03.12.1973

DROGENHorror vorm Horror

Die Drogen-Welle flacht ab. Eine Hamburger Untersuchung zeigt, daß Jugendliche nicht mehr so oft zu Joint und Nadel greifen -- aber wenn sie es tun, dann „härter“ als früher.
Der eine sah, wie sich "der Freund zu Tode gespritzt hat". Der andere entdeckte Jesus und mochte ihm "nicht high begegnen". Ein Dritter belehrte den Interviewer: "Wenn ich ausflippe, nutzt das nur der Bourgeoisie."
So und so ähnlich bekundeten Hamburger Schüler in einer Meinungsumfrage ihre Abneigung gegen die Rauschgiftwelle, die in den letzten Jahren Tausende von Jungbürgern an den Rand der Gesellschaft geschwemmt hat: Rund 12 000 Drogenabhängige sind in der Bundesrepublik arbeitsunfähig geworden, rund 300 sind an der Sucht zugrunde gegangen.
Die Hamburger Untersuchung signalisiert eine Wende: Zunehmend kommt Horror auf vor den Horror-Trips, immer stärker werden unter Jugendlichen die Bedenken gegen Stoff und Spritze -"high" ist nicht mehr "in" bei Pennälern und Lehrlingen.
Die wachsende Resistenz der Jugendlichen, die Fürsorger wie Pädagogen bereits vermuteten, aber nicht belegen konnten, erhellt eine für die Bundesrepublik bislang einmalige Mammutbefragung: Seit 1971 wurde jeder zehnte Hamburger Schüler über dreizehn Jahre neunzig Minuten lang über Drogenkenntnis und Drogenkonsum befragt; die letzten 5169 im April dieses Jahres.
Die Langzeitstudie zeichnet detailliert die Flaute in einer Subkultur-Szenerie, in der ein Sechs-Stunden-Turn so billig wie nie zu haben ist -- drei Mark für "Speed" (Aufputschmittel) samt "Sprit" (Alkohol), wie ihn die "Freaks" (Szenen-Jargon für Tablettenschlucker) im "tam-tam" am Hamburger Hauptbahnhof mischen.
Wichtigster Markierungspunkt in der abflachenden Kurve der Rauschmittelsucht (siehe Graphik) ist der Anteil der ständigen Drogenbenutzer. der "User": 1971 zählten 18,1 Prozent aller Schüler dazu, derzeit nur noch 9,6 Prozent. Mithin greifen in Hamburg nicht mehr 20000, sondern nur 10500 Jugendliche öfter einmal zum Joint oder zur Nadel.
Entsprechend schnellte die Kurve der Rauschmittelgegner in den letzten zwei Jahren empor. 1971 votierten weniger als die Hälfte aller Schüler für das Verbot der weichen Droge Hasch -- inzwischen sind es zwei Drittel.
Angst vor möglichen Gesundheitsschäden und vor der unkalkulierbaren Sucht ist es, die viele Jugendliche veranlaßt hat, vom Drogenexpreß wieder abzuspringen; elterliches Verbot und Furcht vor Strafe vermochten hingegen wenig auszurichten -- sie rangieren in der Motivskala der Befragten ganz unten.
So ist denn die Szene weitgehend reduziert auf einen harten Kern. wie der Projektleiter Michael Jasinsky, 31, aus der Hamburger Jugendbehörde urteilt: 10 000 ständige Drogenkonsumenten zählen in der Hansestadt dazu, 912 von ihnen sind in der amtlichen Fixer-Kartei registriert. Dieser Kern freilich gibt kaum zur Zuversicht Anlaß; eher machten die Experten bei ihren Recherchen auch Entwicklungen aus, "die uns das Fürchten lehren" (Jasinsky).
So war die Mehrheit der drogenerfahrenen Schüler beim Einstieg in die Rauschmittelszene nicht mehr -- wie noch 1971 -- 16 oder 17 Jahre alt, sondern gerade 14. Je niedriger das Einstiegsalter, desto größer aber ist die Gefahr einer klassischen Drogenkarriere, in der sich der Süchtige schon innerhalb kurzer Zeit an immer höhere Dosen gewöhnt, bis er schließlich nur noch zwischen Fixertreffs und Entzugskliniken pendelt und schließlich "ganz auf der Nadel hängt" (Jasinsky).
Auch der Anteil der Mädchen unter den "Usern" ist gestiegen. Sie werden. weiß Jasinsky, meist "von älteren Freunden angepiekst". Und: Im harten Kern der Szene werden neben Opiaten auch Halluzinogene wie LSD oder Meskahn öfter benutzt als noch vor zwei Jahren. Der weniger gefährliche Haschkonsum dagegen ist zurückgegangen.
Auch im Auftreten und in den Kaufgewohnheiten der Fixer haben Jasinsky und seine Mitarbeiter neue Trends aufgespürt. Unter dem Druck polizeilicher Observation sind hohlwangige Freaks, die mit ihrer Drogenabhängigkeit renommieren, seltener geworden. Jetzt sind, so haben die Interviewer ausgemacht, "eher Samttypen "in", die sich. modisch kleiden, um weder beim Apotheker noch bei den Zivilfahndern Mißtrauen zu wecken, wenn sie nach Weckmitteln fragen oder sich auf Fixertreffs umtun".
Der Markt für den Stoff hat sich aus überschaubaren City-Zirkeln in Vorstadtdiskotheken und Landkommunen verlagert. In Heide und Marsch, wo Kümmel einst der einzige Glückmacher war, wird nun zuweilen auch Kokain geschnupft.
Und aus den Giftschränken der Landapotheken, die längst nicht so gut gesichert sind wie die der städtischen Pharmazeuten, lassen sich die Süchtigen zuweilen den Stoff von Rockern besorgen -- per Bruch und gegen bar. Die Arbeitsteilung wird mitunter in Strafanstalten ausbaldowert, wo Suchtkranke und Krimi-Talente zwangsläufig in Kontakt geraten.
Die Konzentration auf einen harten Fixer-Kern, der -- obwohl immer jünger -- nach immer härteren Drogen verlangt, ist für Jasinsky der "eigentliche Schwachpunkt" in dem sonst "ganz freundlichen Bild". Dabei hält es der Fachmann durchaus für realistisch. daß sich die "User"-Quote in den nächsten zwei Jahren. noch einmal um die Hälfte -- auf fünf Prozent -- reduzieren läßt.
Jasinsky: "Nur wer glaubt, wir kämen noch einmal auf Null, der ist ganz bestimmt auf dem falschen Trip."

DER SPIEGEL 49/1973
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