31.12.1973

UNTERNEHMENPillen tanzen

Der Hamburger Illustrierten-Doktor und Pharma-Fabrikant Detlef Strathmann machte nach fünf erfolgreichen Jahren mit seiner Firmen-Gruppe Chemipharm Konkurs.
Doktor Detlef Strathmann hat nicht nur Medizin studiert. Nach eigenem Bekunden war er "auch schon immer ein Verkaufstalent".
Mittellos, aber formulierungsstark nahm der Hamburger vor fünf Jahren als Pharma-Unternehmer den Kampf gegen weibliche Schönheitsfehler und männliche Potenzschwierigkeiten auf. Als in den ersten Adventstagen ein saarländischer Konkursrichter seinem kurzen Unternehmertum vorerst ein Ende setzte, hatte Strathmann -- wenigstens in eigener Sache -- obsiegt: Seine "Schäfchen". so vertraute er Mitarbeitern an, säßen "im trockenen".
Geschickt hatte Strathmann die schier unbegrenzten Chancen genutzt, die der westdeutsche Pharma-Markt findigen Unternehmern bietet: Seine Arzneimittel-Gruppe erreichte 1972 einen Jahresumsatz von 29 Millionen Mark. Denn mit hemdsärmeligen Methoden hatte der Arzt -- zuletzt mit 160 Mitarbeitern -- Schlankheitsmittel ("Kilofort"), Potenzpillen ("Puamin") und Multivitaminpräparate ("Martol") in Millionen Haushalte geboxt.
Schon während seines Studiums erkannte Strathmann, daß die Pharma-Industrie ihm weit schneller zu einem Spitzeneinkommen verhelfen würde als eigenes medizinisches Bemühen. Vaters Arztpraxis interessierte den wortgewandten Hanseaten deshalb wenig, als er im Sommer 1967 an der Hamburger Universität seinen Doktortitel erworben hatte: Gleich nach der Promotion engagierte er sich als Promoter in der Pharmazie.
Strathmann eröffnete zunächst eine Werbeagentur für Arzneimittel. Gleichzeitig empfahl er als Briefkasten-Doktor mehrerer Illustrierten die richtigen Medikamente. Die Leserinnen der Frauenzeitschrift "Petra" beriet er als Hausarzt Detlef Günther. im Fernsehjournal "TV Hören und Sehen" bot er seinen guten Rat als Mediziner Michael Falk an, in der Regenbogen-Gazette "Neue Post" gab er Gesundheitstips unter dem Pseudonym Dr. Bertram.
Den Höhepunkt seines Illustrierten-Doktortums erklomm Strathmann, als er sich im Frauen-Brevier "Brigitte" über die Hautkrankheit Cellulitis verbreitete: Er fand für den häufig auftretenden weiblichen Schönheitsfehler den fruchtigen Namen "Orangenhaut" und verwies dabei auf ein Medikament. das er kurz darauf schon aus eigener Produktion anbieten konnte.
Der Hamburger SPD- Parlamentarier Gerd Weiland hatte ihm nämlich Kontakt zu dem Unternehmen Pharmakos verschafft, das nach dem "Brigitte"-Rat ("Brigitte"-Auflage: 1,45 Millionen) sogleich in großem Stil und nach französischen Lizenzen die Cellulitis-Salbe "Isomucase" auf den Markt brachte und nicht zögerte, den Illustrierten-Doktor dankbar als Gesellschafter aufzunehmen. Der Orangenhaut-Erfinder (Strathmann: "Das war nämlich eine Marktlücke") mutierte vollends zum Unternehmer.
"Isomucase" erwies sich finanziell als so fruchtreich und Strathmann auch weiterhin verbal als so erfinderisch, daß der Zeitschriften-Arzt schon bald zum wichtigsten Gesellschafter der Pharmakos aufstieg. Kontakter Weiland, der zur gleichen Zeit wie Strathmann Firmenanteile im Werte von 7000 Mark erworben hatte, konnte sich bereits nach wenigen Monaten für rund 800 000 Mark wieder auszahlen lassen.
Phanmakos-Partner von Strathmann blieb der saarländische Pharmazeut Uwe Degel. Dessen Vater wiederum unterhielt in Sulzbach bei Saarbrücken die Medikamenten- Fabrik "Chemipharm". Indem er die vornehmlich rezeptfreien, harmlosen Hausarzneien neu verpacken und mit hoffnungsschwangeren Sprüchen versehen ließ. stieß Wortschöpfer Strathmann schnell auch in dieses Werk vor.
Über die Werbefirma "Medinform" ließ der Erfolgs-Doktor neue volkstümliche Präparate anpreisen: so das Schlankheitsrmittel "Timbo", das Wirkung durch Algen-Extrakte erzielen sollte, so die Salbe "Veno B 15". die Krampfadern mit einem Roßkastanien-Extrakt bekämpfen wollte, so auch die Paste "Thiomucase" gegen Schwellungen und blaue Flecken.
"Timbo" erzielte gleich nach der Markt- Premiere einen Monatsumsatz von 700 000 Mark. Der Name "Kilofort" erwies sich bei fettleibigen Deutschen als so zugkräftig, daß er nach Produktionsbeginn monatliche Umsätze von zwei Millionen Mark brachte. Daß die Paste gegen Schwellungen fast die gleiche Zusammensetzung aufwies wie die Orangenhaut-Salbe "Isomucase", blieb Strathmanns Geheimnis.
Ohne eigenen Forschungsaufwand, aber mit hoch kalkulierten Preisen kletterten die Unternehmens-Erfolge "von Boom zu Boom" (Strathmann). Strathmann senior stieß als vierter Gesellschafter dazu. Die beiden Vater-und-Sohn-Gespanne von Elbe und Saar ließen, so ein ehemaliger Mitarbeiter, "die Pillen tanzen".
Stets blieb allerdings der junge Strathmann Wortführer. In Schenefeld kaufte er die Haarkosmetikfirma Jaco dazu, in Bad Ems die Lebertranfabrik J. E. Stroschein, bei Saarbrücken sodann das auf Augenpräparate spezialisierte Werk POS. Die Tochtergesellschaft Cheminal fertigte Reinigungscremes, die Firma Unipharm vertrieb eine italienische Kosmetikserie unter dem Namen "Prinzessin Galitzine".
Fast zwei Drittel des Gruppen-Umsatzes erbrachten jedoch nach wie vor jene sogenannten unethischen Produkte, deren Nutzen oftmals umstritten ist und die bei ihren Erzeugern genausoviel Verpackungs- und Werbekünste wie pharmazeutisches Wissen voraussetzen.
Strathmann wußte durchaus, daß seine Creme gegen die von ihm kreierte "Orangenhaut" von vielen Ärzten nicht anerkannt wurde: Dagegen setzte er großflächige Annoncen in die Illustrierten. Ihm war auch bei seinen "Präparaten als Mediziner nicht mehr ganz wohl": Dagegen stellte er aufwendige Displays in die Schaufenster der Drogerien.
Als es dann aber im vergangenen Sommer zu Streitigkeiten zwischen den nord- und süddeutschen Partnern kam -- "weil die im Saarland". so Strathmann, "immer nur machen mußten, was in Hamburg ausgedacht wurde" kam der Firmen-Konkurs: Die Degels "plünderten", so Strathmann wütend. "die Chemipharm aus und übertrugen die guten Markenzeichen heimlich" auf eine nicht zur Strathmann-Gruppe zählende Firma namens Euriner.
Der ehemalige Illustrierten-Kolumnist Strathmann fühlt sich "einmalig im deutschen Wirtschaftsleben hereingelegt". Doch tröstet er sich mit der Erkenntnis, in seiner kurzen Unternehmer-Vergangenheit "wenigstens nicht schlecht verdient zu haben".

DER SPIEGEL 53/1973
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