22.10.1973

ZUKUNFTVoll entfalten

Kann das Jahr 2000 doch noch zur Zeitenwende werden? In seinem jüngsten Buch versucht Robert Jungk, Ansätze einer „neuen Gesellschaft“, einer humanen Zivilisation, aufzuzeigen.
Er versteht sich als "Partisan" der Humanitas. Und seine Waffe ist schlicht guter Wille.
Robert Jungk, 60, Journalist, West-Berliner Professor und Weltreisender in Futurologie, gab zeitweilig ein "Good News Bulletin" heraus -- ein Blatt mit ausschließlich erfreulichen Meldungen von Fortschritten zu einer friedlichen, sozialen, umweltfreundlichen Menschheit. Als Antithese zu den Zeitläuften schrieb er nun auch sein neues Buch.
Während Konflikte und Krisen die Erde erschüttern, propagiert Jungk darin so bekennerisch, daß es fast naiv anmutet. "Optimismus als Herausforderung. Die nächste Generation bereits, der "Jahrtausendmensch", könne eine vorausschauende und einträchtige Gesellschaft bilden, "die möglichst viel vom Reichtum, von der Schönheit und den Lebenschancen auf diesem Planeten" den Nachgeborenen weitergibt*.
Die Wurzeln für solch historischen Umbruch wähnt Jungk in einer "schöpferischen Frustration, die dem allgemeinen Unbehagen an der technischen Zivilisation wohl folgen werde. Vorzeichen der Wende sieht der zukunftsfrohe Autor schon überall:
* Detroiter Autowerker sabotieren die Fließband-Produktivität, indem sie mutwillig Polster schlitzen, Leitungen falsch schalten, Karosserieblech ankerben; Jugendliche aus den Farbigen-Gettos besprühen die New Yorker Subway mit schreiend bunter Pöbelkunst -- "Revolte gegen Häßlichkeit und Anonymität".
* Großbritannien, Hort der ersten industriellen Revolution, erließ schon 1956 ein Gesetz zur Sauberhaltung der Luft; die Flugzeug-Großmacht USA stoppte die Entwicklung einer zivilen Überschallmaschine -- Ansätze der Erkenntnis, "daß wir nicht alles machen sollen, was wir machen können".
* Vorbildlich für die Dritte Welt (und im Kontrast zu den entfremdenden Großbetrieben der Industriestaaten), richtete China in der Kulturrevolution lokale Klein- und Mittelbetriebe ein; britische Intellektuelle erproben in Wales ein "grünes Labor", ein Gemeinwesen, das seine Energie nur mehr aus Wasser, Wind und Sonnenstrahlung bezieht; das "New Alchimy Institute" in Florida sucht Verfahren, die Ausbeutung der Natur zu vermeiden, etwa durch die Aufbereitung organischer Abfälle zu Fisch- und Viehfutter -- Modelle einer "sanften Technik". Solche Versuche und Entwürfe, konstatiert Jungk, mögen desperat sein und einstweilen wenig bewirken. Doch jen-
* Robert Jungk: "Der Jahrtausendmensch". C. Bertelsmann Verlag, München; 440 Seiten; 29,80 Mark.
seits von Kapitalismus und Kommunismus habe der vermeintliche Fortschritt bislang Anpassung und Entfremdung in einem Maße erzwungen, von dem "unvorstellbar" sei, daß es "noch lange ohne Widerstand hingenommen werden wird". Pathos der Propherie: "Herausgefordert durch tödliche Gefahren", beginne der Mensch "sich erst jetzt voll zu entfalten".
Es sind vorerst immer nur Symptome, Beispiele, die gegenwärtig dem Zukunftsforscher den dialektischen Sprung in eine bessere Gegenwelt ankündigen: Zu seiner Avantgarde rechnet Jungk die bundesdeutschen Gewerkschaftler, die einen Bildungsurlaub fordern, ebenso wie die kanadischen Fernsehjournalisten, die ihre Zuschauer eigene Sendungen machen lassen. Selbst die Halbwüchsigen gehören dazu, die schon in Kinderläden und auf Abenteuerspielplätzen sich gegen Unterdrückung zu wehren geübt haben.
Die Gefahr liege nahe, so meint auch Jungk, daß Elite-Gruppen "expertokratische, technokratische, vielleicht sogar diktatorische Herrschaftsinstitutionen" schaffen. Aber trotz allem: Die gesellschaftliche Evolution müsse eben gesteuert werden, ähnlich zielstrebig wie das bislang größte technologische Unternehmen, das "Apollo"-Projekt.
Die Möglichkeiten dazu, erläutert Jungk, würden bereits in jenen Zentren entwickelt, die Systemanalyse und politische Planspiele, Friedensforschung, Konflikttheorie und das Studium kleiner Gruppen betreiben. Noch wachsen die Schadenspotentiale; die Contergan-Katastrophe, Atomreaktor-Unfälle, die Havarie des Öltankers "Torrey Canyon" lehren es. Noch sind für Probleme wie dieses, daß die Unwirtlichkeit der Städte und privater Autoverkehr miteinander zu tun haben, kaum andere als tyrannische Lösungen zu sehen.
Die Vereinigten Staaten immerhin, Schrittmacher der zivilisatorischen Neuerungen, haben schon ein "Office of Technology Assessment" eingerichtet -- eine Behörde, die bedrohliche gesellschaftliche Kettenreaktionen eben solcher Neuerungen abschätzen und kontrollieren soll.

DER SPIEGEL 43/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 43/1973
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZUKUNFT:
Voll entfalten

Video 02:27

Berlusconi-Film Loro Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft

  • Video "Einmalige Aussicht: Mit dem Gyrocopter über das Tote Meer" Video 01:24
    Einmalige Aussicht: Mit dem Gyrocopter über das Tote Meer
  • Video "Pfusch am Bau: Kleiner Fehler, fatale Folgen" Video 13:47
    Pfusch am Bau: Kleiner Fehler, fatale Folgen
  • Video "Debatte im Unterhaus: Theresa May verteidigt Brexit-Einigung" Video 01:47
    Debatte im Unterhaus: Theresa May verteidigt Brexit-Einigung
  • Video "Waldbrände in Kalifornien: Forensiker suchen nach menschlichen Überresten" Video 00:41
    Waldbrände in Kalifornien: Forensiker suchen nach menschlichen Überresten
  • Video "Nach Kollision: Norwegisches Kriegsschiff gesunken" Video 01:11
    Nach Kollision: Norwegisches Kriegsschiff gesunken
  • Video "Bisher unbekannte Spezies: Forscher filmen kuriose Tiefsee-Aliens" Video 00:38
    Bisher unbekannte Spezies: Forscher filmen kuriose Tiefsee-"Aliens"
  • Video "Phänomen Trumpy Bear: Commander in Plüsch" Video 01:11
    Phänomen "Trumpy Bear": Commander in Plüsch
  • Video "Tijuana: Migranten erklimmen US-Grenzzaun" Video 01:11
    Tijuana: Migranten erklimmen US-Grenzzaun
  • Video "Michelle Obama im TV-Interview: Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben" Video 01:46
    Michelle Obama im TV-Interview: "Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben"
  • Video "Game of Thrones - Staffel 8: #ForTheThrone" Video 01:15
    Game of Thrones - Staffel 8: #ForTheThrone
  • Video "88-Meter-Segeljacht: Auf der Überholspur" Video 00:42
    88-Meter-Segeljacht: Auf der Überholspur
  • Video "Anruf bei Krankenschwester im Jemen: Der Hunger ist so groß, dass die Menschen Blätter essen" Video 04:51
    Anruf bei Krankenschwester im Jemen: Der Hunger ist so groß, dass die Menschen Blätter essen
  • Video "Meinungen zur Super League: Sollen die Idioten doch machen, was sie wollen" Video 03:10
    Meinungen zur "Super League": "Sollen die Idioten doch machen, was sie wollen"
  • Video "Endstation Bataclan: Wie ein Busfahrer zum Massenmörder wurde" Video 21:45
    "Endstation Bataclan": Wie ein Busfahrer zum Massenmörder wurde
  • Video "Aus Eritrea nach Kanada: Kinder sehen zum ersten Mal Schnee" Video 00:45
    Aus Eritrea nach Kanada: Kinder sehen zum ersten Mal Schnee
  • Video "Merkel-Besuch in Frankreich: 101-Jährige verwechselt Merkel mit Madame Macron" Video 00:44
    Merkel-Besuch in Frankreich: 101-Jährige verwechselt Merkel mit Madame Macron
  • Video "Berlusconi-Film Loro: Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft" Video 02:27
    Berlusconi-Film Loro: Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft