Von Theile, Merlind
Einen erstaunlichen Erfolg, ja sogar ein zweistelliges Ergebnis meldete ein Umfrageinstitut ein paar Tage vor der Wahl für die Liberalen. Bei 10,1 Prozent sahen die Allensbacher Demoskopen die FDP in ihrer vorletzten Prognose vor dem Urnengang - allerdings im Jahr 2002. Tatsächlich erreichten die Freidemokraten bei der Parlamentswahl vor drei Jahren nur 7,4 Prozent. Die Allensbacher hatten gehörig danebengelegen.
Im Jahr 2005 hat sich die Geschichte nun wiederholt, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen: Der überraschende Stimmenzugewinn der FDP hat dieses Mal alle Meinungsforscher kalt erwischt - auch das Allensbacher Institut, das den Wert der Liberalen in seiner zwei Tage vor der Wahl veröffentlichten Prognose mit acht Prozent zwar höher als alle anderen taxierte, das reale FDP-Ergebnis von 9,8 Prozent aber auch noch deutlich verfehlte.
Was die FDP am Sonntag an Boden gutmachen konnte, hat die Union verloren. Nur 35,2 Prozent der Zweitstimmen entfielen auf CDU und CSU. Eine derart niedrige Zahl wurde von keinem vorausgesagt: Die fünf großen deutschen Meinungsforschungsinstitute sahen die Union allesamt bei mindestens 41 Prozent (siehe Grafik).
Für die Demoskopen sind diese Ergebnisse ein ziemliches Desaster. Die Bilanz ihrer Wahlprognosen, in denen sie immerhin den Stimmenanteil des linken Lagers relativ präzise ermittelten, wird durch das starke Abschneiden der FDP und den Stimmenverlust der Union erheblich getrübt. In der Summe verfehlten die Vorhersagen das Endergebnis der Parlamentswahl dieses Mal noch eklatanter als 2002, als das Allensbach-Institut mit einem Abweichungswert von 7,2 am weitesten danebenlag - und bereits damals galt die aus heutiger Sicht fast schon moderate Fehleinschätzung der Institute als Debakel.
Die Bundestagswahl 2005 ist somit ein weiterer Tiefschlag für eine Branche, die bei Politikern und Medien vor allem deshalb beliebt ist, weil sie einen Blick in die Zukunft zu erlauben scheint. Viele Demoskopen bedienen diese Erwartungshaltung gern, auch wenn sie leise hinzufügen, dass sie ja nur Momentaufnahmen lieferten.
An ihren Methoden zweifeln die Meinungsforscher nicht. Aus Sicht der Demoskopen ist ein anderer Faktor für die hohen Abweichungen zwischen Voraberhebung und Wirklichkeit verantwortlich: der Wähler, das wankelmütige Wesen.
Deutschlands gesellschaftlicher Wandel und das Verschwinden festgefügter Milieus und Parteizugehörigkeiten, von Wissenschaftlern seit den siebziger Jahren registriert, machen Wahlprognosen immer schwieriger. Die Zahl der lange unentschlossenen Last-Minute-Wähler wächst. Richard Hilmer vom Institut TNS Infratest schätzte ihren Anteil noch in der vergangenen Woche auf 20 Prozent. Weitere 12 Prozent hätten angegeben, sie hätten zwar eine Meinung, könnten es sich im letzten Moment aber noch anders überlegen. "Vor drei Jahren waren dagegen kurz vor der Wahl höchstens 13 Prozent der Stimmberechtigten unentschlossen", so Hilmer. Sein Fazit: "Der Nebel ist diesmal noch dichter."
Torsten Schneider-Haase von TNS Emnid urteilte in der Woche vor der Wahl noch drastischer: "Die Stimmungen verschieben sich heute so schnell, dass es Zufall wäre, wenn ein Institut diesmal ein richtiges Ergebnis hätte." Und auch Edgar Piel von Allensbach ließ Zweifel an der Verlässlichkeit der Erhebungen aufkommen. "Demoskopen sind wie Dart-Profis, die alle ihr Werkzeug beherrschen", so Piel. "Das heißt aber noch lange nicht, dass sie immer ins Schwarze treffen."
Zuverlässiger als alle demoskopischen Werkzeuge wie Telefonumfragen und mathematische Gewichtungen scheint dagegen die Methode eines Wissenschaftlers vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung zu sein. Thomas Gschwend kalkuliert das Ergebnis der Regierungsparteien, indem er den Mittelwert der vergangenen drei Bundestagswahlen mit dem Popularitätswert des Kanzlers und einem "Abnutzungseffekt" verrechnet, den das Regieren mit sich bringt. Im Jahr 2002 traf er mit seiner Prognose von 47,1 Prozent exakt das Endergebnis, und für die aktuelle Wahl errechnete er schon Mitte August glatte 42 Prozent für Rot-Grün, womit er sehr nah an die jetzt 42,4 Prozent herankam.
Die eigentlichen Überraschungen dieser Wahl, also die Ergebnisse von Union und FDP, konnte Gschwend mit seiner Methode allerdings auch nicht vorhersagen.
MERLIND THEILE
DER SPIEGEL 55/2005
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