26.11.1973

HITLER-FILMWie wurde der das?

Jetzt haben auch die Deutschen endlich ihren Hitler-Film: ZDF und ORF ließen an historischen Stätten ein Dokumentarspiel über den jungen Hitler drehen.
Am Schmiedtoreck in Linz steht der 17jährige Schüler Adolf Hitler und wartet auf ein Mädchen. Mit ihm wartet sein Freund August Kubizek. Hitler: "Wieviel Uhr ist's?" Antwort: "Ich hab keine Uhr." Darauf empört sich Hitler: "In einem Moment wie diesem hast du keine Uhr?"
Nach einer Weile forscht Kubizek: "Du willst Stefanie ansprechen?" Hitler: "Ich werde an sie herantreten und ihr mit einer stummen Verbeugung mein Gedicht überreichen." Er zieht ein Blatt Papier hervor, und Kubizek liest feierlich: "Hymnus an die Geliebte."
In diesem Augenblick schlägt die Turmuhr fünf; Stefanie und ihre Mutter promenieren Arm in Arm vorbei. Da stößt Kubizek seinen Freund an. damit er auf sie zugehe. Doch Hitler steht starr, bis Mutter und Tochter verschwinden. Adolf ist begeistert: "Hast du den Blick gesehen? Ein Mädchen. das mich bis in die tiefsten Fasern meines Wesens versteht:"
Die Szene aus dem Sommer 1906, im vergilbten Braun älter Photographien vorgetragen, gehört zu den Höhepunkten eines TV-Streifens, mit dem ein österreichisch-deutsches Fernsehteam zum erstenmal einen eigenen Hitler-Film auf die Mattscheiben bringt. Der Fernsehfilm "Ein junger Mann aus dem Innviertel"" den das ZDF am Freitag dieser Woche ausstrahlen wird, erzählt in glaubwürdigen Bildern die Jugendgeschichte des großdeutschen Führers.
Die Filmer begnügen sich jedoch nicht damit, einen historischen Bilderbogen zu zeigen. Kurz nach der Linzer Spielszene offerieren sie im normalen Schwarzweiß eine zeitgeschichtliche Novität: Die Offizierswitwe Stefanie Rabatsch, deren Familienname bislang von den Historikern wie ein Staatsgeheimnis verschwiegen wurde, tritt auf. Die charmante Greisin bekennt freilich, sie habe von ihrem schüchternen Liebhaber damals nichts gewußt.
Diese Aufeinanderfolge von historisch getreuen Spielszenen und Berichten noch heute lebender Zeitgenossen dokumentiert, wie sehr sich das neueste Produkt der Hitler-Welle um geschichtliche Genauigkeit bemüht. Denn Regisseur Axel Corti ("Der Fall Jägerstätter") will klären: "Wie wurde der das? Und wie wurde der so?"
Zunächst allerdings geriet Drehbuchautor Georg Stefan Troller ("Pariser Journal") auf der Suche nach "dem Schoß, aus dem das kroch" (Corti) auf Abwege. Nach Neigung und Begabung eher der Psychologie als der Historiographie zugewandt, suchte er Rat in einem Werk des amerikanischen Psychotherapeuten Walter C. Langer.
Langer war 1943 vom US-Geheimdienst beauftragt worden, ein Psychogramm des Diktators zu entwerfen. Fernab zuverlässiger Fakten, einzig auf die Aussagen mitunter zweifelhafter emigrierter Hitler-Kenner gestutzt und einseitig der psychoanalytischen Methode verpflichtet, hatte der Ferndiagnostiker ein recht abstruses Hitler-Bild verfertigt. Auf den Spuren Langers ersann der tiefenpsychologisch versierte TV-Mann Troller in einem ersten Exposé Szenen wie diese:
Vater Hitler. Typ des bärtigen Haustyrannen, tritt -- vermutlich betrunken -- in das Wohnzimmer, geht starr auf die erschreckte Mutter zu, die Adolf eben- noch in das Nebenzimmer drängen kann, ehe sich der Vater auf sie wirft und sie vergewaltigt. Der Junge belauscht indessen das Geschehen von außen und hämmert schließlich mit den Fäusten gegen die verschlossene Tor.
Jahre später steht der noch immer nicht ganz erwachsene Sohn Adolf am Grabe der Mutter. Als sich die Starre des Schmerzes löst, schiebt er die Hände vor den Unterleib und beginnt, am Geschlecht zu manipulieren.
Solche Horror-Szenen aus dem Grusel-Kabinett des Doktor Freud aber erschreckten den Zeitgeschichtler und ZDF-Redakteur Dr. Franz Neubauer, dem Troller Anfang 1973 sein Treatment zugeschickt hatte. Neubauer wußte sofort: "Da muß viel geändert werden." Er alarmierte den Historiker und Hitler-Spezialisten Dr. Werner Maser" der temperamentvoll reagierte: "Alles Unsinn."
Neubauer umschreibt freilich heute seine Einwände konzilianter: "Trollers Text enthielt Aspekte, die er in einem eigenen Buch durchaus hätte darstellen können, die aber das ZDF objektivieren mußte. Denn wir können Hypothesen nicht als Dokumentation verkaufen"
Gemeinsam riefen Neubauer und Maser einen österreichischen Kollegen zu Hilfe, den ORF-Redakteur und Historiker Dr. Werner Swossil. Zu dritt appellierten sie an Troller und Corti" den psychologischen Schmäh aus dem Film herauszulassen.
Troller fügte sich dem vehementen Einspruch der Fachleute und strich alle Szenen, die auf Langers Spekulationen oder auf inzwischen widerlegten Meinungen früherer Hitler-Forscher beruhten. Überdies bemühten sich Regisseur und Produzent durch die Auswahl der Drehorte und der Darsteller um ein Höchstmaß an Authentizität.
Im Linzer Vorort Leonding räumten die Filmleute ein Sarglager im Erdgeschoß des Hitler-Elternhauses aus, ehe sie in den originalen Zimmern die Szenen mit der Hitler-Familie drehen konnten- Die Mutter Hitlers wird von der Linzerin Eva Petrus dargestellt, die selbst noch Patientin des jüdischen Hausarztes der Familie Hitler war.
Nur Hitlers Cousin, der Bauer Anton Schmidt aus Spital, versagte sich den Filmern. Grund der Ablehnung: "Meine Kinder wollen in dieser Angelegenheit auf keinen Fall etwas wissen und sagen einfach nein. Der Friede in der Familie ist uns so viel wert, daß ich gezwungen bin, die Sache nicht zu machen."
Die Rolle des Hitler besetzte Corti mit einem nahezu unbekannten Mimen. Lange hatte der Regisseur nach einem "glaubhaften Typ" gesucht und ihn in dem jungen Innsbrucker Schauspieler Franz Trager. gefunden, den er aller Fernsehprominenz vorzog, da Trager "noch unverbraucht ist".
Tragers Darstellungskunst und die historiographische Genauigkeit versöhnten auch die drei Historiker Neubauer, Maser und Swossil. Maser: "Aus einem Psycho-Thriller ist ein wissenschaftliches Dokument geworden." Troller jedoch wird noch Gelegenheit haben, seinen psychologischen Neigungen nachzugehen. Sein nächstes Projekt: ein Spiel über Sigmund Freud.

DER SPIEGEL 48/1973
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HITLER-FILM:
Wie wurde der das?

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