17.09.2005

KINOEin Engel in der Gosse

Jennifer Connelly, eine der sinnlichsten Schauspielerinnen Hollywoods, kommt mit dem Horrorfilm „Dark Water“ nach Deutschland. Ein Wiedersehen. Von Lars-Olav Beier
Ihre Wangen sind schmaler als früher, und um die Mundwinkel bilden sich jetzt kleine Fältchen, wenn sie lächelt, doch wenn sie den Blick senkt, dann liegt in ihrem Gesicht noch immer die gleiche sinnliche Schwermut, die sie schon als Teenager besaß. Nun ist sie 34 und ein berückender Beweis dafür, dass das Alter der beste aller Schönheitschirurgen ist. Noch immer weckt ihr Körper den Wunsch, diese Frau beschützen zu wollen, für immer.
Aber sie ist offenbar ganz gut ohne mich klargekommen, die Schauspielerin Jennifer Connelly, die im Sommer 1991 in Hamburg für ihren damals neuesten Film, die Comic-Adaption "The Rocketeer", auf Promotiontour war, und nun, 14 Jahre später, in München den Horrorthriller "Dark Water" vorstellt.
Ein wenig zu pausbäckig wirkte sie damals bei unserem ersten Treffen, etwas zu weit riss sie bei überraschenden Fragen ihre jadegrünen Augen auf, etwas zu oft ließ sie den Mund offen stehen, so wie es amerikanische Jungschauspielerinnen gern tun, weil sie glauben, es wirke sexy - als wären die vollen Lippen schöner Frauen für ganz andere Aufgaben bestimmt als die, Wörter zu formen.
Und doch meldete sich schon damals hinter der glamourösen Schönheit eine ganz ungewöhnliche Nachdenklichkeit. Jedes Mal, bevor sie das Wort "great" aussprach, die Lieblingsvokabel aller US-Starlets, zögerte sie, als suche sie nach einem präziseren Begriff. Sie kam nicht immer auf einen anderen, doch sie machte klar: Sie war eine Suchende, getrieben von einem unwiderstehlichen Ernst.
Über die Jahre nun sind Schönheit und Klugheit eng zusammengewachsen. Und sie lächelt, kokett oder damenhaft. Sie nestelt an ihrer leichten Bluse herum, als wäre es zu heiß im Raum, was irgendwie nicht sein kann, weil die Klimaanlage auf Hochtouren läuft.
"So", sagt sie, "dunkel." Sie schweigt für einen Moment. "Sie finden also, dass ich ein Faible für die dunklen Seiten des Lebens habe?" Sie ist im Bundesstaat New York geboren, doch jetzt spricht sie britischen Akzent. Sehr kühl. Sehr empört. "Was ist denn dunkel daran, sich mit der Liebe einer Mutter zu ihrer Tochter zu beschäftigen?"
Nun, "Dark Water" ist ein Horrorfilm! Regisseur Walter Salles zeigt New York von seiner düstersten Seite: als einen modrigen Moloch, in dem die Menschen bei lebendigem Leibe zu verwesen drohen. Durch ein Loch in der Decke dringt schwarzes, brackiges Wasser in das billige Apartment, in dem Dahlia (Connelly) mit ihrer Tochter Ceci (Ariel Gade) wohnt.
So verfault hat man den Big Apple wohl noch
nie auf der Leinwand gesehen. Und mittendrin dieses Zauberwesen. Man möchte nur noch helfen.
"Ich mag es, wenn ein Film einem Gegenstand neue Ansichten abgewinnt - als würde man ihn mit den Augen seiner Kinder betrachten", sagt sie. Sie weiß, wovon sie spricht. Mittlerweile ist sie zweifache Mutter. "Wenn ich mit meinen beiden Söhnen von hier bis zum Aufzug gehen würde, könnte das eine Stunde dauern - denn auf dem Weg dorthin würden sie laufend aufregende Entdeckungen machen. Diesen neugierigen Blick braucht auch das Kino."
Wie ein Kind blickt Connelly in "Dark Water" oft auf die Welt. Wenn Dahlia vor der Lehrerin ihrer Tochter sitzt, wirkt sie so schüchtern und verlegen, als würde sie selbst wieder die Schulbank drücken.
Spielte Connelly am Anfang ihrer Karriere Teenager, die gewaltsam ins Erwachsenenalter gestoßen werden (wie in Dennis Hoppers Film noir "The Hot Spot" von 1990), so verkörpert sie in "Dark Water" eine Frau, in der durch traumatische Erinnerungen unversehens wieder das Mädchen zum Vorschein kommt.
Seichtes Mainstream-Kino ist nicht ihre Welt. In dem Polizeifilm "Mulholland Falls" (1996) spielt sie eine Edelnutte, nach der die Männer von Los Angeles verrückt sind. Die größte Provokation ihrer Karriere gelang ihr mit Darren Aronofskys Hubert-Selby-Verfilmung "Requiem for a Dream" (2000). Connelly verkörpert darin die junge Marion, die mit ihrem Freund anfangs unbeschwert durch die Gegend tollt und sich am Ende als Prostituierte verdingen muss, um Stoff kaufen zu können.
Irgendwann in dieser unendlich traurigen Fallstudie steht sie nackt vor einem Spiegel, und ihr Schamhaar ist noch nicht einmal ausrasiert, was in Hollywood als Zeichen schlimmster Verwilderung gilt. Später hat sie gar vor gaffenden Männern Sex mit einer anderen Frau: mit einem Gummiknüppel.
"Das war eine sehr harte und unangenehme Szene, auch wenn wir natürlich nicht wirklich Sex miteinander hatten", seufzt sie. "Aber die Szene war unbedingt nötig, weil sie zeigt, wie sehr sich diese Frau erniedrigen lässt, um an Geld für Drogen zu kommen. Ich habe nicht eine Sekunde lang gezögert, sie zu spielen." Welcher andere Hollywood-Star hätte gewagt, den eigenen Ruf durch eine solche Szene aufs Spiel zu setzen? So eine wird nie wieder als Supermans Frau angefragt werden.
"An Sexszenen gehe ich ganz offen heran", sagt Connelly nonchalant. "Der Regisseur soll mir sagen, was er von mir will, dann sage ich ihm, ob ich es ihm geben kann. Wenn wir uns geeinigt haben, nehmen wir die Szene in Angriff. Während ich sie drehe, will ich nicht eine Sekunde lang darüber nachdenken, aus welchem Kamerawinkel ich gefilmt werde und was
von meinem Körper auf der Leinwand zu sehen sein wird. Ich will mich der Figur hingeben."
Selbst in der Hölle war die Junkie-Braut Marion eine erotische Herausforderung und sah viel zu gut aus, um trotz schweißnasser Haut, fettiger Haare und zerlaufenen Make-ups nicht doch betörend zu wirken: Jennifer Connelly ist der Engel, der in der Gosse strahlt.
Vielleicht ist es gerade dieses Wissen um ihre eigene Schönheit, das sie dazu bewogen hat, sich in ihren Rollen immer wieder kopfüber in Abgründe zu stürzen - und den Zuschauer zu verführen, gleich hinterherzuspringen.
"Doch was soll ich machen?", ruft sie mit gespielter Frustration. "Ich würde ja wirklich gern mal eine richtig schöne, leichte Komödie drehen, doch alles, was mir auf diesem Sektor bisher angeboten wurde, taugte nichts, war zu sexistisch."
Hätte Connelly ihre Rollen unter karrierestrategischen Gesichtspunkten ausgewählt, wäre sie in Hollywood schon lange ein Superstar. Doch Kompromisse mag sie nicht: "Ich entscheide mich für ein Projekt, wenn meine Figur, das Thema und der Regisseur stimmen."
Das war ganz sicher der Fall, als sie in "A Beautiful Mind" die starke Frau an der Seite eines schwachen Mannes spielte, die Lebensgefährtin eines schizophrenen Mathematikers (Russell Crowe). Sicher hat ihr der Oscar für ihre Darstellung in diesem Film geholfen. Doch die Suche hat er nicht beendet, die nach der richtigen Rolle, dem richtigen Wort.
"Vielen Dank für das Gespräch", sagt Connelly zum Abschluss. "Ich war nicht ganz so präzise, wie ich es gern gewesen wäre. Aber es war ... great."
Sie lächelt, sie erhebt sich graziös aus dem Sessel, stöckelt auf ihren Pumps davon, und natürlich will man ihr folgen, so weit die Füße tragen.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 38/2005
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