtig halten, wir vermindern sie aus demselben Grund.

SPIEGEL: Dennoch ist unbestreitbar, daß über 1500 IRA-Kämpfer interniert sind, in Nord- und Südirland, daß immer wieder Waffenverstecke gefunden werden ...

TWOMEY: Zu den Internierten: ein großer Teil sind einfach aufrechte Republikaner, Patrioten -- aber nicht Mitglieder unserer kämpfenden Einheiten. Sicher, ich gebe zu: unser Mittelkommando, die Struktur unserer Armee, sagen wir auf Unteroffiziersebene, wurde Anfang des Jahres schwer getroffen.

SPIEGEL: Weil die Moral der Truppe angeschlagen ist ...

TWOMEY: Weil es den Briten gelungen war, aus einigen Inhaftierten Hinweise zu erzwingen, mit Foltern. Und weil sie Informanten gekauft hatten. Aber das ist vorbei. Seit wir zum Beispiel in Derry zwei Informanten überführen konnten, ist Ruhe dort, keine Verrätereien mehr, keine einzige.

SPIEGEL: Was haben Sie mit ihnen gemacht?

TWOMEY: Sie wurden von IRA-Kriegsgerichten zum Tode verurteilt und erschossen. Die IRA hat das auch öffentlich bekanntgegeben.

SPIEGEL: Wie haben Sie feststellen können, daß diese Leute tatsächlich spioniert hatten?

TWOMEY: Wir haben unsere Gegenspionage verbessert. Das machen wir jetzt zentral, nicht mehr auf der Ebene der einzelnen Einheiten. Übrigens: Der SPIEGEL hat doch über die "Claudia"-Affäre geschrieben. Der Waffen-Transport mit dem deutschen Schiff aus Libyen nach Irland wurde auch verraten. Wir haben Beweise und deshalb zwei Todesurteile gefällt.

SPIEGEL: Gegen wen?

TWOMEY: Gegen den Besitzer des Schiffes, Herrn Günther Leinhäuser, und gegen einen anderen Beteiligten.

SPIEGEL: Wollen Sie Herrn Leinhäuser wirklich umbringen?

TWOMEY: Die Urteile werden von uns vollstreckt werden, zu einer Zeit und an einem Ort unserer Wahl.

SPIEGEL: Solche Racheakte helfen Ihnen freilich auch nicht über die gegenwärtigen Schwierigkeiten in der Republik Irland hinweg. Die Regierung Cosgrave scheint fest entschlossen, jeden IRA-Mann ins Gefängnis zu bringen, dessen sie habhaft werden kann.

TWOMEY: Erstens: vorläufig fliegen der ehrenwerten Regierung die Gefangenen eher weg, als daß sie sich fangen lassen. Zweitens: es gibt hier in der Tat einige Politiker, die über das hinausgehen, was wir auf die Dauer dulden können, ich kann denen nur raten, heute nacht ihren Schlaf zu genießen -- vielleicht werden sie morgen schon keine Gelegenheit mehr dazu haben.

SPIEGEL: Bisher haben Sie das Kabinett in Dublin zwar nicht als rechtmäßige Regierung Irlands anerkannt, aber auch nie gegen sie gekämpft. Soll das anders werden?

TWOMEY: Ich spreche von jenen Politikern, die alles verraten, wofür irische Patrioten und Märtyrer jahrhundertelang gekämpft haben und gestorben sind. Der Tag der Abrechnung wird kommen, schneller, als die Betroffenen es sich träumen lassen.

SPIEGEL: Gehört auch Premierminister Liam Cosgrave dazu?

TWOMEY: Sein Vater hat den Tod von 77 Republikanern zu verantworten. Der Sohn ist nicht besser: er veranstaltet einen gigantischen Ausverkauf mit all dem, wofür irische Patrioten Generationen lang gekämpft haben. Seine Gefängnisse sind voll mit republikanischen Soldaten. Natürlich gehört er zu den Politikern, von denen ich spreche. Und er wird dafür büßen.

SPIEGEL: Noch ein Wort zu den Waffen. Sie sagten vorhin, die IRA hätte alle Waffen, die sie braucht.

TWOMEY: Ja, wir haben genug Waffen, und das ist keine Propaganda. Wir haben die modernsten Waffen, die wir uns wünschen können -- und wir werden sie sehr bald einsetzen. Das sind keine selbstgebastelten Mörser mehr, mit denen wir unsere eigenen Leute oft genug gefährdeten, weil wir nichts Besseres hatten. Wir haben die russische Panzerfaust RPG-7. Wir haben auch ferngesteuerte Waffen, elektronisches Gerät. Aber unsere Leute mußten erst einmal daran ausgebildet werden. Solche Waffen können sie nicht einfach jedem Freiwilligen in die Hand drücken. Die halbjährige Ausbildungszeit ist jetzt vorbei, und Sie werden sehen ...

SPIEGEL: Wann und wie werden sie eingesetzt werden?

TWOMEY: Das werden Sie ja sehen. Aber so viel jetzt: wir werden sehr bald auch aus der Luft kämpfen, vielleicht sogar auf dem Wasser ...

SPIEGEL: Also eine "Republican Air Force", wie sie seit Ihrer Flucht in den Pubs besungen wird?

TWOMEY: Das wäre vielleicht übertrieben. Aber wir werden Kommando-Unternehmen aus der Luft durchführen. Und unsere Unternehmen werden eine größere Dimension annehmen als alles, was wir bisher gemacht haben. Darauf haben wir uns vorbereitet in den vergangenen Monaten. Wir haben regelrechte Manöver veranstaltet, das letzte vor zwei Wochen. Da haben über 1000 IRA-Soldaten in einer einzigen Nacht über 100 Straßen kontrolliert, in ganz Nordirland. Kein einziger unserer Leute wurde gefangen. Wir haben zweimal Züge auf der Straße Belfast-Dublin entführt, insgesamt zehnmal den Verkehr auf der Linie unterbrochen -- und der Erfolg: es gibt keine Nachtzüge zwischen den beiden Kolonial-Metropolen mehr, zwischen Belfast und Dublin, sie wurden eingestellt. Solche Operationen mußten wir üben, für das, was kommt.

SPIEGEL: Was ist das, was kommt?

TWOMEY: Simultane Schläge, immer wieder, im ganzen Land. Kommando-Unternehmen. wie es sie noch nie in diesem Krieg gegeben hat. Wir werden siegen.

SPIEGEL: Und wenn nicht?

TWOMEY: Wir werden siegen. Nur weiß ich nicht, ob ich es erlebe. Denn ich kann morgen sterben, wie schon viele IRA-Soldaten gefallen sind. Auch viele meiner eigenen Brigade in Belfast verloren ihr Leben, junge Menschen, die viel jünger waren als ich und die gestorben sind für ein freies, gerechtes, nationales Irland. Ich bin genauso gern bereit zu sterben wie diese jungen Leute, die ich in den Einsatz geschickt habe.

* Im Hamburger Hafen.


DER SPIEGEL 47/1973
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