17.09.2005

Im Kanzleramt

Von Fleischhauer, Jan

Für den Job gibt es keinen Arbeitsvertrag, und das Risiko, gemobbt zu werden, ist groß. Dafür sind Einfluss und Macht beträchtlich, und auch die Bezahlung ist nicht schlecht. Zum Kanzler gewählt werden kann theoretisch (fast) jeder Deutsche. Eine Handreichung für alle Interessenten. Von Jan Fleischhauer

Der Tisch, der im 7. Stock des Bundeskanzleramts steht, ist 3,90 Meter lang und 1,30 Meter breit, er hat eine leicht geschwungene Form und wiegt so viel, dass er mit einem Kran durch das Fenster an seinen Platz geschafft werden musste. Die Platte ist aus Pressholz und blaugrau lackiert. Links steht ein schwarzer Flachbildschirm, rechts sind drei schwarze Alcatel-Telefone, dazu ein einzelner schwarzer Hörer zum Mithören eines Gesprächs. Unter dem Tisch gibt es eine Taste, so groß wie ein Lichtschalter. Wenn man darauf drückt, klingelt es draußen, und die Polizei steht in der Tür.

Dies ist jetzt Ihr Schreibtisch. Von hier aus werden Sie Deutschland regieren.

Sie haben es geschafft. In wenigen Tagen werden Sie Bundeskanzler sein. Das Bundespräsidialamt hat sich bereits gemeldet, um einen Termin für die Amtsübergabe zu vereinbaren. Sie werden pünktlich erwartet, der Termin dauert nur wenige Minuten. Sie sind kurz vorm Gipfelpunkt Ihrer Karriere.

Auf dem Weg zum Präsidenten werden Sie womöglich noch Ihren Vorgänger sehen, wie er mit der Entlassungsurkunde gerade das Haus verlässt, in der blauen Leinenmappe mit dem Bundesadler auf dem Deckel. Für einen kurzen Augenblick ist Deutschland jetzt ohne richtigen Kanzler, aber dann stehen Sie schon vor Horst Köhler, und das Interregnum ist vorbei: In dem Moment, in dem Sie die Ernennungsurkunde mit Ihrem Namen darauf in Händen halten, sind Sie im Amt.

Am Nachmittag werden Sie dann im Plenarsaal des Bundestags auf der Regierungsbank sitzen, die Vereidigung ist meist am Nachmittag. Vor Ihnen liegt ein Strauß Blumen in Cellophan eingeschlagen, der Bundestag ist voll, die Bänke neben Ihnen sind noch leer. Sie haben geschworen, Ihre Amtspflichten gewissenhaft zu erledigen. Von den sieben Kanzlern, die Deutschland bislang hatte, haben sechs den Amtseid mit dem Satz "so wahr mir Gott helfe" beschlossen, nur Gerhard Schröder hat auf die religiöse Formel verzichtet.

Als Angestellter sind Sie in einem sogenannten prekären Arbeitsverhältnis. Ihr Arbeitgeber ist jetzt die Bundesrepublik Deutschland, aber Sie haben weniger

Schutzrechte als jeder Mini-Jobber. Einen richtigen Arbeitsvertrag wird es nie geben und damit auch keine genaue Arbeitsplatzbeschreibung.

Jeweils zum 1. eines Monats bekommen Sie Ihr Gehalt von der Bundesbesoldungskasse auf ein Konto Ihrer Wahl überwiesen, 14 893,25 Euro brutto stehen Ihnen im Monat zu, dazu kommen 810,24 Euro Ortszuschlag und 1022,58 Euro Dienstaufwandsentschädigung.

Sie zahlen Solidaritätszuschlag, aber keine Arbeitslosenversicherung und keinen Rentenbeitrag. Im Gegenzug werden Ihnen eine Reihe von Leistungen in Rechnung gestellt, die Ihr Beruf mit sich bringt: die Miete für die Dienstwohnung, die private Nutzung des Dienstwagens. Sie hätten nichts dagegen, nach einem Theaterbesuch ein Taxi zu nehmen, aber das erlaubt die Sicherheit nicht. Also müssen Sie die Limousine nehmen, die vor dem Theater auf Sie wartet, und entsprechend zahlen. Sie werden schnell feststellen, dass es auch als Kanzler nichts geschenkt gibt.

Was genau Ihre Aufgaben sind, ist nirgendwo richtig festgehalten. "Der Bundeskanzler bestimmt die Richtlinien der Politik und trägt dafür die Verantwortung", heißt es im Grundgesetz nur; außerdem ist festgelegt, dass Sie während Ihrer Zeit als Regierungschef keinen anderen Beruf ausüben dürfen.

Sie haben sich viel vorgenommen. Sie haben große Erwartungen geweckt, andernfalls wären Sie nicht gewählt worden. Sie haben versprochen, die Dinge zum Besseren zu wenden. Nun erwarten die Leute, dass es auch besser wird. Oder sie warten darauf, dass sich nichts ändert, damit sie besser gegen Sie arbeiten können. Als Regierungschef haben Sie die Mehrheit, aber das heißt nicht, dass Sie die lange behalten.

Noch ist alles etwas unwirklich. Es war ein harter Wahlkampf. Bis zum Schluss haben Sie gefürchtet, dass es nicht reichen könnte. Sie sind aufgeregt, ein wenig euphorisch, aber auch sehr müde. Eigentlich könnten Sie jetzt zwei Wochen Urlaub gebrauchen, doch das geht natürlich nicht.

Sie stehen am Fenster Ihres Büros, vor Ihnen erstreckt sich die Reichstagswiese, dahinter das Parlament, die Spree. Sie können von Ihrem Platz die Menschen in der Kuppel des Reichstags sehen. Das Kanzleramt ist an der Ostfront, an der das Kanzlerbüro liegt, 36 Meter hoch, der Reichstag 47 Meter. Der Höhenunterschied soll Ihnen zeigen, wem Sie dienen.

Ihr Zimmer ist so groß wie bei anderen Leuten ein Einfamilienhaus. Es hat 142,5 Quadratmeter, es sind 15 Schritte zum Sekretariat, 10 zu der Sitzgruppe am Fenster.

Gästen kommen Sie auf der Hälfte des Weges entgegen, schon um Missverständnisse zu vermeiden. Vor dem Schreibtisch stehen zwei Stühle, aber die sind nur für enge Mitarbeiter. Im Gespräch mit Besuchern ist Ihr Platz das graue Stoffsofa mit der Rückenlehne zum Licht. Es staubt etwas, wenn Sie zu schwungvoll Platz nehmen.

Im Augenblick ist das Zimmer noch leer. Ihr Vorgänger hat schon alles einpacken lassen, die Familienbilder auf dem Schreibtisch, die Erinnerungsstücke von Reisen. Was ihm gehörte, passte in einen Karton. Kanzlerschreibtische sind immer aufgeräumt, der Arbeitsplatz des Kanzlers ist ja ein öffentlicher Raum. Er ist häufig im Fernsehen zu sehen und auf Hunderten von Fotos. Er ist ein Symbol.

Der Raum darf nicht zu kalt oder gar unbehaust wirken, schon deshalb sollten immer ein paar persönliche Dinge zu sehen sein. Aber er darf auch nicht so aussehen, als würden Sie in Arbeit ertrinken. Ein Tisch, auf dem sich die Akten stapeln, sieht nach Überarbeitung aus, schlechter Organisation, Fehlplanung. Sie wollen entspannt wirken, gelassen, Sie haben die Dinge im Griff, jedenfalls nach außen. Also ist Ihr Schreibtisch ordentlich, aber nicht leer. Ein Kanzlertisch eben.

DIE ERSTEN TAGE

Es gibt so viel, was Sie nun entscheiden müssen. Zum Beispiel die Wohnungsfrage.

Wo wohnt ein Kanzler? Früher war das einfach, da zogen die Neuen in den Kanzlerbungalow, einen Flachbau am Rhein, den Ludwig Erhard 1963 bei dem Architekten Sep Ruf in Auftrag gegeben hatte. Fünf Zimmer, zwei Ankleideräume, zwei Bäder und ein sehr schöner Blick in den Garten. Helmut Schmidt hat hier 9 Jahre verbracht, Helmut Kohl alle 16. Es heißt, beide hätten sich wohl gefühlt. Es war jedenfalls praktisch: Die Tage sind lang, die Abende auch, da will man schnell das Bett erreichen.

Berlin bietet mehr Möglichkeiten, das macht die Entscheidung schwieriger. Da ist zunächst die Residenz in der Pücklerstraße in Dahlem, eine ehemalige Fabrikantenvilla mit rotem Walmdach und weißer Fassade, die 1999 von der Architektin Gesine Weinmiller extra für den Kanzler umgebaut wurde. Gerhard Schröder war das Haus aber zu teuer, er sollte 4000 Mark für die Privaträume zahlen, 26 Mark pro Quadratmeter, das hatte jemand in der Oberfinanzdirektion Berlin, die das Haus vermietet, als ortsübliche Vergleichsmiete ausgerechnet. Jetzt wohnt erst einmal der Bundespräsident in der Villa, weil Schloss Bellevue renoviert wird.

Schröder ist dann ins Kanzleramt gezogen, in den 8. Stock, direkt über sein Arbeitszimmer. Eine Treppe, die von einer Bücherwand verborgen wird, verbindet beide Räume, näher kann man seinem Arbeitsplatz nicht sein.

Die Wohnung hat mehrere unbestreitbare Vorteile: Wer im Kanzleramt wohnt, muss sich nicht sorgen, dass morgens keine Butter im Kühlschrank ist oder die Seife fehlt. Auch das Bett wird gerichtet und der Staub gewischt. Einmal die Woche kommt der Fahrer und bringt die schmutzigen Hemden in die Reinigung.

Der Nachteil dieser Wohnung ist, dass sie vom Architekten nie als solche geplant war. Das Schlafzimmer ist so klein, dass gerade ein Bett hineinpasst. Weil die Betonkonstruktion des Hauses es nicht anders erlaubt, laufen die Wände an einer Seite spitz zusammen, weshalb das Zimmer

einen dreieckigen Grundriss hat. Das Bad, das ursprünglich neben dem Schlafzimmer lag, wird nun als Kleiderkammer genutzt: Die Fenster gehen dort bis zum Boden. Jetzt liegt das Bad neben der Küche, die man wiederum erst dann erreicht, wenn man die beiden riesigen Repräsentationsräume durchquert hat, die zwischen den beiden Teilen der Kanzlerwohnung liegen. Kurz gesagt: Auf dem normalen Berliner Mietmarkt wäre diese Wohnung, trotz der spektakulären Lage, nur mit erheblichem Preisnachlass zu vermieten. Der Bund berechnet für die 28 Quadratmeter plus Bad etwas über 500 Euro, Verhandlungen sind aussichtslos.

So gesehen sollten Sie sich ernsthaft überlegen, ob Sie nicht eine eigene Wohnung in Berlin beziehen. Ein ganzer Stab von Sicherheitsbeamten steht bereit, Sie bei der Wahl eines geeigneten Objekts zu beraten. Man wird Ihnen eine Villa im Grunewald empfehlen, ein Reihenendhaus in Lichterfelde, in jedem Fall aber ein Objekt, das sich leicht schützen lässt. Geben Sie den Sicherheitsexperten nicht allzu freie Hand, Ihr Haus sieht sonst am Ende wie das von Helmut Kohl aus, das der Architekt mit einem "Gefängnishof" verglich.

Sollten Sie sich in den Kopf gesetzt haben, in der Stadt leben zu wollen, am besten noch in einer Altbauwohnung, wie es Vizekanzler Joschka Fischer vormachte, wäre ein Gespräch mit den Nachbarn ratsam. Sie sollten sie schonend auf einige Umbaumaßnahmen vorbereiten. Alle Fensterscheiben in Ihrer Etage würden durch 80 mm dickes Panzerglas ersetzt, 180 Kilogramm den Quadratmeter, Beschussklasse C5. Im Eingang, im Treppenhaus und im Fahrstuhl würden Videokameras installiert, niemand könnte das Haus ohne Kontrolle betreten, jeder Besucher müsste sich ausweisen. Immerhin hätten Sie das Argument auf Ihrer Seite, dass dann kein Haus in Berlin so gut gegen Einbrecher geschützt ist wie Ihres. Die Kriminalpolizei empfiehlt die drei L als Abschreckung: Licht, Lärm, Leute. Sie haben Ihren Nachbarn alle drei zu bieten.

Die ersten Tage als Kanzler werden Sie in einen Zustand nervöser Erschöpfung versetzen. Das Bundeskanzleramt ist größer als das Weiße Haus, größer auch als der Élysée-Palast, von Downing Street 10 ganz zu schweigen. 464 Menschen arbeiten hier; es ist am Anfang alles sehr verwirrend.

Für jedes Thema und jedes Problem gibt es einen Experten, viele davon werden Sie auch nach Jahren nicht erkennen, wenn Sie ihnen einmal begegnen sollten. Es gibt sechs politische Abteilungen, die sich in insgesamt 47 Referate unterteilen. Es gibt ein ganzes Heer von Juristen, Politologen, Wirtschaftswissenschaftlern und Verwaltungsfachleuten, die aufpassen, was all die anderen Juristen, Politologen und Verwaltungsfachleute in den Ministerien treiben. Ihre Referate heißen deshalb auch Spiegelreferate. Es gibt drei Gärtner, die sich um die Pflege der Wintergärten kümmern, mehrere Klimatechniker, Handwerker unterschiedlichster Profession.

Es ist ein perfekt abgestimmter Apparat, dazu geschaffen, Ihnen das Regierungsgeschäft zu ermöglichen. Für einen kurzen Moment hat der Apparat innegehalten, um Sie aufzunehmen. Dann hat er wieder an Fahrt gewonnen. Schon am Tag nach Ihrer Vereidigung liegen die ersten Vermerke auf dem Tisch, die Sie abzeichnen sollen, Vorlagen, Briefe. Wenn Sie Pech haben, steht bereits in der ersten Woche ein G8-Gipfel an, ein Treffen der europäischen Regierungschefs, eine Uno-Vollversammlung.

Konzentrieren Sie sich also auf das Wesentliche. Die drei wichtigsten Mitarbeiter sind für Sie Ihre Sekretärin, Ihr Büroleiter, der Kanzleramtschef. Dies sind die Menschen, die Sie in den nächsten Jahren am meisten sehen werden und die darüber maßgeblich entscheiden, was Sie zu hören, zu lesen und zu sehen bekommen. Die drei sind Ihr Filter für die Welt. Der Filter darf nicht zu dicht, aber auch nicht zu durchlässig sein.

8000 Dokumente werden in einem guten Monat im Kanzleramt produziert. Selbst ein Aktenfresser wie Helmut Schmidt, der sich die Papiere noch jeden Tag per Kurier in den Urlaub nachschicken ließ, konnte da nicht mithalten. Muss man als Kanzler auch nicht: Helmut Kohl hat die meiste Zeit im Amt am Telefon verbracht, Schröder schätzt vor allem den mündlichen Vortrag.

Erledigen Sie das Unangenehme, solange Sie noch Kraft dazu haben. Sie werden nicht umhinkommen, Abteilungsleiter auszutauschen, vielleicht auch den einen oder anderen Referatsleiter. Sie müssen sicherstellen, dass Ihre Politik auch befolgt wird.

Wenn Sie einen neuen Akzent in der Außenpolitik setzen wollen, brauchen Sie einen Wechsel in der Abteilung 2, Auswärtige

Beziehungen, Globale Fragen. Kaum war Schröder im Amt, ließ er Joachim Bitterlich ablösen, Kohls treuen Sherpa. Wo Sie hingegen Kontinuität zeigen wollen, kann die Weiterbeschäftigung sinnvoll sein. Ministerialdirektor Bernd Pfaffenbach, zuletzt Leiter der für Wirtschaft und Finanzen zuständigen Abteilung 4, hat unter Kohl und Schröder gedient.

Machen Sie sich mit dem Amt vertraut. Nehmen Sie einen der beiden Fahrstühle, die normalerweise auf Durchfahrt geschaltet werden, wenn Sie mit den Leibwächtern einsteigen, und lassen Sie im 5. Stock halten, wo die Leitungsebene endet. Zum Tiergarten hin liegt der große Bankettsaal, in dem Sie Empfänge und Essen ausrichten werden. 120 Gäste haben hier Platz, für größere Staatsbankette wird Schloss Charlottenburg gemietet.

Die Küche ist ein Stockwerk tiefer, auf der Geheimetage, wo der abhörsichere Raum für den Krisenstab liegt und das Lagezentrum, das rund um die Uhr die Nachrichten aus aller Welt auswertet. Ulrich Kerz heißt Ihr Koch, Schröder hat ihn eingestellt, weil er sich auf deftige deutsche Kost versteht. Er kann ein ganz vorzügliches Eisbein mit Erbsenpüree zubereiten, was der französische Staatspräsident Jacques Chirac liebt, wenn er auf Besuch ist. Soßen sind nicht seine große Stärke. Die meiste Zeit steht die Küche allerdings leer. Kerz kocht nur bei kleineren Empfängen, für die großen Dinner werden bekannte Restaurants als Ausrichter verpflichtet, das Borchardt zum Beispiel oder das Aigner. Wenn Sie noch eine Etage tiefer fahren und sich vom Fahrstuhl aus rechts halten, kommen Sie am Weinkeller vorbei, am Blumenkühlraum und an der Asservatenkammer, in der die Gastgeschenke von den Kanzlerreisen weggeschlossen sind.

Nicht ganz unwichtig: der Getränkeautomat im Seitenflügel, gleich hinter dem Büro der Gleichstellungsbeauftragten. Ab 17 Uhr ist die Kantine dicht; auch Kerz ist abends nicht mehr da, es sei denn, Sie haben Gäste. Wenn Sie also von einem Termin spät ins Amt kommen, sollten Sie für einen Imbiss rechtzeitig anhalten. Oder Sie lassen an die Pforte liefern. Die nächsten Lieferdienste sind: Call a Pizza in der Mohrenstraße, Lieferzeit 20 Minuten; Thai-Sushi-Bar in der Chausseestraße, Lieferservice bis drei Kilometer frei; Asia Snack im S-Bahnhof Friedrichstraße, Lieferung ab 10 Euro ohne Anfahrtskosten.

DIE ROUTINE

Der Kanzlertag beginnt um sieben Uhr, das ist die Weckzeit, die erfahrungsgemäß der Terminplan erzwingt. Weil viele deutsche Kanzler Langschläfer waren, wurde Deutschland in den vergangenen 56 Jahren ziemlich oft von Morgenmuffeln regiert. Willy Brandts Stimmungsverdüsterungen waren legendär, auch Schröders Laune ist morgens gefürchtet. Mit vorgeschobenem Kiefer und geröteten Augen biegt er um die Ecke, seine joviale Art kommt oft erst gegen Mittag durch.

Ihr Amt war nicht untätig, während Sie schliefen. Wenn Sie Ihr Büro betreten, finden Sie auf Ihrem Schreibtisch zwei dicke Mappen. Die erste enthält die sogenannte Nachrichtenlage, das sind alle Meldungen, die bis zum Morgen im Lagezentrum eingegangen sind und politisch bedeutsam sein könnten. Keine ist allerdings so wichtig, dass sie zum sofortigen Handeln zwingen würde, andernfalls hätte man Sie schon in der Nacht alarmiert.

In der zweiten Mappe, Kanzlermappe genannt, finden Sie alle Pressestimmen, die Kommentare und Berichte der Radio- und Fernsehstationen, ein gewissenhafter Ausschnittdienst aller Leitartikel. Dazu kommen noch die Zeitungen, die Sie abonniert haben, weil Sie sehen wollen, wo die Artikel stehen, die Sie in Kopie als Ausriss haben.

Kein Mensch kann das alles lesen, schon gar nicht in der knapp bemessenen Zeit eines Kanzlermorgens, und deshalb liegt auf dem Papierberg noch eine dritte Mappe. Diese Mappe enthält die entscheidenden Seiten der beiden anderen, die ganz wichtigen Stellen sind zudem gelb markiert. Lob und Tadel springen also unverstellt hervor. Weil es in der Regel deutlich mehr Kritik als Zustimmung gibt, schlägt Ihnen das Presseecho in ungemilderter Brutalität entgegen.

Um 8.30 Uhr betritt der Kanzleramtschef den Raum, gefolgt vom Pressechef und dem Büroleiter. Manchmal ist noch ein Abteilungsleiter dabei, der Redenschreiber, ein Meinungsforscher, das hängt davon ab, was noch ansteht. Unter Kohl stand Renate Köcher von Allensbach hoch im Kurs, Schröder vertraut mehr dem Forsa-Chef Manfred Güllner, einem Mann mit traurigem Blick, der immer so leise redet, dass man sich ihm entgegenbeugen muss. 8.30 Uhr ist die Zeit für die Morgenlage, die Runde der Vertrauten, das Manövergespräch im engsten Kreis.

Ihr Kanzleramtschef wird Ihnen in schöner Offenheit berichten, welche Informanten er hinter den Gilbungen in dem unerfreulichen Artikel vermutet, den Sie gerade gelesen haben, wo die Durchstecher in Ihrer Regierung sitzen, die Hinterbringer und Miesmacher. Die Morgenlage demonstriert Ihnen also nicht nur die ganze Schlechtigkeit der Welt, sondern zeigt auch, wer die Schlechten sind.

Während Sie noch an der Enttäuschung kauen, dass Sie wieder ein politischer Freund verraten hat, wartet vor der Tür schon der erste Besucher. Damit kein Termin verloren geht, wird der Terminplan doppelt geführt, einmal im Buch und einmal im Computer. Sie werden überrascht sein, wie schnell sich ein Tag füllt.

5200 Verbände und Vereine stehen im "Oeckl", dem Taschenbuch des Öffentlichen Lebens. Sie werden vielleicht noch nie von der Schilddrüsen-Liga Deutschland e. V. gehört haben, der Interessengemeinschaft zur Förderung der Verkaufsverpackungen aus Karton oder dem Verband bergbaugeschädigter Haus- und Grundeigentümer, aber das bedeutet nicht, das diese Clübchen nicht für Sie wichtig werden könnten. Sie alle repräsentieren Wirtschaftsinteressen, Sozialbelange, Wählergruppen. 40 Termine hat ein Kanzler pro Woche, das sind 2000 pro Jahr, 8000 in einer Legislaturperiode. Man kann in einer Kanzlerschaft beim Gang durch den Oeckl also ziemlich weit kommen.

Von einem Kanzler wird Allwissenheit erwartet. Sie werden über die Novelle des Vierten Finanzmarktförderungsgesetzes reden, die Probleme der Feuerversicherung in Deutschland, die Aufzucht von Hennen in Freilandgehegen. Wahrscheinlich beschäftigt sich Ihr Gesprächspartner schon seit Jahren mit dem Problem, das er Ihnen nun vorträgt, er kann sich gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die dessen Bedeutung nicht sehen. Er wäre tief enttäuscht, wenn er erfahren müsste, dass der Kanzler bis eben ahnungslos war.

Zum Glück gibt es den "Turbo". Der "Turbo" ist die Quintessenz eines Aktenvorgangs, die Zusammenfassung der Zusammenfassung. Er ermöglicht es Ihnen, mit minimalem Aufwand zu jedem beliebigen Thema kompetent zu erscheinen. Der "Turbo" listet auf einer Seite die Basisfakten auf, er referiert in einem Satz die Auffassung des Gesprächspartners ("Gegenposition"), dazu die Meinung, die Sie vertreten sollten ("Unsere Position"). Wenn Sie dem "Turbo" folgen, kann eigentlich nichts schief gehen. Manchmal haben Sie eine spontane Idee, eine Eingebung, dann wird der Apparat nervös. Der Apparat hasst es, wenn der Kanzler vom "Turbo" abweicht. Sie werden das an der Reaktion Ihrer Berater sehen, die daneben sitzen. Sie rutschen unruhig auf dem Stuhl hin und her, sie beginnen zu hüsteln, sie sehen auf die Uhr.

Alle Türen stehen Ihnen offen, das ist die angenehme Seite Ihrer Macht. Sie können nahezu jeden treffen, den Sie schon immer treffen wollten. Ein Abendessen mit Michael Schumacher? Ihr Vorzimmer wird es diskret arrangieren. Ein Termin mit Bill Gates? Ein Anruf im Referat 211, das für die USA zuständig ist, und bei der nächsten Amerikareise wird man sich irgendwo sehen.

Besonders dankbare Gäste sind naturgemäß Intellektuelle. Kulturschaffende haben gemeinhin eine hohe Meinung von sich, fühlen sich aber in der Öffentlichkeit nicht ausreichend gewürdigt. Die vergnüglichsten Stellen in Klaus Harpprechts Buch über seine Jahre im Kanzleramt sind seine Gespräche mit Günter Grass, in denen der Schriftsteller seiner Enttäuschung freien Lauf lässt, nicht öfter von Brandt zu Rate gezogen zu werden: Er, Grass, sei dem Wähler viel näher als die Partei.

Es gibt viele Möglichkeiten, der Eitelkeit zu schmeicheln. Sie können zu einer Lesung ins Kanzleramt laden oder zu einem Hauskonzert. Das gibt schöne Bilder und möbelt gleichzeitig Ihr Image als Schöngeist auf. Auslandsreisen bieten eine besonders gute Gelegenheit, sich in der Kulturszene zu empfehlen. Der Schriftsteller

T. S. wird Ihnen nie vergessen, dass Sie ihn auf Ihren ersten Kanzlerbesuch nach China mitgenommen haben. Er wird noch Jahre später das kleine Programmheft aufbewahren, das die Mitglieder der Delegation aufführt, mit ihm als "SoGaKu", als Sondergast Kultur.

"Kognitive Dissonanz" heißt in der Psychologie der Zustand, in den jemand gerät, der laufend widersprüchliche Botschaften empfängt. Die Welt, in der Sie sich bewegen, ist eine freundliche Welt. Sie werden in Ihrem Umfeld viel Zuspruch und Anteilnahme erfahren, auch Schmeichelei. Wer zu Ihnen vordringt, ist nicht gekommen, um sich mit Ihnen anzulegen. Umso erstaunlicher ist es deshalb für Sie, was Sie über sich in den Zeitungen lesen müssen, die Kritteleien, die boshaften Attacken aus der zweiten Reihe. Je länger Sie im Amt sind, umso schwerer wird es für Sie, beide Welten in Einklang zu bringen. Die für die Kanzlerpsyche einfachste Methode ist es, die Welt der Kommentare auszublenden und die Welt der Kontakte für die eigentlich reale zu halten.

Zu "Randfiguren der holzverarbeitenden Industrie" erklärte Brandt die Leute mit den hässlichen Artikeln, für Schmidt waren es "Wegelagerer" und "Indiskretins". "Schaffe nix, saufe nur, verdiene zu viel", lautete irgendwann Kohls Urteil über Journalisten.

IM KABINETT

Jeden Mittwoch um 9.30 Uhr ist Kabinettssitzung. Sie kommen ein paar Minuten später, Sie sind immer der Letzte, schließlich sind Sie Kanzler. Ihr Stuhl steht da, wo der Tisch am breitesten ist, genau in der Mitte. Früher war die Lehne etwas höher als die der anderen Stühle, aber das wurde vor vier Jahren geändert. Rechts neben Ihnen sitzt der Vizekanzler, in einer Koalition ist das meist der Außenminister, links der Kanzleramtschef, Ihnen gegenüber der Finanzminister. Die Tischordnung ist ein Spiegelbild der internen Kabinettshierarchie. An jedem Platz steht eine silberne Kaffeekanne, eine schwarze Schale mit zwei grauen Bleistiften, ein Schreibblock.

Gutmütig lassen Sie die Fotografen noch ein wenig gewähren, die den Bürgern ein Bild von der Regierung bei der Arbeit liefern sollen. "So, jetzt wollen wir mal anfangen", sagen Sie, worauf noch einmal ein Blitzlichtgewitter niedergeht. Sie müssen ein wenig auf die Zeit achten, Ihr Kanzleramtschef hat vor sich einen bedrohlich hohen Aktenberg aufgeschichtet.

Der Aktenberg ist eigentlich immer bedrohlich groß. 400 Gesetze bringt eine deutsche Bundesregierung in einer Legislaturperiode auf den Weg, alle wichtigen müssen durch das Kabinett.

"Was haben wir denn heute?", fragen Sie, der Kanzleramtschef schiebt Ihnen eine Vorlage zum ersten Tagessordnungspunkt aus seinem Aktenberg zu. Das Wesentliche ist dort notiert: was die Idee des Gesetzes ist, welche Kosten mit dem Gesetz verbunden sind, wo es Streit gab. Irgendein Ministerium hat immer Einwände; die neue Rußfilterverordnung bringt das Wirtschaftsministerium auf, eine Tageselternrichtlinie des Familienministeriums den Innenminister, und sei es auch nur, weil er nicht rechtzeitig um seine Meinung gebeten wurde.

Der Bürger stellt sich Kabinettssitzungen als den Ort vor, an dem über die Grundlinien der Politik debattiert wird. Der Bürger kennt nicht die Effizienz Ihres Kanzleramtschefs, sein Geschick, Konflikte frühzeitig zu erkennen und zu entschärfen. Er hat ein System entwickelt, Gesetzesentwürfe zu kennen, bevor der zuständige Minister überhaupt weiß, dass er sie einbringen wird. Wo Unstimmigkeiten aufgetreten sind, hat er die zuständigen Referate aufgefordert, sich abzustimmen. Wo das nicht reichte, wurden die Staatssekretäre vorgeladen.

Auf die Tagesordnung kommt nichts, was nicht geklärt ist; das macht die Kabinettssitzung so überraschungsfrei. Eigentlich bräuchten Sie bei jedem Punkt nur um das Handzeichen zu bitten, aber das geht natürlich nicht. Der zuständige Minister sagt also noch einmal, warum das neue Gesetz wichtig ist. Die anderen Minister kramen in ihren Papieren oder starren ins Weite. Manche tuscheln mit ihren Nachbarn, aber das ist schon der direkteste Ausdruck von Missbilligung. Es geht sehr förmlich zu. Im Kabinett reden sich auch Menschen, die sich seit Jahren duzen, mit "Sie" und "Herr Minister" an. Sie sind in dieser Runde grundsätzlich "Herr Bundeskanzler", der Kanzler verzichtet umgekehrt auf Titel und nennt die Minister bei ihrem Nachnamen.

12 bis 14 Punkte stehen in einer normalen Kabinettswoche zur Klärung an. Wenn der Außenminister sich jetzt nicht in einen Vortrag über die Krisenlage in einer Weltregion verliert, von der die meisten noch nicht mal ahnten, dass dort eine Krise herrscht, dann sind Sie in einer guten Stunde durch. Es bliebe also noch etwas Zeit, über die Lage des Landes zu debattieren, über das, was gut läuft oder nicht. Man könnte darüber reden, welche Richtung Sie Ihrer Politik geben wollen.

Sollten Sie so etwas je versuchen: Sie werden diesen Versuch nicht wiederholen. Sie hätten auch gleich eine Pressekonferenz geben können.

Von einer Kabinettssitzung bleibt kein Wort vertraulich. Es ist schon vorgekommen, dass Journalisten aus der laufenden Sitzung per SMS unterrichtet wurden. Andererseits gibt Ihnen dieser quasiöffentliche Charakter auch die Möglichkeit, Minister in ihre Schranken zu weisen und Autorität zu demonstrieren, ohne dass Ihnen der Betroffene vorwerfen kann, ihn direkt

bloßgestellt zu haben. Wenn in den Zeitungen anderntags auch nichts über die Arbeit im Gesetzesberg stehen sollte: Ihr Auftritt findet garantiert Beachtung.

Sie können es damit sogar auf die ersten Seiten schaffen, wenn die Zuträger fleißig waren. "Schröder droht mit Rücktritt", stand in fetten Lettern in "Bild", nachdem Schröder im März 1999 erst die Familienministerin wegen eines unausgegorenen Vorschlags zum Erziehungsurlaub gerüffelt hatte ("Völlig unakzeptabel"), dann den Umweltminister ("Immer dann, wenn wir rot-grüne Verkehrspolitik machen, bekommen wir Probleme") und schließlich den Finanzminister ("So kann das nicht weitergehen"). Der Finanzminister hieß damals Oskar Lafontaine und schmiss am nächsten Tag hin.

Am Anfang wird es öfter vorkommen, dass jemand Neues am Tisch sitzt. Ein Minister hat die Übersicht verloren und sich zum allgemeinen Gespött gemacht. Oder die Presse ist ihm bei einer Mauschelei auf die Schliche gekommen, die auch mit einer Vertrauenserklärung des Kanzlers nicht aus der Welt zu schaffen ist. Die Verfassung gibt Ihnen das Recht, einen Minister jederzeit ohne Angabe von Gründen zu ersetzen. Er wird es vorziehen, seinen Rücktritt anzubieten, wenn Sie darum bitten. Sie nehmen dann mit Bedauern an.

Die Erfahrung lehrt, dass Sie von diesem Instrument in den ersten Jahren relativ großzügig Gebrauch machen werden. Brandt trennte sich in seiner ersten Amtszeit von vier Ministern, Schröder hat in den ersten zwei Jahren nach Regierungsübernahme sechs Minister ausgetauscht.

Doch je länger Sie regieren, desto seltener werden Sie sich von Leuten verabschieden. Das hat weniger damit zu tun, dass Ihre Minister mit der Zeit weniger Fehler machen, es ist eher der Einsicht geschuldet, dass auch neue Gesichter irgendwann nichts mehr wirklich ändern.

Das Angebot ist begrenzt: Kein Unternehmen könnte einen akzeptablen Vorstand unter den Bedingungen bilden, unter denen Sie auf Personalsuche gehen müssen. Nahezu die Hälfte geeigneter Kandidaten ist nicht verfügbar, weil sie in der falschen Partei sind. Ausländer gehen nicht, Wirtschaftsgrößen ist das Gehalt zu gering, Wissenschaftler sind sich zu fein. Also sitzen um den Kabinettstisch viele Leute, die außerhalb der Politik eher Mühe hätten, in Spitzenpositionen zu kommen.

In Kohls erstem Kabinett saßen fünf Rechtsanwälte, zwei Regierungsräte, ein Diplom-Kaufmann, ein Sinologe, ein Landwirt, ein Chemiker, ein Werkzeugmacher, ein Privatdozent, eine Diplom-Volkswirtin. Bei Schröder waren es ein Buchhändler, eine Apothekerin, drei Rechtsanwälte, eine Lehrerin, ein Journalist, ein Fliesenleger, ein Diplom-Physiker, eine Druckerin, ein Angestellter, ein Volkswirt, ein Sozialarbeiter.

GROSSE DIPLOMATIE

Deutschland ist das meistbesuchte Land der Welt, jedenfalls was offizielle Gäste angeht. Es verfügt über eine angenehme Mittellage, es ist wichtig genug, dass ein Staatsbesuch zu Hause Eindruck macht, aber auch wiederum nicht so wichtig, dass man sich als Gast eingeschüchtert fühlen müsste. Außerdem sind die Deutschen in der Vergangenheit von Kanzlern regiert worden, die über ein umgängliches Wesen verfügten, so dass man gern vorbeischaut. 282 offizielle Gäste waren es im letzten Jahr, Präsidenten und Außenminister inklusive.

Der rege Verkehr ist natürlich sehr schön, schließlich haben die Deutschen einen gewissen Nachholbedarf in puncto Beliebtheit im Ausland. Andererseits sind die vielen Besuche auch eine rechte Plage, zumal nicht alle Gäste gleich interessant sind. Zwei Stunden mit Tony Blair sind immer ein Gewinn, der Mann hat viel durchgemacht, da gibt es Gesprächsstoff. Aber zwei Stunden mit dem mongolischen Ministerpräsidenten?

Protokollarisch gesehen ist es die Pflicht des Bundeskanzlers, den Ministerpräsidenten eines anderen Landes zu empfangen. Andererseits steht vor dem Protokoll die Protokollabteilung, und nirgendwo ist schriftlich niedergelegt, wie schnell Sie Zeit finden müssen. Alle Einzelheiten sind Prestigefragen und damit Verhandlungssache: die Besuchsdauer, die Größe der mitreisenden Delegation, das Rahmenprogramm. Seien Sie nicht zu nachsichtig bei der Delegationsgröße: Für die Unterbringung kommt immer das einladende Land auf.

Niemand erwartet, dass Sie den Gast am Flughafen abholen. Fünf Minuten vor Ankunft im Kanzleramt wird der Protokollchef aus dem Auto im Büro anrufen, die Sekretärin wird den Kopf zur Tür hereinstecken und Bescheid geben, so dass Sie pünktlich an der Eingangstür stehen.

Der Wagen fährt vor, jemand öffnet die Tür, der Gast tritt ins Freie. Der Händedruck sollte nicht zu lasch sein, aber auch nicht so fest, dass Ihr Gegenüber den Eindruck hat, Sie wollten ihm etwas beweisen. Wenn Sie unsicher sind, wo Sie beim Abschreiten der Ehrenformation stehen bleiben müssen, hilft Ihnen Ihr Protokollchef aus. Es gibt zudem einen Diplomaten-"Turbo", der nicht nur alles Wissenswerte über das Gastland enthält, sondern auch kleine Schaubilder mit den Schrittfolgen. Das ist besonders bei Auslandsreisen hilfreich, wo Sie sich auf unbekanntem Terrain bewegen und schnell in Gefahr sind, in die falsche Richtung zu laufen.

Die wichtigste Regel lautet grundsätzlich: Nie den

Protokollchef aus den Augen verlieren! Versuchen Sie auch gar nicht erst, die Sprache des Gastes zu sprechen. Ihr Dolmetscher wird Sie so elegant Französisch, Japanisch oder Russisch reden lassen, dass es eine Freude ist, Ihnen zuzuhören. Achten Sie nur darauf, dass Sie alle 30 Sekunden eine Pause einlegen, er kommt sonst mit dem Übersetzen nicht nach.

Protokollarischer Höhepunkt eines Besuchs ist der Geschenkeaustausch. Die meisten Leute haben schon Schwierigkeiten, sich etwas für ihre Ehefrau auszudenken. Was schenkt man dem Emir von Bahrein oder dem Sultan von Brunei? Auch hier ist auf das Protokoll Verlass. Der Botschafter hat Vorschläge unterbreitet, eine Liste mit Geschenkideen ist Ihnen beizeiten zugegangen. Sie brauchen also nur freundlich zu lächeln, wenn der Gast sein Geschenk bestaunt, und Ihrerseits erfreut sein, wenn die Reihe an Ihnen ist.

Es wird das letzte Mal sein, dass Sie Ihr Geschenk sehen, bevor es hinunter in die Asservatenkammer kommt, zu der goldenen Oase aus Katar, dem Sektkübel des amerikanischen Präsidenten, den beiden maßgeschneiderten Pelzen für Doris Schröder-Köpf und Tochter Klara. Alles was Sie erhalten, müssen Sie abgeben, nicht einmal einen Füllfederhalter können Sie behalten. Nur bei verderblichen Waren macht man eine Ausnahme: Den Rotwein von Jacques Chirac dürfen sie selber trinken.

Falls Sie sich mal beim Pressechef des Amtes erkundigen sollten, was eigentlich mit all den Geschenken passiert, die sich über die Jahre ansammeln, wird er Ihnen verschämt das Wort "Vebeg" zumurmeln. Die Vebeg GmbH ist das Ebay des Bundes, "erlösbringende Verwertung von gebrauchten Gütern" lautet der Auftrag der bundeseigenen Gesellschaft.

UNTERWEGS

Zu den ungetrübten Vergnügen des Kanzlerseins gehört das Autofahren. Sie müssen sich nie mehr um einen Parkplatz sorgen, Sie stehen auch nicht mehr im Stau. Wo Sie hinkommen, ist immer freie Fahrt. In Berlin braucht es dazu nicht einmal Blaulicht. Auf der Kanzlerstrecke werden alle Ampeln auf Grün geschaltet, diesen Luxus hat niemand sonst in Deutschland. So etwas kann man sich nicht kaufen.

Der Fuhrpark des Kanzlers umfasst: einen BMW der 7er Reihe, einen S-Klasse-Mercedes, einen VW Phaeton. Die Wagen sind alle mit Telefon und Fax ausgerüstet. Für die Begleitmannschaft des BKA gibt es drei baugleiche Fahrzeuge, von außen soll nicht erkennbar sein, in welchem Wagen der Kanzler sitzt. Die Autos werden regelmäßig mit wechselnden Nummernschildern versehen. Weil viele Kanzler allerdings das Ortskennzeichen ihrer Heimatstadt bevorzugen, geht der Täuschungsversuch etwas ins Leere: Es gab in Berlin nicht viele schwarze S-Klasse-Mercedes mit LU oder H.

Sie sollten als Kanzler nicht unter Flugangst leiden. Sie werden mehr Zeit in der Luft verbringen als auf der Straße. Auf den Flughäfen Berlin-Tegel und Köln-Wahn stehen sechs Challenger, zwei Airbus 310 mit VIP-Ausstattung, drei Hubschrauber Marke Cougar. Das ist Ihr Fluggerät. Auch wenn ein Kanzlertag 16 Stunden umfasst, ist er immer so dichtgedrängt, dass Sie ständig die Zeit im Blick haben müssen.

Die beiden Airbus "Theodor Heuss" und "Konrad Adenauer" sind der Stolz der Flugbereitschaft. Sie wurden 1990 aus der Konkursmasse der DDR übernommen und für 50 Millionen Mark umgerüstet. Es gibt eine Kanzlerdusche, ein Kanzlerbett, einen Kanzlersalon und neben einem kleinen Besprechungszimmer auch eine komplette Fernmeldezentrale. 91 Passagiere passen an Bord, 12 im VIP-Abteil, 22 in der Business-, 57 in der Economy-Class. Essen und Service sind überall tadellos.

Es wird nicht lange dauern, da werden Sie ein paar Unzulänglichkeiten des Airbus entdecken. Eine Tankfüllung reicht nach Amerika, aber nicht nach Japan und Australien, was Sie zwingt, auf längeren Strecken zwischenzulanden. Auf der letzten China-Reise mit Kanzler Schröder vertrieben kasachische Hostessen den Reisenden die Wartezeit, bis es endlich weiterging. Auf dem Heimflug war die Kanzlermaschine nur noch halb besetzt, die meisten Vertreter der Wirtschaftsdelegation hatten auf dem Weg zurück einen Linienflug 1. Klasse gebucht.

Die Kanzlermaschine ist auch keine Air Force One, mit exklusivem Nutzungsrecht. Der Bundeskanzler teilt sich die Maschinen der Flugbereitschaft unter anderem mit dem Bundespräsidenten, dem Bundestagspräsidenten und seinen Ministern. Protokollarisch kommt der Bundeskanzler an dritter Stelle, das entspricht zwar nicht dem Realitätssinn der Bürger, kann aber zum Problem werden, wenn ein Flugzeug zur Reparatur muss und die anderen Herren gerade selbst Verpflichtungen im Ausland haben. Die "Adenauer" und die "Heuss" hatten letztes Jahr zusammen 60 Wartungstage.

FREIZEIT

Theoretisch können Sie so viel Urlaub machen, wie Sie wollen. Sie haben keinen Arbeitsvertrag, also steht auch nirgendwo, wie lange und wie viel Sie arbeiten müssen. Der Kanzler ist immer im Dienst, unabhängig vom Dienstort. In der Praxis ist es allerdings so, dass Ihr Pressesprecher ziemlich ins Schwitzen käme, wenn er den Bürgern erklären sollte, warum Sie beschlossen haben, die nächsten drei Monate in Ligurien die Seele baumeln zu lassen. Es steht zu vermuten, dass auch sein Hinweis auf vorzügliche Fax- und Telefonverbindungen am Urlaubsort die Öffentlichkeit nicht wirklich beruhigen würde.

Wie viel Urlaub sind für einen Kanzler also angemessen? Eine gute Richtschnur ist hier das Vorbild der Vorgänger. Adenauer gönnte sich eine Auszeit von sieben bis acht Wochen, verteilt auf zwei Urlaube, einen im

Frühjahr und einen im Sommer. Vier Wochen Sommerurlaub galten unter Kohl und Schmidt als Norm, bei Schröder waren es nur noch zwei bis drei Wochen am Stück. Der Trend geht zum Kurzurlaub.

Auch vor der Entscheidung, wo Sie Ihren nächsten Urlaub verbringen, sollten Sie die Öffentlichkeitswirkung bedenken. Sie müssen nicht gleich so weit gehen wie US-Präsident Bill Clinton, der Meinungsumfragen in Auftrag gab, was die Bürger von dieser oder jener Region hielten. Aber die Wahl des Urlaubsortes ist zweifellos imagebildend. Sommerurlaub im Heimatland oder im deutschsprachigen Ausland ist für einen Regierungschef immer eine gute Wahl. Das wirkt bodenständig, patriotisch, unprätentiös. Sie demonstrieren Volksverbundenheit und Sinn für die einfachen Freuden des Lebens. Kohls Urlaub in St. Gilgen am Wolfgangsee wurde zum Zeichen von Beständigkeit in einer unbeständigen Zeit. 30 Jahre im selben Haus einer Münchner Witwe am dunkelblauen See, 30 Jahre zum Nachmittagstee ins Café Dallmann.

Italien ist ebenfalls eine sichere Sache, schließlich hat schon Adenauer seinen Sommer mit Boccia in Cadenabbia verbracht. Frankreich? Ja, aber besser an der Atlantikküste als in St. Tropez oder Cannes. Sie wollen schließlich nicht mit dem Jet-Set in Verbindung gebracht werden. Eindeutig heikel sind Feriengebiete wie die Malediven, die Karibik oder Palmeninseln, die der Wähler sonst nur in "Bunte" oder "Gala" sieht.

Urlaub in südlichen Ländern bietet neben gutem Wetter den Vorteil eines beherzten Schutzes vor Paparazzi. Die Spanier zum Beispiel fackeln nicht lange, wenn sie einen Ehrengast wie den deutschen Kanzler vor Zudringlichkeiten bewahren wollen. Als Schröder im Sommer 2000 auf Mallorca war, wurden aus dem Hubschrauber gemachte Luftaufnahmen seines Feriendomizils kurzerhand von der Guardia Civil eingezogen. Reporter, die vor dem Anwesen herumlungerten, fanden sich "zur Aufnahme der Personalien" auf der Wache wieder.

Wenn Sie gedacht haben, der Urlaubstag beginne mit der gemeinsamen Hinreise, so wie bei den meisten Bürgern, dann haben Sie sich geirrt. Die Sicherheit verlangt, dass der Bundeskanzler grundsätzlich und ausnahmslos an Bord eines Regierungsfliegers reist.

Die Richtlinien der Flugbereitschaft wiederum schreiben vor, dass mitreisende Ehepartner und Kinder ihren Flug bei einer Privatreise selber zahlen. Berechnet wird der Economy-Normaltarif der Lufthansa, das können bei einem Flug nach Italien für eine dreiköpfige Familie 2000 Euro sein. Was Sie vor die Alternative stellt, entweder Ihr Urlaubsbudget zu überziehen oder die Familie Charter fliegen zu lassen (was zum Beispiel die Schröders mehrmals genau so entschieden haben).

Stellen Sie sich beizeiten darauf ein, dass Ihr Familienurlaub einer TUI-Gruppenreise gleichen wird. 20 bis 25 Personen Begleitung sind das Minimum: Referenten, Leibwächter, die Schreibkräfte des Bundesnachrichtendienstes für die Verschlüsselung der Kanzlergespräche. Ein Vorauskommando hat an Ihrem Urlaubsort drei sichere Telefonleitungen legen lassen, es

steht nicht zu befürchten, dass Sie die Langeweile packt.

Obacht: Die Urlaubslaune verführt dazu, Krisen in der Ferne gelassener zu nehmen, das gilt auch, wenn die Ferne tatsächlich die Heimat ist. Kanzlerkandidat Edmund Stoiber verpasste so 2002 seinen Einsatz bei der Elbeflut. Der englische Premier Tony Blair hatte von Ägypten aus Mühe, den Ernst der Lage richtig einzuschätzen, als der Tsunami in Südostasien mehr als 2000 Touristen ins Meer spülte, darunter etliche Briten.

Vorsicht auch, von wem man sich einladen lässt. Wenn Sie ein Ferienhaus von privat beziehen wollen, wenden Sie sich an jemanden, bei dem man nicht gleich Geschäftsinteressen vermutet. Justus Frantz hat ein sehr schönes Haus auf Gran Canaria, der Maler Bruno Bruni in Pesaro an der Adria. Beide haben schon an Kanzler vermietet, der eine an Schmidt, der andere an Schröder. Einmal hat Schröder über die italienische Regierung den amerikanischen Schriftsteller Gore Vidal fragen lassen, ob der ihm nicht für zehn Tage seine Villa an der Amalfiküste überlassen könne. Vidal lehnte ab, vielleicht mag er keine Sozialdemokraten.

Eines vielleicht noch: Schließen Sie rechtzeitig eine Reiserücktrittsversicherung ab. Als Kanzler können Ihnen nicht nur Krankheit oder plötzliche Verpflichtungen dazwischenkommen, sondern auch unerwartete Veränderungen der politischen Großwetterlage. Familie Schröder saß schon auf gepackten Koffern, als der italienische Tourismusstaatssekretär Stefano Stefani es sich im Sommer 2003 einfallen ließ, die Deutschen als rülpsende Strandrüpel zu beschimpfen. Der Kanzler blieb in Hannover, und das Hotel "Flaminio" in Pesaro stellte 50 000 Euro Stornokosten in Rechnung. Mit Schröder waren ja auch die Sicherheitsbeamten und die Techniker zu Hause geblieben.

GESUNDHEIT

Kanzler ist kein der Gesundheit zuträglicher Beruf. Adenauer, Kiesinger und Brandt bekamen einen Infarkt, Schmidt erkrankte an lebensgefährlichen Herzrhythmusstörungen. Erhard starb an Herzmuskelschwäche.

Kaum ein Job lässt Sie so schnell altern, wie Sie an einer Zeitreihe von Fotos Ihrer Vorgänger leicht erkennen können. Es ist fast unvermeidlich. Sie werden zu wenig Schlaf bekommen und zu viel sitzen. Sie betreiben kaum Ausgleichssport. Sie müssen sich oft ärgern, ohne dass Sie den Ärger loswerden, und Sie essen falsch.

Schmidt ernährte sich im Wesentlichen von Kaffee, Cola und Suppen. Kohl veranstaltete nach getaner Arbeit Fressgelage, bei denen selbst engen Freunden der Appetit verging. Dazu wird geraucht, dass sich die Balken biegen: Schmidt Mentholzigaretten, Schröder Zigarren, von Erhard gibt es kaum ein Foto ohne Stumpen im Mund. Und es wird zu viel getrunken. "Das Land muss mit der Leber regiert werden", hat Schröder einmal in schöner Offenheit bekannt. Er selbst schafft nach eigenen Angaben 15 Bier "ohne Ausfälle".

Krankheiten sind Zeichen der Schwäche. Also werden sie verheimlicht oder nur nach Genesung bekannt gegeben. Erst Jahre nach Adenauers Tod kam heraus, dass er 1962 einen Infarkt erlitten hatte; das Eingeständnis hätte die Abdankung des damals 86-Jährigen bedeutet. Schmidt litt jahrelang an einer Überfunktion der Schilddrüse, später kamen dann Herzbeschwerden dazu. Der französische Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing beschreibt in seinen Erinnerungen, wie Schmidt 1980 bei einem Besuch in Paris in seinem Amtszimmer plötzlich zu röcheln begann und das Bewusstsein verlor. "Fieberhafter Infekt" hieß es zur Begründung, als sich Schmidt im Oktober 1981 endlich ins Koblenzer Bundeswehrkrankenhaus einliefern ließ. Er war kaum angekommen, als sein Herzschlag mehrmals aussetzte.

Kohl hatte, biologisch gesehen, die besten Voraussetzungen für den Stressberuf. Er stammt aus einer langlebigen, belastbaren Familie. Seine Widerstandsfähigkeit war nachweislich ohne Tadel. Ein paar Mal hat ihn die Grippe erwischt. 1989 musste er sich an der Prostata operieren lassen, einmal am Meniskus, mehr war nicht in 16 Jahren Kanzlerschaft. Auch die Fettleibigkeit behinderte ihn nicht wirklich. Auf das Problem mit offenen Schnürsenkeln stellte er sich ein, indem er zu Slippern wechselte. Er hätte Mühe gehabt, sich die Schuhe zu binden, und einen Leibwächter zu bitten verbot sich von selbst.

Die einzige Beruhigung, die Ihnen und Ihrer Familie bleibt, ist die exzellente ärztliche Betreuung, die Sie im Notfall bekommen. Außer nachts sind Sie praktisch nie allein, was das Risiko senkt, länger unbehandelt zu bleiben. Auf Auslandsreise fliegt immer ein Arzt mit, um sofort helfen zu können. Jede Spezialklinik und jede medizinische Kapazität auf der Welt werden sich gern Ihrer annehmen.

Dabei spielt es keine Rolle, wie Sie versichert sind. Als Bundeskanzler können Sie getrost in der AOK bleiben, Sie liegen automatisch erster Klasse. Niemand wird Ihnen ein Dreibettzimmer vorschlagen, auch nicht nach der nächsten Gesundheitsreform.

Rechnungen sind bei der Beihilfekasse des Bundes einzureichen, Bundesamt für Finanzen, Krausenstraße 17 bis 20, 10117 Berlin.

KRISEN

Die Krise ist der Moment, der einer Kanzlerschaft Spannung gibt; das kann für Sie von Schaden, aber auch von Nutzen sein.

Nützliche Krisen sind Momente der Bewährung, die Nation blickt zu Ihnen auf, und Sie beweisen Führungsstärke. Schlimme Krisen dagegen lassen Sie kleiner zurück, angezählt, beschädigt. Leider gibt es von den schlechten Krisen mehr als von den guten.

Kohl hatte nach der Wahl im März 1983 gerade neun Monate, bis in den Zeitungen zum ersten Mal das Wort "Regierungskrise" auftauchte, bei Rot-Grün war es schon nach vier Wochen so weit. Man kann auch nicht sagen, dass es für die jeweilige Regierung danach besser wurde. Die CDU erlitt im September 1983 in Hessen eine demütigende Schlappe, dann kam die Kießling-Affäre. Die SPD ging im Februar 1999 bei der nächsten Landtagswahl in Hessen ebenfalls krachend unter und verlor damit ihre Bundesratsmehrheit.

Zu den nützlichen Krisen gehören Naturkatastrophen, Terroranschläge und Kriege. Schröder war stets ein Meister darin, die Gunst der Stunde zu nutzen und sich den Deutschen im entscheidenden Moment als Tatmensch zu empfehlen. Kriegsgefahr und Elbeflut retteten ihm 2002 sogar die Kanzlerschaft. Die Bewunderung für Schmidt stammt aus der Zeit, in der seine Regierung entschlossen den Kampf gegen den Terrorismus führte.

Ernste Krisen werden nicht vom Schreibtisch aus gelöst, deshalb gibt es im 4. Stock, genau in der Mitte des Zentralbereichs des Kanzleramts, einen acht mal zwölf Meter großen, abhörsicheren Raum. Rund 30 Leute finden hier Platz, an der Wand hängen im Augenblick Karten vom Irak und von der arabischen Halbinsel.

Unter normalen Umständen treffen sich in dem Raum jeden Dienstag die Geheimdienstchefs mit dem Kanzleramtschef zur Lagebesprechung. Da Geheimdienstarbeit leicht ein wenig schmutzig wird, haben es Ihre Vorgänger vorgezogen, dass man sie mit Details verschonte. In der Politik kann Nichtwissen durchaus vor Ärger schützen. Im Ernstfall ist hier Ihr Platz.

In Friedenszeiten hat die Befehlskette für den Kanzler keine Verwendung. Der Oberkommandierende der Streitkräfte ist in Deutschland der Verteidigungsminister und nicht der Regierungschef wie in Amerika. Erst wenn der Bundestag den Verteidigungsfall beschlossen hat, geht die Befehls- und Kommandogewalt auf den Kanzler über. "Die Feststellung wird vom Bundespräsidenten gemäß Artikel 82 im Bundesgesetzblatt verkündet", heißt es dazu im Grundgesetz. Deutschland ist ein ordentliches Land, auch noch bei Ausbruch von Kampfhandlungen.

Bedenken Sie bei Ihren Entscheidungen, dass der Kanzler gegen einen feindlichen Angriff kaum besser geschützt ist als andere Bürger. Die nächsten Abfangjäger sind im ostfriesischen Wittmund stationiert, sie brauchen 20 Minuten zum Kanzleramt. Auf einen Regierungsbunker wurde beim Berlin-Umzug verzichtet, der ehemalige Atombunker im Ahrtal schon vor Jahren aufgegeben. Ein Abrisstrupp hat gerade die letzten Leitungen und Farbanstriche entfernt.

DER ABSCHIED

Das Ende einer Kanzlerschaft ist immer unfreiwillig. Es kündigt sich in der Regel über Monate an, es ist in den Umfragen ablesbar, dem Stimmungsbild der Kommentare. Sie haben alles versucht, Sie haben sich und andere noch einmal mitgerissen. Aber irgendwann haben Sie nichts mehr zuzusetzen.

Es gibt drei Möglichkeiten, aus dem Amt zu scheiden: die Abwahl, das Misstrauensvotum, den Rücktritt. Die Abwahl war erstaunlicherweise lange der unwahrscheinlichste Weg, eine Kanzlerschaft zu beenden. Tatsächlich war der Übergang von Kohl auf Schröder das erste Mal, dass ein Kanzler die Macht verlor, weil die Wähler ihm die Mehrheit entzogen.

Das Misstrauensvotum taugt für eine starke Opposition, die das Siechtum nicht bis zum Schluss abwarten kann und die Entscheidung herbeiführen will. Es wurde bislang einmal als Attacke versucht, von dem CDU/CSU-Fraktionschef Rainer Barzel gegen Willy Brandt, und endete unrühmlich. Das andere Mal, 1982 von Kohl gegen Schmidt, verlief es erfolgreich, aber da hatte Schmidt zuvor schon selbst sein Ende durch die Aufkündigung des Koalitionsfriedens besiegelt.

Die meisten Kanzler sind durch Rücktritt aus dem Amt geschieden, Adenauer 1963, Erhard 1966, Brandt 1974. Kiesinger wurde, wenn man so will, von den Verhältnissen überrumpelt, als die SPD 1969 aus der Großen Koalition in ein Bündnis mit der FDP wechselte.

Der Rücktritt verschafft dem gelähmten Kanzler zum letzten Mal Gelegenheit, Macht über sein Schicksal zu erlangen, zugleich liegt im Rücktritt immer auch ein heroisches Element, was allerdings völlig zunichte gemacht wird, wenn aller Welt klar ist, dass er nicht aus freien Stücken erfolgte. So sind die Rücktritte von Adenauer und Erhard bei genauerer Betrachtung notdürftig kaschierte Königsmorde, beide wurden von ihrer Partei in den Rücktritt gezwungen. Brandt wiederum hat die Macht aus Ermattung weggegeben, was auch nicht besonders heroisch ist.

Das politische Geschäft bringt es mit sich, dass Sie mitunter noch nicht das Rentenalter erreicht haben, wenn Sie zwangsweise vor die Frage gestellt werden, was Sie mit Ihrer Zeit anfangen wollen. Kein Kanzler ist bislang aus dem Amt gedrängt worden, weil er zu alt war oder den Strapazen nicht mehr gewachsen. Es ist also noch einige Zeit zu füllen. 18 Jahre hat Brandt noch gelebt, nachdem er das Amt abgab, 11 Jahre Erhard, 19 Jahre Kiesinger. Nur Adenauer starb bald, dreieinhalb Jahre später, aber da war er auch schon 91.

Wenn das Ende da ist, ist es in vielerlei Hinsicht eine Erleichterung. Es nimmt die Last des Amtes, die Qual der Sitzungen und Termine, die nur noch Mühsal sind. Vor allem aber beendet es das unwürdige Spiel, sich vor aller Augen zum Affen machen zu müssen, indem man verzweifelt Gelassenheit demonstriert - trotz des offenkundigen Zerfallsprozesses um einen herum.

Sie haben ausreichend Zeit, Abschied zu nehmen; auch im Kanzleramt gibt es Mieterschutz. Im Ministergesetz ist festgehalten, dass ein Kanzler nach Erhalt der Entlassungsurkunde drei Monate Zeit hat, seine Sachen zu packen, und selbst darüber lässt sich reden. Es gehört zum guten Stil, dass der Nachfolger nicht auf fristgerechten Auszug besteht.

Kohl hat der Familie Schmidt nach dem Machtwechsel 1982 großzügig angeboten, den Umzugstermin selbst zu bestimmen. Schröder wiederum hat sich mit Kohl den Bonner Kanzlerbungalow geteilt, als 1998 die Reihe an ihm war, sich großmütig zu zeigen. Während die Neuen im Kanzlerbüro den Aufbruch in die neue Mitte vorbereiteten, saß das Mammut des Konservativismus nebenan vorm Fernseher und sah die "Tagesschau". Pfälzischen Rotwein tranken sie auf beiden Seiten: Schröder aus dem Vorrat, den er in einem Aktenschrank entdeckt hatte, Kohl aus privaten Beständen.

Finanziell haben Sie nichts zu fürchten. Die Versorgungsleistungen des Staates sind ordentlich, ganz unabhängig davon, wie gut Sie ihm gedient haben. Ihnen steht nach zwei Amtsjahren ein Ruhegehalt von 2400 Euro pro Monat zu. Nach vier Jahren sind es 4300 Euro, und das dann schon ab dem 55. Lebensjahr. Die Höchstpension ist derzeit 11 300 Euro.

Sie müssen keine Angst haben, beschäftigungslos zu sein. Man kann Herausgeber einer Wochenzeitung werden (Schmidt) oder Unternehmer mit einer Firma für Politik und Strategieberatung (Kohl). Wenn man ein bisschen historische Statur gewonnen hat, nimmt einen eine der großen internationalen Redneragenturen wie Harry Walker unter Vertrag.

Die größte Herausforderung, die jetzt auf Sie wartet, sind zweifellos die Memoiren. Sieben Jahre haben die Altbundeskanzler durchschnittlich gewartet, bis sie ihre Erinnerungen vorlegten, 1315 Seiten waren sie im Schnitt dick. Das umfangreichste Werk legte Adenauer vor (4 Bände, 2076 Seiten), das schmalste war das von Kiesinger (542 Seiten). Schreibunlust ist kein Hinderungsgrund. Ihr Verleger wird Ihnen auf Wunsch einen fleißigen Lektor zur Seite stellen, dem Sie nur alles, was Ihnen einfällt, auf Band sprechen müssen. Er macht dann daraus schon ein Buch.

Die Erinnerungen sind für jeden Kanzler ein Moment der Wahrheit: Sie zeigen, wer Star ist und wer Superstar. 1,5 Millionen Mark hat Willy Brandt 1989 von seinem Verleger Herbert Fleissner erhalten, das hat bislang niemand überboten. Kohl brachte es dem Vernehmen nach auf eine Million Mark, was ihn immerhin auf Platz zwei setzt. Am meisten verkauft hat wiederum Adenauer mit einer Million Exemplaren, weit vor den anderen.

Mit jedem Jahr, das Sie nicht mehr Kanzler sind, wächst die Zuneigung der Bürger. Schon bald treten Sie bei Parteiversammlungen auf und werden gerührt beklatscht, auch wenn Sie Ihre Partei um die Macht gebracht haben sollten. Sie werden mit Verdienstorden behängt und als Ehrendoktor gewürdigt, man wird Plätze und Straßen nach Ihnen benennen und vielleicht sogar einen Flughafen.

Sie könnten loslassen. Sie gelten jetzt als großer Kanzler.

Größer als das Weiße Haus oder der Élysée-Palast

* Am Tag der offenen Tür am 27. August.

DER SPIEGEL 38/2005
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Im Kanzleramt