03.12.1973

SPIELEDezent und leise

Werden Flipper, Kicker und andere Spielautomaten von einer Video-Welle überrollt? Eine neue Tele-Kurzweil begeistert die Deutschen.
Ein weißer Lichtpunkt huscht in Zickzack-Linie über den Bildschirm: das ist der "Ball" Zwei Spieler drehen an Knöpfen und bewegen zwei kurze weiße Striche auf und ab -- die "Schlager.
"Plop" macht es, wenn der Lichtball getroffen und ins gegnerische "Feld" - die andere Hälfte des Fernsehschirms - zurückgeschlagen wird. Wenn nicht, dann signalisiert ein quengeliger Summton: "Verpaßt".
Das Spiel heißt TV-Pingpong, existiert in Amerika seit etwa einem Jahr und wurde dort ein so durchschlagender Erfolg auf dem Spielautomaten Markt, "daß selbst seine Hersteller nur noch staunten" ("Business Week").
"Eine Wucht", "große Klasse", "ein Renner" so urteilen auch deutsche Automaten-Spezialisten über das Tele-Spielzeug. Annähernd 3000 der neuen, von kleinen Computern gesteuerten Apparate -- Einwurf: eine Mark -- stehen bis jetzt in der Bundesrepublik und leiten in Spielsalons und Gaststätten das Video-Zeitalter ein.
In den Vereinigten Staaten werden bereits um 50 Prozent mehr Bildschirmspiele als elektromechanische Automaten verkauft. "Es war die reinste Video-Schau", berichtet Hans H. Rosenzweig, der für die Hamburger Firma Seevend zur Münzautomaten-Ausstellung nach Chicago geflogen war. Flipper, automatische Kegelbahnen. Musik Boxen seien nur noch in den letzten Reihen zu finden gewesen. Statt dessen galt es zum Beispiel -- auf der Mattscheibe -- Raumschiffe durch einen Hagel von Meteoren zu steuern oder auch Gegenspieler durch ein sich ständig veränderndes Labyrinth zu jagen.
"Ganz neue Spielerschichten" wurden sich für den elektronischen Wettkampf begeistern, hofft Rosenzweig. Denn-" Flippern, das ist mit Lärm. Krach und schreienden Farben verbunden", dagegen sei der neue Computer Spaß "dezent und leise".
Insgesamt 10 000 Geräte wären leicht an den "üblichen Plätzen" unterzubringen, meint der Hamburger Automaten Händler. Für weitere 10000 ließen sich. dank ihrer vornehmen Abstammung vom Elektronengehirn, neue Reviere erschließen: die gehobene Gastronomie, Flugplätze und Hotelhallen -- kurz: alle Orte, "an denen Menschen warten müssen und sich langweilen.
Obgleich die amerikanischen Hersteller um ein Jahr voraus sind, ist auch dort noch kein Ende der Video-Welle abzusehen. Mit einem Umsatz von mehr als 15 Millionen Dollar im laufen den Geschäftsjahr rechnet allein die Firma Atari in Los Gatos (Kalifornien), die als letzten Hit ein TV-Ping pong vorstellte, an dem sich vier Spieler ein heißes Doppel liefern können.
Von der einfachen Version dieses Geräts verkaufte die Firma in weniger als einem Jahr 6000 Exemplare zu einem Stückpreis von rund 1000 Dollar, "Das ist aber erst die Spitze des Eisbergs", sagt Nolan K. Bushnell, 30, Ingenieur und Schrittmacher für die Video-Neuheit, Der passionierte Schachspieler Bushnell arbeitete während sei ncr Studienzeit in einem Vergnügungspark in Salt Lake City. Spät in der Nacht. erzählt er. sei er immer in das Computer-Zentrum der Universität von Utah gegangen und habe sich Spiele für die Elektronengehirne ausgedacht. Die größte Schwierigkeit damals: die im Gedächtnis des Computers gespeicherten Spielzüge punktförmig auf dem Bildschirm sichtbar zu machen, Mit Hilfe von integrierten Schaltkreisen löste er schließlich das Problem.
Die Technologie, die hinter den elektronischen Flippern steckt, machte auch eine Heim-Variante der TV-Kurzweil möglich: Ein Zusatzgerät ("Odyssee"). das über die Antennenbuchsen mit dem herkömmlichen Fernsehapparat verbunden wird, ist seit vier Wochen in der Bundesrepublik auf dem Markt. "Geradezu verblüffend" nennt Hans Engelkamp, Werbeleiter der Elektronikfirma ITT Schaub-Lorenz, die ersten Verkaufserfolge. In einem Einzelhandelsgeschäft in der Hamburger Milchstraße beispielsweise wurden allein in den ersten zehn Tagen 20 Stück (Preis: 389 Mark) verkauft.
Inzwischen interessieren sich für das Gerät auch Ärzte, Sie sehen darin Möglichkeiten für die Therapie spastisch gelähmter Kinder. "Die Behinderten lernen dabei", so Engelkamp, "visuelle Sinneseindrücke und Bewegung zu koordinieren,"

DER SPIEGEL 49/1973
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