12.11.1973

TECHNIK

Ohren verpflanzt

Hi-Fi-begeisterte Rundfunkhörer werden, wie zu Zeiten des Detektors, auf Kopfhörer zurückgreifen: Nur so läßt sich der neue Kunstkopf-Raumklang perfekt wahrnehmen.

Eine zarte Frauenstimme flüstert von links hautnah ins Ohr. Halbrechts, weit weg, schlägt eine Uhr. Vorne plaudern Partygäste, Gläser klingen, dazwischen zischeln Agenten einander Botschaften zu. Ein Mord wird geplant. Schnitt.

Unwirklich flattern Vögel und Worte durch den Raum. Innere Stimmen raunen, lallen und kichern durch den Kopf. Möwenschreie -- wie vor einem Kreidefelsen am Meer.

Der akustische Spuk geistert über Ultrakurzwellen. Am Dienstag nächster Woche wird der Westdeutsche Rundfunk in seinem zweiten Hörfunk-Programm (20.30 Uhr) den Science-fiction-Krimi "Demolition" ausstrahlen und damit eine Erfindung probeweise auch in Westdeutschland verbreiten, von der die "Welt" schon meinte, sie würde "die gesamte Stereophonie revolutionieren": Das Hörspiel, Anfang September im lokalen Rias Berlin urgesendet, ist die erste abendfüllende Rundfunk-Produktion, die mit der sogenannten Kunstkopf-Stereophonie aufgenommen wurde.

Technisches Kernstück des neuartigen, fast gespenstisch perfekt anmutenden Aufnahmeverfahrens ist jenes "unheimliche Phantom" ("Handelsblatt"). das wie der Schädel einer enthaupteten Schaufensterpuppe aussieht: Der Kunstkopf, ursprünglich aus Gips, inzwischen als Gummimodell für 3700 Mark im Handel, trägt menschliche Züge.

Vor allem aber registriert er den Schall nach Art des Menschen: "Oben -- unten, hinten -- vorne, rechts -- links" ("Funkschau"), und das alles ohne Dutzende von Mikrophonen, kostspielige Mischpulte, aufwendig präparierte Studios und manipulierende Toningenieure. "Bezüglich der erreichbaren Originaltreue der Übertragung", schwärmt Jens Blauert, Akustik-Forscher an der TH Aachen, "ist der Kunstkopf allen anderen Aufnahmegeräten überlegen."

Anders als bei herkömmlichen Aufnahmeverfahren, bei denen die ursprünglichen Schallquellen etwa ein Orchester oder ein Hörspiel-Team -- über die Lautsprecher gleichsam ins Wohnzimmer versetzt scheinen, werden bei der Kunstkopf-Technik "die Ohren in den Aufnahmeraum gebracht", so Georg Plenge, einer der Kunstkopf-Konstrukteure (siehe Graphik).

"Demolition"-Hörer lauschen mit ihren Kopfhörern wie mit den Mikrophonen des Kunstkopfes. So können sie den Schall nicht nur, wie bei herkömmlichem Stereo" horizontal zwischen linkem und rechtem Lautsprecher und nicht nur zwischen vorn und hinten wie (in Grenzen) bei der Quadrophonie orten, sondern sogar vertikal, also zwischen oben und unten, bestimmen, was bisher bei keinem Verfahren möglich war. "Ich nähere mich dem Kunstkopf". tönt es von einem Demonstrations-Tonband, "von hinten links, auf vier Meter" -- und exakt so hört es sich an.

Seit vier Jahrzehnten schon suchen die Wissenschaftler nach der perfekten Simulation des menschlichen Hör-Erlebnisses. Aber die anfangs verwendeten primitiven Kopf-Kopien -- etwa Kugeln mit außen aufgeschraubten Mikrophonen -- waren den menschlichen Ohren allzusehr unterlegen. Erst 1968 begannen Techniker im Berliner Heinrich-Hertz-Institut für Schwingungsforschung und am Physikalischen Institut Göttingen die physiologischen Hörbedingungen genauer nachzuahmen.

Von einer Maskenbildnerin ließen sich die Berliner Akustiker Ralf Kürer, Georg Plenge und Henning Wilkens einen aufklappbaren Gipsschädel modellieren. Ein Plastik-Chirurg knetete dazu, genau nach den Originalen des Miterfinders Wilkens, die Ohrmuscheln und fügte sie an den Kunstkopf. Dann wurden auch die Gehörgänge nach menschlichen Maßen ausgeformt. An die Stelle der Trommelfelle montierten die Konstrukteure je ein hochempfindliches Mono-Mikrophon.

Jahrelang konnte das Berliner Techniker-Trio seinen Kopf nicht durchsetzen. Zwar benutzten Experten die "kopfbezogene Stereophonie" gelegentlich zur akustischen Messung von Konzertsälen und Hörgeräten; aber der Radio-Kundschaft und den Hi-Fi-Fans blieb der Kunstkopf verborgen.

Erst als ein ehemaliger Mitarbeiter des Heinrich-Hertz-Institutes ein mit der neuen Technik aufgenommenes Tonband im Rias vorführte, zeigte sich Hörspiel-Regisseur Ulrich Gerhardt "spontan begeistert". Er beschloß, den utopischen Krimi "The Demolished Man" von Alfred Bester als riesige Demonstrationsetüde für die Möglichkeiten des Kunstkopfes einzurichten.

Die Produktion, mit mitternächtlichen Außenaufnahmen, dauerte sechs Wochen. "und jeden Tag machten wir völlig neue Erfahrungen mit einer Technik. die im Studio noch nie erprobt worden war" (Gerhardt). Um den eineinhalbstündigen Krimi zur Berliner Funkausstellung auch stereophon ausstrahlen zu können, rüstete der Rias seinen UKW-Kanal 24 eigens provisorisch auf Stereo-Technik um. Hörerecho" laut Gerhardt: "Mögliche und bessere Alternative zur Quadrophonie."

Genau das aber will die Elektro-Industrie bislang nicht recht wahrhaben. Grundig-Entwicklungstechniker Heinrich Fischlmair beispielsweise spielte das neue Aufnahmeverfahren als "bloß weitere Variante der Quadrophonie mit mehr Nach- als Vorteilen" herunter. Und Ernst Rothe, Aufnahmechef der Kölner Schallplattenfirma EMI Electrola, glaubt zu wissen: "Das Klangbild, das der Kunstkopf aufnimmt, entspricht nicht dem" was die Leute heute hören wollen."

Solch abschätzige Urteile freilich, vermuten Branchenkundige" könnten auch daher rühren" daß die Phono-Industrie schon zu viele Millionen in die -- technisch noch umstrittene -- Quadrophonie investiert hat. "Je kostspieliger sich ein Konzern in Quadro eingelassen hat", umschrieb ein Hersteller die Stimmung der Branche, "um so mehr Mängel wird er dem Kunstkopf anhängen."

Ein Geburtsfehler des Systems macht es der Industrie allerdings leicht, das neue Verfahren in Mißkredit zu bringen: Kopfbezogene Stereophonie kann bislang nur der vollkommen genießen, der Kopfhörer besitzt (rund fünf Millionen Bundesdeutsche) und sie auch aufsetzt: Bei Wiedergabe einer Kunstkopf-Aufnahme über zwei herkömmlich postierte Lautsprecher gelangt der jeweils nur für ein Ohr bestimmte Schall systemwidrig auch an das gegenüberliegende -- die exakte Ortung geht verloren.

Diesem "massiven Handikap" (Fischlmair) hoffen die Kunstkopf-Techniker durch einen elektroakustischen Trick noch zu entgehen. Durch komplizierte Schaltungen sollen vier kreuzweise im Raum aufgestellte Lautsprecher denselben Effekt erzielen können wie der ohrnahe Kopfhörer.

Ob die Beschränkung auf Kopfhörer den Durchbruch des Kunstkopfes vorerst bremsen könnte, scheint indes schon fraglich. Der Mikrophon- und Kopfhörer-Hersteller "Sennheiser-Electronic" beispielsweise mußte eine mit Kunstkopf aufgenommene Demonstrations-Single, die ursprünglich nur für 500 Spezialisten aufgelegt werden sollte, inzwischen 25 000mal nachpressen. Eine erste Langspielplatte mit E-Musik ("Heiteres Barock") der Schweizer Marke "Pelca" begeisterte das Fachblatt "fonoforum" durch "offenen, präsenten, unverfärbten und sehr räumlichen" Klang.

Vor allem aber der technisch ehrgeizige und experimentierfreudige Rundfunk könnte dem Kunstkopf zum Erfolg verhelfen. Da die deutschen Sender "die Quadrophonie nicht unterstützen können" -- weil "die Investitionen zu groß wären" (so der ehemalige NDR-Intendant Gerhard Schröder), kommt ihnen der Zauberschädel zupaß: Ein optimal postierter Kunstkopf als Aufnahmegerät macht teure Studio-Einrichtungen, kostspielige Mikrophon-Aufbauten und großen Personalaufwand für die Produktion überflüssig -- hei besseren Resultaten.

Rias Berlin, SFB und WDR wollen das neue Verfahren jetzt in Musik- und Hörspiel-Produktionen, bei Features, Reportagen und Round-table-Diskussionen systematisch testen. Letzte Woche kaufte der Kölner Sender seinen ersten Kunstkopf.


DER SPIEGEL 46/1973
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