17.09.2005

POP-MYTHEN„Füchse sind Ungeziefer“

Roger Waters, ehemaliger Kopf der legendären Psychedelic-Rock-Gruppe Pink Floyd, über Politik, Kunst und das merkwürdige Verlangen, kleine Tiere zu töten
SPIEGEL: Mr Waters, Sie veröffentlichen jetzt mit der Oper "Ça Ira" erstmals klassische Musik. Genügt Ihnen der Ruhm als Rock-Legende nicht? Sind Sie nicht reich genug? Haben Sie überhaupt eine Ausbildung als derartiger Komponist?
Waters: Ich habe überhaupt keine musikalische Ausbildung, aber ein gutes Ohr.
SPIEGEL: Schwer vorstellbar, dass dies allein ausreicht, um solch einen komplexen Songzyklus zu schreiben.
Waters: Nun ja. Freunde von mir, ein Ehepaar namens Nadine und Etienne Roda-Gil, gaben mir Anfang 1989 ein Libretto und fragten mich, ob ich nicht die Musik dazu schreiben könnte. Innerhalb von sechs Wochen fabrizierte ich zusammen mit einem Sound-Ingenieur zweieinhalb Stunden Musik; ich sang die Stimmen selbst und spielte die Instrumente, im Wesentlichen einen
String-Synthesizer und einen Flügel. Meine Arbeit fand dann den Weg zu François Mitterrand, der einen Brief an Pierre Bergé schrieb, den damaligen Direktor der Pariser Opernhäuser, und ihm empfahl, meine Oper anlässlich der 200-Jahr-Feier der Französischen Revolution 1989 weiterzuentwickeln. Kurioserweise versackte die Sache dann. Anscheinend konnten die Franzosen mir nicht verzeihen, dass ich erstens Engländer bin und zweitens aus einer Popgruppe komme. Nadine Roda-Gil starb bald darauf an Leukämie, und erst 1995 beschlossen ihr Mann und ich, das liegengebliebene Projekt weiterzuführen.
SPIEGEL: Sind Ihnen in all den Jahren nie Zweifel an der Wichtigkeit des Stoffes gekommen, an einem Kostümdrama, angesiedelt während der Französischen Revolution?
Waters: In gewisser Weise hat die Zeit ja sogar für uns gearbeitet. Wenn man die Welt von heute betrachtet, muss man doch feststellen, dass es Strukturen gibt, die denen in Frankreich unter Ludwig XVI. ähneln. Da ist zum Beispiel die höchst ungleiche Verteilung des Reichtums, besonders in Amerika, unter einem Präsidenten, der sein Amt führt wie ein König, immer wieder betonend, dass er eine besondere Verbindung zu Gott habe.
SPIEGEL: Dann war der Verlauf der "Katrina"-Katastrophe für Sie wahrscheinlich nicht besonders überraschend?
Waters: Das Einzige, womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass Bush seine Ferien abgebrochen hat. Den Grund dafür verriet mir ein Blick auf die Wetterkarte: Die Sonne schien auch in Texas nicht mehr. Sonst hätte er sein Golfspiel wahrscheinlich nicht unterbrochen. Die Taktik seiner Regierung ist dieselbe wie die während des Irak-Krieges: Sie fangen an zu lügen, und dann lügen sie einfach weiter, so lange, bis immer mehr Leute beginnen ihnen zu glauben. Im Fall von "Katrina" heißt die Lüge: "Wir haben nicht damit gerechnet, dass die
Dämme brechen könnten." Dabei ist seit mehr als zwanzig Jahren bekannt, dass bei einem Hurrikan der Stärke drei die Dämme brechen könnten. Jeder wusste das.
SPIEGEL: Einer neuen Umfrage zufolge glauben 63 Prozent aller Briten, dass Hilfe wesentlich schneller gekommen wäre, hätte es sich bei den Opfern um Angehörige der weißen Mittelklasse gehandelt und nicht um Menschen aus der schwarzen Unterschicht.
Waters: Bei Evakuierungen in Rhode Island zum Beispiel, einem Landstrich an der Ostküste der USA, gehen die Hilfskräfte von Haus zu Haus. Wer nicht mitkommen möchte, bekommt einen dicken, wasserfesten Filzstift in die Hand gedrückt und wird aufgefordert, seine Sozialversicherungsnummer auf Arme und Beine zu schreiben. Diese drastische Maßnahme überzeugt die Leute: Sie kommen dann mit.
SPIEGEL: Weshalb haben Sie trotz Bush vor vier Jahren in England Ihre Sachen gepackt und haben sich auf Long Island, dem sagenumwobenen Spielplatz der Reichen und Mächtigen vor New York, angesiedelt?
Waters: Nach der Scheidung zog meine Frau samt meinem Sohn nach Manhattan. Die einzige Möglichkeit, das Kind regelmäßig zu sehen, war, ihnen zu folgen. Außerdem mag ich New York und die Hamptons. Ich habe mich dort neu verliebt. Nach zwei Jahren Amerika zog meine Ex-Frau wieder zurück nach England. Ich fliege jetzt alle drei Wochen zu meinem Sohn und darf die Hälfte der Ferienzeit mit ihm zusammen sein.
SPIEGEL: In der "Sunday Times" haben Sie vor kurzem gesagt, sie hätten England nicht wegen Ihres Sohnes verlassen, sondern wegen der Anti-Fuchsjagd-Gesetze der Regierung Blair.
Waters: Diese Geschichte war ein ausgemachter Blödsinn. In Wahrheit habe ich dem Reporter nur gesagt, wie leidenschaftlich ich das Verbot der Fuchsjagd ablehne; ein furchtbares Gesetz, wie ich meine.
SPIEGEL: Warum ist ein Gesetz schrecklich, das dem Jäger verbietet, einen Fuchs mit Hilfe von Hunden zu hetzen?
Waters: Füchse sind Ungeziefer, sie müssen gejagt werden. Man kann sie nicht einfach sich selbst überlassen, da sie keine natürlichen Feinde haben. Haben Sie schon einmal einen Hühnerstall gesehen, nachdem ein Fuchs dort einen Besuch abgestattet hat? Das sind keine netten, kleinen Pelztiere, Füchse sind gefährliche Räuber. Sie mit Hunden zu jagen ist wahrscheinlich die humanste Art, sie zur Strecke zu bringen. Ansonsten bleibt nur noch, sie abzuschießen oder zu vergasen. Füchse sind Ungeziefer wie Moskitos oder Ratten.
SPIEGEL: Ungefähr um die Steinzeit herum wurden die Menschen in zwei Klassen geteilt: Jäger oder Sammler. Zu welcher Klasse zählen Sie sich?
Waters: Es gibt Menschen, die ein Gen in sich tragen, welches es ihnen erlaubt, auf natürliche Art Lust beim Jagen zu empfinden. Ich erinnere mich, als kleines Kind, 9, 10, 11 Jahre alt, Stunden um Stunden unter Gartenhecken herumgekrochen zu sein, nur um mit einem kleinen Gewehr auf Hasen feuern zu können.
SPIEGEL: Haben Sie sich je die Mühe gemacht herauszufinden, warum es Ihnen solche Freude bereitet, friedlich dahinhoppelnde Lebewesen ins Jenseits zu befördern? Fühlen Sie sich beispielsweise männlicher, wenn Sie schießen?
Waters: Ich glaube nicht, dass meine Jagdleidenschaft etwas mit Sexualität zu tun hat. Es ist etwas anderes. Es gibt Kinder, die gehen am Strand entlang und sammeln schöne Steine, und dann gibt es Kinder, die nehmen die Steine vom Strand, bauen einen großen Haufen damit und werfen dann einen Klotz darauf, um alles zum Einsturz zu bringen. Ich bin diese Sorte Kind. Ich bin nicht einer, der sich daran freut, viele kleine Muschelschalen zu finden, ich möchte eine Kuhle am Strand entdecken mit einem Fisch drin, und den möchte ich fangen.
SPIEGEL: Ihre einstige Band Pink Floyd verdankt ihren Erfolg dem Umstand, dass sie auf politisch korrekte Art inzwischen der zweiten oder dritten Generation sensibler Gymnasiasten weltweit das Gefühl gibt, gegen Ungerechtigkeit im Allgemeinen und Gewalt im Besonderen einzutreten. Ist das nicht ein Widerspruch?
Waters: Absolut nicht. Wir Menschen sind Teil der Natur, wir töten Tiere und essen sie. Wir schützen uns und unsere Haustiere vor Räubern. So wie wir es schon von Alters her getan haben. Der Unterschied zu heute ist nur, dass wir daran gewöhnt sind, ein Stück Fleisch in Plastik eingeschweißt aus dem Regal zu ziehen.
SPIEGEL: Die aktuelle Diskussion in England dreht sich um Eichhörnchen. Die Jagdlobby plädiert derzeit vehement dafür, diese niedlichen kleinen Nager wieder ungebremst abschießen zu dürfen. Eichhörnchen eignen sich nicht als Sonntagsbraten und sind nicht als Schädlinge bekannt. Warum sie also jagen - zum Spaß?
Waters: Different strokes for different folks - jeder hat so seine Vorlieben. Ich bin nicht dafür, dass es Menschen erlaubt sein soll, Eichhörnchen einfach zum Spaß abzuschießen. Aber ich kann das Verlangen danach verstehen: Eichhörnchen bieten ein interessantes Ziel, wie eine Dart-Scheibe.
SPIEGEL: Wie ein Videospiel. Mittlerweile werden ja sogar echte Kriege wie Videospiele aufbereitet.
Waters: Genau. Eine Art Action-Abenteuer-Spiel, wo gutgelaunte Kerle mit tollen Ausrüstungen wie aufwendigen Nachtsichtgeräten oder so hantieren dürfen. Es gibt da in Amerika diese neue TV-Show "Over There" - da geht es um den Irak-Krieg und die Abenteuer amerikanischer Soldaten, die sich gegenseitig ihre Erlebnisse erzählen. So was findet man entweder faszinierend oder übel. Ich habe mich für die letztgenannte Möglichkeit entschieden.
SPIEGEL: Aber für den Irak-Krieg interessieren Sie sich schon?
Waters: Natürlich, ich habe mich sogar ausführlich mit der Geschichte der Region auseinander gesetzt und diverse Bücher darüber gelesen.
SPIEGEL: Und welche Erkenntnis gewonnen?
Waters: Wie schwachsinnig die Idee von George W. Bush war, dort einzugreifen. Seit Jahrhunderten werden die Menschen dort fremdregiert und gehen sich gegenseitig an die Gurgel. Und Herr Bush tut so, als ob er nur ein paar F-16-Kampfflugzeuge vorbeischicken müsste, um aus der Region eine hübsche kleine Demokratie zu machen.
SPIEGEL: Für das Live8-Festival sind Sie nach 24 Jahren und erbittertem Streit noch einmal mit Ihren alten Kollegen von Pink Floyd aufgetreten. Waren Sie überrascht über den gewaltigen Zuspruch?
Waters: Das war ich wirklich. Mit der enormen Herzlichkeit und Wärme, die uns dort entgegengebracht wurden, war nach so langer Abstinenz nicht zu rechnen. Aber es ist wohl so, dass Platten wie "The Dark Side of the Moon", "Wish You Were Here" oder "The Wall" immer wieder von neuen Generationen entdeckt werden. Ich hatte Spaß bei Live8.
SPIEGEL: Mit Ihrem Ex-Kollegen David Gilmour haben Sie sich nach Ihrem Ausstieg bei Pink Floyd besonders erbittert gezankt. Wer hat schließlich den versöhnlichen Anruf gewagt?
Waters: Bob Geldof hatte Dave zweimal angerufen, und der hatte beide Male abgelehnt. Dann versuchte Geldof es bei Nick Mason, dem Schlagzeuger, der ihm sagte, dass nur ich das in die Wege leiten könne. Geldof rief mich an und sagte: "Roger, wir müssen die Welt retten", und danach zu seiner Frau: "Liebling, die grünen Schuhe passen besser zu deinem Kleid" - die wollten gerade ausgehen. Ich wollte nur wissen, welchen Platz in der Abfolge er beim Konzert für uns geplant hatte. McCartney müsse das Finale spielen, sagte er. Davor kämen wir und vor uns Madonna. Damit war ich zufrieden.
SPIEGEL: Wie lange hatten Sie nicht mit David Gilmour gesprochen?
Waters: Sehr viele Jahre. Ich hatte nicht mal mehr seine Telefonnummer, die musste mir Geldof geben. Dave nahm selber ab und war durchaus überrascht, meine Stimme zu hören. Er meinte dann, er sei zu eingerostet für solche Großereignisse. Ich versicherte ihm, dass wir ein paar Songs schon bewältigen würden. Nach 24 Stunden Bedenkzeit sagte er zu.
SPIEGEL: Auf der Bühne wirkten Sie auffallend locker und versöhnlich. Wenn Sie nun alle wieder Freunde sind, können Sie ja auch das Angebot annehmen, für 200 Millionen Dollar auf Pink-Floyd-Tournee zu gehen?
Waters: Das ist ausgeschlossen. Meine Beziehung zu Dave ist sehr komplex, und in vielen Dingen trennen uns nach wie vor unüberbrückbare Gegensätze. Aber gerade deswegen ist es doch fabelhaft, dass wir ein Exempel dafür statuiert haben, dass man sich, wenn es sehr wichtig ist, auch mal zusammenreißen kann. Und wenn der Anlass stimmt, ist so was sicherlich auch noch mal vorstellbar.
SPIEGEL: Nach ihrem Live8-Auftritt schnellten die Umsatzzahlen von Pink-Floyd-Platten steil nach oben. David Gilmour verkündete, dass er seine Gewinne spenden werde, der Rest der Band das aber abgelehnt habe. Stimmt das?
Waters: Das trifft zu. Wir haben ihm alle einzeln unsere Standpunkte klar gemacht. Ich erklärte ihm, dass ich seit 1974 eine Stiftung laufen habe, worüber ich aber gewöhnlich nicht spreche. Dave muss wissen, was er tut.
SPIEGEL: Sie haben sich in der Vergangenheit immer wieder mal als Sozialist bezeichnet. Steht das noch?
Waters: Das ist eine zweischneidige Angelegenheit. Man könnte es vielleicht sozialistisch nennen, dass ich mit enormen Steuerzahlungen die Wohltätigkeitsprogramme des Staates mitfinanziere, so wie das in Holland oder Schweden üblich ist. Seit 1973 verdiene ich deutlich mehr Geld, als ich für mein tägliches Leben benötige. Davon vertraue ich vieles der Bank an, wo es für mich angelegt wird. Und das macht mich dann wohl zu einem Kapitalisten. INTERVIEW:
CHRISTOPH DALLACH, THOMAS HÜETLIN
Roger Waters und Pink Floyd
zählen zu den turbulenteren "Soap Operas" der Rock-Geschichte. Eine langandauernde Abfolge von Intrigen, Rauswürfen und Machtkämpfen, die den ehemaligen Architekturstudenten Waters sogar so weit brachten, sich zeitweilig Toilettenpapier mit dem Porträt seines Rivalen, des Gitarristen David Gilmour, anzuschaffen. Überhaupt gilt der Bassist mindestens als so begabt wie egozentrisch und aufbrausend - einem aufdringlichen Konzertbesucher spuckte er schon mal ins Gesicht. Dem Erfolg der Band hat das lange nicht geschadet, im Gegenteil: Die drei Pink-Floyd-Klassiker "The Dark Side of the Moon", "Wish You Were Here" und "The Wall" sind seit mehr als 30 Jahren in den amerikanischen Top-200-Verkaufscharts vertreten. "The Wall", das als Meisterwerk der Band gilt und von Roger Waters im Alleingang verfasst wurde, steht mit 23 Millionen verkauften Tonträgern allein in den USA auf dem dritten Rang der meistverkauften Platten überhaupt und geht immer noch pro Jahr geschätzte 500 000-mal über den Ladentisch. Nachdem Waters 1985 die Gruppe verließ, scheiterte er mit dem Versuch, den ehemaligen Kollegen die weitere Nutzung des Bandnamens zu untersagen; als Trostpreis bekam er immerhin das Copyright an "The Wall" und dem legendären fliegenden Pink-Floyd-Schwein zugesprochen. Mit einem geschätzten Vermögen von 78 Millionen Pfund gilt Roger Waters, 62, heute als einer der reichsten Rockmusiker. Unter den Großen der Zunft ist er allerdings auch einer der unspektakulärsten: Über abseitige Hobbys, wilde Affären und Drogenprobleme ist nichts bekannt. Eigentlich ist er jenseits der Musik, von seiner Jagdbegeisterung abgesehen, überhaupt nie auffällig geworden. Seit vier Jahren lebt der geschiedene Vater in den USA, wo er ein Anwesen in den Hamptons und ein Apartment in Manhattan besitzt. Für die nächsten Jahre plant er eine Broadway-Version von "The Wall".
* Mit David Gilmour (2. v. l.), Nick Mason (hi.), Roger Waters (r.) im Juli 2005 im Londoner Hyde Park.
Von Christoph Dallach und Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 38/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 38/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

POP-MYTHEN:
„Füchse sind Ungeziefer“

  • IS-Rückkehrer: "Wir können sie nicht einfach wegsperren"
  • Safaritour: Touristen treffen wütende Elefantenherde
  • Mallakhamb: Erste Weltmeisterschaft im Pfahl-Yoga
  • Rassismusdebatte um Video: Schüler verklagt Washington Post