12.11.1973

Das Todesstadion

Weil die Sowjet-Union nicht in Santiagos mißbrauchtem Fußball-Stadion antreten will, müssen auch Polen und die DDR um ihre Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft fürchten -- aus Solidarität zu den Russen.
In der "Prawda" stand kein Hinweis. Das UdSSR-Fernsehen sendete zweieinhalb Stunden lang das Moskauer Lokalspiel im Eishockey, Dynamo gegen Sowjetflügel. Doch zur selben Zeit -- am 26. September 1973 -- fand im Lenin-Stadion auch ein Fußballspiel statt, auf dessen Ausgang 50 Millionen Fans noch viel mehr warteten: das Qualifikationsspiel zur Weltmeisterschaft 1974 Sowjet-Union gegen Chile.
Nur 40 000 Zuschauer, meist von der Partei durch Flüsterpropaganda organisierte Betriebsgruppen, fanden sich, zwei Wochen nach dem Putsch der chilenischen Militär-Junta, auf den Rängen ein, wo sonst bei Länderspielen mehr als 100 000 Besucher drängten. Das Spiel endete 0:0. Am nächsten Tag meldete die "Prawda" das betrübliche Resultat in sechs Zeilen -- ohne Kritik und Konsequenzen.
Die Konsequenz: Nur mit einem Sieg am 21. November in Santiago de Chile wäre die Blamage zu verhindern, daß erstmals nach 20 Jahren die UdSSR-Equipe nicht beim WM-Endturnier vertreten ist. Schon in Moskau schwadronierte Chiles Trainer Alamos: "Wir werden die Russen im Rückspiel zum Mond schießen."
Erst die Ungunst der Stunde und die Geschmacklosigkeit des Fußball-Weltverbandes (Fifa) verhalfen den Russen aus der Verlegenheit. Die Chilenen hatten nämlich inzwischen das Nationalstadion in Santiago zu einem Gefangenenlager der "faschistischen Militärjunta" ("Prawda") degradiert.
Mitte Oktober erhielt der Generalsekretär Dr. Helmut Käser vom Fußball-Weltverband in Zürich Post aus Moskau. Die Russen forderten die Verlegung des Rückspiels ·in ein anderes Land, möglichst auf die sozialistische Zuckerinsel Kuba oder nach Peru, wo eine linksgerichtete Regierung im Amt ist. Laut Erklärung des UdSSR-Fußballverbandes kann "keinem sowjetischen Sportler" zugemutet werden, in einem Stadion anzutreten, das in "ein Konzentrationslager, in eine Arena der Folter und Todesstrafe" umgewandelt worden sei.
"Das hätten die Russen auch vor ihrem Heimspiel vorbringen können", rügte der arglose Schweizer Dr. Käser. "Schließlich fand der Umsturz in Chile zwei Wochen vor dem Moskauer Spiel statt, und die Chilenen mußten auch in Moskau antreten, ob sie wollten oder nicht." Freilich hatte Chiles Fußballexpedition noch vor dem blutigen Militärputsch das Land verlassen. Zunächst in Mexiko, dann in Europa akklimatisierte sie sich für das Spiel in Moskau.
Im Fifa-Auftrag reiste Rechtsanwalt Käser, ein früherer Oberst der Artillerie, nach Santiago de Chile, um das Stadion zu besichtigen. Schnell fanden die herrschenden Offiziere Kontakt zu dem zurückhaltenden Fußball-Technokraten. Noch schneller überzeugten sie ihn von der Normalisierung der Verhältnisse. Zurückgekehrt wiegelte Käser das Mißtrauen einiger Fifa-Funktionäre ab: "Es handelt sich um ein Identitätslager, in dem vorwiegend Ausländer bis zur Klärung ihrer Personalien festgehalten wurden." Auch hatte er sich überzeugt, daß das staatseigene Stadion bis zum Russenspiel von Häftlingen geräumt und gesäubert werden würde.
Doch die Fifa ist entschlossen, die UdSSR-Equipe vom weiteren Turnier auszuschließen, falls sie nicht zum Rückspiel in Santiago antritt. "Wir haben uns nie und können uns auch weiterhin nicht politischen Aktionen anschließen", erklärt Käser. "Denn dann würde bald keine Fußball-Weltmeisterschaft mehr möglich sein.
Eben die UdSSR hatte oftmals von der politikfernen Fifa oder dem ebenso weltfremden Olympischen Komitee profitiert. Als 1956 sowjet-russische Truppen den Ungarn-Aufstand mit Panzern und Artillerie eindämmten, forderten neutrale Länder den Ausschluß der UdSSR-Equipe vom olympischen Fußballturnier in Melbourne. Doch die Russen kamen nach Australien und gewannen die Goldmedaille.
Auch 1968, nach dem Einmarsch der Ostblockheere in die CSSR, verlangten Emigranten und Friedensfreunde den Ausschluß der Sowjetsportler vom zwei Monate später beginnenden Olympia in Mexiko -- vergebens.
Als 1972 während der Spiele in München arabische Terroristen im olympischen Dorf israelische Athleten überfielen und 17 Menschen ums Leben kamen, vermochte das die Sport-Oberen auch nicht zum Abbruch der Wettkämpfe zu bewegen. Nahezu vollzählig, einschließlich der sowjet-russischen Sportführer, entschieden sie sich, die Spiele fortzusetzen. Wie immer, wenn sowohl moralischer als auch politischer Druck besonders stark ist, verschanzten sie sich hinter den Verbandsstatuten.
Wie im Olympiaklub, so auch im Fußball-Weltverband überstanden die sich strikt an Autoritäten und Mehrheiten haltenden Funktionäre jeden politischen Eingriff. Den russischen Antrag gegen den mißbrauchten Spielplatz in Chile stimmten sie mit 15:3 nieder. Zum Kompromiß mochten sich weder Russen noch die Weltverbands-Oberen durchringen: das Spiel in ein anderes chilenisches Stadion zu verlegen. Auch das widerspricht den Statuten.
Eine Sondersitzung wollen die Fußballherrn erst einberufen, falls die DDR, Polen und die nahezu schon für das Endturnier qualifizierten Bulgaren aus Solidarität mit der UdSSR ihre Nennungen ebenfalls zurückziehen. "Solch einen Fall hatten wir noch nie", berichtet Dr. Käser aus der Geschichte der seit 1930 ausgespielten Fußball-Weltmeisterschaft.
Vermutlich werden dann die rangnächsten Nationalmannschaften wie England für Polen, Portugal für Bulgarien und -- Rumänien für die DDR nachrücken. Bei den Rumänen erwarten die Fifa-Funktionäre eher ein Abrücken von der UdSSR-Solidarität als bei den Sportfreunden aus der DDR und Bulgarien.
Zumindest die Polen verspüren wenig Lust, ihre Qualifikations-Mühe gegen politisches Wohlverhalten einzutauschen. "Gegen die Ansetzung des Spiels der Sowjet-Union in Santiago haben wir protestiert", berichtete ein polnischer Fußballfunktionär. "Doch das ist alles. Wir denken nicht daran, auf die Teilnahme zu verzichten."
Helmut Riedel, der Vorsitzende des DDR-Fußballverbandes, schrieb einen Protestbrief an den englischen Fifa-Präsidenten Sir Stanley Rous: "Von keinem Menschen kann verlangt werden, in einem Stadion zu spielen, das mit dem Blut edler und couragierter Menschen befleckt ist."
Wie ehrerbietig sich vor allem in der DDR die Fußball-Funktionäre gegenüber den UdSSR- Fußballern verhalten. zeigte sich nach den letzten guten Länderspielresultaten. Nur maßvoll triumphierend meldete die DDR-Presse den 1:0-Sieg über die UdSSR. Niemals verglichen sie ihre Erfolge in der WM-Qualifikation mit den Pannen der UdSSR-Fußballer. Und über das 0:0 der Russen im eigenen Stadion gegen Chile ging die DDR-Presse taktvoll hinweg.
Anders klangen die Kommentare, als die DDR-Equipe in Albanien zum Qualifikationsspiel antrat: "Zeitweilige Unfairneß der Albaner", kritisierte DDR-Trainer Georg Buschner hinterher im DDR-Fernsehen. "Durch rumänische Instrukteure und chinesische Auswahlmannschaften speziell auf Härte trainiert", soll in Tirana der 4:1-Sieg der DDR-Equipe und die endgültige Qualifikation erschwert worden sein.
Nach rumänischer Intrige und chinesischer Härte steht nun den siegreichen DDR-Kickern die nächste Belastungsprobe bevor: die Solidarität mit den weitaus beliebteren UdSSR-Fußballern oder die Kunst, sich davor zu drücken.
In der letzten Woche herrschte noch einmal reger Telegramm-Verkehr zwischen dem Fifa-Büro in Zürich und dem Fußballverband in Moskau. Nochmals drohte der Weltverband mit der Disqualifikation der UdSSR-Equipe, falls sie nicht der Spielverpflichtung in Santiago nachkommt. Die Sowjets verwiesen auf Nordirlands Beispiel, das wegen des Bürgerkriegs seine Qualifikationsspiele in England bestritten hatte.
Fifa-Pressechef René Courte beharrte auf dem Verbands-Standpunkt: "In Nordirland war das ganz anders, da war für Mannschaften und Zuschauer die Sicherheit für Leib und Leben nicht garantiert. Doch in Santiago braucht niemand mehr um sein Leben zu fürchten."
Außer den Häftlingen. Von einstmals 12 000 waren in der vergangenen Woche nur noch einige Hundert im Stadion-Gefängnis.

DER SPIEGEL 46/1973
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