12.11.1973

BÜCHERDie falsche Geisel

Graham Greene: „Der Honorarkonsul“. Deutsch von Susanna Rademacher und Hans W. Polak. Zsolnay; 332 Seiten; 26 Mark.
Die Figuren, die Szenerie und die Stimmung erscheinen nur zu vertraut:
Da ist Charley Fortnum, der versoffene alte Engländer, ein tragikomisches Wrack am Abgrund des Lebens; da ist Dr. Eduardo Plarr, der (halbenglische) Arzt ohne Glaube, Liebe, Hoffnung, ein ausgebrannter Fall auch er; und da ist auch wieder der abtrünnige Priester, "Vater" León Rivas, jetzt Guerilla. Da ist die Gottverlassenheit des exotischen Außenpostens, Tristesse zwischen Club und Armenviertel und Bordell -- da ist, mit einem Wort, "Greeneland" wie gehabt.
Graham Greene, nun 69, ist in seinem neuen Roman ganz der alte -- der alte Meister freilich auch. Er variiert nur sein spezielles Muster der wellmade story, der aus spannender Aktion auf politisch-moralisch-metaphysischem Terrain gut gebauten Geschichte (stellenweise, und es sind gar nicht mal die schlechtesten Stellen, scheint er es fast zu parodieren). Doch eben in der gelungenen Variation eines gleichbleibenden Grundmusters liegt hier -- ähnlich wie bei manchen Kriminalroman-Autoren -- der eigentliche Lese- Reiz.
Greeneland. dieses Schlachtfeld des Lebens, auf dem der jeweils tagesaktuelle äußere Konflikt das immer gleiche überzeitliche Drama einrahmt, liegt diesmal an der Grenze zwischen Argentinien und Paraguay. Eine kleine Guerilla-Gruppe unter Führung des revolutionären Priesters Rivas will den amerikanischen Botschafter entführen, um die Freilassung einiger Gefangener der Stroessner-Diktatur zu erpressen.
Statt des US-Diplomaten erwischen die Untergrundkämpfer jedoch irrtümlich den britischen Honorarkonsul, den armen Charley Fortnum -- unser Mann am Paraná ist diplomatisch fast eine Unperson, für deren Leben keine Regierung ein Zugeständnis machen wird. Die dilettantischen Entführer werden ihn töten müssen, nur um ihr revolutionäres Gesicht zu wahren.
"Nichts kommt je so, wie wir es wollen" -- so gibt der Zyniker Plarr den Ton dieser Farce von lauter Versagern an: "Man könnte fast denken. irgendwo sitzt ein Witzbold. dem es Spaß macht. für unliebsame Überraschungen zu sorgen. Vielleicht hat das finstere Antlitz Gottes Sinn für Humor."
Während das Vier-Tage-Ultimatum der Kidnapper verstreicht, bemüht sich Dr. Plarr, von seinem einstigen Schulfreund Rivas zur Behandlung des verletzten Fortnum ins Geisel-Versteck geholt, um dessen Rettung. Er versucht die Desperados zum Aufgeben zu überreden. die Polizei abzulenken, den britischen Botschafter zu aktivieren -- alles vergebens. Vergeblich nach guter sarkastischer Greene- Art bleibt auch das Angebot eines argentinischen Schriftstellers. sich im Austausch für Fortnum zu opfern: Der Literat hat seinen Ruhm überschätzt, sein Geisel-Wert wird noch geringer veranschlagt als der des Trottels Fortnum.
Plarr wird bei seinen Hilfsaktionen auch von Schuldgefühlen angetrieben: Er schläft, lieblos, mit Fortnums junger Frau. der ehemaligen Prostituierten Clara. Und Plarr. nicht der Titelheld, ist Greenes Hauptfigur. Die etwas zu langen, zu literarischen Dispute des Arztes und Atheisten mit dem zum Geiselmord widerwillig entschlossenen Guerilla-Priester sind das intellektuelle Kernstück des Romans. Plarrs Glaubens- und Liebesunfähigkeit. seine Eifersucht auf den lächerlichen, aber liebenden Fortnum führen ins Herz aller Dinge.
Das Ende der Affäre zu erzählen, wäre unfair: Auch dieser Greene-Roman, wie gesagt, besteht unter anderem aus und auf suspense -- seine Spannung liegt darin, wer am Ende wie sterben muß und wer wie davonkommt.
Die Spannung ist beträchtlich, und wie sie nicht nur aus Aktion. sondern auch als moralische erzeugt und mit Ironien versetzt wird, das ist Greene vom besten.
Von Rolf Becker

DER SPIEGEL 46/1973
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